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Stefanie Giesinger "Jeder Kommentar kommt in meinem Herzen an"

Stefanie Giesinger
© Getty Images
Stefanie Giesinger und Iris Berben trafen sich mit GALA zum Powerfrauen-Gipfel. Mit starken persönlichen Meinungen über Vorbilder, die Sucht nach Likes im Internet und das Flirten im Zeitalter von MeToo.

Blitzlichtgewitter im Botanischen Garten in Berlin: Zwei so schillernde Exemplare hat man hier noch nie gesehen. Iris Berben, 69, Deutschlands größter Filmstar, und Stefanie Giesinger, 23, Model und Mega-Influencerin, werfen sich in Pose. Bei diesem Anblick staut sich schnell der Publikumsverkehr vor der kleinen Holzbrücke.

Stefanie Giesinger + Iris Berben im GALA Interview

GALA hat Iris Berben und Stefanie Giesinger zum Powerfrauen-Gipfel geladen. Und schnell wird klar, dass die beiden über ihre Arbeit als "L’Oréal Paris"-Botschafterinnen hinaus noch viel mehr verbindet. Es geht bei diesem Gespräch um das heutige Frauenbild - nicht zuletzt im Internet, das den Alltag immer mehr bestimmt. Es geht um die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit auf allen Kanälen. Aber auch um die klassische Lust am Flirten.

GALA: Wofür bekommen Sie die meisten Komplimente?
Iris Berben: Es ist seltsam, sich selbst mit einem Kompliment zu beschreiben. Aber man sagt mir Ehrlichkeit nach.
Stefanie Giesinger: Ich höre am meisten, dass ich so herzlich bin. Das freut mich sehr. Aber ich höre auch oberflächliche Komplimente wie: "Du bist wunderschön!" Da denke ich mir: Vielen Dank, aber ich trage auch viel Make-up und war schon in der Maske.

Berben: Ich finde, es sind die schöneren Komplimente, die man für das bekommt, was man ist. Wir wissen alle, wie man in Szene gesetzt werden kann. Es gibt keinen Menschen, den man nicht wunderschön fotografieren kann.

Bei Ihnen beiden gehört das zum Beruf.
Berben: Bei Stefanie vielleicht noch mehr als bei mir. Aber Komplimente für die eigene Persönlichkeit - die tun wirklich gut.
Giesinger: Genau, die bedeuten einem etwas.

Iris Berben: "Eine Beziehung ist ja ein geschützter Raum"

Und welches Kompliment haben Sie zuletzt Ihren Männern gemacht?
Giesinger: Meinem Freund sage ich oft, dass er sich echt gut anziehen kann. Ich kenne es aus meinem Elternhaus so, dass meine Mama meinen Papa anzieht - er interessiert sich so gar nicht für Mode. Aber mein Freund ist stilvoller als ich. Er hilft mir immer beim Aussuchen.
Berben: Ich bedanke mich öfter bei meinem Partner, dass er mich zum Lachen bringt. Er ist eher ein ruhiger Mensch, hat aber einen besonderen Humor. Eine Beziehung ist ja ein geschützter Raum, in dem man miteinander und auch über sich selbst lachen kann.

Giesinger: Wo man auch mal Dinge nicht so ernst nimmt. Er ist als Erstes mein bester Freund. Und dann kommen die ganzen anderen Ebenen. Es ist so wichtig, einen Raum zu erschaffen, in dem einem nichts peinlich ist. In dem man sich nicht beweisen muss.
Berben: In dem man sich nicht verstecken muss.

Frau Giesinger, Sie haben kürzlich in einem Instagram-Video geschildert, wie anstrengend für Sie vor allem vergangenes Jahr der Druck war, stets perfekt sein zu müssen. Umso wichtiger dürfte Ihnen Ihre Beziehung sein.
Giesinger: Absolut! In meinem Beruf haben die Menschen, denen ich begegne, alle schon ein Bild von mir und damit auch eine Erwartung. So fühle ich mich immer gezwungen zu inspirieren und auch zu beweisen, dass ich es verdient habe, da zu sein, wo ich heute bin.

Stefanie Giesinger: "Ich hau mir jetzt den Burger und die Pasta rein"

Wie sieht Ihr Ausgleich zu Hause aus?
Giesinger: Da bin ich einfach Stefa­nie, lege alles andere ab und kann auch sagen: "Ich hau mir jetzt den Burger und die Pasta rein! Du liebst mich so, wie ich bin. Auch mit meinen Fehlern."

Frau Berben, noch mal zum Thema Komplimente. Gibt es seit der MeToo-Debatte beim Flirten überhaupt noch das Spielerische?
Berben: Ich nehme mir das Recht. Weil ich mir auch das Recht nehme, unterscheiden zu können, wo eine solche Debatte Wichtigkeit hat und Schärfe braucht. Aber ich habe auch das Gefühl, uns werden Errungen­schaften wieder weggenommen.

Inwiefern?
Berben: Wir sind in den Sechzigern und Siebzigern für die Rechte der Frauen auf die Straße gegangen. Für das, was heute für junge Frauen wie Stefanie selbstverständlich ist: mit eigenen Entscheidungen akzeptiert zu werden, Domänen betreten zu können, die sich in der damaligen Zeit den Frauen nicht öffneten. Mich stört in der Diskussion, dass ich nur als Opfer wahrgenommen werde. Ich habe ein anderes Selbstverständnis und Selbstbewusstsein.

Influencerin und Schauspielerin ähneln sich

Wie flirten Sie?
Berben: Ich flirte gerne. Mit dem Leben, mit Menschen. Ich will mir das auch nicht nehmen lassen. Für mich bedeutet das, etwas mit besonderer Offenheit wahrzunehmen und zuzulassen. Aber MeToo ist ein komplexes Thema, man kann da mit jedem Satz etwas lostreten. Auch so ein Problem in dieser Zeit. Ich fühle mich sehr einge­engt in der Regelung, wie man etwas äußern sollte, weil da sofort ein ...
Giesinger: ... Shitstorm entsteht.

Berben: Ja, weil eine Öffentlichkeit entsteht, bei der es gar nicht mehr möglich ist, dass man Sätze zu Ende denkt und spricht und sie im Kontext bleiben.
Giesinger: Danke, Iris, für das, was du jetzt sagst. Und für das, was du damals gemacht hast.
Berben: Es ist immer schwierig, wenn man von den Frauen spricht. Genau wie ich mich dagegen wehre, von der Jugend zu sprechen. Es gibt große Unterschiede. Wenn ich höre, wie reflektiert Stefanie redet, wie sie ihren Beruf einordnet: Das ist klug.

Ein Punkt, an dem Sie sich ähneln.
Berben: Ja, man muss zwischen dem privaten Leben und der Außenwirkung unterscheiden. Aber gerade heute drängen viele Menschen so sehr in die Öffentlichkeit, dass sie das gar nicht mehr trennen, nicht mehr einordnen können. Und wenn du dich abhängig machst von der Messlatte, die von außen kommt, kann das sehr proble­matisch werden.
Giesinger: Du triffst es auf den Punkt! Ich glaube, momentan haben wir ein großes Problem mit Social Media. Man fühlt sich gezwungen, wirklich alles zu teilen. Und dabei immer perfekt zu sein. Denn sobald man Fehler zeigt, bekommt man das ab. Wenn man mal doof ausgesehen hat, sich zu frei geäußert hat und das nicht die Meinung aller war, dann kommt der Shitstorm. Das kann einen echt erdrücken.

"Haben wir überhaupt was erreicht in der Frauenbewegung?"

Wie schützen Sie sich davor?
Giesinger: Mir hilft es, mich viel mit mir selbst zu beschäftigen und zu wissen: Wer ist Stefanie und wer ist die öffentliche Person? Mein Freund und meine Familie - Bezugspersonen, die einen wirklich kennen - sind ganz wichtig.

Frau Berben, haben Sie es da leichter? Sie haben keinen Instagram-Account.
Berben: Ich bin in den Sozialen Medien überhaupt nicht unterwegs. Das war eine bewusste Entscheidung, die auch nicht von allen goutiert wird. Es geht nicht darum, dass ich diese Errungenschaft nicht gut fände. Im Gegenteil: Sie öffnet uns vielseitige Möglichkeiten, uns zu vernetzen. Aber sie taugt eben auch zum Missbrauch. Wir leben in einer aufregenden Zeit. Alles geht schneller, entwickelt sich neu - ich habe große Lust, dabei zu sein und mitzugestalten. Aber durch meine Arbeit und meine politischen State­ments bin ich schon sehr öffentlich. Den Rest möchte ich schützen.

Wie sehen Sie das Frauenbild im Internet?
Berben: Es gibt natürlich auch Selbstdarstellungen, da frage ich mich: Haben wir überhaupt was erreicht in der Frauenbewegung?

Und wie empfinden Sie das, Frau Giesinger?
Giesinger: Seit einer Weile ist eine neue Plattform raus, TikTok. Tatsäch­lich sind da fast nur Minderjährige, die sich freizügig, tanzend, posierend vor der Kamera zeigen. Das macht mir Angst, weil ich mir denke, okay, in welche Richtung gehen wir denn gerade als Frau? Ich finde es gar nicht schlimm, wenn man mit seinem Sexappeal spielt. Hey, I love it! Aber meistens sind das Mädchen, die eigent­lich schüchtern sind und sich irgend­wie gezwungen fühlen mitzuhalten.

Die Versessenheit nach Likes

Wenn diese Mädchen aus ihrer Sicht im Netz Erfolg haben - wie wirkt sich das aus?
Giesinger: Wenn sie sich so auf­nehmen und dafür Likes bekommen, macht das süchtig. Jeder Like bringt einen zum Weitermachen. Wo hören wir dann auf? Wie weit kann das ausarten?

Darauf haben Sie mit knapp vier Millionen Followern einen großen Einfluss. Sie können das richtige Vorbild sein.
Giesinger: Ja, aber es gibt da noch viele andere Menschen, die das Bild prägen. Wenn wir mal auf die Kardashians schauen: Die stehen aus­ schließlich für Selbstoptimierung. Die Lippen, die Brüste, der Po, alles muss gemacht sein. Bloß nie ohne Make-up. Das sind die Vorbilder, die die Masse erreichen. Dagegen bin ich ein Vorbild für eine kleine Gruppe.

Frau Berben, hat sich das Schönheitsideal durch Instagram verändert?
Berben: Da fragen Sie die Richtige! (lacht) Ich habe jahrelang nichts von Filtern gewusst und mich nur immer gefragt, warum die anderen auf den Fotos so perfekt aussehen. Ich wollte mir fast schon ein anderes Smartphone kaufen.
Giesinger: Instagram hat definitiv etwas verändert.

Berben: Als ich jung war, wollte ich unbedingt so sein und so aussehen wie kein anderer. Was ich dafür aufgeführt habe! Wie ich rumgelaufen bin! Hauptsache unverwechselbar. Heute möchten viele aussehen wie XY. Das sagen dann nicht zwei Menschen, sondern zwei Millionen. Der schlimme Satz in der Boutique: "Man trägt das jetzt." Ich bin in den Sechzigern und Siebzigern groß geworden. Wir hatten damals eine unbeobachtete Spielwiese, auf der auch alle Spielformen möglich waren.

Iris Berben: "Erfolg ist eine Droge"

Hätten Sie diese Zeit gern erlebt, Frau Giesinger?
Giesinger: Voll gerne!

Warum?
Giesinger: Weil alles so frei war. Ich glaube, dass man auch damals be­urteilt wurde, aber nicht so wie heute. Jetzt wird man nur noch bewertet, vor allem durch die Sozialen Medien. Ich weiß, wir sprechen hier gerade sehr viel über diese Medien. (lächelt)
Berben: Sie bestimmen ja auch das Leben von ganz vielen.
Giesinger: Das ist leider wirklich so. Die Bewertungen dort prägen einen, und man versucht sich zu verändern. Denn jeder Mensch will gemocht werden.
Berben: Genau, der Druck ist da. Jeder möchte geliebt werden.
Giesinger: Deshalb lässt man an sich ziehen und passt sich an. 

Berben: Aber hast du nicht auch das Gefühl, dass es viel schöner ist, von Menschen bewertet zu werden, die einem dabei in die Augen schauen, als von einer anonymen Masse? Wobei auch ich meine anonymen Liebhaber habe, die Zuschauer.
Giesinger: Wenn ich logisch da­rüber nachdenke, kann ich das trennen, dann weiß ich: Das ist das Netz. Aber ich bin ein Mensch mit Gefühlen. Und jeder Kommentar kommt in meinem Herzen an. Aber natürlich ist es mir viel wichtiger, die Meinung eines Freundes zu hören. Verletzend ist leider auch das andere. Wir alle schreien nach Aufmerksamkeit. Und wenn wir sie haben, wollen wir sie auch behalten.

Berben: Das ist die Gefahr. Das ist in der Schauspielerei nicht anders. Machst du etwas, um im Gespräch zu bleiben - oder weil du sagst, das ist eine künstlerische Herausforderung. Das sind Entscheidungen, die man trifft. Erfolg und Bekanntheit sind auch eine Droge. Man muss lernen, behutsam damit umzugehen.

Stefanie Giesinger: "Augenkontakt oder ein Flirt kann sexy sein"

Frau Giesinger, Sie stehen im Netz nicht nur für Schönheit, Sie transportieren auch andere Inhalte. Ist das Ihr Ausgleich für Oberflächlichkeit?
Giesinger: Das Tolle ist, dass ich im Netz eine Stimme habe. Und meine Krankheit ist dabei Segen und Fluch. (Stefanie Giesinger leidet unter "Volvulus durch Malrotation". Das heißt, innere Organe können sich immer wieder verdrehen, dann werden Operationen nötig; Anm. d. Red.) Ich konnte so viele Follower mitnehmen auf diese Reise. Krankenhaus, Operationen, eine Narbe haben: Wie fühlt man sich da­ mit? Vor allem in unserer Schönheits­industrie, in der man eigentlich makellos sein soll. Ich glaube, ich habe ganz vielen Menschen Mut gemacht.

Stichwort Schönheit: Sind Sie gerne sexy?
Berben: Na klar!
Giesinger: Auf jeden Fall! (Beide antworten zeitgleich und lachen dann los)
Berben: Dafür gibt es kein Verfalls­datum.
Giesinger: Ich liebe es. Schon ein Augenkontakt oder ein Flirt kann sexy sein. Eigentlich ist Sexyness ein Gefühl. Und ich muss dafür unbedingt selbst­ bewusst sein. Wenn ich weiß, was ich kann und wer ich bin, dann ist das super sexy.
Berben: Ich bin auch meine beste Freundin. Und mit der kann man bekanntlich streiten und lachen und sich richtig ärgern.

Iris Berben: "Nehmt euch euer Recht!"

Was sind Ihre schnellen Tricks für einen guten Auftritt?
Berben: Augenbrauen betonen und Lippenstift. Damit komme ich schon mal ganz gut durch den Tag.
Giesinger: Eine Dusche hilft. Und Concealer gegen Augenringe.

Also kann auch das Äußere das Innere stärken?
Berben: Kleidung und Make­-up helfen natürlich dabei, dass wir unser Aussehen unterstützen und uns gut fühlen.
Giesinger: Unbedingt.

Und was muss ein scharfer Typ haben?
Giesinger: Humor, Selbstbewusstsein ... Mmmhhh, ein scharfer Typ, was sonst noch?
Berben: Ein Knackarsch stört auch nicht.
Giesinger: Ja, der ist auch nicht schlecht.

Haben Sie beide einen Rat an die Generation der jeweils anderen?
Giesinger: Das ist kein Rat für Iris, sie braucht den nicht, aber ich erlebe es oft, dass Menschen über 50 sagen: "Was die Jungen denken, interessiert mich nicht. Labert ihr mal, ihr wisst gar nicht, was das Leben bedeutet, und ihr habt doch noch gar keine richtige Meinung." Ich glaube aber, dass es wichtig ist, miteinander zu kommuni­zieren. Irgendwo in der Mitte liegt die Wahrheit. Man muss uns einbeziehen, denn wir haben noch eine lange Zeit vor uns.

Berben: Das ist etwas, worum ich Stefanie wirklich beneide: Sie hat die Zeit noch vor sich. Einen Rat zu geben finde ich schwierig. Vielleicht, dass es das Recht der Jugend ist, vieles infrage zu stellen, Veränderungen voranzu­bringen, Neues einzufordern, unge­duldig zu sein. Also nehmt euch euer Recht! Die Jugend auszugrenzen ist einfach arrogant.
Giesinger: Danke, Iris.

Gala

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