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Katerina Jacob "Ich hatte Tage, an denen ich lieber gestorben wäre"

Katerina Jacob
Katerina Jacob
© Gisela Schober / Getty Images
Im Februar dieses Jahres machte Katerina Jacob bekannt, dass fünf gutartige Knoten in ihrer Brust gefunden wurden. Seitdem macht die Schauspielerin ihre Krankheit öffentlich und lässt ihre Fans an ihrem Weg teilhaben. Ein Interview mit einer Frau, die sich trotz ihrer Krankheit nicht unterkriegen lässt – und nicht nur für sich kämpft.
"Geht. Zur. Vorsorge." Immer wieder wiederholt Katerina Jacob, 64, diese drei Worte, als GALA die Schauspielerin am Dienstag, 9. August 2022, zu einem Telefoninterview trifft. Einen Tag zuvor ist der gefeierte "Grease"-Star Olivia Newton-John,†73, verstorben, die Hollywood-Schauspielerin kämpfte über 30 Jahre lang gegen Brustkrebs. Ein trauriger, aber wohl perfekter Anlass, um mit einer Frau zu sprechen, die seit Monaten auf die Krankheit aufmerksam macht.

Fünf Jahre keine Vorsorge: Machen Sie sich Vorwürfe, Katerina Jacob?

Bei Katerina Jacob wurden Anfang dieses Jahres fünf gutartige Knoten in ihrer Brust gefunden. Nach einer halben Brustentfernung und anschließender Chemotherapie muss sich der "Bulle von Tölz"-Star nun noch der anstehenden Bestrahlung unterziehen, bevor es im Oktober wieder ans Set von "Anna und ihr Untermieter" geht. Angst, wieder von der tückischen Krankheit eingeholt zu werden, hat die 64-Jährige allerdings nicht. Im Gegenteil. Sie blickt realistisch in die Zukunft, beschönigt allerdings auch nicht, wie hart die letzte Zeit war und noch immer ist. Für sie, aber auch für ihren Ehemann Jochen Neumann.
GALA: Woher nehmen Sie Ihre unglaubliche Stärke?
Katerina Jacob: Was heißt Stärke? Es gibt Geschichten von Frauen, die ich während meiner Chemo kennengelernt habe, da wird mir wirklich schlecht, wenn ich höre, was die alles stemmen müssen. Ich bin sehr gut aufgehoben. Ich habe meine Freunde um mich herum, die sich super toll um mich kümmern. Ich habe meinen Mann, der bedingungslos an meiner Seite steht. Aber in der Klinik gibt es Frauen, die haben das Gleiche wie ich und die sind alleine und müssen im Zweifel auch noch ihre Kinder betreuen oder parallel arbeiten. Diesen Frauen gehört meine ganze Bewunderung.
Aber um so offen mit einer Krankheit umzugehen, bedarf es ja auch einiges an Stärke.
Das stimmt vielleicht, aber ich bekomme auch fast ausschließlich gutes Feedback und es gibt nur sehr wenige Stänkerer. Aber klar, ich hatte auch Tage, an denen ich lieber gestorben wäre – in solchen Momenten zeige ich mich dann aber auch nicht im Netz.

"Das Letzte, was ich will, ist Mitleid"

Stänkerer?
Menschen, die mir schreiben, dass ich zu offen mit meiner Krankheit umgehe und glauben, dass ich nur Mitleid erhaschen will. Das Letzte, was ich allerdings will, ist Mitleid. Ich bin so laut, um Frauen aufzuklären und zu sagen: "Mensch, geh zur Vorsorge!“ Denn ich habe es zu lange nicht getan.
Fünf Jahre lang nicht ...
Meine letzte Vorsorge war 2017, danach habe ich den Knoten schon viel länger gespürt und habe auch einen Tumormarker [Tumormarker sind Substanzen im Blut, die bei Tumorerkrankungen in erhöhter Konzentration auftreten können, Anm. d. Red.] gemacht. Und da hieß es immer, dass es auf keinen Fall Krebs sei und es sich bloß um eine Verdickung handle. Krebs war da nie ein Thema. Und dann kam Anfang dieses Jahres die Diagnose.
Gibt es Momente, in denen Sie sich Vorwürfe machen, dass Sie so lange nicht zur Vorsorge gegangen sind?
Ich kann mir keine Vorwürfe über das machen, was passiert ist. Das ist Vergangenheit. Das ist jetzt nicht mehr meine Sache. Manchmal denke ich mir zwar "Mensch, was wäre gewesen, wenn sie es ganz früh erkannt hätten". Aber dann nehme ich mein Schicksal wieder an und denke mir, wenn es so sein muss, muss es eben so sein. Wird ja auch was Gutes haben. Zum Beispiel, dass ich vielen Frauen helfen konnte, die durch mich auch wirklich zur Vorsorge gegangen sind. Und bei einigen hat man dann sogar was entdeckt.
Haben Sie durch die Diagnose ein anderes Gefühl für Ihren Körper bekommen und horchen jetzt viel mehr in sich hinein?
Nein. Für mich ist das Ding jetzt abgeschlossen. Die bösen Dinger sind rausoperiert, ich habe die Chemo gemacht und jetzt noch die Bestrahlung vor mir. Ich habe alles getan, was ich konnte. Jetzt muss ich abwarten.

"Das ganze Scheißding kann mein Mann mir ja nicht abnehmen"

Als Sie Ihre Diagnose öffentlich gemacht haben, haben Sie gesagt: "Mein Mann hat‘s schwergenommen." Wie geht Ihr Mann mittlerweile mit Ihrer Diagnose um?
Für ihn ist es immer noch wahnsinnig schwer, weil er so hilflos ist. Er kann mir nicht helfen. Was soll er denn machen? Er sieht, wie ich mich manchmal quäle, mit Depressionen kämpfe und Schmerzen ertrage. Und mein Mann steht daneben und ist eigentlich ein Macher, der immer hilft und macht und tut, aber in diesen Momenten kann er absolut nichts machen. Er ist der Krankheit mehr oder weniger völlig ausgeliefert, so wie ich.
Hat sich Ihre Beziehung zueinander verändert?
Natürlich versucht mein Mann, für mich da zu sein, aber das ganze Scheißding kann er mir ja nicht abnehmen. Es gibt Tage, an denen ich mich nur mit dem Rollator fortbewegen kann. Das ist für ihn hart, mit anzusehen. Und dann gibt es wieder Tage, an denen könnte ich Bäume ausreißen. Diese Krankheit ist wirklich unberechenbar, aber wir halten zusammen.
Katerina Jacob

Haben Sie konkrete Pläne für die Zeit, wenn die Bestrahlung vorbei ist? So eine Art "Bucket List"?
Im Oktober geht es für mich wieder ans Set, um den dritten Teil von "Anna und ihr Untermieter" zu drehen. Bis dahin muss ich wieder fit sein und gönne mir vorher noch einen schönen Urlaub.

Und abgesehen von der Arbeit?
Ich muss jetzt noch abwarten, bis meine Immuntherapie abgeschlossen ist, aber danach machen wir mit der gesamten Familie einen Urlaub in Schottland. Meine Tochter kommt mit ihren Kindern extra aus Kanada. Wir haben ein Schiff gemietet, ein richtig tolles Ding mit allem Drum und Dran und werden dann eine Woche auf dem Meer vor uns her schippern. Danach verbringen wir noch ein paar Tage zusammen in Edinburgh.

Ihr ältester Enkel "war sehr betroffen"

Wie haben Sie Ihren Enkeln erklärt, dass Sie krank sind?
Mein Ältester wird dieses Jahr schon 17, der war sehr betroffen. Aber Krebs wird in Kanada auch anders verarbeitet, die Krankheit ist viel mehr im Bewusstsein der Leute und es wird viel mehr Vorsorge betrieben, es gibt sogar ein Krebs-Mobil. In Kanada rasieren sich zum Beispiel auch mal Nachbarn zur Unterstützung die Haare ab, wenn jemand aus dem Umfeld erkrankt ist.
Das ist ja interessant.
Allerdings. Hier in Deutschland gilt Krebs immer noch als Krankheit, wegen der man nicht mehr arbeiten kann oder mindestens einen Stempel abbekommt. Ich hatte jetzt Glück, eine tolle Produzentin zu haben, die diesen Weg mit mir gegangen ist und weiterhin an mich glaubt. Und mein Arzt hat gesagt, in dem Moment, wo Sie meine Praxis verlassen, sind Sie geheilt. Das wars also jetzt erstmal. Der Krebs kann wiederkommen, das ist klar. Das kann aber jede Krankheit. Aber es kann auch 30 Jahre lang gut gehen. Schauen Sie sich Olivia Newton-John an, sie hat über 30 Jahre lang mit der Krankheit gelebt. Wenn es bei mir noch 30 Jahre gut geht, bin ich 94 ...
Dann kann man doch immer noch vor der Kamera stehen.
Mit 94 möchte ich das gar nicht mehr. Um Gottes Willen!
Bis wann denn?
Na ja, das ist in unserem Job ja auch immer Angebot und Nachfrage. Vielleicht will man mich dann gar nicht mehr sehen oder mir gefällt die Rolle bzw. das Drehbuch nicht. Es muss mir Spaß machen und daher bin ich jetzt glücklich, dass ich eine tolle Hauptrolle in einer Reihe habe.
Wenn Sie im Oktober wieder vor der Kamera stehen, tragen Sie eine Perücke, oder?
Ja, ich habe drei Stück, aber ich trage sie überhaupt nicht gerne. Ehrlich gesagt, ist es sogar grauenhaft. Es juckt und verschiebt sich und rutscht ständig irgendwo hin, wo es nicht hingehört. Außerdem hat kein Mensch so viele Haare auf dem Kopf, wie es einem eine Perücke suggeriert.
Würden Sie auch einen Film ohne Perücke, also mit Glatze, drehen?
Natürlich, ich habe mich auch vor meiner Krankheit schon oft im Theater ohne Haare gezeigt. Aber es ist eben ein Unterschied, ob man gesund ist oder nicht. Deswegen jetzt erstmal mit Perücke.
Gala

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