Kommentar: Angelina Jolie zeigt, dass Stärke sexy ist

Brustlos, furchtlos, beispielhaft: Angelina Jolies Bekenntnis zur bisher unentdeckt gebliebenen Mastektomie in einem Zeitungsartikel sorgt für Diskussion. Damit ist es einer Frau, die eh wie eine Amazone durch die Popkultur galoppiert, wieder einmal gelungen, zu berühren und Aufmerksamkeit zu erregen. Und genau das wollte sie auch, im besten Sinne

Angelina Jolie

hat sich beide Brüste entfernen lassen. Zwischen Anfang Februar und Ende April. Vorsorglich, um Brustkrebs zu vermeiden. Solch eine Nachricht lässt uns zusammenzucken. Schock. Gedankenblitze. Fragen. Wie fühlt sich das an? Wie sehr nimmt es mit? Was bedeutet das für ihr Familienleben? Ihre Karriere? In einem gewissen Rahmen nimmt zu diesen Fragen sogar schon Stellung.

Alle Medien berichten. Es heißt, das sei ein Thema „jenseits der Klatschspalten“. Die Information über die Operation stammt von Jolie selbst, wurde keinem Reporter gesteckt, sondern von ihr in einem ihrer durchdachten, strukturierten Beiträge in der „New York Times“ aufgeschrieben. Solche Wortmeldungen in anerkannten Zeitungen hebt sich die Sonderbotschafterin des UN-Flüchtlingsrats sonst für ihr großes Kampfthema, die Situation von Kriegsopfern und Vertriebenen weltweit, auf – im Februar 2008 in der „Washington Post“ beispielweise. Auch solche Berichte schreibt sie aus tiefem Herzen.

Das ist ihr Herzensprojekt, ihr Leben absiets der roten teppiche: UNHCR-Sonderbotschafterin Angelina Jolie trifft im September 2012 syrische Flüchtlinge.

Das ist ihr Herzensprojekt, ihr Leben absiets der roten Teppiche: UNHCR-Sonderbotschafterin Angelina Jolie trifft im September 2012 syrische Flüchtlinge.

Doch der aktuelle, der ist höchstpersönlich. Angelina Jolie schreibt über verschiedene Schritte ihrer Mastektomie , über Eingriffe, Schmerzen. Über die Angst ihrer Kinder und den Beistand, den ihr Partner ihr geleistet hat. Jolie schreibt, sie wolle Frauen wissen lassen, dass es eine Wahl gibt. Dass es Tests gibt, die die gefährliche genetische Disposition erkennen lassen. Dass Frauen, die sich für diesen Schritt entscheiden, jede Unterstützung von Man und Familie brauchen. Hier schreibt die Angelina Jolie, die die Welt immer ein bisschen besser machen will mit dem Übermaß an Aufmerksamkeit, die ihr Job mit sich bringt.

Wird ihr Job unter dem Eingriff leiden? Es ist ein Job, von dem es immer wieder heißt, er verlange ein hohes Maß an körperlicher Perfektion. Angelina war da immer ganz vorne dabei – Actionheldin, Sirene, Sexsymbol. Es steckt eine gewisse Gefahr darin, aus diesem Sexsymbol durch die öffentliche Stellungnahme eine Frau zu machen, die gedanklich erst einmal brustlos wird. Noch dazu, wenn der Vorgang auf fast unerklärliche Weise geheim bleiben konnte, trotz Superstarstaus und ständiger Paparazziüberwachung. Im Text Jolies wird deutlich, dass auch ein chirurgischer Aufbau neuer, künstlicher Brüste zum Umfang des Eingriffs gehörte, dass man also im besten Fall rein äußerlich keinen Unterschied zu vorher wird feststellen können.

Die alte Angelina im Jahr 2005 bei einer Premiere des Films "Mr. & Mrs. Smith" in Los Angeles. ZU diesem Zeitpunkt ist sie zwar schon Mutter von Maddox. Doch die Welt sieht in ihr vor allem die sexy Actionheldin. Während der Dreharbeiten zum Film traf sie Brad Pitt. Der sah mehr in ihr.

Die alte Angelina im Jahr 2005 bei einer Premiere des Films "Mr. & Mrs. Smith" in Los Angeles. Zu diesem Zeitpunkt ist sie zwar schon Mutter von Maddox. Doch die Welt sieht in ihr vor allem die sexy Actionheldin. Während der Dreharbeiten zum Film traf sie Brad Pitt. Der sah mehr in ihr.

Angelina Jolie

Supermama mit Sexappeal

Oktober 2013: Der frühere olympische Langstreckenläufer und Kriegsheld Louie Zamperini ist die Inspiration für Angelina Jolies zweite Regiearbeit "Unbroken". Der Film erzählt Zamperinis Überlebensdrama im Zweiten Weltkrieg, als der Pilot nach einem Flugzeugabsturz 47 Tage auf einem Floß im Pazifik trieb, bevor er von Japanern gefangen genommen wurde.
4. September 2013  Angelina Jolie ist im Flughafen von Los Angeles mit allen Kindern auf dem Weg zum Flieger nach Sydney.
Mai 2013: Eine Nachricht die bewegt:  Angelina Jolie ließ sich beide Brüste operativ entfernen, um das Brustkrebsrisiko zu verringern. Ihre Mutter Marcheline Bertrand starb 2007 im Alter von 56 Jahren an Krebs.
März 2013: Als Botschafterin des Menschrechts unterwegs.   Angelina Jolie besucht gemeinsam mit dem britischen Außenminister William Hague ein Flüchtlingscamp im Kongo.

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„Es ist gut, ein Sexsymbol zu sein“, hatte Jolie erst vor wenigen Monaten dem Magazin „Total Film“ gegenüber zu Protokoll gegeben. Noch im April kam ein zwölf Jahre altes Bild von ihrbei „Christie’s“ unter den Hammer, dass eine halbnackte Angelina zeigte, deren Oberkörper von einem Pferdemaul liebkost wird. Sie gehörte nie zu denen, die ihre weiblichen Reize versteckt haben. Weder in Rollen wie in „Tomb Raider“ oder in „Mr. & Mrs. “. Und sie wirkt auch in ihrem NYT-Artikel nicht, als fühle sie sich da jetzt eingeschränkt: „Um es ganz persönlich zu formulieren: Ich fühle mich kein Stück weniger als Frau. Ich fühle mich gestärkt, weil ich eine starke Entscheidung getroffen habe, die in keiner Weise meine Weiblichkeit verringert.“

Jolies Glück ist es, dass sie auch schon lange, schon immer eine andere Seite hat. Eine, die schwarze Schlabberkleider alltagstauglich findet. Eine, die sie Frauenrollen spielen lässt, die mit Mut und Verstand überzeugen und nicht nur mit einem Mangel an Klamotten und einem Übermaß an Dekolleté. Eine, die sie schon lange mit Hilfe ihrer Produktionsfirma, ihres Geldes, ihrer Bekanntheit und zuletzt auch ihrer Regiearbeit eigene Werke entwickeln lässt, die sie unabhängig machen vom Hollywood-Abziehbild.


Überaus weiblich: Brad Pitt und seine hochschwangere Partnerin Angelina Jolie dei den Filmfestspielen von Cannes im Jahr 2008. Zwei Monate später bringt Angelina die Zwillinge Knox und Vivienne zur Welt. Auf dem Titelbild des "W Magazine" wird sie samt ihrer Brust - in den USA höchst umstritten - im September beim Stillen zu sehen sein.

Überaus weiblich: Brad Pitt und seine hochschwangere Partnerin Angelina Jolie dei den Filmfestspielen von Cannes im Jahr 2008. Zwei Monate später bringt Angelina die Zwillinge Knox und Vivienne zur Welt. Auf dem Titelbild des "W Magazine" wird sie samt ihrer Brust - in den USA höchst umstritten - im September beim Stillen zu sehen sein.

Über die persönlichen, familiären Implikationen des Eingriffs kann man nur spekulieren. Wir mussten sofort an die Bilder denken, die Brad Pitt nach der Geburt der Zwillinge im Sommer 2010 für die Zeitschrift „W“ gemacht hatte. Wunderschöne Schwarz-Weiß-Bilder seiner Familie, die Jolie auch beim Stillen zeigten. Ist das ein Kapitel, das für Jolie nun beendet ist, heißt das nun, die Zeitschriften können aufhören, über eine weitere Schwangerschaft der immerhin erst 37-Jährigen zu spekulieren?

In ihrem Beitrag schreibt Angelina Jolie auch von ihrem durch die Genmutation erhöhte Gefahr für Eierstockkrebs, den Krebs, an dem ihre Mutter nach einem jahrzehntlangen Kampf mit nur 56 Jahren verstarb. Es klingt an, als habe Jolies Vorsorgeprozess mit den Brüsten nur begonnen, als könne sie noch weitere Schritte planen. Dass Angelina Jolie und Brad Pitt für alle Formen der Familienplanung offen sind, haben die beiden ja oft gesagt und auch unter Beweis gestellt: Sie haben neben ihren drei biologischen Kindern auch drei ebenso sehr geliebte Adoptivkinder. Brad Pitt äußerte sich im „London Evening Standard“ zu Angies Artikel und nannte seine Freundin heroisch. „Ich möchte nur, dass sie ein langes und gesundes Leben führt, mit mir und unseren Kindern. Das hier ist ein Glückstag für unsere Familie.“ Diese Form der Unterstützung ist ebenso beispielhaft.

Jeder, nicht nur die Mütter in der Redaktion, fühlt sich berührt durch zwei Aussagen Jolies in dem Text: „Ich kann meinen Kindern sagen, dass sie nicht fürchten müssen, mich an den Brustkrebs zu verlieren.“ Und: „Sie wissen, dass ich sie liebe und dass ich so lange bei ihnen bleibe, wie das möglich ist.“ Mehr Weiblichkeit als in diesem warmen Mutterworten kann man sowieso nicht transportieren.

Angelina Jolie kann vermutlich, Mastektomie hin und Branchendruck her, unverändert als Sexsymbol im Filmgeschäft bestehen. Sie ist umgeben von Frauen, deren Brüste aus dem Operationssaal stammen. Nötig hat sie die Glitzerkultur nicht mehr. Als Vorbild starker Weiblichkeit hat sie sich mit dieser Wortmeldung wieder meilenweit von vielen Hollywood-Kolleginnen abgesetzt.

Ähnlich zum Thema: "The Cut" des "NY Magazine" mit dem Artikel "Angelina: Separating a Sex Symbol From Her Breasts"

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