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Weinstein-Skandal Schluss jetzt damit

Harvey Weinstein
Harvey Weinstein
© Reuters
Unser Korrespondent in Hollywood erklärt, wie sich die Filmbranche binnen weniger Monate veränderte

Verunsicherung in Hollywood

Mein italienischer Kollege Roberto ist ein Gigolo, wie er im Buche steht. Er flirtet sich durch den Tag, sehr charmant, sehr harmlos. Als wir kürzlich über den Weinstein-Skandal sprachen, moserte er, künftig werde er hier in den USA keine Frau mehr so begrüßen, wie das in seiner Heimat üblich sei: Küsschen links, Küsschen rechts, Kompliment fürs schöne Kleid. "Das sehen manche hier ja jetzt offenbar schon als Vorstufe der sexuellen Belästigung an." Seine trotzige Reaktion zeigt, wie verunsichert Hollywood ist.

Diverse Übergriffe werden öffentlich

Im Oktober berichtete die "New York Times" erstmals, dass der mächtige Film-Produzent Harvey Weinstein über Jahre Dutzende Frauen sexuell genötigt und missbraucht habe. Seitdem ist nicht nur die amerikanische Kino-Industrie in Aufruhr. Das übergriffige Verhalten einflussreicher Männer aus allen Gesellschaftsbereichen wurde publik gemacht. Politiker wie Ex-Präsident George Bush Senior, die Schauspieler Ben Affleck und Kevin Spacey, Regisseure, Komiker, Studiobosse und TV-Journalisten standen plötzlich ebenso am Pranger. Es ist nicht mehr zu übersehen: Sexuelle Übergriffe haben sich als "normal" in den Alltag eingefressen.

Was war nun anders?

Sex-Skandale gab es in Hollywood immer wieder - Roman Polanski, Charlie Chaplin, Bill Cosby. Darüber würde kurzzeitig berichtet, doch strukturell hat sich nie etwas geändert. Der Weinstein-Skandal aber bleibt Dauerthema auf jeder Party, bei jedem Pressetermin, bei jedem Business-Lunch. Geredet wird vor allem über die Konsequenzen, die das alles mit sich bringt. Denn neu ist: Jetzt sind diese Taten ein Grund für das Karriere-Aus. Harvey Weinstein verlor umgehend seinen Chef-Posten. Und innerhalb einer Woche wurde aus Kevin Spacey, dem begnadeten Oscar-Preisträger, dem kongenialen Frank-Underwood-Darsteller und gefeierten Theater-Leiter, eine Persona non grata.

Der Fall Spacey

Ihm wurde vorgeworfen, immer wieder junge Männer genötigt zu haben. Netflix strich ihn umgehend aus der Erfolgsserie "House of Cards". Mit dem Fall Spacey wurde auch klar: Nicht nur Frauen sind Opfer sexuellen Fehlverhaltens. Beide Männer, Spacey wie Weinstein, lassen sich nun in der Suchtklinik "The Meadows" therapieren. Was nach Buße klingt, ist ein Hohn für die Missbrauchten. Denn damit tun die Täter so, als seien sie Opfer ihrer eigenen "Dämonen". Dabei haben sie ihre Machtposition als Big Player im Showbusiness bewusst genutzt, um sich zu holen, was sie wollten. Weinstein bot Frauen sogar Schweigegeld an oder drohte ihnen, sie zu vernichten, sollten sie sich wehren. Der Erfolgsproduzent und das Starlet, der gefeierte Oscar-Preisträger und der scheue Jungschauspieler – in Hollywood ist jetzt das Bewusstsein da, dass diese Form des Machtmissbrauchs ein Ende haben muss.

Wie geht es weiter in Hollywood?

Doch noch sind keine neuen Regeln gefunden – vorläufig macht sich eine gewisse Unsicherheit im Umgang miteinander breit. Wo hört harmloses Flirten auf, wo fängt sexuelle Belästigung an? Manche, wie mein Kollege Roberto, haben Angst, etwas falsch zu machen. Anderen merkt man an, dass ihr Respekt vor Frauen wächst – oder ihre Angst? Frauen in Hollywood, darunter große Stars wie Meryl Streep und Nicole Kidman, kämpfen schon seit Jahren gegen die Dominanz der Männer im Film, doch die bestehenden Seilschaften waren zu fest. Gleich hohe Gagen für Männer und Frauen, mehr Frauenrollen überhaupt stehen längst auf der Agenda. Dass nach dem Rauswurf von Kevin Spacey nun ausgerechnet Robin Wright Penn – die in "House of Cards" die weibliche Hauptrolle spielt und immer wieder die gleiche Gage wie Kevin Spacey forderte – zur wichtigsten Figur der Serie wird, ist fast ein Treppenwitz der Filmgeschichte.

Klar ist: Hollywood hat sich verändert

Der Hashtag "MeToo" wurde zum Symbol einer bislang nie gesehenen wirkungsvollen Opfer-Initiative, die mittlerweile Dutzende von Tätern entlarvte. In jedem Interview, das ich seit den Weinstein-Enthüllungen mit weiblichen Hollywood-Stars hier in Los Angeles geführt habe, sprachen die Frauen über konkrete Ideen, wie man den "Weinsteins" dieser Welt künftig das Handwerk legen kann. "Alles was hilft, Sexualstraftäter künftig zu verhindern, hat meine Unterstützung“, sagte mir Reese Witherspoon, die mit 16 Jahren selbst sexuell belästigt wurde. Kathleen Kennedy, Präsidentin von Lucafilm, schlug vor, eine Ethik-Kommission solle die Branche überwachen. Cara Delevingne fordert, noch mehr Kolleginnen müssten ihre Star-Power nutzen, um andere Frauen zu ermutigen, Täter an den Pranger zu stellen statt zu schweigen.

Frauen setzen sich zur Wehr

Seit dem 1. Dezember betreibt die Organisation "Women In Film" eine Hotline für Opfer von sexuellen Übergriffen. Denn der öffentliche Gesichtsverlust für die Täter ist eine wirkungsvolle Drohkulisse. Gloria Allred, Anwältin für Frauenrechte, ist sicher: "Lange haben die Täter ihre Opfer unterschätzt. Doch die Frauen wehren sich im Kollektiv. Viele Täter werden sich also künftig viel genauer überlegen, ob sie dieses Risiko wirklich eingehen wollen." Noch bedrohlicher ist nur absoluter Macht- und Prestigeverlust. Bislang kassierten gefeuerte Sex-Täter sogar noch Abfindungen in Millionenhöhe. Allred geht davon aus, "dass die Arbeitsverträge der Zukunft Abfindungen aussetzen, wenn sexueller Missbrauch nachgewiesen ist. Auch das wird abschrecken", glaubt die Anwältin. Und damit hat sie ganz sicher recht.

Gala


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