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Tarik "Ich möchte eine Welt, in der jeder Mensch das trägt, was er oder sie möchte"

Interview: Tarik Tesfu
Tarik Tesfu bei den About You Awards 2021
© Alexander Koerner / Getty Images
Tarik ist Moderator, Podcaster und Entertainer. Anlässlich der GALA PRIDE WEEK hat er mit uns über seine Liebe zur Mode gesprochen. Er trägt, was ihm gefällt – und hat außerdem ganz nebenbei ein Geheimnis ausgeplaudert. 

Tarik ist einigen vielleicht bereits aus der NDR-Talkshow "Deep und Deutlich" oder dem Online-Format "Jäger und Sammler" vom ZDF bekannt. Zurzeit hostet er zusammen mit Hadnet Tesfai den Podcast "Tratsch & Tacheles". Mit Witz und Humor – und seinen glamourösen Fashion-Looks – räumt der Wahl-Berliner mit Vorurteilen auf und schafft Sichtbarkeit für die LGBTQIA+- und BPOC-Community. 

Tarik: Pride ist mehr als ein Monat

GALA: Was bedeutet Pride für Sie?
Tarik: Pride heißt für mich, dass wir die Errungenschaften und Lebensgeschichten von queeren Menschen feiern. Ich bin ein Fan vom Pride Monat, würde mir aber wünschen, dass all das, was in diesem Monat zelebriert wird, auch das ganze Jahr über ein Thema ist. Denn queere Menschen bleiben auch nach dem zweiten Monat queer und Queerfeindlichkeit gibt es auch nach dem siebten Monat noch. 

Sie betreiben anti-rassistische und -sexistische Bildungs- und Aufklärungsarbeit. Können Sie kurz erklären, warum das so wichtig ist?
Wir haben in Deutschland ein Rassismusproblem und ein Sexismusproblem, Islamfeindlichkeit, Queer- und Behindertenfeindlichkeit stehen ebenfalls ganz oben auf der Liste. Das sind nicht nur Wörter, sondern das ist eine Realität. Früher war es mein Ansporn, auf diese gesellschaftlichen Missstände aufmerksam zu machen. Mittlerweile bin ich müde geworden und springe nicht mehr auf jede Rassismus-Debatte auf, die sich doch nur im Kreis dreht. 

Neues Motto: "Mehr machen, weniger reden"

Aber Sie setzen sich für Diversität, beispielsweise in der Medienlandschaft ein, richtig?
Das stimmt. Aber meine Devise ist jetzt mehr machen, weniger reden. Wenn ich als Schwarze queere Person in Deutschland ein Format moderiere, dann hat das für mich auch schon eine politische Dimension. Und dann möchte ich einfach als Moderator wahrgenommen werden, der wie seine weißen Kolleg:innen moderiert, weil er es kann und es ihm Spaß macht. Ich möchte meine Lebensrealität nicht mehr ständig in den Diskurs stellen. 

Meine Lebensrealität ist meine Normalität und die muss ich vor niemandem rechtfertigen. 

Ihre Kollegin Aminata Belli sagte mal etwas Ähnliches wie "Ich habe noch nie in einer Gruppe Schwarzer Menschen in der Öffentlichkeit etwas gemacht, ohne dass das Schwarzsein Thema war". Ist das etwas, was Sie auch stört?
Da bin ich komplett bei Aminata. Es gibt dir einfach das Gefühl, dass du nicht für das wahrgenommen wirst, was du gut kannst und gerne machst. Stattdessen wirst du für dieses eine Thema, zum Beispiel Rassismus, gelabelt, obwohl du es dir gar nicht selbst ausgesucht hast. Vielleicht möchte ich ja viel lieber über Mode sprechen, weil das mein Steckenpferd ist?

Fühlen Sie sich als Schwarze queere Person trotzdem manchmal verpflichtet, Bildungsarbeit zu leisten?
Ja klar. Aber das Traurige ist, dass es auch von mir erwartet wird. Und das nervt. 

Was müsste sich Ihrer Meinung nach noch verändern?
Natürlich ist es trotzdem wichtig, dass Betroffene über Rassismus sprechen. Die Talk-Formate, in denen vier weiße cis Männer sitzen und darüber diskutieren, ob gendern sinnvoll ist oder ob es in Deutschland Rassismus gibt, kennen wir mittlerweile nur zu gut. Und die bringen uns nicht weiter. Wir sollten also mehreren Perspektiven von Betroffenen Raum geben. Und die Betonung liegt auf mehreren!

Schwarze Menschen in Deutschland sind kein homogener Brei, sondern individuelle Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Empfindungen und Meinungen.

Mode ist seine Ausdrucksform

Sie sagten vorhin schon, Mode sei Ihr Steckenpferd. Was mögen Sie so an Mode?
Es macht mir einfach Spaß, mich mithilfe von Mode zu inszenieren. Wenn ich einen Look gefunden habe, der mir gefällt, überkommt mich eine innere Ruhe und Zufriedenheit. Manchmal muss ich nur eine Farbe ändern und dann passt das Outfit. Auf einmal ergibt alles Sinn und das ist wie eine Erleuchtung von oben, aus dem Mode-Himmel. 

Inwiefern hat Ihnen Mode auf dem Weg der Selbstfindung geholfen?
Mode hat mir vor allem geholfen, mich von meinen eigenen Limitierungen zu lösen. Und mir gezeigt, dass ich mir die Freiheit herausnehmen darf, das zu tragen, was ich möchte. Ich lasse mich nicht mehr vom binären Kleidungssystem knebeln und das ist ein tolles Gefühl. Außerdem setze ich damit ja auch wieder ein politisches Statement. Ich trage den Kajal einfach, weil ich ihn schön finde. Warum sollte ich mich dazu äußern? Ich hoffe, dass das irgendwann Normalität sein wird. 

Tarik lüftet sein Fashion-Geheimnis

Haben Sie (modische) Vorbilder oder Inspirationsquellen?
Whitney Housten, Billy Porter und Kim Kardashian.

Mit der zweiten Antwort habe ich gerechnet. Sie wurden ja auch schon als deutscher Billy Porter bezeichnet.
Das war ich lustigerweise selbst. Ich dachte mir, bevor man mich in eine Schublade steckt, mache ich lieber direkt eine Schublade auf, die mir gefällt. 

Clever, bei mir hat es funktioniert. Und in hetero-normative Fashion-Schubladen lassen Sie sich auch nicht pressen?
Ich habe mich zumindest nicht allzu stark von diesen Schubladen beeinflussen lassen. Vielleicht auch, weil ich nie so richtig verstanden habe, warum es Klamotten für Männer und Klamotten für Frauen gibt. Es macht doch einfach Freude, ein Kleidungsstück auszuwählen, weil es dir gefällt und zu dir passt und nicht, weil es vermeintlich männlich oder weiblich ist. Und natürlich, wenn ein Typ sagt, ich habe keinen Bock, ein Kleid zu tragen, dann muss er das nicht. Aber alle Menschen, die Lust darauf haben, egal welchem Geschlecht sie sich zuordnen, sollen das bitte machen.

Was halten Sie dann von den "queer-baiting" Vorwürfen, die Harry Styles gerade zu spüren bekommt?
Harry Styles hat sich ja zu seiner Sexualität bisher nicht öffentlich geäußert. Aber nehmen wir mal an, er ist ein cis hetero Mann, dann dürfte er doch trotzdem Kleider, Blusen und auch ein bisschen Make-up im Gesicht tragen. Ich werfe mir ja auch keine Abendrobe über, weil ich queer bin, sondern weil ich sie einfach schön finde. Und wenn sich Harry Styles vor allem von queeren Personen hat inspirieren lassen, dann finde ich das nicht schlimm, sondern eher etwas Gutes. 

Ich möchte eine Welt, in der unabhängig vom Geschlecht oder von der Sexualität einfach jeder Mensch das trägt, was er oder sie gerne möchte. 

Sie haben mal angemerkt, dass Schuhe einen Look erst perfekt machen. Welche tragen Sie heute?
Adiletten. Für einen "Zuhause-Look" sind die aber auch das Beste, was du machen kannst. Sie sind bequem, die Füße kriegen Luft und gerade meine freuen sich tierisch bei 30 Grad mal nicht in Plateau-Boots zu stecken. 

Gala

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