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Thomas Müller Ein Bub wie aus dem Bilderbuch!

Thomas Müller
© laif
WM-Held wollten viele werden - Thomas Müller holte sich den Titel beinahe mühelos. Warum mögen ihn alle? Die Antworten fand "Gala" in seiner Heimat

Die Platzwunde musste noch in der Kabine mit fünf Stichen genäht werden: In der Schlussphase des Spiels gegen Ghana war Thomas Müller mit einem Gegenspieler zusammengekracht. Tiefer Cut an der rechten Augenbraue. Dennoch lief er nach dem Spiel zunächst in die Fankurve, das Gesicht blutverschmiert. Die Dankesrunde bei den mitgereisten Schlachtenbummlern lässt einer wie Müller nicht ausfallen.

Der 24-Jährige ist eine der großen Persönlichkeiten dieser WM. Fans, Kritiker, Kommentatoren - alle lieben ihn. Warum eigentlich? Wer das wissen will, muss nach Pähl reisen. Das Dörfchen liegt südwestlich von München zwischen Starnberger See und Ammersee. Müller und seine Frau Lisa wohnen zwar heute im Süden Münchens, aber hier ist der Mittelfeldmann aufgewachsen, lernte beim TSV Pähl, wo sein jüngerer Bruder Simon nach wie vor kickt, das Fußballspielen. Hier leben sein Vater Gerhard und seiner Mutter Klaudia.

Die Eltern (der Vater ist Ingenieur, die Mutter Sozialmanagerin) sollen nicht von Reportern gestört werden - ein ungeschriebenes Gesetz in Pähl. Wen man in dem Ort aber auch fragt, alle schwärmen von dem Profi und seiner Familie. So zum Beispiel Irmgard Hupfauf. Die 74-Jährige war einst seine Grundschullehrerin. "Ein Bilderbuch-Bub war der kleine Thomas. Er kam oft mit Bayern-Trikot in die Schule. Das hatte er nicht nur im Sport an", erinnert sich Hupfauf im Gespräch mit "Gala". Er habe viele Talente gehabt. "Der Thomas war sehr begabt. Als vor einer Schulaufführung die Rolle des Karl Valentin neu besetzt werden musste, sprang er ein. Binnen weniger Tage hatte er das Stück im Kopf. Nicht nur von seiner schlaksigen Figur her hat er ja auch heute noch Ähnlichkeiten mit Valentin", findet Hupfauf. Aber Fußball sei halt schon damals der Berufswunsch des Jungen gewesen. Worin ihn seine Eltern stets unterstützt hätten.

Müllers Mutter Klaudia, 50, bei einer Charity-Aktion im Jahr 2011. Die Familie lebt nach wie vor in Pähl bei München.
Müllers Mutter Klaudia, 50, bei einer Charity-Aktion im Jahr 2011. Die Familie lebt nach wie vor in Pähl bei München.
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Müller ist ein Kämpfer auf dem Platz, aber er ist keiner dieser knurrigen Oliver-Kahn-Kerle. Er hat Stil, gehört aber nicht zur akkurat frisierten Schweinsteiger-Götze-Kroos-Truppe. Er ist bodenständig, aber nicht bieder-ernst wie ein Lahm. Er hat Witz, ohne sich dabei zum Clown zu machen. "Thomas ist ein großartiger Entertainer. Wenn er in die Kabine kommt, sage ich immer: 'Achtung Herrschaften! Radio Pähl ist wieder auf Sendung'", erzählt Hermann Gerland, 60, Co-Trainer beim FC Bayern. Müllers Gattin Lisa beschrieb das Faszinierende an ihrem Mann kürzlich gegenüber "Gala" so: "Thomas bringt mich jeden Tag zum Lachen. Privat ist er so, wie ihn die Fußballfans kennen: unkompliziert, schlagfertig, witzig - und ein ganz normaler Mensch."

Diese Natürlichkeit, frei von Eitelkeiten, macht es Müller möglich, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: im Beruf auf die Tore, im Privaten auf seine Familie. Nach einem Sieg grüßt er im TV schon mal seine Oma und den Opa. Und er ist stolz auf die sportlichen Erfolge seiner Frau und drängt nicht darauf, dass sie ihm von der Bank der Spielerfrauen aus zujubelt. Lisa Müller absolviert in diesen Tagen in Bayern eine Dressurturnier-Serie. Während der WM ist das Ehepaar nur über Facebook, Telefon und Skype verbunden - dennoch sind sie sich wohl näher als viele andere.

"Pfundiger Kerl", "Knipser", "das Herz am rechten Fleck": Mit diesen Worten beschreiben die Menschen in Pähl Müller. Und Rosemaria Scholz, 59, Besitzerin des Tante- Emma-Ladens im Ort, ist immer noch gerührt, wenn sie von dem "kleinen Thomas" erzählt: "Er wollte immer nur seine Micky- Maus-Hefte. Sein ganzes Taschengeld hat er da reingesteckt. Und wehe, da waren mal welche nicht da. Dann ist er traurig heimgegangen." "Goofy" wurde Müller oft genannt. Nicht wegen der Comics, sondern wegen seiner langen Beine, der fehlenden Körperspannung. "Spinnenmann" oder "Storch" waren weitere Spitznamen. Jan Pienta machte das früher Sorgen. Der 69-jährige Talent-Scout holte Müller im Jahr 2000 zu Bayern München. "Ich hatte oft Angst, dass diese Storchenbeine in den Zweikämpfen brechen könnten", sagt er "Gala". "Aber er ist gelaufen, als gäb’s kein Morgen."

Müller hat gelernt, sich durchzusetzen. Auch beim FC Bayern, wo Pep Guardiola ihn zum Saisonende auf der Bank sitzen ließ. Das konnte dem Torfanatiker nicht gefallen, Wechselgerüchte wurden laut. Doch nun ist alles gut, der Klub verlängerte den Vertrag um weitere fünf Jahre. Müller will spielen. Als Kind wurde er böse, wenn er nicht aufs Feld durfte, wie sich Peter Hackl, 52, sein erster Trainer beim TSV Pähl, gegenüber "Gala" erinnert. "Mein Gott, war er dann sauer! Da hat er sich auf den äußeren Rand der Bank gesetzt und mit keinem mehr gesprochen. Er wollte halt Tore machen."

Andrea Schumacher, Nadine Rupp Gala

WM 2014


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