Michelle Obama: Mit den Waffen einer Frau

Der Countdown zur Wahl des US-Präsidenten läuft - es geht um alles oder nichts. Wie Michelle Obama jetzt kämpft, um ihrem Mann Barack ein zweites Mal zum Sieg zu verhelfen

Es sind die kleinen Rituale, auf die es ankommt.

"Jede Nacht, bevor wir schlafen gehen, deckt Barack mich zu", erzählte Michelle Obama jüngst dem "People"-Magazin. Seit 20 Jahren mache er das so. "Egal, wie müde er vom Tage ist, egal, wo auf der Welt wir uns befinden." Ihre Botschaft: Barack Obama, 44. Präsident der Vereinigten Staaten, ist ein Mann, auf dessen Fürsorge man sich verlassen kann, der seine eigenen Bedürfnisse hinter die der anderen stellt, wann immer es nötig ist.

Barack Obama

Ein Präsident als Superstar

Aus Sicherheitsgründen durfte Barack Obama während seiner Präsidentschaft nicht surfen - das holt er jetzt mit einem breiten Grinsen im Gesicht nach.
Spaß beim Kitesurfen: Barack Obama mit Milliardär Richard Branson,  auf dessen privater Insel "Moskito Island".
So habt Ihr den ehemaligen Präsidenten noch nie gesehen: Barack Obama übt Kitesurfen vor Richard Bransons Moskito Insel.
Mit einer sehr emotionalen Rede verabschiedet sich Präsident Barack Obama. In Chicago kann selbst er die Tränen nicht zurückhalten und auch das Publikum ist ergriffen, man sieht wie Menschen sich die Tränen wegtupfen.

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Barack Obama tritt am 6. November an, um US-Präsident zu bleiben - und Anekdoten seiner Frau sollen ihm dabei helfen. Er braucht diese menschelnden Details aus seinem Privatleben mehr denn je: Derzeit liefert sich der demokratische Amtsinhaber ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen mit seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney. Wahlforscher gehen davon aus, dass bis zum Wahltag keiner der beiden deutlich in Führung gehen wird. Würden sie an ihren Frauen gemessen, wäre die Sache eindeutig: Eine Umfrage von "Washington Post" und "ABC News" zeigt, dass die jetzige First Lady Michelle Obama auf 67 Prozent Zustimmung in der US-Bevölkerung zählen kann, die "First Lady in Waiting" Ann Romney kommt auf 56 Prozent. Diese zwei sehr unterschiedlichen Frauen haben eines gemeinsam: Sie sind populärer als ihre Männer. Im Kampf um die Wählergunst kommt den Gattinnen der Kandidaten eine Schlüsselrolle zu.

Michelle Obama bestreitet nun den Kampf ihres Lebens. "Wenn wir etwas bewegen können, ist unwichtig, wie groß das Opfer ist, das wir dafür bringen müssen", sagt die 48-Jährige. Sie hält glühende Reden, mit denen sie vor allem junge Menschen begeistert. Man sieht viele "We love Michelle!"-Poster in diesen Wochen. Im Wahlkampf ist die First Lady ihrem Mann eine Hilfe von unschätzbarem Wert. Kein Tag vergeht, an dem Michelle Obama nicht in einer TV-Show Liegestütze macht, über ihre kleinen Sünden spricht (Pommes frites und die TV-Show "The Real Housewives") oder ihr Lieblingsgericht verrät ("Käse-Makkaroni nach dem Rezept meiner Patentante Mama Kaye"). Sie unterscheidet nicht zwischen den Kundgebungen im ganzen Land, bei denen sie vor Zehntausenden von Menschen für ihren Mann wirbt, und Fundraising-Events mit Hollywood-Stars wie Will und Jada Smith, Scarlett Johansson, George Clooney, Beyoncé oder Eva Longoria, die Tausende von Dollar an einem Abend spenden. "Wenn ich überlege, in welchem Land meine Töchter Malia und Sasha groß werden sollen, dann fällt mir nur ein: Es sollte ein Land sein, das von Barack Obama geführt wird, denn wir haben dieselben Werte", sagte sie dem Magazin "Good Housekeeping". "Die Familie geht uns über alles. Jeden Abend um 18.30 Uhr essen wir zusammen. Dann will er wissen, wie unser Tag war. Es gibt keinen Besseren."

Mit ihrer pragmatischen Art, die Dinge anzupacken, wurde Michelle Obama als erste afroamerikanische First Lady zum kollektiven Gewissen der Nation: Ihr Engagement für die Frauen und Kinder von Kriegsveteranen ist ihr ebenso eine Herzensangelegenheit wie ihre Kampagne "Let’s Move!" zur Verbesserung der Fitness und Ernährung von Kindern und Jugendlichen, außerdem hat sie ein Gärtnerhandbuch herausgebracht und gibt Erziehungstipps. Keine andere First Lady hat sich bislang so aktiv eingebracht, keine vor ihr wurde - außer Jackie Kennedy - je zur Stil-Ikone. Der deutsche Ex-Fußballnationalspieler Arne Friedrich, der in Obamas Heimatstadt Chicago im Team Chicago Fire spielt, sieht die Stimmung dort ungebrochen für den Präsidenten. Auch und gerade wegen Michelle Obama. "Sie ist die starke Frau an seiner Seite. Ihr Wort hat mehr Bedeutung als das von Ann Romney. Wenn sie eine Rede hält, dann ist sie überzeugend, und die Themen haben mehr Gewicht. Sie kann sich sehr gut verkaufen und ist sympathisch", sagt Friedrich im Gespräch mit "Gala".

Die Töchter Malia, 14, und Sasha, 11, stehen für die Obamas an oberster Stelle. "Wir wollen ihnen genauso viel Liebe geben, wie wir selbst als Kinder erfahren haben", erklärt Michelle.

Ohne Michelle läuft für Barack Obama nichts. "Er würde jederzeit hinschmeißen, wenn ich ihn darum bäte", sagt sie. "Aber es geht hier nicht um mich, sondern um unser Land".

Besonders bemerkenswert an Michelle Obama ist ihre Authentizität, wegen der man ihr jedes Wort glaubt. "Michelle Obama ist eine emanzipierte, moderne Frau mit Persönlichkeit, die Familie und Beruf unter einen Hut kriegt", erklärt Christoph von Marschall, Korrespondent des "Tagesspiegel" in Washington, D.C., und Autor der Biografie "Michelle Obama: Ein amerikanischer Traum". Damit unterscheidet sie sich von Herausforderergattin Ann Romney, die als Millionärstochter niemals arbeiten musste und ihr Leben lang Hausfrau war. So stehen für die US-Bürger auch zwei unterschiedliche Familienmodelle zur Wahl. "Die Romneys sind eine Generation älter als die Obamas und familienpolitisch viel konservativer", führt von Marschall weiter aus. "Ann Romney ist eine Stay-at-home- Mom, die fünf Kinder großgezogen hat und ihrem Mann eine Stütze ist." Und die gesundheitlich eingeschränkt ist: Die 63-Jährige leidet seit 1998 an Multipler Sklerose, die sie mit einer sehr teuren Pferdetherapie in Schach hält. 2009 wurde bei ihr zudem Brustkrebs im Frühstadium entdeckt. Erscheint die First Lady im trägerlosen Top zu einem Event, ahnt man, dass sie um fünf Uhr morgens aufgestanden ist, um ein paar Hanteln zu schwingen, bevor sie den Kindern ihr Frühstück gemacht und die Reden ihres Gatten redigiert hat. Dabei wirkt ihre Toughness nie aufgesetzt. Das mag an ihrer Biografie liegen: Michelle Obama kommt aus einer Arbeiterfamilie, konnte dank Stipendien in Princeton und Harvard studieren und war berufstätig, ehe sie mit ihrem Mann, den zwei Töchtern und ihrer Mutter Marian Robinson ins Weiße Haus einzog. Die Ehe der Obamas verlief nicht immer so harmonisch wie heute. Ende der Neunzigerjahre, als Barack seine politische Karriere vorantrieb, kriselte es. Michelle war Vizepräsidentin der Uniklinik von Chicago und die Hauptverdienerin der Familie. Mit Barack Obamas Wahl zum US-Präsidenten 2008 stellte sie ihre persönlichen Ambitionen zurück.

Doch auch wenn sie als die wichtigste Beraterin ihres Mannes gilt, so mischt sie sich nicht öffentlich in die Politik ein - anders, als Hillary Clinton es etwa tat. "Mein Haupt beruf ist Mutter", betont Michelle Obama stets, die deshalb auch "Mom-in- Chief" genannt wird. Anita McBride, ehemalige Stabschefin von Laura Bush, bescheinigt Mrs. Obama im Gespräch mit "Gala" das Zeug, weitere vier Jahre im Weißen Haus zu bleiben. "Man merkt ihr an, wie wichtig ihr ihre Kinder, ihr Mann und auch das Amt sind. Wenn sie glaubhaft machen kann, warum sie ihren Mann wählt, wählt ihn auch Amerika." Es kommt auf die Frauen an bei dieser Wahl. Auch auf der Wählerseite. Für die US-Frauen nämlich spielt die Person der First Lady eine entscheidende Rolle bei der Vergabe ihrer Stimme, vielleicht sogar eine größere als die des Kandidaten. Michelle kämpft um jede einzelne. Sandra Reitz, Julide Tanriverdi

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