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Laura Karasek "Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der jedem alles egal ist"

Laura Karasek
© David Straßburger Fotografie
Laura Karasek fragt sich manchmal, ob sie vielleicht "zu uncool" ist. Oder "zu schlecht" war. Dann vergießt sie auch mal eine Träne. Missen möchte sie diese Momente trotzdem nicht. "Ich möchte berühren. Und berührt werden", sagt die Autorin.
Es gibt wenige Künstler:innen, die so ehrlich über die harte, und ja, manchmal auch unerbittliche Show-Branche sprechen. Laura Karasek, 39, tut es – erst in einem Instagram-Post, der nach wenigen Stunden viral ging, und jetzt im GALA-Interview.

Laura Karasek: "Natürlich frage ich mich dann, ob ich vielleicht zu uncool bin"

Manchmal kommt sich die 39-Jährige wie eine "laufende Werbetafel" vor, ständig muss sie Werbung für ihre Marke – also sich selbst – machen. Um Unterstützung bittet sie nur ungern, oft fehlt ihr Mut. Umgekehrt ist es anders: Die Moderatorin hilft ihren Kolleg:innen, bedingungslos. "Wenn ich etwas gut finde, mache ich unaufgefordert Werbung – das ist für mich selbstverständlich! Dafür brauche ich auch keine Gegenleistung", so Karasek. "Ich kann doch nicht nur dann gut sein, wenn alle anderen schlecht sind." 
GALA: Sie haben einen sehr ehrlichen Post veröffentlicht, in dem Sie unter anderem von Ihren Selbstzweifeln in der Show-Branche erzählen. Gab es dafür einen bestimmten Anlass?
Laura Karasek: Das lag mir einfach auf der Seele. Ich liebe meinen Job und das Show-Geschäft, anderseits weiß ich auch, welche Vorteile es hat, angestellt zu sein. Ich bin noch relativ neu in dieser Branche und ich muss mich erst daran gewöhnen, ständig Eigen-Promo zu machen. Man will sich nicht anbiedern, trotzdem muss man seine Marke, also sich selbst, ständig wieder ins Gespräch bringen.
Als Anwältin bin ich für meine Mandant:innen vor Gericht aufgetreten, jetzt muss ich für mich selbst auftreten und mich als "Produkt" bewerben. Sonst geht man unter. Auch, wenn das manchmal unangenehm ist.
Deswegen kam mir auch das Bild von der "menschlichen Litfaßsäule" in den Kopf: Ich komme mir wie eine laufende Werbetafel vor, die 24/7 ruft: "Hier, ich bin‘s, bitte kauft was“ (lacht), "Hier ist mein aktueller Roman 'Drei Wünsche'! Lest den! Swipe up. Hier ist meine Sendung bei ZDFneo. Schaltet ein! Hopp hopp …" Man ist so eine Dauerwerbesendung und oft fehlt mir der Mut, andere um Unterstützung zu bitten.
Wenn man Menschen kennt, die Bücher oder Sendungen von anderen empfehlen, darf man nicht traurig sein, bloß weil man selbst keine Unterstützung bekommt. Es schmeichelt einem ja, wenn ein "Vorbild" aus den Medien, aus der Kultur, das gut findet, was man macht. Trotzdem ist man da natürlich auch kränkbar, wenn niemand was sagt. Das fühlt sich dann an wie geghosted zu werden, also bewusst ignoriert.
An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte aus Instagram integriert.
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Zweifeln Sie in solchen Momenten an sich selbst?
Natürlich frage ich mich dann, ob ich vielleicht zu uncool bin oder mich die Verantwortlichen blöd finden. Oder, wieso sich Männer oft ganz selbstverständlich gegenseitig pushen und fast nebenbei auf die neue Show, das neue Werk, das Produkt des anderen verweisen – und bei meiner Sendung – und den Leistungen von anderen Frauen –  im Gegensatz die Füße stillhalten. Auch wir selbst müssen da lauter werden und andere Frauen empfehlen.
Frauen wird oft klischeehaft unterstellt, dass sie untereinander "stutenbissig" sind …
Das finde ich schlimm! Wir sind nicht stutenbissig, das ist eine Erfindung. Frauen wird  beigebracht, nicht zu forsch, schrill oder fordernd zu sein. Stattdessen sollten wir pflegeleicht sein. Wir wollen anderen gefallen, nicht angeberisch sein und bloß nicht auffallen. Männer sind da viel direkter und haben keine Scheu, ihre Kollegen um einen Gefallen, um "Support" zu bitten.
Frauen dürfen aber genauso mit dem angeben, was sie geschafft haben, ohne gleich als Nervensäge abgestempelt zu werden.
Gibt es ein "Nein", das Ihnen besonders weh getan hat?
Natürlich. Ich habe letztens zum ersten Mal bei einem großen Casting für die Moderation einer großen Prime-Time-Show mitgemacht, aber am Ende hat eine andere, ganz ganz tolle Kollegin, den Job bekommen. Sie ist eine wunderbare Frau und die perfekte Wahl, trotzdem habe ich danach beim Joggen ein paar Tränen vergossen und gedacht: "Ich bin zu schlecht!" Aber ich will nicht jammern, man kann nicht immer vom Erfolg geküsst sein und vieles gelingt mir ja. Absagen gehören für uns alle dazu. Das muss ich lernen. Vielleicht lernt man erst mit den Jahren in dieser Branche, sich nicht alles so sehr zu Herzen zu nehmen. 
Viele Künstlerinnen und Künstler geben das nicht zu …
Das finde ich schade. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der jedem alles egal ist. Im Gegenteil. Ich möchte berühren. Und berührt werden. Mich über das positive Feedback freuen, aber auch mal an mir zweifeln, wenn etwas nicht klappt.
Ich glaube, wenn man aufhört, sich die Misserfolge zu Herzen zu nehmen, verliert man auch die Freude an seinen Erfolgen.
Und wir dürfen doch Fehler machen, auch wenn der Ton auf Social Media in den letzten Wochen immer rauer geworden ist. Viele machen sich da untereinander fertig. Das schreckt ab. Aber man sich doch irren und revidieren, wir müssen uns ja weiterentwickeln, lernen und falsche Aussagen korrigieren dürfen.
Ich wünsche mir mehr Fehlerfreundlichkeit und Mut zum Scheitern oder sagen wir: zum Uncool sein.
Fällt es Ihnen schwer, "Nein" zu sagen?
Ja. Ich sage auch nicht oft Nein. Natürlich mache ich nicht bei jedem TV-Format mit, aber anders als viele andere Autorinnen und Autoren bin ich nicht der Meinung, dass wir Kultur und Unterhaltung so scharf trennen sollten. Und wenn mich Menschen, die ich mag und schätze, um einen Gefallen bitten, sage ich nie Nein. Wenn ich etwas gut finde, mache ich unaufgefordert Werbung – das ist für mich selbstverständlich! Dafür brauche ich auch keine Gegenleistung.
Ich finde es kränkend, wenn sich Personen, mit denen man sich gut versteht, zu schade sind, dem anderen etwas Aufmerksamkeit oder Reichweite zu schenken.
Ich kann doch nicht nur dann gut sein, wenn alle anderen schlecht sind. Das wäre ja schrecklich. Wir nehmen uns doch nichts weg.
Rührt dieses "Gönnen-Können" vielleicht auf der Gewissheit, dass Sie ein abgeschlossenes Jura-Studium haben und wissen, dass Sie jederzeit zurück in Ihren "alten Beruf" können?
Darüber habe ich noch nie so richtig nachgedacht, aber ja, das kann gut sein. Meine Fallhöhe ist vielleicht eine andere. Trotzdem kann jeder Mensch sich blamieren, der es wagt, in die Öffentlichkeit zu gehen – ob mit Büchern, Texten oder Sendungen – Jura-Studium hin oder her. Es gibt durchaus Momente, in denen ich mich frage, warum ich mir das alles antue. 
Und dann?
Dann erinnere ich mich an all die Dinge, die ich liebe: die Begegnungen, die Aufregung, das Berühren von Menschen, das Anregen. Und an den Applaus. Ich will nicht misstrauisch durch die Welt gehen oder mich nach einer Niederlage komplett zurückziehen.
Das ist eben das Risiko dieser Branche. Und das wusste ich, als ich meinen Job als Anwältin hingeschmissen habe. Die Angst vor Zurückweisung ist immer da, das ist die Kehrseite der Medaille. 
Eine letzte Frage, die jetzt nicht zum Thema passt, aber: Wie läuft es mit Ihrer Ausbildung auf dem Traumschiff?
Das frage ich mich auch! (lacht) Ich glaube, ich muss mich da mal wieder ins Spiel bringen. So viel zum Thema "Litfaßsäule" … Ich würde gerne weiter von Florian Silbereisen ausgebildet werden!
Verwendete Quellen: eigenes Interview, instagram.com
Gala


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