Manuel Neuer: Der Revolutionär im Tor

Torwart Manuel Neuer ist der Beste seines Fachs. Darüber und warum das so ist, hat Dietrich Schulze-Marmeling ein Buch geschrieben.

Biografien von Stars - egal, ob Sportler oder Entertainer - werden immer früher auf den Markt geschmissen. Erster Hit? Biografie! Erstes Tor? Biografie! Früher einmal als Würdigung für Personen im Rentenalter gedacht oder zumindest nach Abschluss der aktiven Karriere, erscheinen die Lebensgeschichten inzwischen gefühlt schon kurz nach Ende der Pubertät der jeweiligen Person.

So gesehen springt Dietrich Schulze-Marmeling mit seinem Werk über den deutschen Nationaltorhüter Manuel Neuer, 29, auf einen fahrenden Zug auf. Was ihm bewusst ist, weswegen er sich schon früh in seinem Buch "Neuer. Der Welttorhüter" erklärt. Das Buch habe er geschrieben, so Schulze-Marmeling, weil es ihm nicht um Neuers Lebensgeschichte gehe, sondern sein besonderes Torwartspiel. Neuers Management ließ den Autor zudem wissen, dass die Zeit für eine Biografie über ihn noch nicht gekommen sei.

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Konzentration auf das Sportliche

Die Biografie "Manuel Neuer" von Alexander Kords, die vor Schulze-Marmelings Werk erschien, hatte auch das Privatleben des Torhüters zum Thema. Woraufhin dieser sich noch vor Erscheinen des Werkes an seine Fans wandte. Per Twitter und Facebook teilte Neuer mit: "Demnächst soll eine Biografie von mir erscheinen. Der Autor hat kein Wort mit mir gesprochen. Der Wahrheitsgehalt könnte zweifelhaft sein." Kords war bisher vor allem durch nicht autorisierte Biografien von Bayern-Spielern aufgefallen.

Was erwartet die Leser nun also in der neuen gut 250 Seiten starken Biografie? Eben sicher nicht - und das ist beim renommierten Fußball-Experten Schulze-Marmeling nicht verwunderlich - Details über die Trennung von seiner langjährigen Freundin oder ähnliches. Ein Satz wie "Ameland ist auch der Schauplatz seines ersten Kusses: Es passierte auf einem Anhänger, der auf der Wiese stand" ist die Ausnahme und passt auch nicht wirklich zum Stil des Buches. Zusammengefasst: Nicht die Person Neuer steht im Vordergrund, auch nicht der Sportler Neuer, sondern der Torwart Neuer.

Schulze-Marmeling zeichnet die bisherige Karriere seines Protagonisten chronologisch nach: Mit Einschüben und Ausflügen zu Personen, die diese Karriere begleitet haben sowie durch Vergleiche mit Kollegen und Konkurrenten. Der Autor arbeitet so die Stärken von Neuers Charakters gut heraus, unter anderem seine "Bierruhe", die Gelassenheit. Diese ermöglichen es ihm erst, sein für Torhüter so spezielles Spiel durchzuziehen.

Dass er in der Kindheit und frühen Jugend nicht als herausragendes Torwarttalent galt, dennoch weiter diese Ausbildung genoss, hat er vielen Förderern und Trainern der damaligen Zeit zu verdanken. Diesen widmet sich Schulze-Marmeling ausführlich und lässt sie selbst zu Wort kommen. So ist das Buch auch ein Plädoyer für eine ganzheitliche Sportler-Ausbildung, bei der der Mensch im Vordergrund steht, nicht der junge Sportler, der es eventuell mal zu etwas bringen könnte.

Prototyp des modernen Torhüters

Neuer wird vom Autor als der "moderne Torwart" schlechthin skizziert. Einer, der die Vorzüge seiner Vorbilder (Jens Lehmann, Edwin van der Sar) und Kollegen vereint, aber dennoch vor allem eines ist: Neuer. Denn so extrem wie der geborene Gelsenkirchener hat wohl noch kein Torwart vor ihm das Spiel verändert. Aber eben das Spiel. Denn abseits des Platzes ist Neuer ein angenehmer Zeitgenosse. Freundlich, eloquent. Es gab Zeiten in Deutschland, da gehörte es zum Anforderungsprofil eines Nationaltorwarts auch verbal draufzuhauen.

Auf die wenigen schwierigen Zeiten in Neuers Karriere geht Schulze-Marmeling auch ein, ohne hier Neues zu Tage zu fördern. Die Anfeindungen nach der Bekanntgabe seines Wechsels von Schalke 04 zum FC Bayern - darüber wurde schon alles geschrieben. Wesentlich informativer ist dagegen wie Schulze-Marmeling, auch dank der Unterstützung von Experten, das Spiel des Torwarts seziert und nebenbei außerdem aufzeigt, welche Fehler die Münchner bei der Torwartausbildung gemacht haben, und welche uns bekannte Torhüter der alten Generation angehören und welche der neuen.

Neuers Herkunft (Ruhrpott, Schalke 04) wird dabei immer berücksichtigt. Schulze-Marmeling entzaubert Mythen (für Neuer ist Fußball ein Beruf, was die Schalker und Münchner Ultras so nicht sehen können), erklärt, dass er sich beim FCB nur durch Leistung Respekt erarbeiten konnte, und dass Neuer "zur Geisel seiner königsblauen Sozialisation" wurde. Auch erinnert er daran, dass Neuer trotz seiner Erfolge bei Fans und sogenannten Experten lange umstritten blieb. Schlussendlich aber alle anerkennen mussten, dass er wohl kompletteste Torwart aller Zeiten ist.

Für Fußballexperten - weniger für Fans

"Manu, der Libero", wie er nach seinem Stil-prägenden Auftritt im Achtelfinale der WM 2014 gegen Algerien genannt wird, ist ein Perfektionist. Der möglichst viel erreichen will. Sprich Titel. Dass er dies am besten mit seinem Stil und einer Mannschaft erreicht, die zu seinem Verständnis des Spiels passt und andersherum, und er dies beim FC Bayern und in der deutschen Nationalelf gefunden hat, erklärt seinen Erfolg. Trotz der Sonderposition eines Torwarts innerhalb einer Fußball-Elf ist er mehr denn je Teil dieser. Sozusagen der elfte Feldspieler. Charakterlich und vor allem auch wegen seine Fähigkeiten.

Dies alles arbeitet Schulze-Marmeling schön heraus. Dass der Titel "Der Welttorhüter" nicht sonderlich einfallsreich ist, dass es kleine Redigierfehler gibt (Mineiro statt Belo Horizonte, Weltfußballer statt Welttorhüter), darüber kann hinweggesehen werden. Herauszuheben ist, dass sich der Autor eingehend mit der Herkunft und Ausbildung beschäftigt hat. Was zwar nicht sehr reißerisch ist, aber eben vieles in Neuers Karriere erklärt.

Diese ist noch lange nicht zu Ende. Dennoch lässt sich absehen, so auch das Urteil von Schulze-Marmeling, dass der Keeper des FC Bayern mit seiner Interpretation des Bällefangens das Torwartspiel revolutioniert, zumindest jedoch auf eine neue Stufe gehoben hat. Der Autor veranschaulicht das mit klug ausgewähltem Material und interessanten Zitaten von wirklichen Kennern der Materie. Für Fußball-Liebhaber und Taktik-Experten ein schön zu lesendes Buch, das trotz seines geringen Umfangs an den richtigen Stellen in die Tiefe geht. Der gewöhnliche Fußball-Fan fühlt sich möglicherweise zu wenig unterhalten, doch dafür gibt es ja die oben genannten Bücher.

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