Rihanna Scharf am Limit


Sie begann als süßes Insel-Mädchen. Heute ist Rihanna mit ihrer offensiven Sex-Show das Bad Girl der Popwelt. Doch was verbirgt sich wirklich hinter diesem Image?

Es war ein lauschiger Sommerabend im August 2005.

Eine Plattenfirma hatte zur Grillparty auf das Dach des Berliner "ewerk" in Berlin- Mitte geladen. Es sollte eine Sängerin vorgestellt werden, von der man sich einiges erhoffte. Ein Rohdiamant. Sie sei erst 17, käme von der Karibikinsel Barbados, sei noch unsicher, deshalb wäre nur etwas Smalltalk drin. Es war die junge Rihanna. Sie trug Jeans, Sneakers, Tanktop und sang zum Band auf einer kleinen Bühne. Alles sei so aufregend, sagte sie später. Aber sie sei bereit, alles zu geben, um es zu schaffen.

Heute ist Robyn Rihanna Fenty nicht mehr das unschuldige Karibik-Girl, sondern einer der erfolgreichsten Popstars der Welt. Und sie gibt tatsächlich alles. Seit einigen Jahren vor allem immer heftigeren Sex-Appeal. Ihre Songs sind voller drastischer Wortspiele und Anspielungen, ihre Videos meist ein dunkler Bilderrausch mit vielen provokanten Posen. Wenn sie heute auftritt, wie am vergangenen Sonntag in der Hamburger "O2 World"-Arena, stöckelt sie schon nach wenigen Sekunden im Bikini über die Bühne. Der Griff an die Brüste, zwischen die Beine, der simulierte Sex mit einem Fan sind feste Programmpunkte ihrer "Loud"- Tour. Ja, sie arbeite verdammt viel, sagte Rihanna kürzlich in der Sendung von US-Talkerin Ellen DeGeneres. "Das ist nicht gut für mich." Dann zeigte sie auf ihren Schritt. "Und für sie." Das Publikum tobte.

image

Die alte und neue Rihanna - auch ihrem Entdecker fällt die enorme Wandlung auf. "Ich hätte nie gedacht, dass sie ein Star von diesem Kaliber wird", erinnert sich Evan Rogers gegenüber "Gala". Der New Yorker Produzent traf sie damals während eines Urlaubs auf Barbados. "Eine Girlband, zu der Robyn gehörte, sang bei mir vor. Sie war sehr schüchtern und höflich. Man kann sich kaum vorstellen, wie aus diesem Mädchen die sexy Rihanna geworden ist." Doch da liegt Rogers falsch. Der Moment, in dem sich für Rihanna alles änderte und sie sich veränderte, lässt sich eindeutig feststellen. Es war der Abend des 7. Februars 2009, als sie mit ihrem damaligen Freund Chris Brown in L. A. auf der Rückfahrt von sie brutal zusammen. Das Bild ihres verletzten Gesichts ging anschließend um die Welt. Auf den Vorfall angesprochen, atmet Rogers tief ein. "Ich werde nie vergessen, wie sie mich anrief. Es gab vorher schon Anzeichen, dass die Beziehung nicht harmonisch läuft, aber das hätte ich nicht erwartet. Es war ein Riesenschock."

image

Und für Rihanna lebte damit ein altes Trauma wieder auf, das Trauma des schlagenden, unkontrollierten Mannes. Als Kind hatte sie erleben müssen, wie ihr Vater Ronald Fenty, den sie bewunderte, immer mehr in die Drogenabhängigkeit rutschte. Er rauchte Crack, trank, verlor seinen Job als Lagerhallen- Manager. Zu Hause tyrannisierte er die Familie, im Rausch schlug er zu. Erst als Rihanna 14 war, trennte sich ihre Mutter Monica von ihrem Gatten, noch heute sei das Verhältnis zu ihrem Dad schwierig, sagte Rihanna kürzlich der US-"Vogue". Fenty verkaufte zum Beispiel Fotos an die Presse. In einem Video, das jetzt auf Rihannas Website zu sehen ist, besucht die Sängerin ihre Familie. Sie herzt ihre Mutter, ihren Bruder Rajad, schenkt ihrer Oma einen Ring. Vom Vater - kein Wort. Als Kind, so Rihanna einst, habe sie sich wegen der Probleme in die Musik geflüchtet. Nach dem Chris-Brown-Vorfall flüchtete sie ebenfalls: in die Rolle der taffen Performerin - offensiv-aggressiv sexy, düster, schmerzhaft. Die Rihanna der starken Worte, die "Fuck You" und "Cunt" als Halsketten trägt. Nie mehr schwach sein, nie mehr verletzbar und wehrlos: So lautet ihr Credo. Aus dem einstigen Rohdiamanten ist ein roher Diamant geworden. "Entscheidend ist, ob ein Typ es überhaupt wert ist, ihn näher kennenzulernen. Ist er Manns genug? Kriegt er ihn hoch?", sagte sie 2009 "Gala". Die meisten sind es anscheinend nicht. Seit Brown gab es nur einen Mann, den Baseballspieler Matt Kemp, der 2010 für einige Monate als Rihannas fester Freund gehandelt wurde.

Ihre Party-Clique: Zur Entourage von Rihanna (2. v. r.) gehören unter anderem Image-Beraterin Ciarra Pardo (r.), Stylistin Marie
Ihre Party-Clique: Zur Entourage von Rihanna (2. v. r.) gehören unter anderem Image-Beraterin Ciarra Pardo (r.), Stylistin Mariel Haenn (l.) und Assistentin Jennifer Rosales. Man feiert gern, wie hier im August auf einer Jacht in Portofino, Italien.
© www.facebook.com/rihanna

Einer Aufarbeitung der Erlebnisse vom Februar 2009 hat sie sich verweigert. Sie habe die Therapie nach nur einer Sitzung abgebrochen, die Geschehnisse in einer Art innerem Dialog mit sich selber ausgemacht, erzählte sie dem US-"Rolling Stone" im April. "Vielleicht reichte das nicht aus. Aber ich musste mich erst mal selbst verstehen." Nun scheint die Karriere ihre Therapie zu ersetzen, sie arbeitet nonstop, veröffentlichte gerade ihre sechste Platte, sorgt via Twitter und Facebook für Dauer-News. Wenn es ihr zu viel wird, feiert sie mit ihrer Entourage. Wie lange kann sie das noch so durchziehen? Man hat das Gefühl, als habe Rihanna mit 23 schon alle Grenzen ausgereizt, als befinde sich hinter all dem Trubel eine große Leere. Jetzt, zum Ende ihrer "Loud"-Tour, häufen sich Meldungen über Zusammenbrüche und Erschöpfung. Beyoncé, die Frau von Rihannas Mentor Jay-Z, und auch ihre Freundin Katy Perry sollen ihr geraten haben, eine Pause einzulegen. Ob Rihanna auch alles geben wird, um sich selbst zu helfen? Hauke Herffs

gala.de


Mehr zum Thema


Gala entdecken