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Romy-Schneider-Biografin "Nicht Romy bricht das Schweigen – sondern Alice interpretiert die Stille"

Romy Schneider und Magda Schneider (r.) 1960 bei einer Cocktailparty im Penthouse der "Walt Disney Productions".
Romy Schneider und Magda Schneider (r.) 1960 bei einer Cocktailparty im Penthouse der "Walt Disney Productions".
© Getty Images
Alice Schwarzer beschreibt sich als enge Vertraute von Romy Schneider. Die Biografin der Film-Ikone, Bettina Dahse, zweifelt im GALA-Interview nun die Geschichten der Feministin an.

"Romy Schneider war nicht dieser schwarze Schwan, der in Tränen badete! Immer tragisch, immer traurig, in Melancholie. Sie war nicht permanent verzweifelt. Diese weinerliche Idee von Romy Schneider, das ist die Idee ihrer Jäger!", sagt Bettina Dahse, Biografin der Schauspielerin und Autorin des im Selbstverlag erscheinenden Buches "Romy Schneider: Meine Mutter hatte kein Verhältnis mit Hitler", im Gespräch mit GALA.

"Magda Schneider war für mich wie eine Mutter"

Magda Schneider in den 1950er Jahren.
Magda Schneider in den 1950er Jahren.
© imago images

Bettina Dahse hat eine ganz besondere Verbindung zu Romy Schneider, †43, selbst kennengelernt hat sie die Schauspielerin allerdings nicht. Dafür aber ihre Mutter, Magda Schneider, †87. 1990 machte sich Dahse auf den Weg nach Schönau am Königssee, hier lebte Magda Schneider mit ihrem dritten Ehemann Horst Fehlhaber. "Ich habe einige Wochen auf Mariengrund bei Magda Schneider und ihrem Ehemann gelebt. In Romys Mädchenzimmer habe ich mein erstes Buch fertig geschrieben, hier hat sie ihre Kindheit und Jugend verbracht", erzählt Bettina Dahse. "Magda Schneider war für mich wie eine Mutter. Wir hatten ein sehr inniges Verhältnis."

1976 interviewte Alice Schwarzer Film-Ikone Romy Schneider 

Und die Verbindung zu Magda Schneider sollte bestehen bleiben – auch über den Tod hinaus. Magda Schneider starb am 30. Juli 1996, zwei Jahre später erschien Alice Schwarzers, 78, Buch "Romy Schneider: Mythos und Leben", in dem Schwarzer bisher unbekannte Geschichten über Familie Schneider veröffentlichte. "Warum hat sie Magda Schneider nicht zu Lebzeiten konfrontiert? Als Journalistin? Zeit war mehr als genug", fragt sich Bettina Dahse im GALA-Interview. Denn: Alice Schwarzer unterstellt Magda Schneider eine Verbindung zu Adolf Hitler, †56. Dieses Geheimnis soll Romy Schneider ihr während eines "EMMA"-Interviews im Dezember 1976 anvertraut haben. Tonbandaufnahmen von dem angeblichen Geständnis gibt es nicht, Romy Schneider soll Alice Schwarzer gebeten haben, das Aufnahmegerät in diesem Momenten auszuschalten.

Romy Schneiders Angst vor Interviews

"Warum sollte Romy Schneider ausgerechnet einer ihr unbekannten Journalistin ein so großes Geheimnis verraten? Alle Familiengeheimnisse, Intimes, völlig offenlegen? Das passt nicht zu Romy Schneider. In dieser Dezembernacht in Köln war Romy wortkarg wie immer, sie hat kaum etwas preisgegeben. Es war wie das Abringen von etwas“, sagt Bettina Dahse und erklärt: "Dieses 'Verrate mich nicht!' – das hat Romy Schneider zu allen Journalisten gesagt. Sie hatte eine wahnsinnige, fast körperliche Angst vor Interviews. Sie fühlte sich ja immer verraten oder sie wusste, dass sie verraten wird. Schwarzer will daraus ein großes, pathetisches, ewiges 'Verrate mich nicht!' machen. Eine Legitimation für kommende Sensationen: 'Alice & Romy', wie sie oft übertitelt."

2009: Prozess in Frankfurt am Main

Nach der Veröffentlichung des Buches und den daraus entstandenen Schlagzeilen gingen Horst Fehlhaber und Bettina Dahse schließlich vor Gericht. "2009 haben wir vor dem Landgericht Frankfurt am Main einen gerichtlichen Vergleich erreichen können, dass Alice Schwarzer nicht mehr sagen darf, dass Magda Schneider mit Adolf Hitler befreundet war. Sie konnte nicht einen einzigen Beweis für eine Freundschaft zwischen Adolf Hitler und Magda Schneider erbringen. Darum hat sie ja die Unterlassung unterschrieben!“, erklärt Dahse [Anm. d. Red.: Magda Schneider ist Adolf Hitler 1941 zusammen mit einem Dutzend anderer Gäste aus Berchtesgaden begegnet. Eva Braun hat dieses Treffen auf Farbfilm festgehalten].

Alice Schwarzer präsentiert ihr Buch "Romy Schneider: Mythos und Leben".
Alice Schwarzer präsentiert ihr Buch "Romy Schneider: Mythos und Leben".
© imago images

Ein Erfolg. Doch 2010 starb Horst Fehlhaber. Und im September 2018, zu Romy Schneiders 80. Geburtstag, erschien der "Arte"-Film "Ein Abend mit Romy", in dem Alice Schwarzer berichtet, welche weitere Sensation ihr Romy Schneider in ihrem Interview von 1976 angeblich verraten hat: Ihre Mutter Magda Schneider soll mit Adolf Hitler geschlafen haben und sie selber sei von ihrem Stiefvater sexuell genötigt worden. Die Schlagzeilen danach überschlugen sich, der Vergleich von 2009 scheint vergessen.

"Alice Schwarzer war dann die Schlagzeilenkönigin en moment" 

"Das Potenzieren einer richterlich zu unterlassenden Idee – Schlagzeilen wie: 'Meine Mutter schlief mit Hitler' etc. – zum Erscheinen ihres Buches in Frankreich und kurz vor Ausstrahlung des "Arte"-Films hat etwas von völliger Sinnfreiheit, Unglaubwürdigkeit!“, findet Bettina Dahse. "Alice Schwarzer war dann die Schlagzeilenkönigin en moment. Die Zerstörung, die Verwüstung einer Geschichte bringt Aufmerksamkeit, der Name Hitler und die Jahrhundertschauspielerin Romy – das ist natürlich clever. Eine Mega-Story."

Heute fragt sich die Autorin: "Welche Beweggründe hat man, wenn man nach exakt 22 Jahren mit einer Sensation an die Öffentlichkeit geht und eine Bombe platzen lässt?" Ihrer Meinung nach strickte Alice Schwarzer immer weiter an ihrer Idee – und irgendwann verstrickte sie sich. "Das Tonband ist wie ein Pfandstück, es könnte praktisch alles sagen. Wir reden wohlgemerkt von einem angehaltenen Tonband", sagt Dahse im GALA-Interview. "Wenn man so schwerwiegende Anschuldigungen vorbringt, sollte man unbedingt Beweise in der Hand haben. Das Tonband anhalten und bedeutungsschwer lächeln, das reicht nicht …. Schwarzer bleibt in der Deckung, relativiert ständig und holt schließlich weiße Häschen aus dem Zylinder", so Dahse weiter.

"Nicht 'Romy bricht das Schweigen' – wie europaweit angekündigt – sondern Alice interpretiert die Stille des Bandes. Eine ganz und gar fragwürdige Zitierpraxis", findet Bettina Dahse. Alice Schwarzer erklärt in dem Film "Ein Abend mit Romy", dass sie so lange geschwiegen habe, weil sie Romys Willen akzeptieren wollte. Aber wäre es Romys Wille gewesen, dass alle Welt über eine angebliche Affäre ihrer Mutter mit Adolf Hitler spricht?

"Als ich den arte-Film gesehen habe, habe ich sofort angefangen, das Buch zu schreiben"

 "Romy Schneider: Meine Mutter hatte kein Verhältnis mit Hitler" von Bettina Dahse.
 "Romy Schneider: Meine Mutter hatte kein Verhältnis mit Hitler" von Bettina Dahse.
© Bettina Dahse

Bettina Dahse hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, das Gerücht, Magda Schneider und Adolf Hitler hätten eine Affäre gehabt, zu entlarven. In ihrem Buch "Romy Schneider: Meine Mutter hatte kein Verhältnis mit Hitler" legt sie sämtliche Beweise offen, für ihre jahrelange Recherche standen ihr originale Schriftstücke und Fotoalben sowie Aussagen von Zeitzeugen wie Mario Adorf, Volker Schlöndorff und Monique Dury, Romys Vertraute und Garderobiere, zur Verfügung. "Magda Schneider hatte zwei jüdische Sekretärinnen. Über ihre Rechtsverteidigung hatte Frau Schwarzer während des Prozesses in Frankfurt die Existenz dieser Menschen geleugnet, obwohl ihr Briefauszüge der befreundeten Olga Boy-Pappenheimer aus Argentinien vorlagen. Es wäre doch absurd, wenn die emigrierte Jüdin zusammen mit ihrem Mann in Deutschland mehrfach die Geliebte Hitlers am Königssee besucht und Ferienwochen in ihrem Haus verbringt. Wenn sich beide Frauen zärtliche, wehmütige Briefe von Wiedersehen und Sehnsucht schreiben“, sagt Bettina Dahse.

Weiter erklärt sie: "Ein auslösendes Moment dieser ganzen Nazi-Geschichten ist zum Beispiel die Falschbehauptung, Romy Schneider sei als Kind mit Martin Bormann Jr. befreundet gewesen, beide hätten oft auf dem Obersalzberg gespielt und 'Jausen' abgehalten. Diese 'G'schichterln' erfährt man beispielsweise in den Memoiren der Großmutter Rosa Albach-Retty, aber wo Rosa Albach-Retty draufsteht, ist nicht immer Rosa Albach-Retty drin. Die ehrwürdige Dame war 104 Jahre alt und die berühmten 'Jausen'-Geschichten gehen wohl auf das Konto der Ghostwriterin der Memoiren. Ich habe mit Martin Bormann Jr. gesprochen. Nicht nur, dass eine Freundschaft zwischen einem Zehnjährigen und einem Windelkind von anderthalb Jahren mehr als ungewöhnlich ist – Martin Bormann Jr. hat Romy Schneider nie in seinem Leben getroffen!"

"Tote schicken keine einstweiligen Verfügungen"

Die Schriftstellerin fragt sich, "warum Alice Schwarzer nicht bei einem Institut für Zeitgeschichte angeklopft hat". "Es sind ja immerhin Geschichtsfälschungen, schwere Lebensbildverzerrungen von Romy und Magda Schneider", so Dahse. "Kein Hitler-Biograf weltweit hatte Magda Schneider als Geliebte Hitlers auf dem Schirm. Dazu kam es erst, als alle tot waren! Und Tote schicken keine einstweiligen Verfügungen." Sie ist sich sicher, dass es keine "Tonband-Operationen" von Alice Schwarzer gegeben hätte, wenn Romy Schneider noch leben würde. "Das hätte Alice Schwarzer nie gewagt. Da bin ich mir ganz sicher. Wenn es ihr so auf den Nägeln brannte, es gab über zwei Jahrzehnte, in denen sie Magda Schneider hätte konfrontieren können. Es kam immer der Tod und die Geschichte ging weiter ... 2010 starb Horst Fehlhaber: Da war die Unterlassung von 2009 scheinbar schon vergessen?"

Daniel Biasini klagt in Frankreich

Aktuell klagt Daniel Biasini, 72, in Frankreich gegen das Buch "Romy Schneider intime" von Alice Schwarzer, der Ex-Ehemann von Romy Schneider stört sich ebenfalls an dem angeblichen Verhältnis seiner Ex-Schwiegermutter und Hitler (GALA berichtete). Im Dezember 2019 verlor Biasini die Auseinandersetzung mit dem Verlag "l‘Archipel" in erster Instanz, er legte Berufung ein. Die neue Verhandlung ist nun am 24. Februar. 

Ein Grund, wieso Bettina Dahse GALA dieses Interview gab: "Mir wäre es wichtig, dass Frankreich, dass Daniel Biasini, vor dem 24. Februar 2021 erfährt, dass es schon einen Vergleich in gleicher Sache in Deutschland gab und dass Horst Fehlhaber Romys und Magdas Ehre mit Erfolg verteidigte. Wenn man es gerichtlich zu unterlassen hat, zu sagen, dass Magda Schneider mit Hitler befreundet war, wie sinnreich ist es dann, sich Hitler und Romys Mutter in weißen Bettlaken auf dem Obersalzberg vorzustellen?"

GALA hat Alice Schwarzer um eine Stellungnahme gebeten, doch bisher keine Antwort bekommen.

Verwendete Quelle: eigenes Interview mit Bettina Dahse, Arte-Film "Ein Abend mit Romy", "Romy Schneider: Meine Mutter hatte kein Verhältnis mit Hitler", "Romy Schneider: Mythos und Leben"

Gala


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