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Olympia-Star Mo Farah "Die Wahrheit ist, dass ich nicht der bin, für den Sie mich halten"

Mo Farah
Mo Farah
© Pool / Getty Images
Es ist ein Schicksal, dass fassungslos macht. Der vierfache britische Olympiasieger Mo Farah hat vor laufenden Kameras mit einer Lebenslüge aufgeräumt: Der Läufer wurde als Kind verschleppt und unter falscher Identität illegal nach Großbritannien gebracht. 

Mo Farah, 39, ist nicht der, für den er sich jahrelang ausgegeben hat. Doch die Geschichte dahinter beruht nicht auf seinem bösem Willen, sondern auf einer bitteren Leidensgeschichte: "Die Wahrheit ist, dass ich nicht der bin, für den Sie mich halten", erklärt der viermalige Leichtathletik-Olympiasieger in vorab gesendeten Ausschnitten einer BBC-Dokumentation, die am 13. Juli 2022 unter dem Titel "The Real Mo Farah" [zu Deutsch: "Der echte Mo Farah"] im britischen TV ausgestrahlt werden soll. 

Olympia-Star Mo Farah: Seine Identität ist ein Schwindel

Was hat Mo viele Jahrzehnte lang verschwiegen? Nun, es geht um eine grundlegende Information: seine Identität. Der legendäre aus Somalia stammende Sportler wurde nämlich unter dem Namen Hussein Abdi Kahin in der inzwischen weitgehend selbständigen Region Somaliland geboren. Das hatte er bislang verschwiegen – und auch die schrecklichen Details aus seiner Kindheit, die ihn zu dieser Lebenslüge veranlasst haben.

Mo hat traumatische Erlebnisse hinter sich und möchte nun offenbar reinen Tisch machen. "Trotz allem, was ich in der Vergangenheit gesagt habe, haben meine Eltern nie in Großbritannien gelebt. Als ich vier Jahre alt war, wurde mein Vater in einem Bürgerkrieg getötet", so Farah. "Als Familie wurden wir auseinander gerissen. Ich wurde von meiner Mutter getrennt und unter dem Namen eines anderen Kindes namens Mohamed Farah illegal nach Großbritannien gebracht."

Was macht der echte Mohamed?

Der Gedanke an diesen ihm unbekannten Jungen, der ihm unwissentlich seine neue Identität gegeben hat, lässt den Ausnahmeathleten seitdem nicht mehr los. In dem TV-Ausschnitt betrachtet er eine Kopie des für seine Einreise in das Land gefälschten Visums, das seinen falschen Namen trägt. Er frage sich, "was Mohamed jetzt macht" und ist sich über die mutmaßliche Tragik für den anderen Jungen, der seinem Land wahrscheinlich entfliehen wollte, vollkommen bewusst: "Ich weiß, dass ich den Platz von jemand anderem eingenommen habe", gibt Mo zu. 

Bevor es jedoch soweit kam, sei Farah gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Hassan von der Mutter zu seinem Onkel in das nahe gelegene Dschibuti geschickt worden. Eine Maßnahme, die nach dem Tod des Vaters zur Sicherheit der Söhne dienen sollte, wie die "Washington Post" berichtet. Dort wurde der Junge offenbar mehrfach von einer Frau besucht, die ihn beobachtete. Schließlich habe sie ihm erklärt, dass sie ihn zu Verwandten nach Europa bringen würde. 

Dienste als Hausknecht

Dort angekommen, lebte er bei ihrer Familie und wurde angeblich dazu gezwungen, im Haushalt zu arbeiten. "Vom ersten Tag an war das, was die Dame getan hat, nicht richtig. Ich wurde nicht als Teil der Familie behandelt“, erinnert sich Mo. "Wenn ich Essen in meinem Mund haben wollte, war es meine Aufgabe, mich um diese Kinder zu kümmern, sie zu duschen, für sie zu kochen, für sie zu putzen, und sie sagte: 'Wenn du deine Familie jemals wiedersehen willst, sag nichts oder sie werden dich mitnehmen.'"

Mos Leben nimmt eine Kehrtwende

Der kleine Junge wusste nicht mehr ein noch aus: "Oft habe ich mich einfach im Badezimmer eingeschlossen und geweint." Doch Farah konnte der Gefangenschaft entfliehen, nachdem er sich seinem Sportlehrer Alan Watkinson anvertraut hatte. Er fand ein neues Zuhause bei der Mutter seines Schulfreundes Kinsi Farah. Dort habe er in den folgenden sieben Jahren ein glückliches Leben geführt.

Im Jahr 2000 hielt das Schicksal dann endlich einen Glücksfall für Mo bereit: Freunde seiner Mutter erkannten den verlorenen Sohn im Fernsehen. Endlich wurden die beiden wieder vereint.  

Keine Konsequenzen für Mo Farrah

Farah hat inzwischen selbst vier Kinder. Seinen Sohn habe er zu Ehren seiner Wurzeln Hussein genannt. Sein Nachwuchs habe ihn zu seiner Lebensbeichte inspiriert: "Familie bedeutet mir alles, und als Eltern bringt man seinen Kindern bei, ehrlich zu sein. Aber ich fühlte immer dieses Geheimnis, nie ich selbst sein und erzählen zu können, was wirklich geschehen war." Nun sei es ihm wichtig, die Wahrheit zu erzählen.

Seine Offenheit bleibt von staatlicher Seite übrigens ohne Konsequenzen. Zwar erlangte er seine Staatsbürgerschaft durch einen Betrug, doch das englische Innenministerium hat inzwischen laut "Telegraph" versichert, dass "keine Maßnahmen gegen Sir Mo ergriffen werden". Damals sei er ein Kind gewesen und daher nicht mitschuldig.

Verwendete Quellen: bbc.co.uk, washingtonpost.com, telegraph.co.uk

ama Gala

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