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Karl Lagerfeld (†) "Seine Stimme ist immer noch da"

Karl Lagerfeld
© Getty Images
Karl Lagerfeld war stark und charismatisch und voller Humor. Zum ersten Todestag sprach GALA exklusiv mit seiner Vertrauten Carine Roitfeld über die private Seite des Meisters - und was aus seinem Vermächtnis wurde.

Nicht nur die Modewelt konnte es kaum fassen. Als das Haus Chanel vor einem Jahr die Nachricht von Karl Lagerfelds Tod, † 85, verbreitete, wusste keiner, wie es nun weitergehen sollte, ohne ihn, den genialen Designer, cleveren Unternehmer und charismatischen Menschen. Niemand mochte sich in der Phase tiefer Trauer ausmalen, was dieser Einschnitt für Chanel, für Karl Lagerfelds eigene Marke und seine Wegbegleiter bedeuten würde. Auch nicht, wie groß sein Erbe wohl sein würde.

Karl Lagerfeld als Bewahrer seines eigenen Vermächtnisses

Bevor sich sein Todestag am 19. Februar jetzt zum ersten Mal jährt, ist die Situation klarer: Lagerfeld hat genau gewusst, wem er vertrauen kann. Er hat alles geregelt - als Bewahrer seines eigenen Vermächtnisses. Ob es sich um seine Vertraute Carine Roitfeld handelt, die er zum Style Advisor seines eigenen Labels kürte. Um seinen persönlichen Assistenten Sebastien Jondeau, der heute das wichtigste Model der Marke ist.

Oder auch seine Birma-Katze Choupette, mittlerweile Instagram-Star mit rund 274 000 Abonennten - und nicht zuletzt der geliebte Patensohn Hudson Kroenig, 10. Sie alle haben ihren fest zugedachten Platz im Lagerfeld-Kosmos eingenommen und halten das Andenken an den Meister wach.

Er regelte alles vor seinem Tod

Dass sie zu einem Grab pilgern, wollte er nicht. Er ordnete an, dass sein Leichnam verbrannt und die Asche mit der seiner Mutter Elisabeth und seines 1989 an Aids verstorbenen Lebensgefährten Jacques de Bascher vermischt und verstreut werden sollte. Die Trauerfeier fand drei Tage nach seinem Tod im Pariser Vorort Nanterre im kleinen privaten Kreis statt. Neben Caroline Prinzessin von Hannover und deren Tochter Charlotte war auch Virginie Viard dabei, die wenige Tage später als Chanel-Kreativchefin, also als seine Nachfolgerin präsentiert wurde.

Diese Personalie seiner "linken und rechten Hand", wie Lagerfeld Virginie gern bezeichnete, hatte er ebenfalls längst eingefädelt. Die Designerin hatte Lagerfeld jahrzehntelang den Rücken freigehalten. Heute schafft sie es mit sehr viel Sensibilität, den Stil des Vorgängers zu wahren und doch eigene Akzente zu setzen und die Marke zu verjüngen.

Karl Lagerfeld: "Carine ist für mich die am besten gekleidete Frau der Welt"

Eine Leistung, die in ihren jeweiligen Bereichen auch den anderen Erben gelingt. Auf 400 Millionen Euro wird der Nachlass geschätzt, der aus der Marke Lagerfeld, diversen Immobilien, Aktien und Barvermögen besteht. Ein weltweit verzweigtes Konstrukt, in dem es mehrere Haupterben gibt, etwa den kleinen Hudson oder Jondeau. Zudem wurden andere enge Freunde von Lagerfeld bedacht. Sie alle sind sehr verschwiegen - mit Ausnahme von Jondeau, der sich selbst zur Marke aufbauen will.

Lagerfelds langjährige Vertraute Carine Roitfeld bricht nun ausnahmsweise ihr Schweigen, um an ihren Freund zu erinnern, der einst sagte: "Carine ist für mich die am besten gekleidete Frau der Welt. Ich mag ihren koketten Stil, sehr parisienne!" Roitfeld, die Chefredakteurin der französischen "Vogue" war und heute unter anderem das Magazin "CR Fashion Book" herausgibt und demnächst einen eigenen Duft lanciert, war auch beruflich mit Lagerfeld verbunden.

Sie entwickelte mit ihm die schon legendäre Chanel-Jacke "The little black Jacket" für ein Buch- und Ausstellungsprojekt. 2004 war sie maßgeblich am Erfolg von Lagerfelds Kooperation mit H&M beteiligt. Sie kannte den öffentlichen wie den privaten Karl.

Carine Roitfeld: "Karl schickte mir an jedem Muttertag Blumen"

GALA: Carine, wussten Sie, dass er seit Jahren unter Prostatakrebs litt?
Carine Roitfeld: Ja. Seine Freunde wussten, dass er krank ist. Aber wir dachten, er sei unsterblich. Sein Tod war dann ein Moment, den wir so schnell nicht erwartet hatten. Ich hätte niemals gedacht, wie verletzt ich sein würde. Er war so besonders, er war ein Teil der Familie. Seine Stimme ist immer noch da.

Carine Roitfeld
© Getty Images

Wie haben Sie Karl kennengelernt?
Als er mich zu sich nach Hause zum Abendessen eingeladen hat. Ich war sehr nervös, denn er war bekannt dafür, neugierig zu sein. Ich fragte ihn, ob er Hildegard Knef kenne. Mein Vater liebte diese deutsche Sängerin - ihre Musik ist der Soundtrack meiner Kindheit. Meine Frage reichte aus, dass Karl anfing, mir Details und Anekdoten über diese wunderbare Frau zu erzählen. Tags darauf später schickte er mir eigene Zeichnungen, CDs und Briefe über sie. Es war ein perfektes erstes Date mit ihm.

Was vermissen Sie, wenn Sie an ihn denken?
Karl schickte mir an jedem Muttertag Blumen. Er war der Einzige, der das tat. Er sorgte so dafür, dass dieser Tag für mich jedesmal besonders war. Außerdem vermisse ich die Zusammenarbeit mit ihm - er holte immer das Beste aus dem Team heraus. Die Welt hat eine Legende verloren, viele einen Freund und ich meinen Fels.

"Er hatte die Großzügigkeit eines Königs"

Was haben Sie von ihm gelernt?
Er ermutigte mich, ein Original zu sein. Die Botschaft, an die ich mich am besten erinnere, ist: "Egal, was du tust, sei die Erste! Du musst die Leute überraschen, denn sie sind eigentlich immer gelangweilt." Das vergesse ich nie.

Galt diese Empfehlung auch für Ihre Zusammenarbeit?
Oh ja, ich musste ihn immer über­raschen! Glauben Sie mir: Das war eine echte Herausforderung. Wir liebten beide unsere Arbeit und hatten dabei eine magische Zeit. Natürlich haben wir uns auch privat zum Essen getroffen. Aber wir sind sehr schnell immer wieder auf die gemeinsame kreative Ebene gekommen.

Was machte ihn als Mensch so besonders?
Karl war überall die Jahre der ge­meinsamen Arbeit und der Freund­schaft immer für mich da. Er hatte die Großzügigkeit eines Königs und diesen wunderbaren Humor. Und eine unnachahmliche Höflichkeit. Wenn er einen Raum betrat, nahm er sich die Zeit, jeden zu begrüßen. Jede einzelne Person, bis hin zum Praktikanten. Er war ein sehr nach­denklicher Mensch. Karl und ich sind vom Sternzeichen Jungfrau. Wir glauben, dass die Dinge aus einem bestimmten Grund passieren. Auch das erklärt seine Art, wie er andere Menschen behandelte.

"Er war ein Rockstar"

Denken Sie noch oft an ihn?
Karl ist immer in meinen Gedanken. Auch jetzt, wenn ich über ihn spreche, spüre ich ihn.

Haben Sie etwas Konkretes, das Sie jeden Tag an ihn erinnert?
Er war sehr großzügig. Er beschenk­te die Menschen, die er liebte, mit vielen Dingen, die er spontan kaufte. Es war immer eine Überraschung. Die ganz besonderen Erinnerungen, die ich wie einen Schatz hüte, sind die Briefe, die er mir schickte, und Zeichnungen, die er von mir machte. Es wurden in seinen letzten Jahren immer weniger, aber ich habe eine Kiste voller Illustrationen mit Kommentaren in seiner wunder­schönen Handschrift. Das sind unbezahlbare Erinnerungen.

Wie werden wir alle Karl Lagerfeld in 20 Jahren in Erinnerung haben?
Als Genie! Karl gelang es, sich selbst neu zu erfinden und zwei der bekanntesten Luxusmarken der Welt, Chanel und Fendi, in einer Zeit zu revolutionieren, als niemand daran glaubte. Außerdem verhalf er vielen Talenten zum Erfolg - nicht nur in der Modebranche. Er wurde von den jungen Menschen geliebt. Er war ein Rockstar.

Gala


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