Thomas Gottschalk: Ohne ihn fühlt sich der Samstag anders an

Deutschland wird Gottschalk vermissen! Sein guter Freund Thomas Steg schildert exklusiv in GALA die besondere Magie des Moderators

Mein Urteil stand eigentlich fest

, obwohl ich Thomas Gottschalk damals noch nicht persönlich kannte. Für mich war er ein Spaßvogel der Fernsehunterhaltung, lässig, frech, witzig, schlagfertig, nie um einen flotten Spruch verlegen, aber irgendwie doch ein bisschen zu spaßig, zu oberflächlich, zu unpolitisch. Doch dann brannten in Rostock und Solingen Häuser. Entsetzen machte sich breit in Deutschland. Die Gesellschaft musste reagieren. Und an der Spitze bekannten sich drei prominente Deutsche: Boris Becker, Marius Müller-Westernhagen und eben Thomas Gottschalk.

Zu dritt kamen sie im Frühjahr 1999 ins Kanzleramt in Bonn, um mit Gerhard Schröder eine gemeinsame Aktion zu besprechen. Drei prominente Deutsche wollten in einer von der Bundesregierung finanzierten Anzeige für ein tolerantes, weltoffenes, ausländerfreundliches Deutschland werben, der Fremdenfeindlichkeit und dem alltäglichen Rassismus die Stirn bieten.Die Anzeige fand große Aufmerksamkeit. Und ich musste mich korrigieren: Ich hatte mich in dem Showmaster Gottschalk doch sehr getäuscht. Er war viel facettenreicher, als ich angenommen hatte. Vor allem lernte ich ihn fortan als nachdenklichen Menschen kennen, der politisch sehr interessiert und bestens informiert ist, der auch aus der Distanz im fernen Malibu genau verfolgt, was sich in Deutschland ereignet und wie sich das Land verändert. Wenn Gottschalk jeden Sommer seine "Marinekameradschaft" auf seinem Boot "Lohengrin" versammelt, ist Politik natürlich immer ein Thema. Doch unsere Männerrunde kann auch einfach die Ruhe und Beschaulichkeit auf dem Wasser genießen, ebenso wie die von Alfons Schuhbeck hergerichteten deftigen Brotzeiten. Vor Schleusen muss man oft viel Geduld beweisen. Auf dem Weg von Schwerin nach Templin jedenfalls wären wir beinahe zu spät gekommen. Der Schleusenwärter dachte schon an seinen Feierabend und überhaupt nicht daran, unsere "Lohengrin" und einige weitere Schiffe noch durchzuschleusen. Da konnte nur Gottschalk helfen. Sein inständiges Bitten hatte Erfolg und der Schleusenwärter ein Einsehen. Nachgeholfen hatte Gottschalk mit diversen Autogrammen, zahllosen Erinnerungsfotos und einer Menge Fischbrötchen, die er an die Schaulustigen verteilte. Sie hatten sich eingefunden, als das Gerücht die Runde machte: "Der Gottschalk bleibt mit seiner Freizeitcrew vor der Schleuse hängen."

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©Gala

Internationale und deutsche Stars, wie hier Max Raabe und Jan Josef Liefers, lösten bei Thomas Gottschalk ihre Wettschuld ein.

Im Laufe unserer Freundschaft habe ich immer wieder ganz unglaubliche Geschichten mit ihm erlebt. Unvergessen bleibt eine Begebenheit an einer Tankstelle. "Sind die Locken auch echt?" Die gepflegte Frau mittleren Alters hatte eine freundliche und sympathische Stimme. Sie hatte weder Skrupel noch Berührungsangst, also setzte sie die Absicht, eine Antwort auf ihre Frage zu finden, entschlossen in die Tat um. Sie näherte sich zielstrebig dem Fernsehstar, umgriff die blonde Haarpracht und zog kräftig daran. Wie der überraschte Gottschalk auf die ziemlich taktlose und zudem schmerzhafte Attacke reagierte? Er blieb gelassen und ganz kontrolliert. Er jammerte nicht. Er empörte sich nicht. Nein, er lächelte die Frau verständnisvoll an und sagte ganz ruhig: "Gnädigste, was haben Sie denn gedacht? Natürlich sind die Haare echt. Eine Perücke könnte ich mir bei meinem Gehalt doch gar nicht leisten."

Mit Michelle Hunziker moderierte Thomas Gottschalk "Wetten, dass ..." gemeinsam.

Übergriffe dieser Art musste Thomas Gottschalk in seiner langen Karriere oft erdulden. Bei ihm verlieren nicht nur seine Fans offensichtlich das Gespür dafür, was noch schicklich oder schon aufdringlich ist. Gottschalk ist den Deutschen als Moderator von "Wetten, dass ..?" so vertraut, dass er ihnen wie ein Familienmitglied, mindestens aber wie ein guter Kumpel erscheint. Und gleichgültig, wo er auftaucht - er ist begnadet darin, Nähe zu erzeugen und eine angenehme Vertraulichkeit herzustellen. Er wirkt weder entrückt noch abgehoben oder gar elitär. Als in einem Berliner Restaurant ein junger Mann, der die Obdachlosenzeitung "Straßenfeger" verkaufte, ihm kräftig auf die Schulter schlug und dabei brüllte: "Ey, Thommy, ich kenn dich!", umarmte Gottschalk ihn und antwortete: "Ich freue mich auch, dich wiederzusehen", wodurch er der Situation alle Peinlichkeit nahm. Gottschalk ist ohne Zweifel ein sogenannter Premium Prominenter. In Deutschland gibt es höchstens ein knappes Dutzend Personen, die in repräsentativen Umfragen mindestens 98 Prozent der Bürger bekannt sind. Bekanntheit, Prominentenstatus und Starexistenz haben allerdings etwas Janusköpfiges.

Charity

Life Ball 2011

Life Ball: Janet Jackson und "Life Ball"-Organisator Gerald "Gery" Keszler
Life Ball: Thomas Gottschalk
Life Ball: Mirjam Weichselbraun
Life Ball: Lydia Hearst

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Seine Bekanntheit weiß er durchaus zu schätzen. Sie ist der verdiente Lohn für jahrzehntelange harte und erfolgreiche Arbeit. Aber er kennt auch den Preis seiner Prominenz. Er ist, sobald er sich außerhalb seiner eigenen vier Wände befindet, ein in jeder Hinsicht öffentlicher Mensch. Ein Star wie Thomas Gottschalk unterliegt in der Öffentlichkeit einem Erwartungszwang und einer permanenten Beobachtung, denn das Publikum interessiert sich geradezu besitzergreifend für die ganze Person. Die Fans achten sehr genau darauf, ob Gottschalk tatsächlich so ist wie im Fernsehen, ob er wirklich so locker und unkompliziert oder vielleicht doch eher ein arroganter, unsympathischer Schnösel ist. Mag es pubertierenden und spätpubertierenden Pop- und Rockstars vergönnt sein, durch rüpelhafte Regelverstöße und schockierendes Verhalten Erfolge zu erzielen - bei einem Star wie Gottschalk, dessen Fangemeinde von Zehn bis zu Achtzigjährigen reicht, könnte sich jedes unangepasste Verhalten schnell zu einem Skandal auswachsen.

Justin Bieber mit blonder Gottschalk-Mähne, das gibt's nur bei "Wetten, dass ..."

Echte Prominente, ob aus Politik, Sport, Kultur, Mode oder Showbusiness, müssen darauf bedacht sein, dass ihr äußeres Bild, das die Öffentlichkeit sich von ihnen macht, möglichst deckungsgleich ist mit ihrem außengewandten Bild, also dem, das sie von sich nach außen zeigen. Da das mitunter sehr anstrengend sein kann, weil es Disziplin und Selbstkontrolle verlangt, scheuen viele Prominente weitgehend die Öffentlichkeit. Seit fast 40 Jahren ist Thomas Gottschalk im Fernseh- und Unterhaltungsgeschäft. So lange spielt er auch in der Öffentlichkeit eine Rolle. Er hatte allerdings Glück, denn es ist die Rolle seines Lebens, für die er sich nichts antrainieren musste. Er war sich durchaus der Tatsache bewusst, dass auch er eine Rolle spielen muss, und er dokumentierte seinen Umgang damit besonders durch seine eigenwillige Garderobe, die zum Markenzeichen wurde. In den bunten, schrillen, manchmal barock anmutenden Klamotten verbarg sich gewissermaßen der Keim des Unangepassten, des Abgrenzens von der öffentlichen Erwartungshaltung und der Rebellion gegen den Medienzirkus.

Am 18. Juni hat Thomas Gottschalk als "Wetten, dass ..."-Moderator seinen letzten Auftritt.

Jetzt hört Thomas Gottschalk auf. An diesem Samstag moderiert er auf Mallorca ein letztes Mal seine Sendung. Ob "Wetten, dass ...?" ohne ihn überhaupt funktionieren wird, bleibt abzuwarten. Irgendwie ist "Wetten, dass ...?" ohne Gottschalk wie ein Mercedes ohne Stern. Kein Nachfolger, diese Prognose sei gewagt, wird dem Vergleich standhalten. Sendung, Format und Moderator sind in mehr als 20 Jahren untrennbar zusammengewachsen und zu einer gemeinsamen Marke geworden. Gottschalk hat mit seiner Samstagabendshow Kultur, Fernseh- und Mentalitätsgeschichte geschrieben. Er hat samstagabends den Zuschauern das beruhigende und behagliche Gefühl vermittelt, ein Vergnügen mit vielen Millionen zu teilen und mit ihnen einer großen Gemeinschaft anzugehören.

Trotz aller Erfolge und Meriten wusste Thomas Gottschalk seit Langem: Irgendwann würde Schluss sein. Mit 70 und vielleicht einer fortgeschrittenen Hüftarthrose würde er sich selbst nicht mehr auf der "Wetten, dass ..?"Couch sehen wollen. Er wollte in Würde und zum richtigen Zeitpunkt gehen. Er hat sich sehr damit beschäftigt, ob er angesichts einer Kritik, die zusehends hämischer wurde, nicht einfach aufhören sollte. Man nannte ihn einen "Dinosaurier", Anfang des Jahres wurde er gar als "Mubarak des Unterhaltungsfernsehens" bezeichnet. Wie smarte Börsenanalysten verrichteten die jungen Fernsehkritiker ihr Werk. Sie wollten zwar kein Unternehmen, keinen Staat zugrunde richten, doch immerhin ein Fernsehdenkmal stürzen. Gottschalk empfand die Nörgelei an den Sendungen und den Spott über Quoten - rund zehn Millionen Zuschauer! - als bösartig und ungerecht und nahm sie mit der Zeit persönlich.

Empfindsam und mitfühlend war er schon immer. In den vergangenen Jahren ist er noch ein wenig dünnhäutiger geworden. Als besonders infam und niederträchtig empfand er die Unterstellung, er habe den tragischen Unfall von Samuel Koch in der Dezember-Sendung als Vorwand benutzt, um elegant den Ausstieg bei "Wetten, dass ..?" hinzubekommen. Wenn es in seiner Macht gelegen hätte, so hätte Gottschalk alles dafür getan, das Unglück zu verhindern. Nach der Sendung sprachen wir in München im Freundeskreis über den Unfall, den Abbruch der Sendung und das Schicksal des gelähmten Samuel Koch. Dieser Unfall bedeutete eine Zäsur, und Thomas Gottschalk wusste das besser als alle anderen. "Wetten, dass ..?" hatte seine Unschuld verloren. Ein Schatten wird fortan auf der Sendung liegen und nichts mehr so sein wie vorher. Das Leben ist eben doch keine Show, das Leben ist die Realität und der Ernstfall. Thomas Gottschalk hat das erkannt und seine Konsequenzen gezogen. In der Stierkampf-Arena von Palma wird er am 18. Juni noch einmal gefeiert, auch wenn ihm nach Feiern nicht recht zumute ist. Eine Institution, ein Stück Deutschland tritt ab. Eine Ära endet. Und die Fernsehnation dürfte bald schon merken, wie viel ihr mit diesem einzigartigen Entertainer verloren geht.

Vielen TV-Zuschauern ist Thomas Gottschalk, 61, so vertraut wie ein Familienmitglied. Mit dem Sommer Special aus Mallorca verabschiedet er sich am 18. Juni nach fast einem Vierteljahrhundert von "Wetten, dass ..?"

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