Michael Stich: Wie er seinen Schatten loswurde

Ex-Tennis-Profi Michael Stich wird 50 Jahre alt. 1997 beendete der ewige Zweite hinter Boris Becker seine Karriere. So lebt er heute.

Michael Stich feiert seinen 50. Geburtstag

Das Bekannteste an Michael Stich (50) ist sein ungeliebter Schatten. Der heißt Boris Becker (50), und er war einmal unheimlich lang und breit. Sozusagen: übermächtig. Das war zu der Zeit, als Michael Stich ein berühmter Tennisspieler war. Als er Wimbledon gewann, die ATB-Weltmeisterschaft und Olympiasieger wurde.

Selbst in den Zeiten der größten Triumphe stand dieser wunderbare Sportler Michael Stich im Schatten von Boris Becker. Der war eben noch berühmter (und wesentlich lauter), der beschäftigte seine deutschen Landsleute rund um die Uhr mit allerlei Hechtsprüngen auch außerhalb des Center Courts. Bis die Leute im Laufe der Jahre des Fremdschämens überdrüssig wurden und nur noch abgewunken haben.

Und auf einmal drang aus dieser von Skandalen umnebelten Becker-Epoche das klare, helle Licht des Solitärs Stich, zumal die Sonne längst nicht mehr über Becker stand und er deshalb auch keinen Schatten werfen konnte. Am 18. Oktober wird Michael Stich 50 Jahre alt, seinen alten Schatten scheint es um Lichtjahre fortgetragen zu haben.

Wie aus Michael Stich ein Tennis-Profi wurde

Michael Stich ist ein knappes Jahr jünger als Boris Becker und zwei Zentimeter größer (1,93m). Eigentlich wollte er nie Tennisprofi werden. "Ich habe immer Tennis und Fußball gleichzeitig gespielt, habe den Sport geliebt und es gehasst, zu verlieren. Erst nach dem Jugendmeister-Titel kam der Trainer zu mir und sagte: Mensch, du könntest doch Profi werden", sagte er in einem Interview mit der "Zeit".

Stichs Vater war ein klassischer hanseatischer Kaufmann. Er drängte auf eine solide Ausbildung, die beiden älteren Söhne wurden Informatiker, Michael hatte immerhin in Hamburg sein Abitur gemacht. Als er dann 1988 wirklich Profi wurde, habe der Vater ihm zugeraten mit den Worten: "Du hast ja nichts Richtiges gelernt." Profisportler war damals aus der Sicht der Stichs kein Beruf. "Klar haben sie sich gefreut, aber das war immer auch ein bisschen ungreifbar für meine Familie. Und für mich genauso."

Immerhin war Tennis nach Fußball die populärste Sportart in Deutschland - seit Boris Becker aus Leimen bei Heidelberg 1985, 1986 und 1989 die Turniere vom Wimbledon gewonnen hat. Er galt nach Franz Beckenbauer als der populärste deutsche Sportler, an ihm kam so gut wie keiner vorbei.

Der ewige Zweite

Doch dann nahm Michael Stich aus Hamburg gewaltig Fahrt auf. 1991 war sein Jahr, da stieß er in die Top Ten der Tennis-Weltrangliste vor. Trotzdem war er der ewige Zweite - hinter Boris Becker. In der Tat war es ihm nie gelungen, Weltranglisten-Erster zu werden. Becker gewann sechs Grand-Slam-Turniere, Stich nur eines, Becker führte zwölf Wochen lang die Weltrangliste an, Stich schaffte es (1993) "nur" auf Platz 2. Becker bewegte mit seinem emotionalen Spiel die Massen, der kühle Stich nur das Fachpublikum. Bis zum Sommer 1991, da trafen die beiden aufeinander - als Gegner. Ausgerechnet in Beckers Wohnzimmer, dem Center Court von Wimbledon.

Michael Stich hatte zuvor die gesamte Weltelite ausgeschaltet, u.a. den frisch gebackenen French-Open-Champion Jim Courier und den Weltranglistenersten und Titelverteidiger Stefan Edberg aus Schweden. Im Finale stieß er auf Becker - und der hatte keine Chance. Stich fertigte den Leimener in drei Sätzen mit 6:4, 7:6, 6:2 ab. Doch selbst bei diesem denkwürdigen Endspiel unterlief dem Schiedsrichter ein unverzeihlicher Freud'scher Fehler: Er verkündete zunächst Boris Becker als Sieger, obwohl doch Michael Stich das Match gewonnen hatte...

Der stets beherrscht wirkende Stich wirkte oft leicht genervt, wenn ihm die Standardfrage nach seinem Verhältnis zu Boris Becker gestellt wurde. Vermutlich hat er den Hype um seinen Konkurrenten nie so recht verstanden, weil nicht nur er selbst, sondern auch etliche durchaus ernstzunehmende Experten ihn als den besseren Tennisspieler gesehen haben.

Die amerikanische Tennis-Legende Jim Courier, einst 58 Wochen lang die Nr. 1 und noch heute ein guter Freund von Stich, hatte den sportlichen Stellenwert des Wimbledonsiegers von 1991 so beschrieben: "Wenn wir alle an unserem Leistungslimit spielen, dann ist Michael der Beste."

1992 gewann er gemeinsam mit Boris Becker 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona die Goldmedaille im Doppel, den bislang einzigen deutschen Olympiasieg im Herren-Tennis. Im gleichen Jahr wurde Stich zusammen mit dem Amerikaner John McEnroe Wimbledon-Sieger im Herren-Doppel. Mit gerade mal 28 Jahren machte Michael Stich 1997 wegen einer langwierigen Schulterverletzung Schluss mit seiner aktiven Karriere.

Sein Leben nach der Tennis-Karriere

Sein Leben danach verlief weitaus weniger turbulent als das seines vorherigen Schattens Boris Becker, man könnte sagen: in geordneten, souveränen Bahnen. Es gab keine Schlagzeilen, keine Besenkammern-Affären, keine skandalträchtigen Scheidungen. Michael Stich blieb dem Tennis zunächst treu und war bis dieses Jahr Direktor der German Open, des ATP-Turniers von Hamburg am Rothenbaum.

Er hat 1992 die Schauspielerin Jessica Stockmann (51) geheiratet (Scheidung 2003). Mit ihr hat er bereits als 25-Jähriger die Michael-Stich-Stiftung gegründet, die sich seit Jahrzehnten um Aids-kranke Kinder und ihre Familien kümmert. Seine zweite Ehefrau ist (seit 2005) die Dressurreiterin Alexandra Rikowski.

Außerdem hat sich Michael Stich der Kunst verschrieben: Er hat sogar ein paar Semester Kunstgeschichte studiert und malt auch selbst. "Kunst ist mein Hobby. Wie sich Menschen ausdrücken, wie sie der eigenen Emotion eine Form geben, das hat mich immer schon fasziniert", verriet er in einem Interview mit "shz.de". Er bevorzugt vor allem zeitgenössische Kunst. "Hier gehen die Geschmäcker meiner Frau und mir allerdings auseinander."

Die Auseinandersetzung mit Kunst sei für ihn ein wichtiges Mittel gewesen, um das Ende seiner Karriere zu verarbeiten" schrieb die "Welt am Sonntag" schon vor zehn Jahren: "In seinem Haus hängen unter anderem Werke bekannter Künstler wie Sigmar Polke, Andy Warhol, Günther Förg, Blinky Palermo und Robert Mapplethorpe. Weitere Arbeiten archiviert er in einem Lager, weil es besonders für großformatige Bilder in seinem Haus nicht mehr genügend Platz gibt. Dafür zieren kurioserweise Pferdeporträts, die so gar nicht in das Bild eines Sammlers für aktuelle Kunst passen, die cremefarbigen Wände. Die Pferdebilder aber seien die Vorliebe seiner Frau, sagt Stich zur Erklärung."

Das hat Michael Stich noch vor

Finanzielle Probleme kennt Michael Stich nicht - im Gegensatz von Boris Becker. Stich hat ausgesorgt und zu Geld ein entspanntes Verhältnis, wie er der "Zeit" verriet: "Meine Eltern haben das Geld viele Jahre für mich verwaltet. Für meinen Vater gilt: Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Dagobert Duck! Habe ich früher sehr gerne gelesen. Ich habe nie Tennis gespielt, um Geld zu verdienen. Ich wollte erfolgreich sein, wollte Titel gewinnen. Das Geld war ein Nebenprodukt des Erfolgs, für das ich dankbar bin und das mir jetzt, im Alter, finanzielle Unabhängigkeit gibt. Aber Geld kommt und geht."

Als was würde er sich eigentlich selbst bezeichnen, wurde er ebenfalls im Gespräch mit der "Zeit" gefragt. Als Privatier, als Stifter, als Kunstsammler? Stich antwortete: "Da gibt es doch dieses schöne Wort: Philanthrop - sind das nicht die, die alles machen und nichts richtig können?"

Er träume von einer Reise in die Region des Nordpols, er möchte so gern das Polarlicht sehen, verriet er im Juli der "MOPO". Von einem Schatten namens Boris Becker ist nicht mal eine Spur mehr geblieben.

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