The Libertines: Torkelnd durch die Verdammnis

Kritiker verzeihen keiner Band, die immer gleich klingt. Außer den Libertines: Denen würde keiner verzeihen, wenn sie anders klingen würden.

Vor acht Jahren wären sich wohl alle, vom "Bild"-Leser bis zum "Rolling Stone"-Redakteur, einig gewesen: Von werden wir nichts mehr hören. Damals war der vielleicht letzte Verfechter des Hardcore-"Sex, Drugs & Rock"n"Roll"-Lifestyles auf dem Höhepunkt seiner medialen Präsenz und Tiefpunkt seiner Drogenkarriere angekommen. Und obwohl er es trotz Crack, Ketamin und Heroin im Blut noch zu einem - sogar richtig guten - Album mit seinen Babyshambles schaffte, bestand nach mehrmaligen Festnahmen, gescheiterten Entzügen, vollgekotzten Anzügen und verpassten Auftritten kaum mehr eine Chance für das aufgedunsene Babyface des Britpop.

Erst recht nicht, nachdem selbst Heroin-Chic-Königin den Kopf aus der Schlinge zog und Doherty ver- und seinem Schicksal überließ. Damals waren Pete und sein Bandkollege und Inspirationspartner so verstritten, dass Doherty sogar einmal in Wohnung eingebrochen sein soll. Damit konnten sie den Oasis-Brüdern in Sachen Bro-Fight Konkurrenz machten. In Sachen Musik hatten sie das schon längst: The Libertines waren mit nur zwei Alben sowas wie die Krönung der britischen Indierock-Bewegung, während Oasis als Väter des Britpop zwar legendär, aber nicht mehr relevant waren.

Und nun weiß man gar nicht, was an "Anthems For Doomed Youth" das Überraschendste ist: Dass Pete Doherty noch lebt, dass die Freundschaft zu Carl Barat noch zu retten war - oder, dass das erste Libertines-Album seit elf Jahren trotz übernatürlicher Erwartungen tatsächlich ziemlich gut geworden ist. "Ziemlich", weil der verschnodderte Indie-Rock, den die Libertines so kunstvoll mit Bierfahne und Kippe im Mundwinkel zelebrieren, im Jahr 2015 vor allem Nostalgie auslöst. Wenn Doherty sich mit schütterem Haar und Barat im Arm, der immer mehr an erinnert, im Videoclip durch asiatische Gassen säuft, erinnert das mehr an zwei Schulfreunde, die endlich ihren Streit beigelegt haben, als an musikalische Revolution.

Aber vermutlich geht es ja genau darum: Nostalgie, Freundschaft, good old times. Kritiker verzeihen keiner Band, die immer noch klingt, wie vor zehn Jahren. Außer den Libertines: Denen würde niemand verzeihen, wenn sie plötzlich anders klingen würden. Ein bisschen sind die Freigeister auch die Konservierung des Lebensgefühl aller "The"-Band-Fans der Nullerjahre. Sie transportieren immer noch dasselbe Gefühl, zu dem wir 2004 den Seitenscheitel geschüttelt haben: lässig, dreckig, irgendwie anders und dank H&M dann doch ganz viele.

An dem neuen Album stimmt auf jeden Fall sehr vieles. Und das, obwohl ausgerechnet der Produzent für den letzten Schliff herangezogen wurde, der sonst die Alben von One Direction oder auf Hochglanz poliert. Doch glücklicherweise klingt das hier alles immer noch nach Kellerclub. Dohertys Stimme, die ja alleine schon für einen Flashback von Zeitreisen-Ausmaß herhalten kann. Songs wie "Gunga Din" oder "Heart Of The Matter", die so viele Haken und damit genau in die Kerbe schlagen, die Melodie und Energie so mitreißend verkörpert, dass man für einen Schweißtropfen von Doherty beim nächsten Konzert noch einmal ganz vorne dabei sein will. Wer seine Karriere auf die Wildheit der Jugend aufbaut, darf eben nie erwachsen werden. Wer das geschafft hat, wird dieses Album lieben. Und sei es nur aus Nostalgie.

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