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Michael Jackson "Ein verwirrter Junge"

E-Mails aus dem Umfeld von Michael Jackson, in die "Gala" Einblick erhielt, zeichnen ein grausames Bild: Offenbar wusste jeder, wie labil er war. Was heißt das für den Prozess seines Clans?

Eigentlich ist es ein Abend ganz nach Michael Jacksons Geschmack. Rund 7000 Fans und 350 Journalisten warten auf ihn an jenem 5. März 2009 in der Londoner O2-Arena. Als der King of Pop mit 90 Minuten Verspätung die Bühne betritt, um über seine geplanten "This Is It"- Konzerte zu sprechen, wird er mit lautem Gekreische empfangen. Umso erschreckender fällt sein Auftritt aus. Blass, krumm, ausgemergelt schleppt sich der Sänger ans Mikro. Kichert sich mit wenigen Worten durch die Pressekonferenz. Nach nur vier Minuten verschwindet er.

"This Is It" und das Jahr 2009 sind nun wieder in aller Munde. Gerade hat der Zivilprozess in Los Angeles begonnen, in dem der Jackson-Clan den Konzertveranstalter AEG Live verklagt. Die Familie glaubt, das US-Unternehmen sei verantwortlich für den Tod von Michael.

Was ist dran an den Vorwürfen? Was könnte der Prozess ans Licht bringen? "Gala" konnte exklusiv interne E-Mails von AEG Live einsehen, die in dem Verfahren eine bedeutende Rolle spielen könnten. Sie zeigen, dass es von Anfang an Zweifel gab, ob Jackson den geplanten Marathon von 50 Konzerten durchstehen würde. Sie zeigen, dass alle von seinen schweren physischen und psychischen Problemen wussten. Und wie alle trotz Warnungen in die Katastrophe schlitterten: Am 25. Juni 2009 starb der Popstar.

Schon am Tag der Pressekonferenz in London droht das "This Is It"-Spektakel zu entgleisen. "MJ hat sich betrunken und niedergeschlagen in sein Zimmer eingeschlossen", mailt der AEG-Live-Chef Randy Phillips aufgeregt an seinen Kollegen Tim Leiweke. Sie hätten versucht, den Popstar nüchtern zu bekommen, hätten ihn im Hotelzimmer ankleiden müssen, so Phillips.

Im Laufe der Wochen wird der Mail-Verkehr zwischen den Betreuern vor Ort, der Firmenleitung und "This Is It"-Regisseur Kenny Ortega immer dramatischer. Jackson kann den straffen Probenplan nicht durchhalten. Immer dringlicher bittet Ortega die AEG-Live-Bosse um Hilfe. Gemeinsam mit dem Produktionsteam sucht man nach Lösungen, um Jackson zu entlasten. So werden Gesangstracks aufgenommen, weil der Sänger nicht genug Kraft hat, um gleichzeitig zu singen und zu tanzen.

Am 20. Juni schickt Ortega einen Notruf per Mail an AEG Live. Er halte Jackson, der immer mehr an Gewicht verliert, nicht für die Tour gewappnet: "Er hatte fürchterlichen Schüttelfrost, hat gezittert, rumgefaselt. (...) Es brach mir das Herz. Er war wie ein verwirrter Junge." Am gleichen Tag kommt es zu einem Krisentreffen in Jacksons Haus, bei dem auch dessen Leibarzt Conrad Murray dabei ist. Alle Anwesenden, vor allem Jackson selbst, werfen Ortega vor, Angst in der Truppe zu verbreiten. Der Regisseur, den der Jackson-Clan ursprünglich ebenfalls verklagen wollte ("Ich bin tief enttäuscht darüber", sagte er "Gala" dazu kürzlich) beschließt daraufhin, sich nicht mehr einzumischen.

Vielleicht machte die Verfolgung der eigenen Interessen alle Parteien blind? Profitlust und Geldnot, Perfektionismus und Selbstüberschätzung ergänzten sich, so wirkt es, zu einer fatalen Kombination. Nach Vertragsunterzeichnung war die "This Is It"-Maschine, bejubelt als "Showbiz-Coup des Jahrzehnts", nicht mehr anzuhalten. "Wir können nicht gezwungen werden, das hier zu stoppen", mailte ein weiterer AEG-Live-Boss schon im Februar 2009.

"MJ ist betrunken (...) in seinem Zimmer eingesperrt. (...) Er ist zu Tode verängstigt." Die Auszüge aus den Mails zwischen AEG-Live-Chef Randy Phillips und seinem Kollegen Tim Leiweke am 5. März 2009 zeigen, wie angeschlagen Jackson bei der "This Is It"- Präsentation war.
"MJ ist betrunken (...) in seinem Zimmer eingesperrt. (...) Er ist zu Tode verängstigt." Die Auszüge aus den Mails zwischen AEG-Live-Chef Randy Phillips und seinem Kollegen Tim Leiweke am 5. März 2009 zeigen, wie angeschlagen Jackson bei der "This Is It"- Präsentation war.
© Reuters

Conrad Murray, der den King of Pop mit einer Überdosis des Betäubungsmittels Propofol versehentlich tötete und dafür jetzt im Gefängnis sitzt, hoffte durch die Show seinem finanziellen Ruin zu entkommen. Und auch Michael Jackson selbst brauchte die erhofften Millionen, der Schuldenberg war zum Zeitpunkt seines Todes auf rund 400 Millionen Dollar angewachsen. Und er wollte es allen noch mal zeigen. "Es würde ihn zerschmettern, sein Herz fürchterliche Angst, dass alles auseinanderfällt", steht in der Mail von Kenny Ortega an AEG-Live-Chef Randy Philipps.

Die alles entscheidende Frage in dem nun laufenden Prozess wird sein, ob die Jackson-Anwälte beweisen können, in welchem Ausmaß AEG Live vom kritischen Zustand Jacksons informiert war. Ob sie Warnhinweise ignorierten, Druck ausübten. Das Unternehmen schiebt die Schuld auf Conrad Murray - und auf den King of Pop selbst. Von dessen Medikamentenabhängigkeit habe man nicht gewusst. Alle Entscheidungen habe der Sänger getroffen und auch seinen Arzt selber ausgesucht.

In einer Mail findet sich jedoch der Satz: "Erinnert den Doktor daran, dass wir und nicht MJ sein Gehalt zahlen." Und in der Nachricht des völlig schockierten AEG-Live-Chefs Randy Phillips vom 5. März 2009 liest man noch: "Das hier ist das Beängstigendste, was ich je gesehen habe." "MJ" sei "durchlöchert von Selbsthass und Zweifel", "zu Tode verängstigt". Ausgerechnet jetzt, "wo Showtime ist".

112 Tage später war die Showtime für Michael Jackson vorbei.

Jens Herbelig

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