Nackt unter Wölfen: Das ist das echte "Buchenwald-Kind"

Der TV-Film "Nackt unter Wölfen" basiert auf einer wahren Geschichte. Das "Buchenwald-Kind" Stefan Jerzy Zweig lebt noch heute.

Inmitten der Hölle ein Funke Menschlichkeit: Im Konzentrationslager Buchenwald, wenige Wochen vor der Befreiung durch das US-Militär, wird ein 3-jähriger jüdischer Junge in einem Koffer ins Lager geschmuggelt. Kurzerhand entschließt sich eine kleine Gruppe politischer Häftlinge, den kleinen Stefan zu verstecken und unter Gefährdung ihres eigenen Lebens zu beschützen.

Der Film basiert auf dem weltbekannten Roman "Nackt unter Wölfen" von Bruno Apitz, der selbst acht Jahre lang Gefangener im KZ Buchenwald war. Der 1958 erschienene Roman wurde im Osten zum Symbol des antifaschistischen Widerstandes und war Pflichtlektüre an den Schulen. Und die Geschichte bettet sich auf eine wahre Begebenheit: Der echte Stefan Jerzy Zweig ist heute 74 Jahre alt.

Evelyn Burdecki

"Ich konnte nicht mal in die Nähe von ihm gehen, weil ich dann rot wurde"

Evelyn Brudecki
©Gala

Kurze Zeit nach der Befreiung des KZ Buchenwald ging Zweig mit seinem Vater, der nicht wie im Film im Lager starb, nach Israel. Dort wuchs er auf, absolvierte später seinen Wehrdienst und begann ein Studium der Mathematik, das er später abbrach, um sich im Filmstudio Babelsberg zum Kameramann ausbilden zu lassen. Von dem Roman erfuhr er erst 1963, als dieser zum ersten Mal von Frank Beyer verfilmt wurde. Bruno Apitz hatte Zweig nie persönlich kennengelernt. Wieviel ist also wahr von der Geschichte des "Buchenwald-Kindes"?

An der Hand des Vaters ins KZ

Tatsache ist: Stefan Zweig kam nicht in einem Koffer versteckt in Buchenwald an, sondern an der Hand seines Vaters Zacharias Zweig. Und das nicht kurz vor der Lagerbefreiung, sondern bereits im August 1944. Wie alle anderen Gefangenen wurde er von der SS registriert, bekam Häftlingskleidung und eine eigene Nummer. Und er war nicht das einzige Kind im Lager, neben ihm gab es rund 200 weitere - aber er war mit Abstand das Jüngste.

Rund einen Monat nach seiner Ankunft in Buchenwald sollte der Kleine nach Ausschwitz gebracht werden, wo auch seine Mutter und Schwester ermordet wurden. Doch es regte sich der Widerstand in Zweigs "Lagervätern", die ihn wochenlang mit Essen versorgt und mit selbstgeschnitzten Spielzeugen unterhalten haben, während der Vater im "Kleinen Lager" in Quarantäne war. Unter großem Risiko gelang es ihnen, das Kind vor dem Transport zu bewahren.

"Schluss mit den Legenden"

Soweit stimmen Film und Realität überein. Der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, Volkhard Knigge, ließ allerdings schon vor Jahren das Gedenkschild, das an das "Kind von Buchenwald" erinnerte, entfernen. Die Legenden müssten ein Ende nehmen, meint der Historiker. Denn Zweig konnte nur gerettet werden, weil ein 16-jähriger Sinti namens Willi Blum seinen Platz auf dem Transport einnehmen musste. Zweig ging gegen die von Knigge oft benutzte Bezeichnung "Opfertausch" vor Gericht - er wollte die Erinnerung an seinen 1972 verstorbenen Vater und seine Lagerväter nicht beschmutzt sehen. Er hatte Erfolg.

Tatsache ist jedoch, dass es unabhängig jeglicher Heldenmythen von Buchenwald meist ums nackte Überleben ging. Funktionshäftlinge, im Lagerjargon Kapos genannt, arbeiteten im Auftrag der SS-Leute und erhielten so Gefälligkeiten und Privilegien. Doch Fakt ist auch, dass ohne diese Kapos, die sich mit unter immer mehr Einfluß erarbeiteten, der Kinderblock in Buchenwald nicht möglich gewesen wäre, durch den mehr als 900 Kinder und Jugendliche bis zur Befreiung überleben konnten. Dies sei in der KZ-Geschichte einmalig gewesen, sagte Knigge n-tv in einem Interview. Unter den politischen Häftlingen, selbst denen mit mehr Macht im Lager, hätte es "ungeachtet von Herkunft, Partei und Nation eine Art Grundethos gegeben, wenigstens die Kinder zu retten."

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