Veronica Ferres: "Momente des Glücks"

Veronica Ferres verrät in einem sehr persönlichen Gespräch, wie sie Schmerz und Trauer verarbeitet - und wo sie neue Kraft tankt

Nachdenklich schweift ihr Blick in die Ferne.

Immer wieder muss Veronica Ferres, 46, leise schlucken und für ein paar Sekunden innehalten, bevor sie auf Fragen antworten kann. Denn das "Gala"-Interview in München dreht sich um so hochemotionale Themen wie Vergänglichkeit, Tod und Lebensmut. Hintergrund: Ihr neuer Film, die Teamworx-Produktion "Tsunami - Das Leben danach", erzählt die wahre Geschichte von Billi Cramer, die Ende 2004 in Thailand ihren Mann sowie ihre beiden kleinen Söhne verlor - und daran fast zerbrach. Erst als sie Michael Schäffer, der bei der Flutkatastrophe ein sehr ähnliches Schicksal erlitt, kennen- und lieben lernte, schöpfte sie langsam neue Kraft. Eine bewegende Geschichte, die auch Veronica Ferres nicht mehr loslässt.

Können Sie verstehen, dass die meisten Menschen bedrückende Themen wie den Tod am liebsten verdrängen?

Diese Reaktion ist sicher nachvollziehbar. Andererseits finde ich sie aber auch traurig, denn jeder von uns wird nun mal im Laufe des Lebens mit dem Tod konfrontiert. Trotzdem wollen viele Menschen in der westlichen Welt davon nichts wissen. Das ist nicht gesund. Andere Kulturen gehen dagegen vorbildhaft mit dem Sterben, Tod und Abschiednehmen um.

Wie in Trance erlebt Billi Cramer (Veronica Ferres) die Beerdigung ihrer Familie in dem thailändischen Tempel.

Zum Beispiel?

In Thailand werden die Toten für eine Woche in einem Sarg aufgebahrt, und in dieser Zeit kommen dann alle Familienangehörigen und Freunde zu dem Tempel. Sie weinen, lachen, essen und trinken neben dem Sarg. Sie erinnern sich gemeinsam daran, was sie an dem Verstorbenen besonders geliebt haben. Sie feiern dessen Leben auch im Tod.

Billi Cramer hatte nicht die Chance, sich von ihren Liebsten zu verabschieden.

Und das ist sicher das Schlimmste, was einem passieren kann. Als meine Mutter vor zwölf Jahren an den Folgen eines Schlaganfalles starb, war das für mich und meine Familie ein furchtbarer Schock. Sie war ja erst 66 Jahre alt und bis dahin kerngesund. Wir hatten wenigstens die Möglichkeit, sie auf ihrem letzten Weg zu begleiten und bei ihr zu sein.

Wie sah dieser Abschied genau aus?

Meine Brüder, mein Vater und ich haben zwei Tage und Nächte an ihrem Bett gewacht und zusammen gebetet. Heute noch bin ich unendlich dankbar, dass ich in den letzten Stunden vor ihrem Tod bei ihr sein konnte.

Wie haben Sie den Tod Ihrer Mutter verarbeitet?

Durch meinen Glauben. Ich bin katholisch erzogen worden und deshalb davon überzeugt, dass der Tod nicht das Ende ist. Das Leben hier ist für mich nur ein wunderbares Zwischenstadium. Über ihren Verlust bin ich bis heute trotzdem nie völlig hinweggekommen. Und wahrscheinlich werde ich das auch nie. Ich vermisse meine Mutter ständig. Vor allem dann, wenn ich mich nach ihrer Wärme sehne. Wie oft habe ich mir in der Vergangenheit schon gewünscht, dass sie mir mit ihrer Erfahrung bei Lillys Erziehung weiterhilft. Wie gern würde ich sie fragen: Wie war das eigentlich damals bei mir?

Gibt es Momente, in denen Sie Ihre Mutter besonders schmerzhaft vermissen?

Früher gab es kaum einen Sonntag, an dem wir nicht längere Zeit miteinander telefoniert haben. Und deshalb erlebe ich auch heute noch sonntags manchmal Momente, in denen ich impulsiv zum Hörer greife und denke: "Ich muss ja unbedingt noch Mama anrufen!" Bis es mich dann durchzuckt und mir bewusst wird: Sie ist nicht mehr da!

Auch Ihr eigenes Leben war ja bereits einmal in Gefahr …

1999 hatte ich eine schwere Hirnhaut- und Gehirnentzündung. Zehn Tage lag ich im Koma, und mein Leben stand auf Messer Schneide. Anschließend musste ich monatelang in einer Reha-Klinik mühsam das Sprechen und Gehen wieder lernen. Das war eine der existenziellen Erfahrungen meines Lebens. Eine Zeit, in der ich mir auch die Frage stellte: Warum gerade ich?

Wie lautet heute Ihre Antwort?

Hier darf man sich nicht die Schuldfrage stellen. Mir wurde klar, dass es zum Leben dazugehört, auch Schmerz, Krisen und schlimme Verluste zu erleben - um dann die Momente des Glücks umso bewusster wahrzunehmen. Sei demütig und dankbar für alles Gute und Schöne, das du erlebst. Jeden Tag! Ärgere dich nicht über die vielen eigentlich vollkommen unwichtigen Dinge, die dir im Alltag passieren und die du nicht ändern kannst.

Michael Schäffer und Billi Cramer-Schäffer (mit Tochter Sienna, 2) trafen sich am Strand ihrer neuen Heimat Südfrankreich mit "ihren" Darstellern Veronica Ferres und Hans-Werner Meyer (auf dem Arm eine Komparsin).

Auch mit dem Bewusstsein, dass Glück ein sehr fragiler Zustand sein kann?

Machen wir uns nichts vor: Alles kann von einem Tag auf den anderen kippen. Niemand ist vor dieser Gefahr sicher. Schauen sie sich "Wetten, dass...?"-Kandidat Samuel Koch an: Was muss dieser Mann für ein Schicksal verkraften. Für Samuel ist der Glauben ja auch ein sehr wichtiger Aspekt. Ich denke nicht, dass er ohne Glauben so weit wäre, wie er heute ist.

Apropos Glaube: Wie kann Gott es zulassen, dass Kinder sterben?

Auf diese Frage hat wohl niemand eine überzeugende Antwort. Vielleicht haben sie ihre Aufgabe hier bereits erfüllt und dürfen jetzt da sein, wo es ihnen noch viel besser geht! Wo sie hoffentlich das vollkommene Glück erleben dürfen.

Haben Sie mit ihrer Tochter Lilly schon einmal über den Tod gesprochen?

Natürlich. Zum einen habe ich ihr erzählt, wo ihre Oma jetzt ist. Lilly weiß, dass das Leben endlich ist. Sie hat ja auch schon den Tod von Freunden der Familie erlebt und fragt mich deshalb nach dem Warum und wohin diese Menschen denn jetzt gegangen sind. Außerdem ist für sie eine Welt zusammengebrochen, als vor einiger Zeit ihr geliebter Hase gestorben ist.

Tauschen Sie sich auch mit Ihrem Partner Carsten Maschmeyer über das Thema aus?

Carsten und ich sind jetzt drei Jahre zusammen. Im Mai des vergangen Jahres ist seine Mutter gestorben. Und seitdem haben wir sehr viel und intensiv über die Vergänglichkeit des Lebens gesprochen. Es war eine Zeit, in der wir noch enger zusammengerückt sind.

Setbilder

Stars bei den Dreharbeiten 2012

20. Dezember 2012: Zac Efron und Imogen Poots stehen gemeinsam für den Film "Are We Officially Dating" in New York vor der Kamer
12. Dezember 2012: Erschreckend authentisch verkörpert Matthew McConaughey in dem Film "The Dallas Buyers Club" den Aids-Kranken
11. Dezember 2012: Emmy Rossum steht für "You're Not You" vor der Kamera.
6. Dezember 2012: Während wir in Deutschland vor Kälte bibbern, drehen Courtney Cox und Josh Hopkins am Strand von Malibu eine F

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Woraus schöpfen Sie Kraft, wenn es Ihnen schlecht geht?

Dann gehe ich raus, gehe spazieren - im Wald, am See. Oder ich miste im Pferdestall die Box aus. Natur erleben und die Nähe von Tieren spüren, das sauge ich auf. Mit meinem Pferd rede ich zwar noch nicht, wenn ich traurig bin - aber das kann ja noch kommen. (lacht) Außerdem hilft mir körperliche Arbeit und Sport: Schwitzen, sich selbst spüren, einfach nur da sein ...

Haben Sie Verlustängste?

Ängste sind generell wichtig. Sie dürfen aber nicht die Hauptrolle im Leben spielen. Ich will meine Verlustängste nicht auf meine Tochter oder meinen Partner übertragen. Denn das lähmt am Ende nur. Es wäre schlimm, wenn ich in den ersten Jahren permanent gerufen hätte: "Lilly, pass auf, fall’ bloß nicht hin!" Sie musste auch mal hinfallen, um zu erleben, wie das ist. Ich finde es problematisch, wenn Mütter versuchen, ihren Nachwuchs in Watte zu packen.

Sie sind also keine Glucke?

Ich finde es sehr wichtig, Lilly die nötigen Freiheiten zu lassen und sie ins Leben hinauszuschicken. Natürlich bin auch ich immer besorgt über mögliche Gefahren und Risiken, die das Leben mit sich bringt. Deswegen versuche ich es auch nach bestem Gewissen, mein Kind zu einer starken und umsichtigen Persönlichkeit zu erziehen - auch wenn es mir nicht immer leichtfällt. Ich würde Lilly nämlich am liebsten für immer festhalten.

Fürchten Sie sich vor dem Tod?

Ja, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Mein Ziel ist es aber, eines Tages auf meinem Sterbebett sagen zu können: "Ja, ich lasse los und gehe freiwillig, in Frieden und ohne mich aufzubäumen - ich gehe gern, weil ich ein glückliches, vielseitiges und erfülltes Leben hatte!" Doch wo ich gerade darüber nachdenke: Das kann ich eigentlich schon heute sagen. Irgendwie eine beruhigende und tröstliche Vorstellung, oder? Alexander Nebe

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