Thomas Gottschalk: Das Leben danach

Thomas Gottschalk verabschiedet sich nach 24 Jahren von "Wetten, dass ..?". Die Umstände sind tragisch - doch für ihn ergibt sich die Chance, sein Leben neu zu ordnen

Zugegeben, ich bin befangen.

Bitte erwarten Sie in diesem Text also keine Objektivität. Denn ich bin ein echter Fan - als Journalistin und als Privatmensch. Als erstere habe ich Gottschalk so manches Mal persönlich erlebt, beim späten Dinner auf der sommerlichen Terrasse des Hotels "Drei Könige" in Basel etwa, als er sich - wie ich - von Arthur Cohns Kinovorstellung auf dem Münsterplatz weggeschlichen hatte. Oder beim Tanz in einem Wiener Nachtclub nach einer Party des legendären österreichischen Produzenten Kalle Spiehs. Mit zwei Kolleginnen habe ich später in champagnerseliger Runde den inoffiziellen "Gottschalk-Fanclub" gegründet, nachdem Gottschalk mit uns drei Stunden lang plaudernd, lachend und scherzend zusammengesessen hatte.

Trauerfeier

Abschied von Bernd Eichinger

Trauerfeier Bernd Eichinger: Trauerfeier für Bernd Eichinger in München.
Trauerfeier Bernd Eichinger: Nina Eichinger
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Trauerfeier Bernd Eichinger: Thea und Thomas Gottschalk

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Situationen und Momente, die mir sicher stärker in Erinnerung geblieben sind als ihm. Und die mich keine "Wetten, dass ..?"-Folge verpassen ließen - meinen zähneknirschenden Ehemann neben mir. Aber an Gottschalk führte einfach kein Weg vorbei. Selbst meinen zweijährigen Sohn Johannes habe ich am vergangenen Samstag vor den Fernseher gesetzt. Diesen historischen Moment der TV-Geschichte sollte er live erleben: Sein, mein, dein, unser aller Gottschalk kündigte nach 24 Jahren bei der populärsten deutschen Unterhaltungsshow tatsächlich seinen Rückzug an. Am 18. Juni wird er auf Mallorca die letzte reguläre Show moderieren, im Herbst folgen drei Sendungen zum 30-jährigen "Wetten, dass ..?"-Jubiläum, die letzte am 3. Dezember in Friedrichshafen. Was für ein Verlust für die deutsche TV-Landschaft!

Der Unfall: Das Schicksal von Wettkandidat Samuel Koch lässt Gottschalk (hier nach dem Unfall am 4. Dezember, mit Michelle Hunziker) nicht mehr los.

"Mit dem Rücktritt geht eine Ära zu Ende, die Ära der großen Persönlichkeiten, die die Mehrheit zwischen acht und 80 binden können", sagt "Wetten, dass ..?"-Erfinder Frank Elstner zu Gala. Welchen Moderator kann man mit dieser Institution vergleichen? Gottschalks Fußstapfen, in die vermutlich ZDF-Allroundtalent Jörg Pilawa treten wird, sind riesig.

Die schräge Garderobe ist es nur am Rande, die Gottschalk so einzigartig macht. Vor allem ist es seine Gabe, seichte Unterhaltung und geistigen Tiefgang zu vereinen. Es ist sein Einfühlungsvermögen, seine wohl dosierte Respektlosigkeit, seine Herzlichkeit, seine Bescheidenheit, sein Gespür für den richtigen Moment. Doch so schwer er auch zu ersetzen sein wird und so tragisch die Umstände auch sind - für Gottschalk kann das Ende als "Wetten, dass ..?"-Moderator vielleicht sogar ein persönlicher Gewinn sein. "Noch nie habe ich Thomas so gelassen und erleichtert gesehen wie nach der Entscheidung aufzuhören", so ein enger Freund zu Gala. Sinkende Quoten und schlechte Kritiken seien nicht spurlos an ihm vorbei gegangen.

Die Entscheidung fiel bereits kurz nach der Sendung am 4. Dezember, in der Wettkandidat Samuel Koch so schwer stürzte, dass er heute mit einer Lähmung vom Hals abwärts in einer Schweizer Spezialklinik liegt. Mitte Dezember informierte Gottschalk auch schon das ZDF. "Eine große Zäsur. Die 'Wetten, dass ..?'-Familie bedauert sehr, dass der Vater der Show geht", so Sprecher Peter Gruhne zu Gala. Gleichzeitig gebe es innerhalb des Teams aber auch großes Verständnis. Nur über den Zeitpunkt, zu dem der geplante Rücktritt öffentlich wird, so ist zu hören, konnten sich Gottschalk und das ZDF nur schwer einigen. Der Sender, so ein Insider, wollte noch warten. Gottschalk wollte klare Verhältnisse.

"Ich kann in dieser Show nicht weitermachen, als wäre nichts passiert", erklärte er am vergangenen Samstag gleich zu Beginn. Für ihn persönlich liege nun ein Schatten auf der Sendung, der es ihm schwer mache, zu der gewohnt guten Laune zurückzufinden. Große, ehrliche Worte. Während er sie spricht, sitzt Gottschalk auf dem legendären Show-Sofa, schaut direkt in die Kamera, verhaspelt sich kein einziges Mal. Jedes Wort hat er - ganz ungewohnt für ihn - am Nachmittag zu Papier gebracht.

Ehefrau Thea, 64, ist Thomas Gottschalks Stütze. Auch für sie will er mehr Zeit haben. 2011 feiert das Paar seinen 35. Hochzeitstag.

Die Gedanken kreisten seit Wochen schon in seinem Kopf. Das Publikum werde ihn verstehen, orakelte der Moderator bereits vor der Sendung. Natürlich ist die Enttäuschung riesig, schon am Raunen im Saal konnte jeder das merken. Und doch: Gottschalk ist mit Anstand und mit menschlicher Größe zurückgetreten. Das lässt sein öffentliches Ansehen noch weiter steigen. Hätte er, wie im Stillen schon seit Langem geplant und mit Ehefrau Thea besprochen, erst 2012 zum Vertragsende abgedankt, wäre er vielleicht in Erklärungsnöte geraten. Jetzt aber kann jeder seinen Entschluss verstehen. Gottschalk leidet extrem unter dem Schicksal von Samuel Koch. Das Unglück des 23-Jährigen hat auch ihn gezwungen, sein Leben neu zu ordnen, wenn auch auf einer völlig anderen Ebene.

Nachdenklich präsentierte sich Thomas Gottschalk, hier mit Kollegin Michelle Hunziker, am vergangenen Samstag. Das Showgeschäft hat bei dem 60-Jährigen Spuren hinterlassen.

Bisher waren es Gedankenspiele, wie das Dasein ohne "Wetten, dass ..?" aussehen könnte. Jetzt plant Gottschalk konkret. Mehr Zeit für Thea und den Rest der Familie, zu der seit vergangenem Sommer auch ein Enkel gehört. Mehr Zeit für die vielen Freunde, für Kultur, für den Moment. Denn wie kostbar jeder Augenblick ist, hat ihm nicht nur Samuels Unfall, sondern auch der Tod seines guten Freundes Bernd Eichinger vor Augen geführt. "Bernds plötzlicher Herztod hat Thomas sehr nachdenklich gestimmt", so ein Bekannter des Moderators zu Gala.

Auch weiterhin will Gottschalk zwischen seiner Wahlheimat Malibu und Deutschland pendeln, wo er bei Remagen das Schloss Marienfels besitzt. Weiter moderieren will er auch. Während der Sender bereits an einem neuen Konzept für "Wetten, dass ..?" arbeitet, werden auch Formate für Gottschalk entwickelt. Denn ganz ohneeinander können sie nicht, das ZDF und der Gottschalk. Zum Glück. Auch für mich persönlich.

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