Leslie Mandoki: "Raus aus der Komfortzone!"

Leslie Mandoki will die Welt besser machen. Mit GALA sprach der Musiker über Nachhaltigkeit und seine Tochter, über seine Flucht aus Ungarn - und warum er seine Mähne nie abschneiden wird  

Leslie Mandoki

Viele verbinden ihn bis heute mit "Dsching, Dsching, Dschingis Khan". Was für ein Auftritt beim Eurovision Song Contest 1979 ! Bunte Kostüme eine für damalige Verhältnisse auf­wendige Choreografie, eingängige Melodie: So holte die eigens für dieses Event gegründete Band mit Leslie Mandoki für Deutschland den vierten Platz. Ein toller Erfolg für den unga­rischen Musiker, der 1975 aus seiner damals sozialistischen Heimat in die Bundesrepublik geflohen war. Diese Art Popmusik war zwar nicht wirklich sein Ding, doch "Dschingis Khan" verschaffte ihm wichtige Kontakte für die Karriere als Produ­zent, Komponist und Schlagzeuger. In Tutzing am Starnberger See besitzt der heute 66­-Jährige eines der besten Tonstudios Europas. Nur einen Kilo­meter entfernt wohnt er mit seiner Frau Eva, einer Ärztin. Hier wuchsen auch die drei Kinder auf.

Leslie Mandoki arbeitet mit Top-Stars

Top-Stars wie Phil Collins und Lionel Richie, Ian Anderson und Bill Evans, Peter Maffay und Till Brönner arbeiten mit Mandoki zusammen. Er versteht sich als Brückenbauer, sein Netzwerk ist die Erste Liga. Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész war ein väterlicher Freund, und mit dem ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow tauscht er sich regelmäßig aus. Musikalisch galt seine Liebe schon immer dem Jazz. Mit seiner langjährigen Band, den Mandoki Soulmates, hat er nun das Doppelalbum "Living In The Gap/Hungarian Pictures" ein­gespielt. Frischer Sound, starke Worte: In den Songs geht es um Gegenwarts­themen von sozialer Ungerechtigkeit bis zu den Gefahren für die Natur. Themen, die Jüngere wie Ältere bewe­gen. Auch zwischen den Generationen will Leslie Mandoki Brücken bauen.

Für Leslie Mandoki ist das aktuelle Soulmates- Doppelalbum "Living In The Gap/Hungarian Pictures" wie ein "ein handgeschriebener Liebesbrief statt einer SMS" (Sony Music)

 GALA: Sie treten am 9. November mit Ihren Soulmates in Berlin auf, genau 30 Jahre nach dem Mauerfall. Ein Zufall? 
Leslie Mandoki: 
Wir haben den Abschluss unserer vier Konzerte, in denen wir das neue Album vorstellen, mit Bedacht auf diesen Tag in Berlin gelegt. Hier trifft meine persönliche Lebenslinie mit der euro­päischen Geschichte zusammen. Das ist alles sehr bewegend. Die Mauer ist 1989 gefallen, ohne dass jemand ster­ben musste. Auf dieses Momentum des Glücks hätten wir bauen müssen! Wie unvorstellbar waren damals die Dinge, die uns heute so große Sorgen machen.

"Wir müssen das Verbindende in den Mittelpunkt stellen"

Was hätten wir Ihrer Meinung nach besser machen müssen?
Wir haben alle Chancen gehabt, eine humane, achtsame, tolerante, bunte Republik ohne die Farbe Braun zu bauen. Stattdessen haben wir Gier über Achtsamkeit siegen lassen. Inzwischen ist unsere Gesellschaft gespalten, und immer mehr Menschen radikalisieren sich. Das ist eine schreckliche Fehlent­wicklung. Wir müssen wieder das Ver­bindende in den Mittelpunkt stellen.

Wie fühlt es sich für Sie an, wenn die AfD mittlerweile bei Landtagswahlen mehr als 20 Prozent gewinnt?
Als Teil dieser Gesellschaft fühle ich mich wahnsinnig betroffen. Auch weil ich mich selbst kritisch fragen muss, warum ich mich in den vergangenen Jahren in meine intellektuelle, kosmopolitisch-­urbane Komfortzone zurückgezogen habe. Ich bin ein ehemaliger Asylant, als allein reisender junger Mann illegal hierher gekommen und sprach kein Wort Deutsch. Bin ich deshalb ein Feind? Ich liebe dieses Land!

Ihre Tochter Julia ist Umweltaktivistin. 2018 verletzte sie sich im Hambacher Forst schwer. Überwiegt bei Ihnen die Sorge oder der Stolz angesichts solcher Aktionen? 
Als Vater ist man ja sowieso immer stolz. Zudem glaube ich, sie kämpft für das Richtige. Natürlich will man seine Kinder schützen, aber ich würde sie weder von irgendetwas abhalten können noch wollen.

Julia Mandoki, Leslie Mandoki

Schon immer politisch engagiert 

Kämpfen Sie für dasselbe wie Ihre Tochter?
Zwischen Young Rebels und Old Rebels gibt es einen Unterschied: Wenn man jung ist, kämpft man nicht nur für sein Vorhaben, sondern intuitiv auch gegen das Establishment. Ich denke, man muss den Kindern vermitteln, dass wir Old Rebels, obwohl wir längst Teil des Establishments sind, trotzdem unsere Welt nicht weiterhin verraten wollen. Wie gesagt: Die Gesellschaft ist  gespalten, "we are living in the gap". Deshalb habe ich die Songs geschrieben. Sie handeln von Problemen, die Old Rebels und Young Rebels nur gemeinsam lösen können. Ich stehe für das Willy-Brandt-Konzept. Ich möchte den anderen verstehen, dann sucht man nach Gemeinsamkeiten und bemüht sich darum, eine Brücke zu bauen. Ein "Weiter so!" kann es nicht geben. Es geht jetzt um die Zukunft der nächsten Generationen.

Sind Sie heute politischer als früher?
Nein. (lacht) Während der Diktatur in Ungarn wurde ich 17 Mal verhaftet. Ich war also auch früher schon ungemütlich. Ich war immer fasziniert von der Idee, dass Kunst, vor allem Rockmusik, ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft ist. Deshalb habe ich während der Diktatur gegen die Zensur protestiert und Reisefreiheit gefordert. Ich war kein Held. Ich war renitent, habe aber auch immer das Verbindende gesucht. Ich wollte immer gegen die Spaltung wirken. Deshalb sage ich ja heute: Wir haben es vermasselt.

Wie schaffen wir es, die Welt zum Besseren zu verändern?
Mit einem Aufstand der Vernunft. Es geht um Humanität. Wir müssen raus aus der Komfortzone. Wir müssen wieder die Menschen und ihre Arbeit in den Mittelpunkt der Gesellschaft stellen und nicht Gier und Spekulation.

Nachhaltigkeit ist ein großes Thema

Was kann die Politik dazu beitragen?
Die Politik muss die Weichen stellen für die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder. Sie darf kein Demoskopie-Junkie sein und sagen: "Jetzt steigen wir in die Atomkraft ein - obwohl wir gar nicht wissen, was unsere Enkel mit diesen Brennstäben anstellen sollen." Das ist unethisch.

Öko-Vorbilder

Diese Stars setzen sich für die Umwelt ein

Til Schweiger geht als Öko-Vorbild voran bzw. heraus aus dem Supermarkt: Statt einer Einweg-Tüte trägt er seinen Einkauf in einer Tragetasche nach Hause. In seinem Instagram-Post verweist er auf die Ökobilanz von Papiertüten, die auch nicht besser abschneidet als die von Plastik.
Jane Fonda engagiert sich gemeinsam mit anderen Demonstranten bei einem Klimaprotest in Washington. Für ihre Aktion wird die Schauspielerin verhaftet und muss eine Nacht im Gefängnis verbringen. 
Stolz erntet Camila Alves ihr selbstangebautes Herbstgemüse aus dem heimischen Garten. 
Nina Bott setzt in vielen Dingen bereits auf Nachhaltigkeit. Und auch unterwegs will die Moderatorin keinen Müll produzieren und trinkt ihren Tee daher aus dem "Recup"-Pfandbecher. 

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Aus der Atomkraft ist Deutschland immerhin ausgestiegen.
Ja, wir haben unsere "sicheren" Atomreaktoren abgeschaltet. Dafür fahren allerdings in Belgien, Frankreich, Polen oder Tschechien die "unsicheren" weiter hoch. Und die Brückentechnologie ist Braunkohle. Echt super gut gemacht, oder?

Markenzeichen: Lange Mähne

Was machen Sie persönlich, um das Klima zu schützen?
Ich bin zwar noch kein Vegetarier, aber ich habe meinen Fleischkonsum radikal minimiert. Wir essen jetzt viel mehr regional und saisonal. Ich nehme öfter den Zug. Wenn ich wirklich fliegen muss, lege ich möglichst viele Termine auf so einen Tag. Seit Ewigkeiten verwenden wir kaum Plastik in unserem Haushalt, nicht mal einen Müllsack. Und wir achten bei Klamotten darauf, wo sie herkommen. Meine Lederjacke ist auch schon 20 Jahre alt.

Insgesamt haben Sie Ihr Äußeres ja über die Jahre nicht großartig verändert. Hatten Sie nie Lust, Haare und Schnäuzer abzuschneiden?
Das wird nie passieren! (lacht) Ich sage Ihnen auch, wie es zu diesem Look kam: In Ungarn war es Protest. Alle, die es gut mit mir meinen, sagen schon länger, das müsste ich mal ändern - neues Album, neuer Look. Aber ich war noch nie hip, ich war noch nie modisch, ich war noch nie cool.

Leslie Mandokis aktuelles Doppelalbum "Living in The Gap/ Hungarian Pictures", mit den "Mandoki Soulmates" erscheint am 11.10.2019!

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