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Mental Health Matters Joelina Drews spricht ausführlich über ihre Magersucht

Joelina Drews
Joelina Drews
© Kevin Mananga
Sie wollte so schlank sein wie ihre Mutter und wurde magersüchtig. Joelina Drews packt bei "Mental Health Matters" über die schlimmsten Momente ihrer Essstörung aus. Mit der Interviewreihe möchte GALA psychischen Erkrankungen ein Gesicht geben, um diese zu entstigmatisieren. +++ TW: Im Interview wird das Thema Magersucht behandelt. +++

Joelina Drews, 25, wollte immer schlank sein. Als 13-Jährige hatte sie etwas mehr auf den Rippen, wie sie im Interview erzählt. Und dann ist da ihre Mutter Ramona Drews, 47, die "von Natur aus" eine tolle Figur habe und "damals extrem auf ihre Ernährung achtete". "Das hat mich total gestört, weil ich immer die Dünnere von uns beiden sein wollte", gesteht die Sängerin .

Die Kommentare von Joelinas Vater, Schlagerstar Jürgen Drews, 75, verunsicherten sie als Teenagerin zusätzlich; Hasskommentare in den sozialen Medien und der Druck der Öffentlichkeit trieben sie letztendlich in die Magersucht. Im GALA-"Mental Health Matters"-Gespräch spricht die Promitochter über die schlimmste Phase ihrer Essstörung, in der sie so wenig Energie hatte, dass sie Luftnot bekam und keinen Sinn mehr darin sah, aus dem Bett aufzustehen.

Jürgen Drews zu Joelina: "Du bist aber ganz schön pummelig geworden"

GALA: Welche Unsicherheiten hatten Sie bezogen auf Ihr Äußeres?
Joelina Drews: Ich wollte immer schlank sein. Mit 13 Jahren hatte ich etwas mehr auf den Rippen. Ich habe anfangs nicht so auf meine Ernährung geachtet und gerne Fast Food gegessen. Mein Papa hat dann manchmal zu mir gesagt: "Pass auf, dass du nicht zu viel isst, sonst wirst du dick" oder "Du bist aber ganz schön pummelig geworden".

Das meinte er nie böse, aber solche Kommentare bleiben hängen.

Mein Papa ist mein ein und alles und ich möchte, dass er mich hübsch findet. Seine Aussagen haben mich getriggert

– ebenso wie das Aufwachsen in der Öffentlichkeit. Das hat den Druck erhöht, gut auszusehen. Ich war schon immer ein perfektionistischer Mensch und wollte mit anderen schönen Menschen mithalten.

Joelina Drews wollte so schön sein wie ihre Mama

Was waren die Auslöser für Ihre Magersucht?
Ich wollte so gut aussehen wie die Frauen in den Magazinen und wie meine Mama. Meine Mama ist eine wunderschöne Frau und hat von Natur aus eine tolle Figur. Natürlich fängt man als Teenager an, sich mit anderen zu vergleichen – und ich halt mit ihr.

Meine Mama achtete damals extrem auf ihre Ernährung. Das hat mich total gestört, weil ich immer die Dünnere von uns beiden sein wollte.

Also haben Sie Ihre Mutter als Konkurrentin empfunden?
Ja, das habe ich. Aber meine Mama hat damals alles richtig gemacht. Sie ist auch diejenige, die mir letztendlich mit vielen Gesprächen geholfen hat, die Magersucht zu überwinden.

Wann haben Sie angefangen, weniger zu essen?
Mit Ende 13 fing das langsam bei mir an. Zuerst habe ich kleinere Mengen gegessen. Dann fing ich an, mir genau zu notieren, was ich gegessen habe. Ich habe auch die Kalorien von Lebensmittel auswendig gelernt und mich täglich gewogen. Meine Hochphase hatte ich mit 15, 16 Jahren. Da habe ich nur noch 47 Kilo gewogen.

Joelinas Leben drehte sich irgendwann nur noch ums Essen

Haben sich Ihr Leben und Ihre Gedanken schlussendlich nur noch ums Essen gedreht?
Ja, genauso war es. Ich habe irgendwann nur noch für die Mahlzeiten gelebt. Mit Ende 15 habe ich deswegen auch kaum noch Musik gemacht.

Als "Joedy" startet Joelina Drews seit 2020 wieder musikalisch durch. Am 26.02.2021 erschien ihre neue Single "Next Up".
Als "Joedy" startet Joelina Drews seit 2020 wieder musikalisch durch. Am 26.02.2021 erschien ihre neue Single "Next Up".
© MG

Einer der Auslöser für Ihre Magersucht waren auch Hasskommentare im Internet.
Genau. Das war, als ich meine erste Single mit 14 Jahren veröffentlicht habe. In Foren wurde über mich geschrieben, dass ich ein Mondgesicht habe und mal ein bisschen abnehmen müsse. Das tat weh.

Glauben Sie, dass soziale Medien Essstörungen begünstigen?
Definitiv! Mittlerweile ist ja auch jedes Bild bearbeitet. Auch ich bearbeite meine Bilder mit der App "Facetune".

Volle Lippen, schmale Nasen, hohe Wangenknochen: Viele Gesichter ähneln sich. Mittlerweile lassen etliche Frauen ihre Lippen aufspritzen. 
Ja, das stimmt. Auch ich habe meine Lippen aufspritzen lassen. Ich habe von Natur aus volle Lippen, aber meine Unterlippe war immer voller und das wollte ich ausgleichen. Da war ich aber schon so alt, dass ich wusste, dass ich den Eingriff nur für mich mache, damit ich mir gefalle.

Welchen körperlichen Begleiterscheinungen hatten Sie durch die Magersucht?
Meine Brust hat aufgehört zu wachsen, meine Periode blieb aus und ich hatte starken Haarausfall. Du willst als Mädchen ja toll aussehen und dazu gehören natürlich auch vorhandene Brüste und schöne Haare. Das hat mich damals total gestört.

Ich hatte so wenig Energie, dass ich zwischendurch auch Atemnot bekam.

Ich bin aber zum Glück nie ohnmächtig geworden.

Waren Ihre Depressionen ebenfalls eine Begleiterscheinung?
Ja, die Depressionen wurden durch die Magersucht hervorgerufen – circa ein halbes Jahr, nachdem ich angefangen habe abzunehmen. Mein Hormonhaushalt war total durcheinander. Und wenn der Körper kaum Energie hat, woher soll er die Kraft für Glückshormone nehmen?

"Ich habe mal überlegt, wie das wäre, wenn ich nicht mehr da wäre."

Welche Gedanken hatten Sie in Ihrer ganz schlimmen Phase?
Ich habe mal überlegt, wie das wäre, wenn ich nicht mehr da wäre. Ich habe mich auch oft gefragt, was es für einen Sinn macht, überhaupt aufzustehen. Ich war innerlich leer, habe kaum Emotionen gespürt. Aber ich war nie suizidgefährdet, weil ich mein Leben viel zu sehr geliebt habe.

Joelina Drews
Joelina Drews
© MG

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie nicht mehr können und Hilfe brauchen?
Als ich gar keine Energie mehr hatte, ich Atemnot bekam und meine Periode ausblieb. Ich sah keinen Sinn mehr im Leben und habe jeden Tag geheult.

Aber ich wollte eigentlich ein gesunder, glücklicher Mensch sein, der vielleicht mal Kinder bekommt. Und ich hatte Angst, keine Kinder mehr bekommen zu können.

Das hat mich zum Umdenken gebracht.

Sie haben sich dann auch professionelle Hilfe gesucht.
Ja, ich habe fünf bis sechs Stunden bei einer Psychologin genommen. In den Gesprächen ging es darum, was ich tun kann, um wieder mehr Sinn in meinem Leben zu sehen. Aber ich habe gemerkt, dass die Gespräche mit meiner Mama mir mehr helfen. Sie ist ein sehr selbstreflektierter Mensch, die die richtigen Fragen stellt und mir aus der Magersucht helfen konnte. Daher habe ich die Therapie relativ schnell abgebrochen.

Joelina erlebt Essattacken und bulimische Phasen

Wie haben Sie es geschafft, wieder zuzunehmen und ein normales Essverhalten zu erlernen?
Ich habe erst mal eine Phase gehabt, in der ich alles gegessen habe – aber in Übermaßen. Wie nennt man das? Binge-Eating!

Danach hatte ich Bulimie-Phasen, in denen ich so viel gegessen habe, dass mir schlecht wurde und ich mich übergeben musste.

Irgendwann habe ich mich total eklig gefühlt und mir gedacht: "Das muss aufhören!". Sport war schlussendlich mein Ventil. Außerdem habe ich angefangen, mich ausgewogen zu ernähren. Das war aber alles ein schleichender Prozess. Bis ich wieder Schokolade essen konnte, hat es Jahre gedauert.

Was würden Sie Angehörigen und Freunden raten, wie sie sich gegenüber Betroffenen verhalten sollten?
Man sollte die essgestörte Person nicht zum Essen zwingen. Meine Mama hat zum Beispiel das gekocht, was ich haben wollte. Hauptsache, ich esse überhaupt etwas. Außerdem sollte man die Essstörung nicht einfach abtun, sondern sie ernst nehmen, seine Hilfe anbieten und Verständnis zeigen. Man sollte auf die Person zugehen und versuchen, mit ihr zu reden und ihr zu vermitteln, dass man da ist.

Wie geht es Ihnen heute?
Meine Gewichtsschwankungen sind nicht mehr so schlimm wie früher. Ich denke auch nicht mehr die ganze Zeit übers Essen nach. Ich gebe meinem Körper heute einfach das, was er braucht. Regelmäßiger Sport hilft mir für ein besseres Körpergefühl.

Auch die Hasskommentare im Internet beeinflussen mich überhaupt nicht mehr. Da bin ich echt abgebrüht und zweifele nicht mehr an mir selbst. Aber auch, weil ich die Phase der Essstörung durchlebt habe. Ich weiß nun, wer ich bin, bin reflektierter und empathischer. Dafür bin ich der Krankheit heute sogar dankbar.

Was hat sich noch geändert?
Ich habe mich bestimmt seit sechs Jahren nicht mehr gewogen. Ich hasse die Waage seit meiner Magersucht!

Ich will einfach nicht mehr wissen, wie viel ich wiege, weil ich nicht mehr mein Glück von einer Zahl auf der Waage abhängig machen möchte.

Informationen zu Hilfsangeboten

Erkennen Sie bei sich Anzeichen einer Essstörung? Das Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hilft Ihnen anonym weiter, zu erreichen ist es unter: 0221/892 031. Weitere professionelle und spezialisierte Beratungsangebote finden Sie außerdem auf den Infoseiten der BZgA.

Gala


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