James Franco: Superman reloaded

Filme machen, Regie führen, schreiben, malen, fotografieren: Gibt es etwas, das James Franco nicht kann?

James Franco

Die Kieferknochen arbeiten unaufhörlich,

der Blick ist konzentriert, schweift nur manchmal ins Leere ab. James Franco versucht, nicht zu gähnen, dabei ist er seit 36 Stunden wach. Ein Zustand, den er nur mit viel Koffein erträgt: "Ich bin süchtig nach dem Zeug", erklärt er Gala in Berlin, während er sich noch ein Glas Cola genehmigt. Obwohl er erschöpft ist, lächelt er oft. Ein Lächeln, das sein Gesicht einnimmt und die makellosen Zähne freilegt - und ihm in der Highschool den Titel "Junge mit dem schönsten Lächeln" bescherte. Heute ist dieser Junge ein Hollwood-Star.

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Seine Darstellung des Extrem-Kletterers Aron Ralston in Danny Boyles Drama "127 Hours" brachte Franco eine Oscar-Nominierung. Doch er kann noch viel mehr. An diesem Tag ist er nach Deutschland gekommen, um seine erste Ausstellung "The Dangerous Book Four Boys" zu eröffnen. Sie umfasst Filme, Installationen, Fotos und Zeichnungen, die sich mit den Themen Männlichkeit, sexuelle Identität und der Beziehung zu den Eltern beschäftigen. James Franco sitzt mit Dreitagebart, ungewaschenem Haar und Secondhand-Lammfellmantel im Keller der Galerie "Peres Projects" und könnte auch ein gewöhnlicher Berlin-Mitte-Boy sein - dabei gilt er momentan als das Ausnahmetalent schlechthin. Und dafür gibt es Gründe.

Für "127 Hours", die Survival-Story um Kletterer Aron Ralston, begaben sich Regisseur Danny Boyle und James Franco in den Blue-John-Canyon in Utah. Der Film erhielt sechs Oscar-Nominierungen.

Franco ist der erste Oscar-Anwärter, der die Verleihung der Academy Awards am kommenden Sonntag auch selbst moderiert. Nervös ist er noch nicht, auch wenn er die vergangenen Wochenenden in Los Angeles damit verbracht hat, mit Co-Moderatorin Anne Hathaway zu proben und die Fernseh-Einspieler zu drehen: "Das ist doch nur ein Abend meines Lebens", sagt er zu Gala. "Ich verstehe die ganze Aufregung nicht."

Mag sein, dass dies nichts Besonderes ist für einen 32-Jährigen, der bereits in großen Produktionen wie "Spider-Man", "Milk", und "Eat, Pray, Love" mitwirkte, der einen Master of Fine Arts in Film, Kreativem Schreiben und Lyrik gemacht, ein Buch mit Kurzgeschichten veröffentlicht und eine Produktionsfirma gegründet hat. Der darüber hinaus gerade in Yale in englischer Literatur promoviert und nebenbei noch Design studiert, der Regie führt, Drehbücher schreibt, fotografiert, malt, eine eigene Bar betreibt, für Gucci wirbt, in der Soap "General Hospital" mitspielt, seit Neuestem mit dem Performancekünstler Kalup Linzy auch R'n'B singt und demnächst einen Collegekurs über seine Karriere abhält.

Andere Menschen brauchen für derart viele und unterschiedliche Projekte mindestens zwei Leben. Spricht man James Franco darauf an, wie er es schafft, all seinen Talenten gerecht zu werden, winkt er ab. "Ich beschäftige mich nur mit Dingen, für die ich brenne. Außerdem drehe ich weniger als früher."

Franco, dem für dieses Jahr dank "127 Hours" auch in Europa der große Durchbruch prophezeit wird, möchte vor allem eines: "Es wäre schön, wenn die Leute irgendwann nicht mehr sagen: 'Das ist doch der Schauspieler, der auch ein wenig Kunst macht.'" Ernst genommen zu werden in allem, was er treibt, ist ihm wichtig. Momentan erzeugen seine scheinbar unerschöpfliche Kreativität und Produktivität jedoch ebenso viel Bewunderung wie Skepsis: Kann dieser Mann wirklich auf so vielen unterschiedlichen Gebieten gleichermaßen talentiert sein? Ist er die postmoderne Version von Superman? Oder einfach nur ein größenwahnsinniger Wichtigtuer? Schaut man sich James Francos Biografie an, erklärt sich sein übersprudelnder Schaffensdrang und der Wunsch, seine Ideen der ganzen Welt mitzuteilen, fast von selbst.

"Ich will nicht sterben, ich habe doch noch so viel zu tun!", soll schon der vierjährige James nach dem Tod eines Familienfreundes gesagt haben. "Als Baby war er schon extrem neugierig und konnte sich außerordentlich gut konzentrieren", erklärte seine Mutter Betsy, eine Bestsellerautorin, die mehr als 80 Kinderbücher veröffentlicht hat, im Interview mit dem Sender ABC. James Franco stammt aus einer Familie, die bereits in der dritten Generation Künstler hervorbringt. Seine Großeltern betreiben eine Galerie in Cleveland, seine Eltern lernten sich in einem Kunstseminar an der Universität in Stanford kennen. Betsy Franco gibt neben der Schriftstellerei Theaterkurse in Palo Alto, Kalifornien, wo James mit seinen zwei jüngeren Brüdern - Dave, ebenfalls Schauspieler, und Tom, bildender Künstler - aufwuchs.

Die Schauspielerin Ahna O'Reilly, 25, lernte James Franco vor fünf Jahren kennen. Seitdem sind die beiden ein Paar.

"An mir konnte James sehen, dass man von Kunst tatsächlich leben kann", sagt Betsy, die mit ihrem Ältesten für 13 Folgen von "General Hospital" gemeinsam vor der Kamera stand. Der Vater Douglas, ein Mathematikprofessor, der gern Schauspieler geworden wäre, drängte James, an die Uni zu gehen. Doch der brach sein Anglistikstudium 1997 nach einem Jahr zunächst ab, um Schauspielunterricht zu nehmen.

"Mein Sohn hat keine Angst. Er probiert einfach alles aus", erklärt Betsy Franco. "Er geht immer an seine Grenzen und fordert seine Mitmenschen auf, um die Ecke zu denken." Wie etwa in Sachen Sex. Ist James Franco, der Schönling und Frauenschwarm, nun schwul oder nicht, weil er in "Milk" den Freund des Aktivisten Harvey Milk spielte und als homosexueller Dichter Allen Ginsberg in "Howl" überzeugte? Weil er an der Uni Kurse in Queer Theory belegt hat und geschminkt auf dem Cover des Transsexuellenmagazins "Candy" abgebildet war? Oder weil er in seinem Kurzfilm "Dicknose in Paris" eine Penismaske trägt?

"Ich schäme mich für nichts", sagt er. "Allein dass sich die Leute ständig damit beschäftigen, ist gut - und dass sie mich für schwul halten, heißt, ich habe noch eine Menge zu tun." Soll bedeuten: Er möchte dazu anregen, weniger in Schubladen denken.

Bühne frei für Mr. Sexy: Am 27. Februar muss James Franco als Moderator der Academy Awards seine Entertainer-Qualitäten beweisen - dass er im Anzug eine gute Figur macht, weiß man bereits.

Seit fast fünf Jahren ist James Franco mit der Schauspielerin Ahna O'Reilly ("Vampire Diaries") liiert. Sie stammen beide aus Palo Alto, lernten sich aber erst 2006 kennen, als James Franco "Spider-Man 3" drehte und sich in einer Sinnkrise befand - weil er mehr wollte, als das Popcornkino zu bedienen. Sie ging zur Schauspielschule, er zurück zur Uni, und trotz der vielen Arbeit und all der Gerüchte sind sie bis heute zusammen. Dass sie in Los Angeles lebt und er in New York, ist bei dem unsteten Leben des Schauspielers eher unerheblich, da er ohnehin ständig unterwegs ist: zum nächsten Projekt, von Uni zu Uni, in einen anderen Bundesstaat oder auf einen anderen Kontinent. "Zum Schlafen habe ich keine Zeit", sagt Franco. Er kommt mit drei Stunden aus - plus Power-Naps in der U-Bahn, im Flugzeug, in Vorlesungen und manchmal während eines Gesprächs. An manchen Tagen wisse er nicht, wo er gerade sei oder was als Nächstes anstehe, gibt er zu. Dafür hat er seine persönliche Assistentin: "Ohne mich würde er nicht mal etwas essen", erklärte Dana Morgan dem "New York Magazine". "Nicht, dass er hilflos wäre. Er vergisst bloß, sich etwas Essbares zu besorgen."

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