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Scott Campbell "Wer am meisten zuckte?"

Scott Campbell ist einer der beliebtesten Tätowierer Hollywoods. Gala wollte wissen, wie es ist, wenn man den Stars unter die Haut geht

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Erstaunlich, aber ein grauer Anzug macht

selbst einen Scott Campbell, der am ganzen Körper bunt tätowiert ist, total farblos. Die Vernissage seiner Ausstellung "Bless This Mess" kommt langsam in Fahrt, die ersten Gäste haben sich in der Züricher Galerie Gmurzynska eingefunden. Campbell steht da, die Hände in den Taschen, nur an seinem Hals schaut ein Stück eines Schriftzug-Tattoos ("noblesse oblige" zu deutsch "Adel verpflichtet") heraus - und viele erkennen ihn nicht. Stattdessen sprechen ein, zwei Leute einen Typen in Jeans und Stiefel an, der sich aber als Gast entpuppt: "Mr. Campbell, how are you?" - "Hä?"

So unauffällig stellt sich halt kaum jemand einen Tätowierer vor, erst recht keinen, zu dessen Kundschaft die lässige Fraktion der Promi-Welt zählt. Johnny Depp, Josh Hartnett, Orlando Bloom, Marc Jacobs kommen in sein Atelier im New Yorker Stadtteil Williamsburg. Wie auch Justin Theroux ist er Mitglied in der Motorrad-Clique "Die Fast"-Gang. Dennoch strahlt der schmächtige Scott mit seinen streng zurückgekämmten Haaren weder Glamour aus (Anzug hin oder her) noch Rocker-Flair. "Wissen Sie, ich komme aus einer Arbeiterfamilie, bin in einem Kaff in Louisiana aufgewachsen", erklärt er seinen Stil im Gespräch mit Gala. "Ich habe mir diese Kunst- und Kulturwelt früher immer abgehoben vorgestellt. Wie eine Party, zu der ich nicht eingeladen bin."

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Heute ist Campbell selbst die Party, auf die alle wollen. Wie hat dieser verkrachte Biochemie-Student, der einfach immer gern zeichnete und nach langer Weltreise im Big Apple landete, das nur geschafft? 2007 fing es an, mit Heath Ledger. "Eines Tages stand dieser Australier in meinem Laden und wollte unbedingt sofort einen Termin haben, obwohl ich keine Zeit hatte", erinnert sich Campbell, und seine blauen Augen leuchten dabei. "Ich habe ihn nicht erkannt, weil ich 'Brokeback Mountain' nicht gesehen hatte. Am nächsten Tag standen die Kamerateams vor der Tür." Der Schauspieler kam später wieder, Campbell korrigierte ein missglücktes Vogel-Tattoo auf dessen Unterarm, und die zwei freundeten sich an. "Er war ein irre ungeduldiger Mensch. Sein Tod war ein Schock."

Mit Heath Ledger wurden Campbells Arbeiten, die leicht, wie aus dem Handgelenk hingeworfen aussehen, bekannt. Mittlerweile gelten seine Tattoos als Kult-Accessoire, und er hat den Schritt zum Pop-Art-Künstler gemacht, lasert Reliefs aus Dollarnoten heraus und designt für Labels wie Louis Vuitton. Louis Vuitton - das sei das erste Mal gewesen, dass seine Eltern seinen Erfolg kapiert hätten, erzählt Campbell lächelnd. Seine Mutter mag keine Tattoos.

Wie muss man sich eine Sitzung mit Johnny Depp vorstellen? Wie ist es, Sting in seiner Londoner Villa ein Labyrinth auf den Rücken zu stechen? "Ich habe schon so viele Menschen tätowiert, für mich ist jeder gleich", sagt Campbell. "Beim Tätowieren ist man sich ganz nah, das mag ich. Johnny und ich haben zum Beispiel Rotwein getrunken, über Bücher, Hunter S. Thompson und Jack Kerouac geredet. Am Ende der Nacht hat er mich tätowiert. Hier oben an der Schulter, ein Zitat von Thompson: 'Buy the ticket, take the ride.'" Wie ist es geworden? "Schrecklich, aber das sollte es auch. Bei den Tattoos, die ich bekomme, ist es mir egal, wie sie aussehen. Es geht mir um die Energie, die dabei in mich hineinfließt." Auch mit seinem Freund Justin Theroux verbindet Campbell dieses Blutsbrüderschafts-Ritual. Auf seiner Wade durfte ihm Justin einen Wolfskopf verpassen.

Marc Jacobs ist langjähriger Kunde Campbells und immer für einen Spaß zu haben.
Marc Jacobs ist langjähriger Kunde Campbells und immer für einen Spaß zu haben.
© Splashnews.com

Wer von seinen Kunden hat am meisten gezuckt bei der Stecherei? Campbell lacht: "Das kann ich nicht verraten!" Gut, wer hat sich überraschend tapfer geschlagen? "Lily Cole. Die habe ich am Fuß tätowiert. Eine empfindliche Stelle, es war ihr erstes Tattoo. Auch Marc Jacobs ist großartig. Er kommt vorbei, und wir überlegen uns was Witziges für ihn."

Später am Abend, nach der Vernissage, geht es mit Campbells Entourage ins Restaurant "Kronenhalle". Es gibt Lachs, Hühnchen, Weißwein. Campbell sitzt mittendrin, etwas geschafft davon, dass es die ganze Zeit um ihn geht. In einer Verschnaufpause vor der Tür erzählt er, wie wichtig für ihn die Weiterentwicklung zum bildenden Künstler ist. Der Grund? "Tätowieren ist das Größte", sagt Campbell, "aber es ist ein verdammt gutes Gefühl, wenn dein Kunstwerk mal nicht einfach davon spaziert."

gala.de


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