"Goodbye Deutschland": Gehasst, geliebt: Das Phänomen Jens Büchner (†)

Jens Büchner war eine Figur des öffentlichen Lebens, die die Menschen polarisiert hat. Die einen liebten, die anderen hassten ihn. GALA hat mit dem bekannten Medienpsychologen Prof. Dr. Jo Groebel über den Kult-Auswanderer gesprochen

Jens Büchner (†) 

Herr Dr. Groebel, Jens Büchner tauchte 2011 in Fernseh-Deutschland auf. Nicht, weil er singen, schauspielern oder tanzen konnte - sondern, weil er nach Mallorca ausgewandert ist und dabei gefilmt wurde. Klingt paradox, oder?

Seit der Vervielfältigung von Fernsehkanälen und der Erfindung des Internets hat sich eine Art eigenes Genre herausgebildet: Menschen, die vor allem berühmt dafür sind, dass sie berühmt sind. Medien nennen sie gerne "Z-Promis." Es gibt drei Faktoren, wie man diesen Status erreicht. Erstens: Man wird dadurch bekannt, dass man in Verbindung mit einem wahren Prominenten steht; also jemandem, der eine schauspielerische, musikalische oder sonstige Leistung erbringt oder erbracht hat. Zweitens: Man wird bekannt, weil man regelmäßig auf dem Bildschirm zu sehen ist.

Kurze Zwischenfrage: Warum finden Menschen es spannend, jemand Fremden beim Umzug nach Mallorca zuzusehen?

Wenn jemand wie Jens Bücher stetig in seinem Alltag von Kameras begleitet wird, fangen TV-Zuschauer an, eine Bindung aufzubauen. Das muss man sich so vorstellen, als würde ein entfernter Verwandter oder Freund jede Woche zu einer bestimmten Uhrzeit im Wohnzimmer vorbeischauen. 

Was ist der dritte Faktor, um ein "Z-Promi" zu werden?

Man muss die Fähigkeiten haben, zu polarisieren. Auch das trifft auf Jens Büchner zu. Die einen sehen ihn als Menschen, der versucht hat, sein Leben zu meistern und dabei immer wieder auf die Nase gefallen ist. Wenn Sie so wollen: ein "Loser". Der ruft aber Sympathien bei denjenigen hervor, die sich mit ihm identifizieren können. Die selbst Schicksalsschläge, Verluste und harte Zarten erlebt haben. Der Faktor ist hier die soziale Nähe. 

"Goodbye Deutschland" Star Jens Büchner (†)

Die Höhen und Tiefen seines turbulenten Lebens

Die TV-Karriere des Jens Büchner startet im Jahr 2010. Im November des Jahres wandert Büchner mit seiner damaligen Lebensgefährtin Jennifer Matthias und dem gemeinsamen Sohn von Bad Schmiedeberg nach Mallorca aus. Anfang 2011 ist der Finanzfachwirt das erste Mal bei "Goodbye Deutschland" zu sehen. In Cala Millor eröffnet das Paar die Boutique "Store & More".
2013 trennen sich Jenny und Jens. Die gemeinsame Boutique führt Jenny alleine weiter. Jens Büchner hingegen probiert sich anschließend auf diversen beruflichen Wegen aus. Er versucht sich kurzzeitig als Küchenhilfe im Bistro "König von Mallorca" in Santa Ponça. Außerdem arbeitet er als Schmuckdesigner, Verkäufer von Heizungen und Badehosen-Model.
2014 begegnet Jens Büchner der Urlauberin Sarah Linsenhoff. Die Chemie stimmt und sie verbringen einen großen Teil von Sarahs Resturlaubs zusammen. Wieder in Deutschland angekommen ist für die verliebte Sarah schnell klar: Sie muss zurück! Im Januar 2015 beginnt das "Abenteuer Mallorca" für sie und Jens. Der Zauber verfliegt allerdings schnell und das Pärchen trennt sich noch im selben Jahr. 
2014 steigt Jens ins Schlager-Geschäft ein, veröffentlicht die Single "Pleite aber sexy". Es folgen unter anderem "Arme Sau" (2015) und "Hau ab, Du bist kein Alkohol" (2017). Am Ballermann tritt er mit seiner Musik im "Megapark" auf; in Paguera in "Krümels Stadl". Fans nennen ihn liebevoll "Malle Jens". 

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Dann gibt es die Menschen, die sich über Jens Büchner aufregen und der Meinung sind: "Der kann nichts, der leistet nichts, wie kann der so berühmt sein?" Einen "Lieblingsfeind" zu haben, ist auch eine Form der Bindung: Paradoxerweise kann man jemanden, den man absolut schrecklich findet, liebgewinnen. Wie? In dem man es herrlich findet, sich über ihn aufzuregen. Das hat sogar eine physiologische Komponente: Der Puls geht nach oben, man spürt eine Aufregung und die wird mitunter als angenehm empfunden. Man kann sich moralisch, und das war bei Jens Büchner sicher der Fall, über jemanden erheben. Nach dem Motto: "Ich lebe solide und bin nicht berühmt. Aber ich mache es trotzdem besser." Und wenn die Aufregung zu viel wird, kann man den Fernseher einfach abschalten. 

Prof. Dr. Jo Groebel, Medienpsychologe und Vorsitzender "Deutsches Digital Institut"

Spielt Neid auf den "Lieblingsfeind" eine Rolle?

Absolut. Der soziale Vergleich ist eine Art Triebfeder für menschliches Verhalten. Orientiere ich mich an einer Person oder nicht, stelle ich mich über oder unter sie, hat sie zu Recht oder Unrecht mehr Erfolg als man selbst. Bei der negativen Beurteilung eines anderen spielt Neid sicher eine Rolle. Nicht nur im täglichen Leben bei Menschen, die uns umgeben. Sondern auch bei Fremden wie Jens Büchner. Da könnte die Haltung gewesen sein: "Warum ist der reich, obwohl er nichts leistet, und ich nicht?" 

Vielleicht ein Grund, warum Jens Büchner in sozialen Netzwerken zum Teil aufs Übelste beschimpft wurde. Als er vier Woche vor seinem Tod aus gesundheitlichen Gründen einen Auftritt absagte, wurde er sogar als Simulant bezeichnet. 

Ich glaube, dass es diese abgründige Seite an Menschen schon immer gab, sie aber durch soziale Kontrolle reguliert wurde. Wenn ich zum Beispiel an das Umfeld Schule denke, würde ich Jens Büchner als den typischen Klassenclown sehen, auf den die Klassenkameraden einschlagen, die aber im besten Falle von den Lehrern zurückgehalten werden. Durch Facebook, Instagram und Co. entfällt die soziale Kontrolle und die Dämme brechen. Vor allem gegenüber fremden Menschen, die man nicht kennt. Zentrale Faktoren sind hier Anonymität und Entfernung. Der "Lieblingsfeind" ist in einer anderen Stadt, in einem anderen Land oder bewegt sich in einem anderen Umfeld. Man muss sich ihm nicht persönlich stellen und wird es vermutlich auch nie tun müssen. 

"Nichts verkauft sich besser, als der Tod", sagt der Volksmund. Selbst SPIEGEL, FAZ und SZ haben über Jens Büchner berichtet. Auf GALA.de erreichte die Todesmeldung immense Zugriffszahlen. Und auf Facebook trauert die Community. Versöhnt der Tod uns mit denjenigen, die wir zu deren Lebzeiten kritisiert oder gemieden haben?

Themen aus dem Unterhaltungsbereich bieten einen Ausgleich zu politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Großproblemen, die zum Teil bedrohlich sind, Ängste hervorrufen und auf die man als Einzelner keinen Einfluss nehmen kann. So pietätlos es klingen mag: Auch der Tod gehört zum Unterhaltungsbereich dazu. Er bringt die Menschen wieder zum Natürlichen zurück, zum Überschaubaren und erzeugt ein Gemeinschaftsgefühl. 

Der Tod von Jens Büchner verbindet die Menschen?

Ja. Ich behaupte, dass keiner Schadenfreude über den Tod von Jens Bücher empfindet. Selbst die nicht, für die er ein "Lieblingsfeind" war. Das liegt daran, im Falle einer Todesnachricht bei vielen Menschen ein Urgefühl hervorgerufen wird: Empathie.  "Ach, was hat er von all dem Ruhm, wenn er so jung stirbt", "Der hat ja keinem was getan" und "Das hat er nicht verdient." Dazu kommt, dass Jens Büchner acht Kinder und eine Ehefrau hat. Der Tod eines Partners oder des Vaters ist mit das Schlimmste, was passieren kann. Wo vorher negative Gefühle wie Neid und Verachtung bei einigen Zuschauern war, ist plötzlich Mitgefühl. Man tritt nicht noch einmal nach, wenn jemand gestorben ist. Das ist etwas, was auch die Reaktionen der Medien erklärt: Man ist sich einig im Gefühl der Empathie. 

Jens Büchner (†)

"Goodbye Deutschland"-Star verstirbt im Alter von 49 Jahren

Jens Büchner (1969 - 2018)
Per Facebook-Posting bestätigt die Agentur des 49-Jährigen seinen Tod und richtet gleichzeitig einen Appell an die Medienvertreter.
©Gala


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