Verstorbene Stars 2016: Der Himmel soll warten!

George Michael starb mit 53, Roger Cicero war 45 Jahre, Miriam Pielhau 41. In diesem Jahr starben viel zu viele Menschen viel zu früh. Kann man darin irgendeinen Sinn finden?

Der Himmel soll warten

Schnee im April, das musste ein Zeichen sein. Am Donnerstag war Prince gestorben, Samstagnachmittag schneite es. Und es war völlig klar, dass wir die Schneeflocken nicht als jahreszeitlich bedingte Laune der Natur abtun konnten. Also hielten wir inne, wo wir gerade waren, und fotografierten den Blick nach oben in die wirbelnden Flocken oder auf die schneebedeckten Balkonmöbel und posteten die Bilder in den sozialen Netzwerken. Finster entschlossen, den Schnee im April als Zeichen des Himmels aufzuwerten: Als seien die gefrorenen Kristalle tatsächlich nur ein anderer Aggregatzustand der Songzeilen von Prince: „Some-times it snows in April …“

Prince, David Bowie und so viele andere

In unserer Bedürftigkeit nach Trost über seinen plötzlichen Tod dachten wir an die vielen anderen, die bereits im ersten Drittel des Jahres gestorben waren und viel zu jung dafür waren. David Bowie, Roger Cicero, Maja Maranow, Guido Westerwelle, Roger Willemsen. Und obwohl wir noch nicht mal ahnten, dass ausgerechnet am ersten Weihnachtsfeiertag George Michael sterben würde, der mit seinem Song „Last Christmas“ seit unserer Jugend zum verheißungsvollen Weihnachtsgefühl gehörte, hatten wir für einen Moment die Vorstellung, da oben könne sich jetzt eine ziemlich schräge Combo zusammentun und Musik machen. Prince und Bowie an der Gitarre, in schrillen, avantgardistischen Kostümen, Roger Cicero, mit Hut, klar, am Klavier. Und Maja Maranow zwischen Guido Westerwelle und Roger Willemsen im Background-Chor. Schöne Vorstellung. Aber, Himmel, doch kein wirklicher Trost!

Der Tod ist nicht fair

DENN DER TOD IST NICHT FAIR, das hat uns 2016 gelehrt. Es ist einfach nicht fair, wenn eine Frau wie Miriam Pielhau stirbt, 41 Jahre jung, Mutter einer kleinen Tochter. Jahrelang hatte sie gegen ihre Krebserkrankung gekämpft, noch im Mai gesagt, sie gelte als geheilt. Und dann starb sie im Juli. Warum? Und warum ausgerechnet Guido Westerwelle, 54, der im Herbst 2015 mit seiner Biografie „Zwischen zwei Leben. Von Liebe, Tod und Zuversicht“ eine tapfer-trotzige Hommage an das Leben geschrieben hatte. Und den die Leukämie dann doch zurück auf die Intensivstation zwang. Warum Roger Cicero, 45? Auch er einer, der nach einer gesundheitlichen Zwangspause wieder zurück auf die Bühne wollte. Oder Roger Willemsen, 60, der mit seiner Wissbegierde immer noch so jung erschien wie ein Doktorand. Sie alle hatten hier bei uns auf der Erde noch so viel vor. Der Himmel soll gefälligst warten!

2016: Ein besonderes Jahr

2015 war das anders. Es war das Jahr, in dem die großen alten Männer starben. -Günter Grass, Helmut Schmidt, Helmut Dietl – Menschen, die ihre Lebenszeit intensiv ausschöpfen durften. Auch sie haben wir betrauert, auch sie fehlen uns heute. (Wie wäre Helmut Schmidts Kommentar zu Donald Trumps Durchmarsch ausgefallen? Und Helmut Dietl hätte wohl noch in der Wahlnacht ein Drehbuch zu schreiben begonnen.) Aber, Himmel, genau darum geht es doch: Wir wollen einfach nicht, dass Menschen gehen müssen, bevor sie ihr Leben leben konnten.

Keine alten Sinnsprüche, bitte!

NUN KOMME KEINER MIT DEM SPRUCH „only the good die young“ – der war schon bei James Dean und John F. Kennedy jr. ein zwar ehrenwerter, aber letztlich doch sinnloser Versuch, dem viel zu frühen Tod einen Sinn zu geben. Heißt es nicht in der -Bibel: „Alles hat seine Zeit“? Eben. Wenn jemand vor seiner Zeit gehen muss, fühlen wir uns betrogen, ausgetrickst. Es ist, als sei unser Vertrag mit dem Leben einseitig aufgekündigt worden.In unserer Schockstarre über eine unerwartete -Todesnachricht machen wir deshalb erst mal eines: Wir sehen uns das Leben der Verstorbenen noch mal ganz bewusst an. Geradezu gierig schauen wir Sondersendungen im Fernsehen, lesen Nachrufe, können uns nicht sattsehen an den alten Fotos.

ES WIRKT REGELRECHT THERAPEUTISCH, uns YouTube-Mitschnitte von Prince-Auftritten anzusehen, auch wenn wir dabei einen fetten Kloß im Hals haben. Und in Zeitschriften können uns die Bilderstrecken gar nicht lang genug sein. Denn während wir so schauen, läuft vor unserem geistigen Auge ein zweiter Film ab: Wir sehen uns mit 18 „Purple Rain“ in der Berliner Waldbühne singen. Wir erinnern uns, dass wir mal zum Hochzeitstag Roger-Cicero-Karten bekamen (Stichwort: „Frauenversteher“). Und spüren, wie tief wir all diese kreativen Menschen eingesogen haben, mit denen wir aufgewachsen sind. Wie sehr sie uns geprägt haben.

Und dann wird uns wieder wehmütig zumute, weil uns klar wird, wie verlässlich wir darauf bauten, dass Miriam Pielhau fröhlich „taff“ moderiert. Oder Maja Maranow in ihrem Samstagkrimi die Alternative zu langatmigen Abendshows bietet. Oder dass Roger Willemsen in einer Talkshows auftaucht, sobald Niveau gebraucht wurde. Vorbei.

Beifall für die Lebensleistung

WIR HÖREN ERST AUF, YOUTUBE zu schauen, wenn wir in den Lebensläufen einen Bogen, eine Lebensleistung, eine persönliche Entwicklung gefunden haben. Guido Westerwelle – vom ambitionierten Nachwuchspolitiker zum ersten schwulen Außenminister der Bundesrepublik, der es anfangs mit nassforschen Auftritten übertrieb, später aber bei Michael Mronz, der Liebe seines Lebens, angekommen war. Prince – das im besten Sinne eigenwillige Genie. David Bowie, der musikalische Visionär, der sich dem Mainstream eisern und erfolgreich widersetzte. Roger Cicero, ein völlig neuer Männertyp im deutschen Showbusiness, kein Macho, aber auch kein Weichei. Wenn wir wissen, was bleibt, sind wir beruhigt. Und ein bisschen getröstet.

Natürlich ist der Beifall für die Lebensleistung der Verstorbenen auch übertrieben. Plötzlich sehen wir nur das Positive, obwohl wir wissen, dass wir gern mal mit den Augen gerollt haben, wenn Roger Willemsen in einer Talkrunde auftrat: „Ach, der Quotenintellektuelle wieder!“ Aber solches Alltags-Kleinklein ist jetzt nicht wichtig. Denn der Tod schärft den Blick für das Leben. Und wir stellen fest: All diese mutigen, kreativen, schrillen oder streitbaren Menschen inspirieren uns. Denn gerade weil sie ein so befülltes Leben geführt haben, sind sie so besonders. Und weil sie so besonders sind, wollen wir sie nicht gehen lassen.

Die Suche nach dem Sinn

Die Abschiede 2016

Um diese Stars trauern wir

28. Dezember 2016: Debbie Reynolds (84 Jahre)  Sie hat den schweren Schicksalsschlag nicht verkraftet. Einen Tag nach dem Tod ihrer Tochter Carrie Fisher wurde Schauspielerin Debbie Reynolds (mitte) in Los Angeles ins Krankenhaus eingeliefert. Verdacht auf Schlaganfall! Nur wenige Stunden später kam die traurige Nachricht: Auch Reynolds ist gestorben.
27. Dezember 2016: Carrie Fisher (60 Jahre)  Kurz nach einem schweren Herzanfall ist die "Prinzessin Leia"-Darstellerin mit 60 Jahren in Los Angeles gestorben.
George Michael (†)
Franca Sozzani (†)

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Es lässt sich einfach kein Sinn darin finden, wenn Menschen jung sterben. Aber da wir hier ja nun mal weiterleben müssen, bleibt uns immerhin die Möglichkeit, ihre Kreativität, ihre Menschenliebe, ihre Lust am gepflegten Streit zu übernehmen. Vielleicht ziehen wir im April, wenn sich der Todestag von Prince jährt, einfach die Plateauschuhe und den lila Rüschen-Overall an und machen eine richtig gute Party.

Verstorbene 2016

Diese Stars sind von uns gegangen

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