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Stephanie von Pfuel "Charly hatte keine Chance"

Stephanie von Pfuel und Charly Bagusat (†)
Stephanie von Pfuel und Charly Bagusat (†)
© Franziska Krug / Getty Images
Nächste Woche beginnt der Prozess gegen den Raser, der Stephanie von Pfuel ihren geliebten Sohn nahm. Die Gräfin und ihre Familie hoffen auf ein gerechtes Urteil.

Ein schmerzhafter Tag erwartet sie. Trotzdem sehnt Stephanie Gräfin Bruges-von Pfuel, 60, den 24. August herbei. Denn an diesem Tag beginnt in Berlin der Prozess gegen jenen Mann, der ihr das Liebste genommen hat: ihren Sohn Charly. Der 26-Jährige war im März 2019 in Berlin beim Überqueren einer Straße von einem Raser erfasst worden. Sieben Tage später erlag Charly Bagusat seinen Verletzungen.

In GALA spricht Stephanie von Pfuel jetzt erstmals ausführlich über ihren schier unerträglichen Verlust – gemeinsam mit ihrer Tochter Sophie Bagusat, 31, die wie Charly aus der zweiten Ehe der Gräfin mit dem Geschäftsmann Bernd-Harald Bagusat stammt. Stephanie von Pfuel berichtet davon, an welchen Tagen es für sie kaum auszuhalten ist, dass Charly nicht mehr lebt. Und sie spricht über jene Momente, in denen sie sich ihm ganz besonders nahe fühlt.

Auch Sophie erzählt, wie sie mit dem Tod ihres Bruders umgeht, dieser "unendlichen Leerstelle" die immer bleiben wird. Und von ihrer schweren Lebenskrise, die sie – auch dank ihrer Mutter – inzwischen überwunden hat. GALA trifft Mutter und Tochter auf ihrem Familienschloss Tüßling in Bayern. Es ist ein Nachmittag, an dem viel geredet wird, unterbrochen aber immer wieder auch von Momenten der Stille und der Tränen.

Stephanie von Pfuel + Sophie Bagusat im GALA-Interview

GALA: Am 24. August beginnt der Prozess gegen den Mann, der Charly überfahren hat, die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung. Mit welchem Gefühl blicken Sie diesem Tag entgegen?
Stephanie von Pfuel: Ich habe große Angst vor dem Prozess, werde aber trotzdem teilnehmen. Weil ich dem Menschen, der mein Kind getötet hat, ins Gesicht schauen möchte. Ich wünsche mir, dass er eine gerechte Strafe bekommt. Und, ganz wichtig: Ich hoffe, dass der Prozess überhaupt stattfindet! Ich bin mir nicht sicher, ob der Angeklagte erscheinen wird.

Warum zweifeln Sie daran?
Pfuel: Weil er auf einem Social-Media-Profil als Wohnort "Türkei" angibt. Das Gutachten der Dekra-Experten zeigt jedenfalls eindeutig, dass er mit absolut überhöhter Geschwindigkeit gefahren ist. Außerdem war er vor dem Unfall schon mit quietschenden Reifen unterwegs und hätte fast andere Passanten umgefahren. Trotzdem postet er auf seinen Social-Media-Profilen weiter Fotos, auf denen er vor getunten Autos zu sehen ist. Aus dem Unfall hat er anscheinend nichts gelernt.

Sophie, werden Sie auch da sein?
Sophie Bagusat: Ja. Auch für mich wird es ein sehr emotionaler, schwerer Tag. Ich habe alle medizinischen Berichte gelesen, alle Fotos gesehen ... das habe ich nicht geschafft. Ich habe nur das letzte Video ange­schaut, das eine Kamera kurz vor dem Unfall aufgezeichnet hat. Man sieht Charly da stehen, wie er nach rechts und links schaut, bevor er die Straße betritt. Das letzte Mal. Er hatte keine Chance.

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"Schlimm wäre für mich eine Bewährungsstrafe"

Was würden Sie als gerechtes Urteil empfinden?
Pfuel: Schlimm wäre für mich, wenn der Angeklagte mit einer Bewährungs­strafe davonkommen würde.

Bagusat: Und, Mami, du hoffst auf eine Entschuldigung.

Pfuel: Mir ist schon klar, dass der Täter wahrscheinlich nicht um Verzeihung bitten wird, das wäre ja quasi ein Schuldeingeständnis. Für mich gilt: Bevor dieser Prozess nicht über die Bühne gegangen ist, kann ich nicht mit dem Geschehen abschließen.

Und Sie, Sophie?
Bagusat: Ich habe damit schon abgeschlossen. Oder besser: Ich habe akzeptiert, was passiert ist. Der Schmerz, die Trauer und diese unendliche Leerstelle in meinem Leben werden aber bleiben.

Pfuel: Besonders schlimm sind jedes Jahr der Unfalltag, der Todestag, der Geburtstag – und Weihnachten. Charlys Verlust fühlt sich an, als hätte man mir einen Körperteil amputiert. Ich lerne gerade, mit einem Arm oder Bein zu leben, das geht. Aber ich leide unter grauenvollen Phantomschmerzen.

Sie werden also beide im Gerichtssaal sein.    
Bagusat: Ja, ich möchte neben Mami sitzen. (schaut zu ihr) Ich will nach der Verhandlung für dich da sein.

Pfuel: Es werden auch einige Freunde dabei sein. Sie waren immer für mich da, haben zum Teil bei mir im Bett geschlafen und mir in den schwersten Tagen viel Trost gespendet. Auch fast alle meine Kinder nehmen teil – für sie ist es genauso schwer. Wir alle sind nach Charlys Verlust zusammen­ gebrochen. Nach seinem Tod habe ich mich bewusst zurückgezogen, weil mir einfach die Energie gefehlt hat.

"Er hat mir das Liebste genommen, was man einem Menschen nehmen kann"

Was würden Sie dem Angeklagten gerne sagen?
Bagusat: Dass er nicht mehr rasen soll! 

Pfuel: Ich bin kein Racheengel. Trotz­dem hoffe ich, dass er jeden Abend mit dem Gedanken einschläft, dass er jemanden umgebracht hat. Er hat mir das Liebste genommen, was man einem Menschen nehmen kann: sein Kind.

Wie präsent ist Charly heute in Ihrem Leben?
Bagusat: Sehr. In meinen Träumen erscheint er sehr oft, er spricht auch mit mir. Und einmal, als ich unsere Kapelle im Schloss für ihn geschmückt habe, lag danach ein Herz­ballon vor der Tür, den es hergeweht hatte. Ich habe das als ein Zeichen von ihm betrachtet. Im Alltag nehme ich mir bewusst Auszeiten, in denen ich eine Kerze anzünde, an Charly denke und seine Musik höre. Er hat ja selbst komponiert.

Pfuel: Das schaffe ich alles noch nicht. Auf meiner Kommode steht ein sehr schönes Foto von ihm. Das sehe ich mir jeden Tag an. Und in un­serer Kapelle hier im Schloss brennen immer sechs Kerzen, je eine von seinen fünf Geschwistern und mir. Gerade haben wir seine Gitarre dazugelegt.

Stephanie von Pfuel musste entscheiden, ob die Maschinen abgestellt werden

Haben Sie das Gefühl, dass er weiter bei Ihnen ist?
Pfuel: Ja. Kurz nach seinem Tod habe ich sogar ein paarmal gespürt, dass er direkt neben mir steht. Wie früher. Was ich glücklicherweise verdrängt habe, ist seine Krankenhauszeit – Charly bekam immer mehr Schläuche. Und der Moment, in dem ich ent­scheiden musste, ob die Maschinen abgestellt werden ... Ja, deshalb frage ich mich schon, was dieser Mensch sich beim Autofahren gedacht hat.

Bagusat: Trotz allem war und ist meine Mami der Fels in der Brandung – für uns alle. Sie ist immer da. Sie würde alles für uns opfern. Auch als es mir vor ein paar Jahren nicht so gut ging, hat sie sich liebevoll gekümmert.

Über diese Zeit – Ihren Burnout – berichten Sie in Ihrem Buch "Nicht perfekt ist auch gut".
Bagusat: Auch beim Schreiben war Mami involviert, sie hat alle Kapitel vorab gelesen und mir sehr geholfen. Das Buch handelt von meinen Panik­attacken und der Erschöpfungs­depression, die ich dank eines Klinik­aufenthaltes und der nachfolgenden Therapie in den Griff bekommen habe. Heute geht es mir wieder gut.

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Ihr Buch liest sich wie ein Tagebuch, ein Blick in Ihre Seele.
Bagusat: So war es ursprünglich gedacht – als Tagebuch. Dann habe ich Hendrik (der Verleger Hendrik te Neues, ein ehemaliger Lebens­gefährte von Stephanie von Pfuel; Anm. d. Red.) gefragt, ob er vielleicht jemanden kennt, der es für mich korrigieren kann. Er hat sofort seine Hilfe angeboten. Ich habe zunächst gezögert, weil ich nicht wusste, ob ich meinen Weg wirklich vor aller Welt ausbreiten wollte. Nachdem Hendrik sich das Leben genommen hat, wusste ich sofort, dass ich das Buch heraus­bringen werde. Er hat mir einen wichtigen letzten Satz mit auf den Weg gegeben: "Auch wenn dein Buch nur ein einziges Menschen­ leben verändert, hat es seinen Zweck erfüllt." 

Wie leben Sie heute, was machen Sie anders?
Bagusat: Mein Tempo hat sich verlangsamt. Ich achte mehr auf mich. Und ich habe aufgegeben, Perfektionistin zu sein. Ich praktiziere Yoga und Reiki, meditiere – ich nenne das meinen Reisekoffer, der stets gut gefüllt ist. 

Pfuel: Über diese Entwicklung bin ich sehr, sehr froh. Ich habe mir große Sorgen gemacht. Sophie kam aus Schweden zu mir nach Tüßling, und wir waren ständig in der Not­aufnahme. Sie dachte, sie habe einen Herzinfarkt, litt unter Ausschlägen und Angstzuständen. An eine psy­chische Ursache hat sie zunächst nicht geglaubt.

Bagusat: Du schon.

Pfuel: Ich war schon öfter Menschen nahe, die an einer Depression litten, und habe die Anzeichen sofort er­kannt. Mir war klar, dass es ohne professionelle Hilfe nicht geht.

Was hat bei der Akzeptanz der Krankheit schließlich geholfen?
Bagusat: Die Aussage meiner Psychologin: "Sophie, das wird vorbei­ gehen. Du kannst das schaffen." Das war der Schlüssel für mich. Klar war die Veränderung anstrengend – jeden Morgen zu meditieren beispielsweise ist zunächst eine Herausforderung. Aber wenn es zur Routine wird und man spürt, wie gut das tut, macht man es gerne.

Der Tod Ihres Bruders hätte Sie in eine neue Krise stürzen können.
Bagusat: Ich war mir selbst nicht sicher, was passieren würde. Ich habe den Schmerz bewusst zugelassen. Und sofort gespürt, dass Charly weiter um mich ist. Das hat mir Kraft geschenkt. 

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Sie haben sich ein Familientattoo stechen lassen

Nun steht Ihnen Schönes bevor: Sie werden im nächsten Jahr heiraten.
Bagusat: Ja, Alex ist der Mann meines Lebens, das war immer schon klar. Bei ihm in Schweden fühle ich mich zu Hause. Elf ist meine Glücks­zahl – und im elften Jahr unserer Beziehung habe ich meinen Antrag bekommen.

Pfuel: Ich habe dich in Stockholm besucht, weißt du noch, als wir uns alle das Familien­tattoo haben ste­chen lassen. Ich habe meins an der linken Hüfte. Es ist die Schlange, die sich hier im Innenhof an der Fassade kringelt. Sie wurde in der Renaissance gemalt und ist quasi unser Familientier.

Sophie, wünschen Sie sich auch so eine große Familie wie Ihre Mutter?
Bagusat: Nein, mir rei­chen zwei Kinder. Und viele Tiere. Aber der Fokus liegt erst mal bei mir.

Pfuel: Mit Kindern ist immer was los, das ist schön. Das Schloss war immer ein offenes Haus, jeder durfte seine Freunde mitbringen.

Bagusat: Und Charlys Freunde kommen weiter zu Besuch! Für sie bleibt meine Mutter immer ihre zweite Mama.

Gala

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