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Tyron Ricketts "Es ist frustrierend, ein Drehbuch voller Klischees zu lesen"

Tyron Ricketts
Tyron Ricketts
© Ava Pivot
Schauspieler Tyron Ricketts engagiert sich seit Jahrzehnten für People of Color und mehr Diversität in der Medienwelt. Wieso er seit den jüngsten, tragischen Ereignissen Hoffnung hat, dass sich unsere Welt endlich verändert, verrät er im GALA-Interview.

"I can't breathe!" Ein Satz, der seit dem 25. Mai 2020 die ganze Welt bewegt. Genauer gesagt: Der letzte Satz, den George Floyd immer und immer wieder wiederholte, bevor er an den Folgen eines brutalen Polizeieinsatzes im US-Bundesstaat Minnesota starb. Acht Minuten und 46 Sekunden lang wurde George Floyd von vier Polizisten gewaltvoll auf den Boden gedrückt, in seinem Nacken das Knie eines Beamten – acht Minuten und 46 Sekunden lang. Floyd wurde nur 46 Jahre alt.

Tyron Ricketts über seinen Kampf gegen Rassismus

Seit jenem Tag scheint die Welt eine andere zu sein. Weltweit gehen Menschen auf die Straße und demonstrieren gegen Rassismus, rassistische Diskriminierung und Polizeigewalt. Die Diskussion über Rassismus ist laut, eindringlich und unüberhörbar – endlich! "Ich glaube, dass wir jetzt endlich eine reelle Chance haben, etwas zu verändern", sagt Tyron Ricketts, 46. Der Schauspieler kämpft seit Jahren gegen Rassismus. Im GALA-Interview lässt er uns nun an seinem Kampf teilhaben und verrät, wieso ihm die aktuelle Situation trotzdem Hoffnung schenkt. Und, was wir alle besser machen können.

GALA: Herr Ricketts, Sie engagieren sich seit Jahren gegen rassistische Diskriminierung. Wie erleben Sie die aktuelle Debatte?
Tyron Ricketts: Seit den letzten Wochen schauen wir anders auf die Welt. In der westlichen Gesellschaft stellen wir fest, dass man sehr wohl rassistisch handeln kann, ohne die Intention dazu zu haben. Und das ist in dieser Debatte vollkommen neu. Früher hat man sich, wenn man an Rassismus gedacht hat, pöbelnde Glatzköpfe vorgestellt. Jetzt bemerken viele, wie privilegiert sie als Weiße Personen bisher durchs Leben gehen konnten. Und das ist eine vollkommen neue Dimension. Deswegen muss das eigene Handeln und die Art und Weise, wie man sich bestimmten Diskussionen nähert, grundlegend überdacht werden.

Tyron Ricketts: Donald Trump ist "offensichtlich ein Rassist"

Haben Sie das Gefühl, dass unsere Welt durch die aktuellen Ereignisse wachgerüttelt wird?
Ja. Durch die Coronakrise hat die Welt gemerkt, dass die vermeintliche Normalität, in der wir leben, gar nicht so normal ist und es auch anders laufen kann. Im Bewusstsein der Menschen hat sich viel getan. Es geht eben auch anders, eine neue Sensibilität ist entstanden. Wenn man dann die fürchterlichen Szenen sieht, in denen George Floyd auf brutale Weise umgebracht wird, kann man gar nicht anders, als zutiefst berührt und erschüttert zu sein. Hinzu kommt aber auch der amerikanische Präsident, der ganz offensichtlich ein Rassist und schlechter Mensch ist. Diese Kombination bringt meiner Meinung nach aktuell viele Menschen zum Nachdenken.
Denn die Situation ist nicht neu: Jedes Jahr ertrinken Tausende Menschen im Mittelmeer, und das juckt uns als westliche, europäische Gesellschaft ja nicht wirklich. Aber wenn vor Norwegen eine Fähre mit europäischen Touristen kentert, sind Suchtrupps Tag und Nacht im Einsatz, bis wirklich alle Passagiere geborgen sind. Diese Ungleichheit darüber, was ein Menschenleben wert ist, gibt es schon lange. Bis jetzt hat sich eben nur nicht wirklich jemand dafür interessiert.

"Ich kenne die Erschöpfung, die Wut und die Trauer"

Schenkt Ihnen das Hoffnung?
Die Zukunft liegt an uns und an den Menschen, die diese Debatte mit formen. Filmemacher, Journalisten, Politiker usw.: Wir können bestimmen, ob und wie lange wir über Rassismus sprechen. Aber ich glaube, dass wir mittlerweile in einer Zeit angekommen sind, in der viel Wandel stattfindet. #MeToo, "Fridays for Future", "Black Lives Matter" – Themen, die die Menschen wirklich berühren, werden an die Oberfläche gespült und diskutiert.
Vor allem dank der sozialen Medien, auf der die scheinbar Stimmlosen eine Stimme bekommen haben.
Motsi Mabuse hat vor einigen Tagen verkündet, dass sie sich in nächster Zeit nicht mehr zum Thema Rassismus äußern wird. Sie habe in der Vergangenheit gefühlt Hunderte Interviews zu dieser Debatte gegeben und nicht das Gefühl, dass sich wirklich etwas verändert hat. Können Sie das Gefühl der Erschöpfung nachvollziehen?
Ich kenne die Erschöpfung, die Wut und die Trauer – ich engagiere mich ja nicht erst seit gestern gegen Rassismus. Klar wird man zwischendurch müde und hat irgendwann keine Lust mehr. Ich glaube aber, dass wir jetzt endlich eine reelle Chance haben, etwas zu verändern. Nicht, weil die Menschen heute schlauer oder besser sind, sondern weil sich die technologischen Voraussetzungen verändert haben. Und die Zahlenverhältnisse.
Zahlenverhältnisse?
25 Prozent der deutschen Bevölkerung haben Migrationsgeschichte, davon sind sehr viele Menschen noch sehr jung. Das allein spricht ja schon für sich: Der Wandel muss kommen – und zwar weltweit. Nur circa 30 Prozent der Weltbevölkerung ist weiß, 70 Prozent sind People of Color. Wenn man dann zum Beispiel einen Film für Streaminganbieter wie Netflix produziert, der über 190 Länder beliefert, müssen andere Geschichten erzählt und diverse Protagonisten in den Fokus gestellt werden, um das Publikum auch wirklich zu erreichen. Geschichten, in denen der weiße Mann das Subjekt und alle anderen das Objekt sind, funktionieren nicht mehr.
Wir müssen endlich eine Erzählweise finden, in der alle Menschen vorkommen und gleich viel wert sind.
In einem Interview haben Sie gesagt: "In vielleicht 5 von 60 Filmen bin ich ein normaler Mensch." Ist die deutsche Filmbranche rassistisch?
Die deutsche Filmbranche ist Teil unseres Systems. Und wenn unser System eurozentrisch ist, ist die Filmbranche natürlich auch eurozentrisch geprägt. Das wird durch die aktuelle Debatte erst so richtig klar. Trotzdem glaube ich nicht, dass die Filmbranche bewusst rassistisch handelt.
Tyron Ricketts
Tyron Ricketts
© Ava Pivot

"Es ist immer wieder frustrierend, ein Drehbuch voller Klischees zu lesen"

Haben Sie deswegen schon einmal an Ihrem Beruf gezweifelt?
Nein. Ich mag meinen Beruf und die Position, die ich mir erarbeiten konnte: Ich kann etwas verändern. Trotzdem ist es immer wieder frustrierend, ein Drehbuch voller Klischees zu lesen.
Was machen Sie, wenn Sie so ein Drehbuch lesen? 
Das ist immer unterschiedlich. Es gibt Rollen, die sind einfach darauf angelegt, Klischees zu erfüllen – egal, wie viel ich verändern würde. Solche Engagements sage ich ab. Es gibt aber auch Situationen, in denen Produzenten, Autoren und Regisseure mit sich sprechen lassen und man gemeinsam die ein oder andere Stelle umschreibt. Um es allen einfacher zu machen wäre es aber trotzdem sinnvoll, wenn von Anfang an Menschen mit Migrationsgeschichte und Rassismuserfahrungen an einem Drehbuch mitwirken würden. So wird das Ergebnis tausendmal besser.
Deswegen haben Sie ja auch Ihre eigene Produktionsfirma "Panthertainment" gegründet.
So ist es! (lacht)
Sie wollen die Geschichten von People of Color erzählen und in den Fokus rücken. Haben sich deswegen andere Filmemacher auf den Schlips getreten gefühlt?
Mitte der 90er-Jahre habe ich die erste Agentur für Schwarze Models und Schauspieler in Deutschland gegründet, in dieser Zeit haben sich einige Personen angegriffen gefühlt. Da hieß es dann ständig, dass das doch auch rassistisch sei. Heute ist die Nachfrage eine andere, obwohl das deutsche Fernsehen immer noch etwas hinterherhinkt. Wenn Filme für junge Leute oder weltweite Streaminganbieter produziert werden, muss sich das Publikum natürlich auch in den Protagonisten wiederfinden. Der Bedarf ist ja da. Ich bekomme aus der Branche mittlerweile durchweg positives Feedback.

Das Problem der deutschen Fernsehbranche

Das deutsche Fernsehen hinkt hinterher. Woran liegt das?
Im Vergleich zu Frankreich, England und den USA hinkt die deutsche Filmbranche in punkto Diversität auf jeden Fall hinterher. Das liegt daran, dass wir in der Vergangenheit ausschließlich für Deutschland, Österreich und die Schweiz produziert haben und sich die Geschichten deswegen immer stark geähnelt haben. Der internationale Markt blieb außer Acht. Und die immer gleichen Geschichten hatten ja trotzdem immer gute Quoten – also warum sollte etwas geändert werden? Außerdem hat sich Deutschland lange Zeit dagegen gesträubt, sich selber als Einwanderungsland zu sehen.
Menschen, die keine blonden Haare oder blaue Augen hatten, wurden bis vor einigen Jahren noch als Ausländer bezeichnet – obwohl sie einen deutschen Pass haben und hier geboren wurden. Das hat sich auch in den Filmen und Serien widergespiegelt.
Gibt es Rollen, die Sie heute nicht mehr spielen würden?
Ja, auf jeden Fall. Ich musste früher oft Kompromisse eingehen, um überhaupt vor der Kamera stehen zu dürfen. Das ist heute anders.
Denken Sie gerade an eine bestimmte Rolle?
An jede Rolle, die vollgepackt ist mit Negativ-Klischees. Ich will keine Rolle explizit nennen, aber wenn ich nur in fünf von 60 Filmen einen ganz normalen Teil der Gesellschaft abbilden durfte, können Sie sich ja vorstellen, welche Rollen ich damit meine.
Würden Sie diese 55 anderen Rollen heute nicht mehr annehmen?
Das Problem ist nicht, mal einen Geflüchteten oder mal einen Amerikaner zu spielen. Das sind oft inhaltlich starke Rollen. Aber wenn Schauspieler mit Migrationsgeschichte ausschließlich diese Rollen spielen, entsteht bei den Zuschauern das Bild, dass wir kein Teil unserer Gesellschaft sind. Und das ist falsch.
Verwendete Quellen: Eigenes Interview
Gala

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