Verona Pooth über ihre Mutter: "Sie brach mir das Herz"

Verona Pooth hat ihre Biografie geschrieben: "Nimm alles, gib viel" – ein Spruch ihrer Mutter. In GALA erzählt sie, wie sie ihre "Mamita" an die Demenz verlor – und wiederfand

Fünfzig Jahre leben. Und wieder stürzen sich alle nur auf die vier Wochen Ehe mit Dieter Bohlen, 65, die für Verona Pooth, 50, ehemals Feldbusch, mit einem blauen Auge endeten.

Verona Pooth: So sehr hat sie die Demenz ihrer Mutter belastet

Sie schüttelt im GALA-Gespräch leise den Kopf. Verona Pooth kennt viel schlimmere Krisen. "Ich habe es immer mit Pippi Langstrumpf gehalten und mir gesagt 'Mach dir die Welt so, wie sie dir gefällt, Verona'", blickt sie zurück. "Und das hat mir bei meiner Karriere sehr geholfen. Aber in meiner Familie konnte ich die Welt leider nicht immer nach meinem Wunsch formen." Von dieser schmerzlichen Erfahrung will sie uns heute erzählen.

GALA: Der Titel Ihres Buches ist ein Zitat Ihrer Mutter. Hatte sie noch mehr Sprüche auf Lager?

Verona Pooth: Meine Mamita war für mich ein ganz prägender Mensch und gab mir sehr viele Weisheiten mit auf meinen Weg. Eine war: "Wenn nicht jetzt, wann dann?" Das sagte sie, als ich mich mit zwölf Jahren nicht traute, die Hauptrolle in "Der Rattenfänger von Hameln" zu spielen, weil der Text nicht saß. "Du wirst nur einmal gefragt – ergreife deine Chance!" Und sie hatte recht. Eine andere Ansicht meiner Mutter war: "Geld ist nicht nur Luxus." Was das bedeutet, wusste ich erst wirklich, als sie viel später krank wurde und ständig hohe Rechnungen für Medikamente und Arztbesuche kamen, die ich selbstverständlich für sie übernahm. Hier hätte meine Liebe allein nichts genützt.

GALA: Wann haben Sie gemerkt, dass mit Ihrer Mutter etwas nicht stimmt?

Pooth: Ich hatte meiner Mamita eine schöne Dreizimmerwohnung mit einem kleinen Balkon in Hamburg-Harvestehude gekauft, die immer chaotischer wurde. Meine Mutter begann leere Cremetuben zu sammeln. Ihre Pflanzen wucherten wie in einem Tropenhaus, und im Wohnzimmer hingen auch im Sommer Weihnachtslichter. Plötzlich war diese stets elegant gekleidete Frau, die ich nie im Jogginganzug gesehen habe, in ihrer wuseligen Wohnung verrückt unterwegs. Das Wort wird immer so schnell ausgesprochen, aber das war es: So wie ein Bild, das verrückt ist und nicht mehr gerade hängt, war auch das Bild meiner Mutter für mich verrückt.

GALA: Bemerkte sie selber, dass sie sich verändert hatte?

Pooth: Sie fuhr nicht mehr Auto, aber wenn ich sie darauf ansprach, verbot sie mir den Mund. Sie versuchte, den Schein zu waren. Wenn die Milch im Kühlschrank geronnen war, servierte sie sie mir mit Zucker als Joghurt und tat, als ob es so gehört. Ihr kleiner Hund hieß plötzlich nicht mehr Peppino, sondern Orangino, weil er einen orangen Stich in der Fellfarbe hatte. Irgendwann hat sie begonnen, Franjo und mich nicht mehr in die Wohnung zu lassen. Von da an machten wir uns große Sorgen.

GALA: Was haben Sie unternommen?

Pooth: Ich habe Notfallknöpfe installiert, doch das wollte sie nicht. Mit der Zeit waren sie verschwunden. Sie wollte auch kein Notfallhandy und keine spanischsprachige Pflegerin. Sie ließ sie gar nicht erst in ihre Wohnung. Alle meine Bemühungen wurden abgelehnt, aber nicht mit einem "Danke, Schatz" – ich bekam eine richtige Watsch, wie man in Düsseldorf so sagt. Sie brach mir das Herz. Sie war wie ein Yorkshire-Terrier: klein, süß aussehend, aber wehe, sie biss zu...

GALA: Wie sind Sie emotional mit diesen Verletzungen umgegangen?

Pooth: Mein großes Glück war, dass es Franjo gab. Sechs Jahre lang hatte ich Albträume, bin jede Nacht nassgeschwitzt wach geworden, bin zum Telefon gelaufen, habe den Hörer abgenommen, nur um gleich wieder aufzulegen, weil ich Angst vor der Reaktion meiner Mutter hatte. Franjo knipste dann das Licht an und versuchte, mich zu trösten.

GALA: Warum verhielt sich Ihre Mutter denn so feindselig?

Pooth: Ein Arzt hat mir später erklärt, dass Demenz nicht nur das Gedächtnis, sondern auch den Charakter angreift. Die Patienten können sehr boshaft werden. So war das auch bei meiner Mutter. Entweder sie herrschte mich an oder sie versuchte, mich zu provozieren. Wenn wir mit ihr essen gingen, flippte sie die Erbsen vom Teller oder ließ sich ständig neues Besteck bringen. Es trieb mir die Tränen in die Augen. Einmal hat sie in einem Restaurant einen Koi- Karpfen aus dem Zierbecken gefischt und in ihre Gucci-Handtasche gesteckt. Sie wollte ihren Enkel San Diego zum Lachen bringen und mich provozieren. Zum Glück war Franjo dabei.

GALA: Was hat Ihr Mann da getan?

Pooth: Als meine Mutter den Karpfen endlich wieder befreite, sagte er: "Guck mal, den dahinten bekommst du bestimmt auch noch zu fassen.“ Diego hatte einen Riesenspaß, er war zu klein, um den Ernst der Lage zu erkennen. Und Franjo nahm sie einfach, wie sie war, mit all ihren Schrullen. Franjo ist ein Familienmensch, er ist sehr fürsorglich und hat einen großartigen Humor. Er hat sich wahnsinnig geduldig um sie gekümmert. Meine Mutter liebte ihn, nannte ihn immer Angelo, das heißt auf Deutsch Engel.

Power-Couple: Verona Pooth und Franjo Pooth sind seit 2004 verheiratet und haben zwei Söhne. Franjo hatte einen guten Draht zu Veronas Mutter, die ihn liebevoll "Angelo" nannte, Engel 

GALA: Aber der Verlobung und der Hochzeit mit Franjo blieben Ihre Eltern beide fern. 

Pooth: Ja, das war furchtbar traurig. Monatelang entschied sie sich immer wieder um: Sie kommt, sie kommt nicht... Als dann klar war, dass sie nicht kommen würde, machte ich mir Sorgen, dass die Presse Wind von ihrem Zustand bekommt, wenn ihr Platz an unserem Ehrentisch frei bliebe. Zur gleichen Zeit war mein geliebter Papi schwer erkrankt und lag in einer Klinik. (Anm. d. Red.: Veronas Eltern trennten sich, als sie noch ein Kind war) Daraufhin beschlossen Franjos Eltern schweren Herzens, ebenfalls nicht zu kommen, damit es der Presse nicht auffiel. Sie verpassten unsere Verlobung, um mich zu schützen. Eineinhalb Jahre später bei unserer kirchlichen Trauung war die Krankheit meiner Mamita extrem fortgeschritten, mein Papi war da traurigerweise schon verstorben. Daraufhin beschlossen Franjos Eltern, ebenfalls nicht zu kommen.

GALA: Irgendwann brach der Kontakt zu Ihrer Mutter ganz ab. Wie kam es dazu?

Pooth: Meine Mutter war immer schon eine Einzelgängerin, aber durch die Krankheit hat sie sich total isoliert. Demenzkranke entwickeln oft einen Verfolgungswahn. Sie wollte nicht mehr mit den Nachbarn sprechen und machte auch uns nicht mehr die Tür auf. Damals lauerten schon Reporter vor ihrer Tür, die Yellow Press schrieb, dass ich meine Mutter verwahrlosen lassen würde, während ich als Multimillionärin um die Welt jette. Sie gingen so weit zu schreiben, dass ich sie zu unserer Hochzeit ausgeladen habe, weil sie mir nicht salonfähig genug war. Mamita dachte, ich steckte mit diesen Reportern unter einer Decke. Auch ihren einzigen Enkel Diego wollte sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr sehen. Da wusste ich, ich muss loslassen. Ich verlor meine Mutter für sieben Jahre...

GALA: …bis ein dramatischer Unfall die Lage noch einmal änderte.

Pooth: Eines Tages bekam ich einen Anruf aus einem Krankenhaus. Meine Mutter war gestürzt und hatte drei Tage auf dem Fußboden gelegen, ohne Wasser, ohne Essen. Die Nachbarn hörten sie irgendwann nach Franjo rufen. Ich flog sofort zu ihr. Als sie im Krankenhaus aufwachte, machte sie eine so böse Bemerkung, dass ich dem nächstbesten Arzt weinend um den Hals fiel. Als Franjo am nächsten Tag kam, traute ich mich erst nicht mehr ins Krankenzimmer. "Komm, das ist doch nur Mamita", sagte er, "die beißt doch nicht." Aber sie hatte mir schon direkt ins Herz gebissen. Doch Franjo streichelte sie über die Wange und sagte: "Mamita, wir sind es." Worauf sie antwortete: "Glaubst du, ich erkenne euch Idioten nicht?" Damit war das Eis gebrochen.

GALA: Und dann war alles wieder Friede, Freude, Eierkuchen?

Pooth: Meine Mutter konnte nicht wieder nach Hause, das war klar. Also suchte ich nach einer schönen Seniorenresidenz und verkaufte ihr den Aufenthalt als Kur – das fand sie toll! Eine Kur wollte sie, die ihr ganzes Leben hart gearbeitet hatte, immer schon mal machen. In der Residenz kümmerten sich alle sehr liebevoll um sie. Sie wirkte zwischen den "Farblosen", wie sie die deutschen Rentner nannte, mit ihren Blumen im schwarzen Haar und den farbigen Kleidern wie ein bunter Vogel. Wenn ich sie besuchte, streichelte sie manchmal meine Hand und sagte: "Muchas gracias, es ist so schön hier." Wir haben unseren Frieden miteinander gemacht.

GALA: Was können Sie Menschen mit demenzkranken Angehörigen raten?

Pooth: Die Krankheit ist sehr individuell. Was Franjo und mir geholfen hat, war Liebe und vor allem Humor, auch wenn’s manchmal nicht zum Lachen ist. Denn: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Verona Pooth

Emotionale Worte über Karl Lagerfeld

Verona Pooth und Karl Lagerfeld
Verona Pooth hat eine ganz besondere Verbindung zu Karl Lagerfeld: Der Modeschöpfer entwarf das Brautkleid, in dem sie 2005 Franjo Pooth heiratete. Eine Erinnerung, die Verona auch in ihrer kürzlich erschienenen Autobiografie "Nimm dir alles, gib viel" festgehalten hat.
©Gala
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