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Kim Kardashian Echt jetzt?

Als Soap- und Celebrity-Girl wurde Kim Kardashian zur millionenschweren Erfolgsmarke. Doch wie ist es wirklich, wenn man sein Leben in aller Öffentlichkeit lebt? Wenn die Welt über Fehler, Pannen und eine 72-Tage-Ehe lacht? "Gala"-Chefreporter Hauke Herffs traf den Reality-TV-Star in London

Es ist nicht einfach, zu Kim Kardashian zu gelangen.

Den Eingang des "Athenaeum"-Hotels in London belagert ein Trupp Fans, und drinnen, in der Lobby, nehmen mich zwei breite Concierges in Empfang. Wo ich hinwolle? Zum Interview mit Kim Kardashian? Sofort habe ich eine Dame von der Geschäftsleitung neben mir. Über wen ich akkreditiert sei? Bitte doch mal das Bestätigungsschreiben, die Businesscard, den Personalausweis! Sie zeigt auf die Menschen draußen vor der Glastür: "Hier kommen an dauernd Leute rein, die behaupten, dass sie einen Termin mit Frau Kardashian haben." Nachdem die Formalitäten geklärt sind, geht es in den ersten Stock, wo mich zwei Betreuerinnen von Kardashians Entourage in einen kleinen Raum führen. Hier sitzen die Journalisten - Frankreich, Italien, Spanien - und warten. Kim ist nach England gekommen, um die siebte Staffel von "Keeping Up With The Kardashians" zu promoten, eine Reality-TV-Serie, die das Leben ihrer Familie aus Beverly Hills zeigt. Weil die PR-Damen aus unerfindlichen Gründen nur im Flüsterton sprechen, unterhalten sich alle mit gedämpfter Stimme.

Eine Viertelstunde später sitze ich der Königin aller It-Girls tatsächlich gegenüber. Knackewarm ist es in der Suite, und nach den ersten Fragen wird es auch Kim zu viel. Sie unterbricht das Gespräch und bittet ihre Assistentin, die Klimaanlage aufzudrehen. "Sorry, vorhin habe ich gefroren. Aber frieren ist doch besser als schwitzen", sagt sie. Schwitzen. Das kann man sich bei ihr gar nicht vorstellen, so perfekt sieht Kim Kardashian aus. Sie ist nur 1,57 Meter groß, hält sich kerzengerade in ihrem Versace-Dress, sie hält sich an einer Teetasse vor ihr auf dem Tisch fest. Ihre Augen strahlen, ihre Haut ist makellos, ihre schwarzen Haare umrahmen im sanften Schwung ihr Gesicht. Gut, bevor ich zu ihr gelassen wurde, huschte noch ihr Stylist mit den Worten "so, JETZT ist sie bereit" aus der Suite. Aber die Botschaft, die rüberkommen soll, ist eindeutig: Hier hält keine Soap-Darstellerin Hof, sondern eine Geschäftsfrau, die rund 15 Millionen Follower auf Twitter hat und mit ihren Shops, ihren Mode- und Kosmetik-Linien Millionen Dollar einnimmt. Deshalb die Vorgabe: Keine Fragen zu dem Sex-Tape, mit dem die Sandkasten- Freundin von Paris Hilton 2007 weltweit bekannt wurde. Keine Fragen zu der Ehe mit dem NBA-Profi Kris Humphries, die 2011 bei "Keeping Up With The Kardashians" in aller Breite gezeigt, aber schon nach 72 Tagen geschieden wurde. Keine Fragen zu der Behauptung von Humphries, dass die Ehe ein PR-Fake gewesen sei. Keine Fragen zu Kanye West, seit April der neue Mann an ihrer Seite. Der letzte Punkt ist besonders unsinnig, weil der Rapper vorhin vor den Augen der Fans und Paparazzi aus dem Hotel herausstiefelte.

Also plaudern wir zuerst über die Show ("Wir hätten nie gedacht, dass sie so erfolgreich wird"), ich möchte wissen, warum Kim so treffsicher die Wünsche ihrer Fans mit ihren Produkten erfüllt ("Twitter und Facebook! Wenn 5000 Leute am Tag nach deinem Lippenstift fragen, dann geben wir ihnen den"), und wie es sich anfühlt, wenn alle Welt über ihre Kurven staunt ("Man denkt: Was wäre, wenn du nicht diese Spanx-Unterwäsche tragen würdest? Diese Erwartungen machen Druck"). Dann die Überraschung: Kim selbst bringt das Gespräch auf das verbotene Thema Kris Humphries. Dabei hatte ich sie nur gefragt, wie sie sich den unglaublichen Erfolg des Kardashian-Imperiums erklärt. Kim rührt in ihrem Tee. "Vieles, was über uns geschrieben wird, stimmt nicht. Dass ich zum Beispiel soundsoviel Millionen mit meiner Hochzeit verdient hätte. Was stimmt, ist, dass ich die ganze Sache zu schnell angegangen bin. Mein Traum war immer eine große, weiße Hochzeit und eine eigene Familie. Ich hatte gedacht, dass es funktioniert. Hat es aber nicht. Viele hätten da vielleicht gesagt: Okay, ich lasse die Ehe weiterlaufen, um den Schein zu wahren. Aber so bin ich nicht, deshalb musste die Trennung sein. Es war peinlich, aber letztendlich bin ich froh, dass ich so mutig war."

Kim, 31, und Kanye West, 35, im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes. Die Beziehung sei echt und nicht inszeniert, sagt Kim.
Kim, 31, und Kanye West, 35, im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes. Die Beziehung sei echt und nicht inszeniert, sagt Kim.
© Splashnews.com

Dieser Mut hat ihr allerdings mehr Spott als Respekt eingebracht. Ihre Glaubwürdigkeit ist seitdem dahin, man traut Kim Kardashian nun irgendwie alles zu. Deshalb wollen auch die Gerüchte in der US-Presse nicht verstummen, dass die Liebe zu Kanye West nicht echt sei. Und das wiederum erklärt, warum sie sich mit Äußerungen dazu zurückhält. Auf gar keinen Fall soll der Eindruck entstehen, sie nutze die Beziehung mit dem Musiker, der zu den kreativsten Köpfen des Hip-Hop zählt, um ihr Image aufzupolieren. Was erstaunt - trotz der negativen Schlagzeilen der vergangenen Monate scheinen die Kardashians nichts an Zugkraft eingebüßt zu haben. Die Geschäfte laufen nach wie vor hervorragend. Oder? Kim hat aufgehört, im Tee zu rühren und legt den Löffel zur Seite. Geht ihr das Ganze nun doch nahe? Unter dem Tisch zieht sie ein wenig an ihren Fingern, lässt die Gelenke knacken. "Stimmt, die Marke hat nicht darunter gelitten", sagt sie. "Aber mein Herz." Mit Witzen und Gags auf ihre Kosten könne sie ja leben. Als US-Präsident Barack Obama sie Ende April in seiner Rede beim Korrespondenten-Dinner des Weißen Haus durch den Kakao zog (sie saß im Publikum), sei das für sie eine Ehre gewesen ("Ich dachte nur: Wow! Der Präsident weiß, wer ich bin"). Aber die ätzende Häme habe sie verletzt. "Die Hochzeit war die perfekte Vorlage für viele, schlecht über mich zu reden, mich niederzumachen. Ich kann über mich selber lachen, aber das hat mich getroffen. Ich habe gelernt, wie fix sich der Wind drehen kann." Knack! machen die Finger unter dem Tisch. Vier Monate, so erzählt sie, habe sie sich im Haus ihrer Mutter Kris einquartiert, um alles zu verarbeiten. Die E-Mail-Adresse und die Mobilnummer geändert. Wenn es eine weitere Sache gibt, welche die Kardashians neben ihrer Geschäftstüchtigkeit auszeichnet, dann ist es diese Einigkeit. Man arbeitet und man hält zusammen. Und ist einer aus der Truppe in Not, lenkt ein anderes Mitglied des Clans die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit mit irgendeiner Aktion auf sich.

"Blut ist dicker als Wasser. Meine Familie würde mich nie im Stich lassen. Wir sind verrückt, aber noch mehr sind wir loyal", sagt Kim. Dieses Ensemble-Spiel nehme den Druck von jedem Einzelnen. "Aber ich sehe generell auch negative Erlebnisse als Chance an, um zu lernen. Das habe ich für mich nach dem Tod meines Vaters so beschlossen." 2003 starb Robert Kardashian, Staranwalt in Hollywood, an Speiseröhrenkrebs. Obwohl Mutter Kris und er da schon 13 Jahre getrennt waren, hatte Kim eine enge Beziehung zu ihrem Dad, wie sie erzählt. Er sei ein "großartiger Mensch" gewesen, noch heute ihr Vorbild. Mit dem Fingerknacken hat Kim Kardashian jetzt aufgehört. Ihre Hände ruhen wieder bei der Teetasse, aus der sie die ganze Zeit nicht einen Schluck genommen hat. Ihre Worte zu den Schattenseiten des Ruhmes sollte man nicht so interpretieren, dass sie sich aus dem Rampenlicht zurückziehen will. Die Familie und sie werden ihr Leben weiterhin vor aller Augen leben. Das ist ihr Business, und es sei viel Arbeit, wie Kim betont. Die Entwicklung und Führung ihrer Fashion- und Beauty-Linien überlasse sie nicht irgendwelchen Beratern und Helfern.

Aber vielleicht gelingt ihr ja, mit Kanye West die Kurve zu kriegen - obwohl der es ebenfalls liebt, sich schillernd zu inszenieren. Auf meine Frage, ob sie bei einer Aktualisierung ihrer Facebook-Seite "Single" oder "In einer Beziehung" anklicken würde, lacht Kim los. "Eigentlich möchte ich nicht darüber sprechen, aber da Sie es so nett formuliert haben, würde ich sagen: Es wäre auf keinen Fall ‚Single‘. Wie ist das? Das ist doch eine clevere Antwort." Zumindest hat sie nicht von Hochzeit gesprochen. Das muss man als ein gutes Zeichen werten.

Haukle Herffs

gala.de


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