Jan Böhmermann: Rebell mit Moral

Jan Böhmermann wird gefeiert und gehasst: Keiner spaltet das Publikum gerade so sehr wie der TV-Schreck aus Köln. Wie tickt der Meister der Provokation, der heute Abend mit seinem "Neo Magazin Royale" erstmals wieder auf Sendung sein wird, privat?

Til Schweiger nennt ihn einen "leicht verzogenen Bubi, der sich selbst am lustigsten findet", seine Fans sehen in ihm ein Ironie-Genie und die beste Rechtfertigung für den Rundfunkbeitrag. Er selbst sagt über sich, er sei ein "größenwahnsinniger Vollidiot". Heute Abend um 22.15 Uhr geht Böhmermann erstmals wieder mit seinem "Neo Magazin Royale" auf Sendung, nach dem Erdogan-Skandal zog er sich eine Zeit lang aus dem TV zurück. Zu Gast ist Politiker Gregor Gysi. Ein Anlass, um die Person Jan Böhmermann noch mal ein bisschen genauer zu betrachten.

Das Phänomen Böhmermann

Fest steht: Jan Böhmermann, 35, Kopf des bissigen ZDF-Formats "Neo Magazin Royale", ist ein Phänomen. Er denkt schnell und teilt gern aus. Er legt den Finger mit einem süffisanten Lächeln dahin, wo es wehtut. Und er ist mit seinen kontroversen Aktionen auf allen Kanälen präsent: Fernsehen, Twitter, Facebook, Youtube. Seine Beiträge polarisieren – wie aktuell das Schmähgedicht auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Darin ging er den Staatsmann äußerst derb an, löste damit ein mediales Erdbeben aus.

"Neo Magazin Royal" mit Jan Böhmermann

Die Erdogan-Affäre

"Meine Dalai-Lama-artige, private Liebenswürdigkeit ist der Grund für meine gelegentliche berufliche Angriffslust", erklärte Böhmermann mal seine verbalen Spitzen. "Nennen Sie mich ein Arschloch mit Herz." Immerhin: Nachgelegt hat er nicht. Lediglich ein, zwei dezente Anspielungen auf die Affäre Erdogan platzierte Jan Böhmermann in Folge 44 seiner Satire-Sendung am vergangenen Donnerstag. In Malbüchern dürfe man "die Grenzen nicht überschreiten", sagte er, "ansonsten gibt’s Ärger von ganz oben". Und: "Wer möchte in diesen Tagen nicht so leben wie ich?"

"Ich bin nicht so der Knuddeltyp"

Wahrscheinlich ist, dass der blasse Schlaks aus Bremen in diesen Tagen seinen Anzug im Schrank lässt, noch mehr Cola trinkt als sonst (Alkohol rührt er nicht an) und in Jeans und Kapuzenpulli auf dem Sofa herumchillt. Dass er sich ab und zu an seiner eigenen Spießigkeit erfreut, weiß man von ihm. "Ich bin gern allein", erzählte er der "Zeit". Aber ich bin auch ein Familienfreak." Ein Knuddeltyp jedoch sei er nicht. Und die Mutter fragt ihren fast zwei Meter großen Sohn regelmäßig, ob er auch genug esse und wann er endlich mal Urlaub mache: "Du arbeitest zu viel!"

Arbeit als Droge

Weniger tun? Böhmermanns einzige Droge ist – neben koffeinhaltiger Limo – die Arbeit. Ihre therapeutische Kraft entdeckte er, als er 17 war. Da starb sein Vater, ein SEK-Beamter, an Leukämie. Ein Schock für ihn und die beiden Geschwister. Böhmermann sagt, damals sei Arbeit ein guter Weg gewesen, um sich abzulenken. Lokalreporter Ulf Buschmann, der den Satiriker aus dessen Redakteurszeit bei der "Norddeutschen" kennt, erinnert sich, dass Böhmermann immer Einzelkämpfer gewesen sei, ein Nerd, der viel Zeit vor dem Computer verbracht hat.

Gregor Gysi war bei Jan Böhmermann zu Gast.

Gregor Gysi

So war sein Auftritt bei Jan Böhmermann

Böhmermann privat

Der mehrfache Familienvater, der laut eigener Aussage fürs Duschen nie länger als zwei Minuten braucht, bezeichnet sich selbst als "kleines Würstchen". Dabei begann seine Karriere beim Fernsehen als Gagschreiber von Harald Schmidt. Böhmermann sagt, Schmidt sei ihm auf die Seele tätowiert. Nicht langweilen, nicht berechenbar sein, das ist sein Credo. Die Privatperson Böhmermann hingegen hat kein zynisches Bild von der Welt. Er hält sich für moralisch, arbeitet seit Jahren als Schöffe am Kölner Amtsgericht, nimmt an den Elternabenden in der Kita teil, empört sich dort über die Eltern, die auf die sozial Schwächeren hinabsehen. Seinen "unerschütterlichen Wertekompass" nennt er das. Und worüber kann der Berufsprovokateur selber lachen? "Über die eigene Unzulänglichkeit. Vielleicht fällt mir das aber auch leichter als anderen, weil ich sowieso nichts ernst nehmen kann. Außer mich selbst."

Türkei fordert Strafverfahren

Kaum einer will momentan wohl in der Haut des Show-Talents stecken. Seit dem zotigen Pamphlet gegen den türkischen Premier ermittelt der Staatsanwalt; die Türkei forderte ein Strafverfahren. Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte Böhmermanns Dichtwerk "bewusst verletzend". Jetzt droht sogar Knast. Das ZDF steht weiter zu ihm, schnitt die betreffenden Passagen jedoch aus dem Beitrag heraus. Ausgerechnet Böhmermanns Kritik an einem erklärten Feind der Pressefreiheit wurde gelöscht – klingt wie Satire, ist aber bitterer Ernst. Böhmermann ist angeschlagen. Sogar seinen zweiten Grimme-Preis, den er für seine Satire über den griechischen Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis bekommen sollte, nahm er vorigen Freitag nicht selbst entgegen. "Ich fühle mich erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe", postete er auf Facebook. Zuvor hatte er an Kanzleramtschef Peter Altmaier getwittert: "Ich möchte gerne in einem Land leben, in dem das Erkunden der Grenze der Satire erlaubt, gewünscht und Gegenstand einer zivilgesellschaftlichen Debatte sein kann."

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