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Joe Biden Wie er der älteste Präsident der USA?

Joseph "Joe" Biden will Donald Trump ablösen.
Joseph "Joe" Biden will Donald Trump ablösen.
© Matt Smith / Shutterstock.com
"Creepy, sleepy Joe Biden". Der gruselige, verschlafene Joe Biden. Keine charmante Umschreibung für einen Präsidentschaftskandidaten.

"Creepy, sleepy Joe Biden". Die Umschreibung stammt von Donald Trump (74), dem amtierenden mächtigsten Mann der Welt. Auch er ist nicht sonderlich vertrauenswürdig, aber er ist der Boss. Der Präsident, der zwar erwiesenermaßen ständig lügt, aber in den USA immer noch den Takt vorgibt. Ist Trumps Umschreibung seines demokratischen Herausforderers eine weitere Lüge? Eine Verunglimpfung, die sich auch auf die beiden alten Herren der "Muppet Show", die stets über das Verkehrte zur verkehrten Zeit quengeln, beziehen könnte?

Tatsache ist: Joe Biden ist ein betagter Mann. Doch das ist Donald Trump auch. Bei der Wahl am 3. November 2020 tritt ein 77-Jähriger (Biden) gegen einen 74-jährigen Trump an. Verkommt da der Wahlkampf zu einer "Muppet Show" auf höchstem Machtlevel, was eigentlich gar nicht mehr so lustig ist?

Im historischen Durchschnitt kamen die bisherigen 45 US-Präsidenten im Alter von 55 Jahren ins Weiße Haus. Nur drei regierten jenseits der 70: Dwight D. Eisenhower (1953-1961) war 70 und vier Monate alt, als er aus dem Amt schied, Ronald Reagan (1981-1989) war 77. Und Donald Trump ist am Ende seiner ersten Amtsperiode 74. Die jüngsten Präsidenten (bei Amtsantritt) waren übrigens Theodore Roosevelt (1901-1909) mit 42 Jahren und John F. Kennedy (1961-1963) mit 43.

Altersgrenze ist nach oben offen

Bewerber für das höchste Amt der USA haben vier Grundvoraussetzungen zu erfüllen: Sie müssen das passive Wahlrecht besitzen (dürfen also weder entmündigt noch Strafgefangene sein), sie müssen die US-Staatsbürgerschaft besitzen, seit mindestens 14 Jahren in den Staaten leben und mindestens 35 Jahre alt sein. Nach oben ist die Grenze offen, die Kandidaten dürfen zwar betagt, aber keineswegs nicht ganz bei Trost sein. Sie sollten körperliche und geistige Fitness mitbringen. Zu viel Altersmilde könnte als Charakterschwäche ausgelegt werden, dynamisches Auftreten macht sich immer gut.

Damit wären wir zunächst bei Donald Trump. Als er sich 2016 als republikanischer Kandidat um die Präsidentschaft bewarb, legte er zu allererst Dynamik an den Tag, ob sie nun erlogen war oder nicht. Auf die Frage, was er denn sehe, wenn er in den Spiegel schaue, antwortete er: "Ich sehe eine Person, die 35 Jahre alt ist." Viele mussten über diese Unverschämtheit lachen, vermutlich hat es Trump aber ernst gemeint, denn nun mit 74 stellt er seinen nicht ganz vier Jahre älteren Konkurrenten Joe Biden als schläfrig und senil an den Pranger.

Das klingt im Englischen nicht ganz so wüst, der "creepy, sleepy Joe" ist halt ein harmloser, verschlafener, alter Mann. Und das stammt nicht einmal von Donald Trump selbst, das hat er von der britischen Band Herman's Hermits geklaut, die 1968 den Hit "Sleepy Joe" gelandet hatte. Der Song handelt von einem Tagträumer, der nichts zustande bringt ("You never gonna see/what the other people see/if you're always gonna be a sleepy Joe").

Rudy Giuliani: "Er zeigt Anzeichen von Demenz!"

Das ist eigentlich eine Unverschämtheit gegenüber einem Mann, der acht Jahre lang unter Barack Obama (58) Vize-Präsident der USA war und 36 Jahre als Senator des US-Bundesstaats Delaware im Kapitol saß. Der als Jurist seit 1991 an der School of Law der privaten Widener University amerikanisches Verfassungsrecht lehrt. Doch das juckt Trump wenig, er lässt seinen Anwalt Rudy Giuliani (76), ebenfalls ein betagter Spezialist für verlogene Beleidigungen, zum Thema Biden erklären: "Er zeigt Anzeichen von Demenz!"

Der Vorwurf birgt allerdings auch die Gefahr von Verwechslungen. Die "Frankfurter Rundschau" urteilte: "Die Kritiken sind vernichtend. Zu alt, zu vergreist, nicht mehr ganz taufrisch, als Präsident nicht vermittelbar. Nun könnte man im ersten Moment vielleicht denken, es sei hier von Donald Trump die Rede. Doch weit gefehlt, es geht um Joe Biden." Allerdings hat der sich auch während seiner jahrzehntelangen Tätigkeit im öffentlichen Dienst den Ruf erarbeitet, oft zur falschen Zeit das Falsche zu sagen, schreibt das amerikanische Magazin "Politico". Er sei eine "Gaffe-Machine" (Patzer-Maschine).

So sagte Biden 2007 über den späteren Präsidenten Barack Obama, dieser sei "der erste Mainstream-Afroamerikaner, der sich artikulieren kann, der klug und sauber und ein gut aussehender Typ ist". 2008 bat er den demokratischen Parteifreund Senator Chuck Graham aus Missouri, den ihm geltenden Applaus entgegen zu nehmen. "Steh auf, Chuck, mach, dass sie dich sehen!" Graham ist allerdings seit einem Autounfall als Jugendlicher querschnittsgelähmt. Die frühere britische Premierministerin Theresa May bezeichnete er als "Maggie Thatcher" und die Massaker von El Paso und Dayton im Staat Ohio (2019) verlegte Biden nach Houston und in den Staat Michigan.

Falsche Fakten und sprachliche Entgleisungen

Er behauptete, sich "als Vizepräsident" mit überlebenden Schülern des Parkland-Massakers in Florida getroffen zu haben und sagte: "Wir stellen Wahrheit über Fakten!" Die Schießerei, bei der 17 Menschen ums Leben kamen, ereignete sich jedoch 2018, Biden war seit Januar 2017 nicht mehr im Amt. Er erklärte auch, "weiße Kinder" seien "ebenso begabt" wie die Kinder von Reichen - und meinte, dass arme Kinder ebenso begabt seien wie die von Reichen.

Bisweilen hat er auch andere Aussetzer. Zum Vorwahlkampf sagte er zu einem Mann, der Bidens Forderung nach einem verschärften Waffenrecht in den USA kritisierte: "Sie quatschen Scheiße!" Anschließend deutete der 77-Jährige an, man könne das Ganze auch vor der Tür klären. Seine Versprecher hat er stets korrigiert, doch ein gewisses Unbehagen blieb bei den Zuhörern. Liegen Bidens beste Jahre vielleicht hinter ihm?

Andererseits hat Joe Biden wie kein anderer demokratischer Politiker die Gabe, das politische Publikum gefühlsmäßig in die Arme zu nehmen. Er zeigt Herz, und dann wirkt er auf einmal nicht mehr alt oder gar tattrig. Dann leuchten seine Augen, selbst wenn es um Todtrauriges geht.

Persönliche Tragik verleiht ihm Charisma

Die "Süddeutsche Zeitung" beschreibt eine seiner Wahlveranstaltungen: "Es ist ein Moment der Stille, als der Kandidat seine Zuhörer bittet, ihre Hand zu heben, wenn auch sie einen lieben Menschen verloren haben. An eine schwere Krankheit wie Krebs etwa. Erst zögerlich heben sich ein paar Hände, dann etwas mehr. Bis es dann fast niemanden mehr gibt im Saal, dessen Hand noch unten wäre. Es ist ein Moment der Trauer, ein Moment der Einkehr. Ein Moment mit Joe Biden. Nach zehn Minuten entsteht der Eindruck, er habe bereits jedem die Hand gegeben, für jeden ein Wort des Trostes und der Aufmunterung parat gehabt. Biden ist persönlich, nah, einnehmend."

Dieses Charisma wurzelt in der ganz persönlichen Tragik des Joe Biden. 1972 verlor er seine erste Frau Neilia und die einjährige Tochter Naomi Christine bei einem Autounfall. Später sagte er als Vizepräsident bei einer Veranstaltung für Eltern von gefallenen US-Soldaten: "Es wird der Tag kommen, da wird euch der Gedanke an eure Lieben zuerst ein Lächeln auf die Lippen zaubern, bevor euch eine Träne übers Gesicht läuft... Der Schmerz wird nie ganz weggehen, aber er wird kontrollierbar. Das verspreche ich euch." Für solche Worte lieben die Amerikaner Joe Biden.

Dann, am 30. Mai 2015, starb sein ältester Sohn "Beau", der mittlerweile Generalstaatsanwalt von Delaware war, im Alter von 46 Jahren an einem Gehirntumor. Joe Biden, der sich um die Nachfolge des damaligen US-Präsidenten Barack Obama bewerben wollte, stieg aus dem Rennen um die demokratische Kandidatur aus. Seine Begründung: "Niemand sollte sich um das Präsidentenamt bewerben, der nicht mit ganzem Herzen und ganzer Seele bei der Sache ist." Und sein ältester Sohn sei seine Seele gewesen.

Rückkehr der "Seele dieser Nation"?

So kam es nicht zu dem Duell Biden gegen Trump, das nach Meinung vieler Insider in Washington Joe Biden haushoch gewonnen hätte. "Ich glaube, ich wäre der beste Präsident gewesen", sagte er zum TV-Sender ABC. Es sei allerdings richtig gewesen, nicht anzutreten, "nicht nur für meine Familie, sondern auch für mich selbst".

Nun greift er wieder an. "Wir müssen uns unser Land zurückholen!" Und: "Bei dieser Wahl geht es um den Charakter des Kandidaten, um den Charakter der Nation", so beschwört er eine Rückkehr der "Seele dieser Nation". Damit meint er auch sich. Sollte "Sleepy Joe" tatsächlich gewinnen, wäre er der mit Abstand älteste Präsident aller Zeiten. Er würde noch vor seiner Vereidigung seinen 78. Geburtstag feiern.

SpotOnNews

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