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Lady GaGa Große Aufregung war gestern

Lady GaGa
Lady GaGa
© Action Press
Heute provozieren die Auftritte von Lady GaGa vor allem Gleichgültigkeit

Liebe Lady Gaga,

als ich Sie vor dreieinhalb Jahren zum Interview traf, galten Sie als "Next Big Thing", und der internationale Durchbruch stand Ihnen unmittelbar bevor. Ihr Debütalbum "The Fame" war gerade erschienen, die ersten beiden Singles "Just Dance" und "Poker Face" schossen auf Platz eins der Charts. Für weitaus mehr Furore sorgten jedoch Ihre Outfits, mit denen Sie uns damals überraschten: als Teetasse, Riesenseifenblase, Discokugel, mit brennenden Brüsten, im Fleischkleid oder Kermit-der-Frosch-Mantel. Es war Nicola Formichetti, ehemaliger Redakteur der japanischen Männer-"Vogue" und Kreativdirektor von Thierry Mugler, der aus Ihnen eine Kunst- Performance auf zwei Beinen machte. 2011 wurden Sie vom "Billboard"-Magazin zur bestangezogenen Frau des Jahres gewählt, man erkor Sie zur Stil-Ikone, laut "Forbes" wurden Sie zur einflussreichsten Prominenten der Welt.

Als wir 2009 in Hannover gemeinsam in Ihrer Garderobe auf der Couch saßen, trugen Sie ein futuristisches Kostüm aus Metall, das Ihnen beim Sitzen und Reden den Atem rauben musste, doch Sie ließen sich nichts anmerken und klimperten in Zeitlupe mit Ihren künstlichen Wimpern. Wie Sie sich selbst beschreiben würden, wollte ich von Ihnen wissen, während drei bis vier Stylistinnen Ihre gelbe Perücke in Form sprayten und beim Bronzeteint auf den Schultern noch mal nachhalfen. "Exxxzennntrrrisch", lautete Ihre Antwort, die Sie sich genüsslich auf der Zunge zergehen ließen - und damals kaufte man Ihnen das auch sofort ab. Schließlich entwarfen Sie sich mehrmals täglich neu, erstaunten, schockierten und amüsierten in Highspeed so sehr wie Ihre Idole David Bowie, Madonna und Michael Jackson zusammen. "Ich entscheide, wie die Welt mich sehen soll", erklärten Sie. "Ich würde nie Trainingshosen anziehen, selbst wenn ich ins Krankenhaus müsste."

Früher war sie von Lady Gaga fasziniert, heute lässt die Sängerin sie kalt. "Gala"-Redakteurin Sandra Reitz wünscht sich ein End
Früher war sie von Lady Gaga fasziniert, heute lässt die Sängerin sie kalt. "Gala"-Redakteurin Sandra Reitz wünscht sich ein Ende der Maskerade.
© Ben Lamberty

Heute wäre es jedoch das Gewöhnliche, das uns frappieren und animieren würde, ein weiteres Mal hinzuschauen - quasi als neue exzentrische Seite an Ihnen. Denn wir haben den Gaga-Overkill erreicht, der Zenit der Skurrilitäten ist längst überschritten. Ob Sie in einer Burka auf der Londoner Fashion Week auftauchen, sich mit Fuchsschwänzen behängen oder im Großmütterchen-Look mit Taschenhündchen Fozzi durch New York stolzieren, interessiert immer weniger. Was soll noch kommen? Kiffen und Schweinehälften auf der Bühne hatten wir schon. Liebe Lady, Sie haben sich selbst überholt - und tun uns das an, was Sie selbst am allermeisten schockieren dürfte: Sie provozieren Gleichgültigkeit. Und das Gagaversum? "Meine Fans machen 50 Prozent meiner Person aus", sagten Sie im Interview mit dem "Rolling Stone" über Ihre "kleinen Monster". Und die halten Ihnen weiterhin die Treue: Ihre dritte Welttournee, die "Born This Way Ball"-Tour mit 110 Konzerten in zwölf Monaten, läuft bestens, obwohl Ihr jüngstes Album "Born This Way" schon eineinhalb Jahre alt ist.

Es ist die Bühne, die Aufmerksamkeit der Menge, nach der Sie süchtig sind wie nach den Hackbällchen Ihres Vaters, die er nach einem Familienrezept in seinem New Yorker Restaurant "Joanne" für Sie zubereitet. Und wer Sie einmal live erlebt hat, weiß, dass Sie eine begnadete Sängerin und Musikerin sind, die alles aus sich herausholt. Die extreme Verkleidung hat Ihnen schlagartig zum lang ersehnten Ruhm verholfen und Ihre Message, Sie seien anders als alle anderen, ein wandelndes Kunstwerk eben, transportiert. Sie möchten geliebt werden, wie Sie sind, haben Sie mal gesagt. Es wäre schön, wenn Sie den Mut hätten, uns das zu zeigen. Ihre Sandra Reitz

gala.de

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