Whitney Houston: Sie hatte doch alles!

Die Welt ist geschockt über den viel zu frühen Tod von Soul-Diva Whitney Houston. "Gala" blickt zurück auf das Achterbahnleben einer begnadeten Künstlerin, die an sich selbst scheiterte

Es war der traurige Höhepunkt der diesjährigen Grammy-Verleihung,

einer, mit dem niemand gerechnet hatte: Jennifer Hudson steht allein auf der Bühne des "Staples Center" von Los Angeles, im Hintergrund ein Bild der jungen Whitney Houston. Immer wieder glitzert es in Hudsons Augen. Ihre emotionale Anspannung ist deutlich zu spüren. Und als die 30-Jährige ihre Tribut-Version von "I Will Always Love You" fast zu Ende gesungen hat, kann sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. "Whitney, we love you", haucht sie zum Abschluss ins Mikro - und der Jubel kennt keine Grenzen mehr. Für ein paar Minuten fühlten sich die anwesenden Stars und Millionen TV-Zuschauer zurückversetzt in eine Zeit, in der Whitney Houston einfach nur verzauberte. Mit einer Stimme voller Sehnsucht und Wehmut, einer Stimme, die uns berührte und Schauer über den Rücken jagte. Und genau so wie aus der triumphalen Zeit ihres Überhits "I Will Always Love You" von 1993 sollten wir sie in Erinnerung behalten: als Whitney, die Souldiva, zu deren Hits wir getanzt, geküsst, geweint haben - und nicht als den bemitleidenswerten Schatten ihrer selbst, der sie in den vergangenen Jahren viel zu oft war.

Denn jetzt ist "The Voice" für immer verstummt. Am Samstagnachmittag starb Houston im "Beverly Hilton"-Hotel in Los Angeles, nur wenige Stunden bevor sie bei der Pre-Grammy-Party ihres Mentors Clive Davis auftreten sollte. Ihre Hairstylistin fand sie leblos in der Badewanne ihrer Hotelsuite - mit dem Kopf unter Wasser. Zwar stellten die Ermittler der Polizei weder Alkohol noch illegale Substanzen sicher, dafür aber ein halbes Dutzend Medikamentenschachteln wie zum Beispiel Xanax: ein Mittel gegen Depressionen und Angstzustände. Kombiniert mit Alkohol, kann es stark betäubend wirken. Dementsprechend wild sind die Spekulationen über die Umstände ihres Todes: War es eine Kombination von Alkohol- und Medikamentenmissbrauch? Wollte die 48-Jährige sterben? Das soll jetzt eine Autop sie klären, deren vollständiges Er gebnis allerdings erst in sechs bis acht Wochen veröffentlicht wird. Besonders für Whitney Houstons Tochter Bobbi Kristina, 18, war die Nachricht vom Tod ihrer Mutter ein schlimmer Schock. Sie betäubte ihren Schmerz mit Hochprozentigem und Beruhigungsmitteln und wurde am Sonntag wiederholt ins Krankenhaus gebracht. Diagnose: Stress und Erschöpfung. Sie sei "am Boden zerstört und nicht zu trösten gewesen", wie besorgte Familienmitglieder gegenüber "tmz" berichteten.

Ihr grösster Halt: Whitney Houstons und Bobby Browns gemeinsame Tochter Bobbi Kristina kam 1993 zur Welt. Nach der Scheidung verfügte Houston über das alleinige Sorgerecht. Während diversen Entziehungskuren ihrer Mutter stand Bobbi ihr stets zur Seite.

Immer wieder bot Whitney Houstons phasenweise exzessiver Lebenswandel in der Vergangenheit Anlass zu großer Sorge - so auch kurz vor ihrem Tod. Da soll sie sich in einer Art Dauerrausch befunden haben: Am Donnerstagabend stand Houston im Nachtclub "Tru" auf einer Bühne. Mit belegter Stimme quälte sie sich durch das Lied "Jesus Loves Me", um sich dann zu betrinken, "Fuck!" rufend aus dem Lokal zu torkeln und wartende Fotografen zu beschimpfen. Bei den Proben zum Clive-Davis-Event bot sie dann erneut ein Bild des Jammers - nass vor Schweiß, mit zerzausten Haaren und nach Alkohol und Zigaretten riechend. Stunden zuvor beobachteten Hotelgäste, wie Houston versuchte, am Pool Handstand zu üben. Und am Freitagabend soll sie mit Freunden an der Hotelbar derart laut gefeiert haben, dass die Security einschreiten musste. Whitneys Mama Cissy Houston, die noch 30 Minuten vor dem Tod der Tochter mit ihr telefonierte, sei allerdings nichts Ungewöhnliches aufgefallen.

Doch trotz oder gerade wegen der letzten Eskapaden macht der Tod der sechsfachen Grammy-Gewinnerin viele ratlos: War sie nach einem weiteren Rehab-Aufenthalt nicht gerade auf dem Weg der Besserung? Sah sie Anfang des Jahres nicht gesund aus wie lange nicht? Erst kürzlich hatte sie die Dreharbeiten zu "Sparkle" abgeschlossen, einem Musicaldrama über die Karriere des legendären Soul-Trios The Supremes. Mit ihrer ersten Rolle seit 15 Jahren wollte Whitney Houston im Sommer ein Kino- Comeback feiern. Jetzt ist "Sparkle" ihr künstlerisches Vermächtnis. Das Vermächtnis einer Karriere, die im April 1983 ihren Anfang nimmt: Whitney Houston ist 19 Jahre alt und hat bislang vor allem im Kirchenchor gesungen, als sie in der "Merv Griffin Show" zum ersten Mal im Fernsehen auftritt. Unsicher, fast ängstlich tritt sie ans Mikrofon. Zunächst haucht die junge Frau den Song "Home" nur - um dann abzuheben. Zum ersten Mal bekommt das Publikum eine Gänsehaut von dieser drei Oktaven umspannenden Stimme, die sich scheinbar mühelos in glasklare Höhen schwingt. Drei Jahre später dominiert die Sängerin mit ihrem Debütalbum "Whitney Houston" die weltweiten Charts - sie verkauft mehr als 25 Millionen Stück davon. A star was born! 1993 dann der Karriere- Höhepunkt: Der Soundtrack zu "Bodyguard" geht weltweit 44 Millionen Mal über die Ladentische, der Film mit ihr und Kevin Costner in den Hauptrollen spielt 410 Millionen Dollar ein, und der Titelsong "I Will Always Love You" entwickelt sich zur Liebeshymne einer ganzen Generation.

Whitney im März 1988 posiert bei der 30sten Grammy Verleihung mit ihrem Grammy als beste Sängerin.

Zu dieser Zeit ist Whitney Houston bereits seit einem Jahr mit Bobby Brown verheiratet, einem vorbestraften R’n’B-Sänger, mit dem sie Tochter Bobbi Kristina bekommt und der die schlimme, die dunkle Seite in ihr wachküsst. Denn Houston hadert damit, dass man sie in die Rolle der makellos-perfekten Unschuld gedrängt hatte: "Die Prinzessin heiratet einen bösen Buben - und das mag ich sehr. Denn ich trage nicht immer eine paillettenbesetzte Robe. Ich bin kein Engel. Ich kann auch hinfallen, dreckig und vulgär sein", betont sie ein Jahr nach der Hochzeit im Interview. Und so versinkt das Paar zusammen immer tiefer im Drogensumpf, konsumiert Kokain, Psychopharmaka, Beruhigungsmittel, später sogar Free base, ein Crack-ähnliches Kokainderivat. "Drogen zu nehmen gehörte zu meinem Alltag. Ich war damals sehr unglücklich und hatte mich selbst verloren. Ich war mein schlimmster Feind", erinnert sie sich Jahre später im Interview mit Talkqueen Oprah Winfrey.

Einer der Höhepunkte ihrer Karriere: In "Bodyguard" spielte Whitney eine Sängerin, die sich in ihren Leibwächter (Kevin Costner) verliebt. Ihr Hit "I Will Always Love You" stammt aus diesem Blockbuster.

Duo Fatale: Mit dem R'n'B - Sänger Bobby Brown war Whitney Houston von 1992 bis 2007 verheiratet. Er soll sie erstmals mit Drogen in Berührung gebracht haben; außerdem kam es auch immer wieder zu handgreiflichen Streits.

Das hat schlimme Folgen: Die Diva verwandelt sich in ein Wrack. Ihr fehlt die Kraft, um neue Alben aufzunehmen, dafür randaliert sie in Flugzeugen. Weggefährten stehen Houstons inneren Dämonen und ihrer Abhängigkeit hilflos gegenüber. So jedenfalls beschrieb es ihr Entdecker Clive Davis 2009 im Interview mit "Gala". "Ich habe so gelitten. Es war hart mitzuerleben, wie sie die Kontrolle verlor." Und wie viel Schuld trifft in seinen Augen Bobby Brown an ihrem Absturz? "So etwas passiert nicht nur wegen einer Person. Auch Whitney selbst ist schuld. Und das viele Geld - da lauert die Verführung überall. Wenn man dann noch einen Menschen liebt, der dich nicht auf dem Teppich hält, sondern ebenfalls der Versuchung erliegt, ist es doppelt schwer", so Davis zu "Gala". Erst vor sechs Jahren schien sich alles zum Guten zu wenden: Whitney Houston kann sich von ihrem prügelnden Ehemann lösen und reicht die Scheidung ein. Parallel zwingt ihre Mutter sie, der Realität endlich ins Auge zu blicken und sich in einer Entzugsklinik helfen zu lassen. Das lang ersehnte Comeback, bei dem erneut Clive Davis die Fäden zieht, scheint perfekt, als 2009 ihr siebtes Studioalbum erscheint, stürmt es in vielen Ländern sofort an die Spitze der Charts. Doch trotz wohlwollender Kritiken für "I Look To You" kann das Werk nur kurz darüber hinwegtäuschen, dass nichts mehr so ist wie früher. Die von Fans sehnsüchtig erwartete erste Solotour nach elf Jahren liefert 2010 dann die bittere Erkenntnis, dass Whitney Houston nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch ihre einzigartige Stimme verloren hat. Für immer.

Whitney Houston (†)

Das bewegte Leben einer Diva

1986  Seit drei Jahren steht Whitney Houston nun unter Vertrag, gerade hat sie ihr erstes Album veröffentlicht. Die Platte ist nach ihr benannt und bricht sofort Rekorde. Sie ist sogar so erfolgreich, dass sie der damals 22-Jährigen ihren ersten Grammy als beste Popsängerin einbringt.
1987  Das Gesangstalent hat Whitney von ihrer berühmten Mutter Cissy Houston und der nicht minder bekannten Cousine Dionne Warwick. Zusammen besuchen sie das ein oder andere Hollywood-Event.
März 1988: Für "I wanna dance with somebody" bekommt Whitney den Grammy für die Beste Pop Performance. Den ersten gab es schon 1
1989  Es hagelt weiterhin Preise: Whitney Houston sahnt auch bei den American Music Awards ab. Doch auch über de Grenzen der USA ist sie schon längst bekannt. Ein Jahr zuvor singt sie bei den Olympischen Spielen in Seoul ihren Hit "One Moment in Time".

23

Die Shows endeten im Debakel: Mühsam krächzte sie sich durchs Programm. Immer wieder buhten Zuschauer sie aus oder verließen die Arenen, in Melbourne genauso wie in Berlin. Die einstige Königin des Soul war ihren eigenen Fans fremd geworden und unangenehm. Eine unglaublich demütigende Erfahrung, die ihr bis zuletzt schwer zusetzte. Zerbrach sie am Ende daran? Heute nimmt die Welt Anteil an ihrem tragischen Tod - in einem Ausmaß, wie zuletzt nur bei Amy Winehouse oder Michael Jackson. Nach ihrem Tod spielten viele Sender stundenlang nur noch ihre Songs, ihr Greatest-Hits-Album schoss weltweit auf Platz eins der iTunes-Charts. Überall rufen die Menschen ihr nach: "We will always love you, Whitney!" Ganz egal, was war. Alexander Nebe Mitarbeit: Hauke Herffs, Anna-Barbara Tietz

Themen

Mehr zum Thema

Star-News der Woche