Lindsay Lohan So lebt es sich als gefallener Engel

Schon viel zu lange ist Lindsay Lohan vor allem für ihre Skandale berühmt. Aber wie ist die Frau, über die so viel gelästert wird, wirklich? "Gala" traf sie in Italien

Die prächtige Kulisse des Comer Sees

, die aufgeregte Entourage, das leuchtend rote Outfit … von all dem darf man sich nicht blenden lassen: Wirklich und wahrhaftig schön sind an Lindsay Lohan nur noch ihre Augen und ihr Lachen. Die Augen sind grün und haben faszinierende schwarze Sprenkel. Lindsays Lachen klingt kehlig-herzlich, nach einem aufgeputschten Leben mit zu vielen Zigaretten und zu viel Alkohol - mehr, als eine gerade mal 25Jährige vertragen könnte.

Ich habe Lindsay Lohan, die einmal als vielversprechende Schauspielerin galt und nun schon seit Jahren vornehmlich durch Skandale auffällt, in Mailand getroffen. Es ist eine besondere Begegnung für mich, denn ich war mal ein großer Lindsay-Verehrer. Mit klarem Blick sitzt sie mir also gegenüber und freut sich aufrichtig, als ich ihr sage, wie sehr mich die Begegnung freut. Komplimente bekommt Lindsay nicht mehr viele, zu einfach ist es geworden, sich über sie lustig zu machen. Sie ist der gefallene Engel, der Treppenwitz von Hollywood. Denn sie will den Ruhm, um jeden Preis - und macht dabei alles verkehrt. "Seen it all, done it all, can't remember most of it" steht in verspiegelten Buchstaben an der Wand des Showrooms von Designer Philipp Plein, 33, der sie gerade zum neuen Gesicht seines Fashion-Labels gemacht hat. Und glaubt man den vielen Geschichten über "LiLo", dann ist der Wandschmuck eine treffende Zusammenfassung ihres Lebens.

Tatsächlich wirkt Lindsay nicht nur unsicher, sondern vor allem erschreckend künstlich und verbraucht. Die gelbblond gefärbten Haare, die Extensions, die Wimpern, die etwas zu pralle Oberlippe - sie ist wie eine Barfrau, die im wohlwollenden Dunkel der Nacht attraktiv erscheint, der aber bei Tageslicht kein Mann mehr hinterherschauen würde. "Lindsay ist Rock'n'Roll!", behauptet Philipp Plein. Und Lohan bestätigt mir lächelnd: "Ja, ich kann es zumindest manchmal sein." Sie sei aber "nicht hier, um über Fehler zu sprechen", erklärt sie dann: "Ich diskutiere nicht über meine Vergangenheit." Stattdessen verdrängt sie: Jeder würde schließlich Fehler machen, in jedem Leben gebe es Höhen und Tiefen. Lohans letzter bedeutender Film war "Robert Altman's Last Radio Show". Das war 2006 und ihre Rolle nur klein.

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Es folgten Drogen, Alkohol, Entzug, Familien-und Beziehungsdramen. Doch Lindsay beharrt: "99 Prozent der Geschichten über mich sind erfunden." Mehr gibt es ihrer Meinung nach nicht zu sagen. Nur: "Ich bin im Moment sehr glücklich mit mir und meinem Leben." Die Mittagsveranstaltung scheint Lindsay Kraft zu kosten. Sie knabbert an den Fingernägeln, erkundigt sich nach dem Terminplan. Vorhin, bei der Pressekonferenz, wollten alle wieder nur über ihre Skandale sprechen. Eine Frage zu ihrem denkwürdigen Ruf war so respektlos, dass die italienische Dolmetscherin sie erst gar nicht übersetzen wollte. Doch da lachte Lindsay Lohan nur ihr schönes Lachen und meinte: "Damit kann ich schon umgehen." Sie ist nichts anderes gewöhnt, und sie ist eine Kämpferin. "Ich verstehe mich immer noch und vor allem als Schauspielerin", sagt Lindsay. Und jawohl, es gebe diverse Projekte. Sie blickt zu ihrem Manager, der schüttelt den Kopf. "Ich kann leider noch nicht darüber reden, aber Sie werden bald davon hören!" Lindsays größtes Problem ist es, dass sie immer noch viel zu gern das Nachtleben erkundet. Andere Schauspieler machen das phasenweise, Lindsay aber beständig - ob nun gerade clean oder nicht. Auf diesem Wege geht viel Energie für eine ernst zu nehmende Karriere verloren.

Lindsay Lohan mit GALA-Redakteur Alexander Stilcken
Lindsay Lohan mit GALA-Redakteur Alexander Stilcken
© Gala

Dafür wirkt sie am Abend, bei der Fashionshow von Philipp Plein, gleich viel souveräner. Die Bässe wummern, Lindsay wippt in der ersten Reihe im Takt, sie soll einfach nur da sein und gut aussehen, eine leichte Übung auf vertrautem Terrain. Aber auch hier wird ihr das permanente Fotografieren der Fotografen irgendwann zu viel, sie versteckt sich immer wieder hinter einem Fächer, auch als sie die Backstageparty schon um 22.20 Uhr verlässt. Die sechs Teenager-Mädchen, die am Hinterausgang auf Autogramme warten, sieht sie deshalb vermutlich nicht einmal. Sie werden zur Seite geschoben - wieder eine Chance vertan, Lindsays Image aufzubessern. Stattdessen entstehen einmal mehr Bilder, auf denen es so aussieht, als habe Lindsay etwas zu verbergen, als sei sie auf der Flucht und nicht ganz bei Sinnen. Dabei will sie doch nur zurück ins Hotel und endlich ihre Ruhe. Bis zur nächsten Party, dem nächsten Shooting - oder dem ganz großen Erfolg. Ich würde mich freuen, wenn es mit Letzterem wieder klappen würde. Bis es so weit ist, bleibt Lindsay leider der Beleg dafür, dass selbst in Hollywood jede Party einmal endet.

Alexander Stilcken

gala.de


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