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Mariah Carey Die unerhörte Diva


Mittlerweile gehört Mariah Carey zu den Stars mit dem höchsten Peinlichkeitsfaktor und kann lediglich durch ihre Zwillinge ihr schlechtes Image aufpolieren - zu Unrecht

Wenn in diesen Tagen von Mariah Carey die Rede ist, dann ist das allgemeine Augenrollen vielleicht ein bißchen weniger dramatisch. Die Diva hat mit der Geburt ihrer beiden niedlichen Zwillinge vieles wieder gut gemacht. Dennoch steckt sie in der Niveauerwartung derzeit wohl in einer Schublade mit Kim Kardashian. Doch damit werden ihr die Kritiker nicht gerecht.

So viel Humor, ach, allein die Fähigkeit des Schreibens längerer Texte hätten ihm die meisten wohl nicht zugetraut. Doch es vergeht kaum ein Tag, an dem Nick Cannon nicht auf seinem Blog postet. Witzige Dinge gibt es da zu lesen, etwa eine Sitzordnung für das bevorstehende Thanksgiving und die Analyse, mit welchem Platz man wohl zu den wichtigen und wo man zu den abgeschriebenen Familienmitgliedern gehört. Oder aber die Liste der "zehn Prominenten, mit denen man kein Thanksgiving feiern" sollte. Lindsay Lohan findet da ihren Platz, Charlie Sheen und der leidige Dr. Conrad Murray, Michael Jacksons ehemaliger und nun verurteilter Leibarzt. Mit spitzem Humor ("Wer bekommt nun das Sorgerecht für Bruce Willis?") zieht er über die Stars her. Dabei gehört er eigentlich selbst dazu. Kann es wirklich der Mann sein, der mit Mariah Carey, der wohl oberflächlichsten und seltsamsten Person des Showgeschäfts, verheiratet ist? Oder: Haben wir die Sängerin möglicherweise unterschätzt?

Die Wahrheit ist: Nick Cannon ist mit der einst größten Soul-Diva ihrer Zeit verheiratet. Als solche Größe wird Mariah Carey jedoch heute kaum wahrgenommen. Im besten Fall wird sie belächelt, viel öfter aber als absolutes Dummchen abgeschrieben. Das liegt zu einem großen Teil an Mariah Carey selbst. Sie hat in den vergangenen Jahren dem Wort Diva seine volle Bedeutung zukommen lassen, schließlich kommt es von divus, göttlich.

Und so verhielt sich Mariah Carey als eine, die nicht von dieser Welt ist. Die auf ihren Tourneen Wasser aus Kalifornien einfliegen ließ, sich in den unmöglichsten Outfits mitsamt Federboa präsentierte und mit einem dümmlichen "All American Girl"-Lächeln ihren Fans zuwinkte. Dabei war sie eben kein Mädchen mehr, sondern eine Frau mit einem mittlerweile überdimensionalen Dekolleté. Legendär und geradezu stellvertretend für ihr missratenes Image: eine betrunkene Dankesrede beim "Palms Springs Festival" 2010. Hinzu kam, dass ihre Alben sich nicht mehr verkaufen wollten, ihr Filmdebüt "Glitter" wurden zum Riesenflop.

Es gab aber auch eine andere Zeit. Da stand eine schwarz gekleidete junge Frau mit riesigem Lockenkopf auf der "MTV Unplugged"-Bühne und schmetterte Hits wie "Someday" und vor allem "Emotions" ins Mikrofon. Bumm, da war sie: eine der bemerkenswertesten Stimmen überhaupt. Von einer der am wenigsten prätentiösen Sängerinnen.

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Womöglich war es die hässliche Scheidung von Sony-Boss Thomas Mottola, die Mariah Carey dann einen ersten Schubser in eine andere Richtung gaben. Aus der zarten, gar schüchternen jungen Frau wurde ein Medienmonster, das die Possen der Journalisten und die Attacken angeblicher Insider an sich abschmettern lernen musste. Schon bald hatten alle das Gefühl, dass Mariah Carey mittlerweile auch als Person künstlich geworden war - und nicht nur an Busen, Hinterteil und im Gesicht. Dieses Bild hat sich bis heute stark erhärtet.

Mariah Carey, das war vor der hopsenden Jennifer Lopez, der lasziven Christina Aguilera oder Britney Spears und auch vor der mädchenhaften Lily Allen. Mariah Carey trällerte "Dreamlover" in Karohemd und abgeschnittener Jeans und schaukelte - ein wenig Oberflächlichkeit sei auch hier eingeräumt - so unbeschwert und schier ungeschminkt durchs Musikvideo, dass sich die jugendlichen Zuschauer am liebsten dazu setzen wollten. Nichts hatte diese Mariah von der Unnahbarkeit einer Lady GaGa oder der Perfektion einer Beyoncé.

Und dann diese Stimme, immer wieder diese Stimme. Es gibt klare Fakten, Tatsachen, die belegen, dass Mariah Carey tatsächlich zu einer der größten Sängerinnen der letzten Jahre gehört: Als Popsängerin beherrscht sie fünf Oktaven, landete 18 Nummer-1-Hits in den USA, gewann fünf Grammys und verkaufte mehr als 200 Millionen Platten. Mit einem Duett, das sie mit Whitney Houston für einen Filmtitelsong sang, gewann sie einen Oscar. Sie schrieb etliche Songs auch für andere und verdient damit derzeit sehr viel Geld.

Ohne Frage: Mariah Carey ist ihr Image heute wohl ziemlich egal. Viel Mühe gibt sie sich jedenfalls nicht, wenn sie in High Heels und "alles fake"-Outfits durch Talkshows und Premieren tapst. Nur ihre privaten Einblicke, die Nick Cannon und sie der Öffentlichkeit hin und wieder gewähren, zeigen wohl, dass Mariah Carey durchaus über eine gehörige Portion Selbstironie verfügt, wenn sie in Superhelden-Familie zu Halloween aufkreuzen, die Zwillinge auch in Kostümen. Dass sie herrlich uneitel sein kann, wenn sie sich mit Bäuchlein und den Babys auf dem Schoss auf einem gemütlichen Sessel oder beim schwimmen im Pool zeigt. Auch hier ist alles ein bißchen zu viel, zuviel Rosa, zu viel Glitzer und vermutlich auch zu viel Tamtam um die Babys. Aber wie schade, dass sie diese Seite von sich viel zu selten zeigt. Wie schade auch um ihr Talent. Davon hat sie nämlich auch sehr viel.

gala.de


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