VG-Wort Pixel

Jochen Schropp "Man muss über sexuelle Tabus offen sprechen"

Jochen Schropp 
© Getty Images
In seinem Podcast spricht sich Moderator Jochen Schropp für offene Beziehungen aus. Mit GALA teilt er Erfahrungen über Treue und Offenheit in einer Beziehung. 

Etwas Neues zu wagen gehört für Jochen Schropp, 41, zum Leben. Das gilt beruflich wie privat. In seinem Podcast "Yvonne und Berner", in dem er mit Felicia Mutterer über LGTB-Themen spricht, outet er sich als Befürworter von offenen Beziehungen. GALA verrät er wieso. 

Jochen Schropp im Interview mit GALA 

GALA: In Ihrem Podcast "Yvonne und Berner" sprechen Sie offener über Privates, als wir das von Ihnen gewöhnt sind.

Jochen Schropp: Die Idee, einen Podcast zu produzieren, hatte ich schon länger. Mir war es allerdings wichtig, etwas mit Substanz zu machen. Einen Podcast, der unterhält, zum Nachdenken anregt und ein Lebensratgeber ist. Mit meiner Kollegin Felicia Mutterer spreche ich über die Vielfalt der Liebe und des Lebens. Es ist ein LGBT-Podcast für alle, die neugierig sind. Und mir war schnell klar: wenn wir verschiedene Facetten der Liebe besprechen, muss ich selbst auch Stellung beziehen!

Sie outen sich darin als Befürworter der offenen Beziehung. Wie kamen Sie zu dieser Lebenseinstellung?

Das war ein langer Weg mit vielen Gesprächen mit Freunden und Beziehungen, in denen diese Frage immer wieder im Raum stand. Letztendlich habe ich entschieden, dass das eine Form der Beziehung ist, die ich als sehr positiv werte. Allerdings muss das natürlich jeder für sich entscheiden.

Dazu gehören ja zwei …

Das stimmt. Ich war irgendwann an dem Punkt, dass ich Beziehungen mit einem Partner wollte, der das ähnlich sieht oder mit dem ich zumindest darüber diskutieren kann. Letztendlich habe ich allerdings durch diesen Podcast gelernt, dass ich gar keine offene Beziehung führe (lacht), sondern nur eine halboffene. 

Was heißt denn halboffen?

Halboffen bedeutet für uns, nicht polyamourös zu leben. Es würde niemanden weiteren in unserer Beziehung geben, mit dem wir eine Liebesbeziehung führen. Aber wenn wir einen Flirt haben oder es einen Seitensprung gibt, können wir darüber sprechen, ohne das es zum Abbruch unserer Beziehung führt. 

"Treue ist nicht gleichzusetzen mit sexueller Treue"

Gemeinhin wird Treue als Grundlage einer Beziehung gesehen. Wie sehen Sie das?

Ich finde nicht, dass Treue gleichzusetzen ist mit sexueller Treue. Vertrauen baut sich ja auf, wenn man das Gefühl hat, man ist ehrlich mit dem Partner und der Partner ist ehrlich mit einem selbst. Ich kenne Paare, die wirken total glücklich, mit zwei Kindern, man gibt sich als perfekte Familie und trifft im Parkhaus die Geliebte oder den Geliebten für eine schnelle Nummer. Darüber wird nicht gesprochen. Und das ist ja schon der größte Vertrauensbruch. Wenn wir von Anfang an sagen, dieses und jenes ist in unserer Beziehung möglich, dann entsteht gar kein Vertrauensbruch.

Frauen, die gerne Sex mit mehreren Partnern haben, gelten schnell als Schlampen, umgekehrt gilt viel Sex bei Männern als besonders männlich. Steckt die Emanzipation da im Mittelalter fest?

Viele Frauen wachsen, glaube ich, immer noch mit Schamgefühl auf, was ihre Sexualität betrifft. Das kann ich als schwuler Mann sehr gut verstehen. Es war für mich als Kind und Jugendlicher nicht in Ordnung schwul zu sein. Das galt als unnormal, und ähnlich ist es für viele Frauen mit ihrer Sexualität eben auch. Nach dem völlig verqueren Schema: Wenn Du Dir einen kurzen Rock anziehst, legst Du es darauf an, von Männern sexuell belästigt zu werden. Ich finde die #metoo-Bewegung wichtig, auch, dass es immer mehr Frauen gibt, die offen über Sex sprechen. Charlotte Roche und ihr Mann haben es in ihrem Podcast Paardiologie deutlich gemacht, dass man über sexuelle Tabus offen und sachlich sprechen kann, damit sich etwas ändert. Warum sollte eine Frau, die Lust hat, mit mehreren Männern zu schlafen eine Schlampe sein und der Mann wird als König gefeiert? Das ist doch absoluter Schwachsinn. 

Wie schafft man es als Paar, mit Offenheit seine Beziehung zu bereichern?

Das ist wahnsinnig schwer. Das gelingt mir und meinem Freund nicht immer. Wir erzählen uns auch nicht immer alles. Wichtig ist sicherlich in jeder Beziehung, dass man seinem Partner in die Augen schaut und fragt, was fehlt dir gerade, ist alles in Ordnung, geht es dir in unserer Beziehung gut oder was müssen wir verändern.

"Kommunikation ist das Wichtigste"

Das ist ja schon die ganz große Kunst …

In meiner Ex-Beziehung war es so, dass wir uns alles erzählt haben. Das hat uns im Endeffekt den Todesstoß gegeben, weil zu viel Kopfkino stattgefunden hat. Manche individuellen Bedürfnisse sind vielleicht besser bei einem selbst aufgehoben. Trotzdem ist es wichtig, dass man sich immer wieder abholt und darüber spricht. Kommunikation ist einfach das Wichtigste in einer Beziehung.

Das ist ja das Geheimnis jeder guten Beziehung. 

Natürlich! Aber die Frage ist doch, wenn man seit Jahren in einer Beziehung ist und sich auf einmal eine Geliebte sucht oder nach einer Party mit jemandem abstürzt, tut man das als Ausrutscher ab, schiebt es auf den Alkohol oder gesteht man sich ein, das war aufregend, davon hätte ich gerne mehr, das gefällt mir ganz gut, das könnte vielleicht unsere Beziehung bereichern und darüber möchte ich mit meinem Partner sprechen. Womöglich fehlt mir ja etwas in meiner Beziehung. Genau darüber sprechen die wenigsten. 

Dazu gehört ja auch viel Mut. Gute Kommunikation als Grundlage einer erfüllten Beziehung - nicht Treue - wenn es dann doch nicht klappt, was dann?

Das kommt natürlich darauf an, wie tief die Verletzung geht. Es ist wichtig, dass man nicht nur auf die eigene Verletzung guckt und dann die Reißleine zieht, sondern dass man seinen Partner anguckt und fragt, warum ist das überhaupt passiert? Wie ist es zu diesem Vertrauensbruch gekommen? Habe ich es meinem Partner vielleicht nicht leicht gemacht, darüber zu sprechen? Hat mich mein Partner vielleicht angesprochen und ich habe das Thema gewechselt? Da ist es wichtig, in sich selbst hineinzuhören und zu fragen, wo ist denn der Ursprung des Problems und nicht enttäuscht Türen zuzuschlagen. 

"Wir leben in einer Gesellschaft, in der Sex mit viel Scham besetzt ist"

Wie sind denn Felicia Mutterer und Sie überhaupt auf dieses Thema gekommen?

Für unsere erste Folge wollten wir ein Thema, mit dem sich jeder identifizieren kann. Zum Thema Beziehung können wir schließlich alle etwas sagen, egal ob wir sie offen leben oder nicht. Es gibt noch relativ wenige Menschen des öffentlichen Lebens, die darüber reden. Ich habe den Gegenstandpunkt meiner Kollegin, insofern wurde das ein spannender Schlagabtausch (lacht). Ich musste mich erst mal überwinden und merke es auch jetzt in diesem Interview, dass ich sehr viel überlege, wie ich etwas ausdrücken kann. So ganz wohl fühle ich mich noch nicht damit, so offen darüber zu sprechen. Das liegt sicher daran, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Sex immer noch mit viel Scham besetzt ist. 

Ein Gemeinplatz ist, dass Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen mit Monogamie zusammenhängen. Was lässt Sie darüber anders denken?

Ich weiß jederzeit, wo mein Freund ist, ich weiß jederzeit, wo ich ihn erreichen kann, ich weiß, dass er mich nicht belügt, ich weiß immer, woran ich bin, ich habe also das größte Vertrauen. 

Spielt Eifersucht für Sie überhaupt keine Rolle?

Ich bin selten eifersüchtig. Ich kenne das Gefühl dann, wenn ich nicht einschätzen kann, was da gerade passiert. Aber wenn mein Partner eine gute Zeit hat, einen schönen Flirt hat, dann freue ich mich für ihn, das macht mir keine Angst, weil ich weiß, wo sein Herz ist und das ist bei mir. 

Gala


Mehr zum Thema


Gala entdecken