Wolfgang Joop: Ein GALA-Gespräch zum 70. Geburtstag

Wolfgang Joop ist Modeschöpfer, Künstler, Schriftsteller - und Juror bei "Germany’s next Topmodel". Zu seinem 70. Geburtstag blickt er auf ein bewegtes Leben

Wolfgang Joop

Seinen 70. Geburtstag am 18. November verbrachte Wolfgang Joop in der Berliner "Paris Bar". Nichts Großes, nur eine kleine Familienfeier. Er war gerade von Dreharbeiten zur zehnten Staffel von "Germany's next Topmodel" zurückgekommen, die 2015 zu sehen sein wird. Es ist das zweite Mal, dass der Modeschöpfer in der Jury sitzt - bei seiner ersten Runde hatte er in diesem Frühjahr Fans und Kritiker mit Wahrhaftigkeit und Mutterwitz begeistert. "Er rettet Germany's next Topmodel!", schrieb gar die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über Joop. Für den Designer sei diese neue Popularität ein Privileg, wie er im Interview verrät: "Ich habe das Glück, über die Sendung meine ganze Geschichte noch einmal erzählen zu können." GALA-Chefredakteurin Anne Meyer- Minnemann kennt Wolfgang Joop seit ihrer Kindheit persönlich. Ihr gewährt er Einblicke in ein ganz besonderes Leben.

Lieber Wolfgang, du bist diese Woche 70 Jahre alt geworden. Haderst du mit dieser Zahl?

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Nein, überhaupt nicht. Es wird mir wieder bewusst, dass das Leben ein großes Geschenk ist. Das Alter hat ja auch Vorzüge. Als junger Mensch hast du den Drang, alles in einer ganz kurzen Zeitspanne erreichen zu müssen - die große Liebe, die große Karriere, die Kinder - und das große Vermögen natürlich auch … und mehrfach in der Karibik gewesen sein. Das musst du alles geschafft haben. Jetzt merke ich deutlich: Was ich nicht gemacht habe, habe ich wohl gar nicht gewollt. Also ist es gut so.

Eines hast du mit knapp 70 eher ungeplant noch erreicht: Du bist ein Fernsehstar geworden. Gerade drehst du wieder "Germany's next Topmodel" mit Heidi Klum. Hattest du mit diesem Erfolg gerechnet?

Es ist schon erstaunlich, wie eine regelrechte Armee junger Leuten mich auf der Straße stoppt. Und das, obwohl ich ja nun wirklich eine ganze Menge Verkleidungen trage. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es ist schon ein Privileg, noch einmal in einem Alter gerufen zu werden, in dem andere Leute gefragt werden, wo sie denn gerne künftig ihr be¬treutes Wohnen hätten.

Was glaubst du, warum dich gerade junge Leute so mögen?

Ich glaube, sie spüren, dass ich mich weder an das Fernsehprojekt noch an meine Co-Juroren anpasse, sondern meinen eigenen Weg gehe. Den haben sie nämlich auch vor sich. Ich erkläre ihnen immer wieder, was der eigene Weg bedeutet, sehe zig Mädchen, die diesen Weg gehen wollen. Sie wollen Model werden, frag mich bitte nicht, warum …

Was genau erklärst du den Mädchen?

Dass ich die Chance hatte, das tun zu dürfen, was ich kann. Und dass die Inbrunst, mit der ich an meinen Produkten arbeite, ein emotionales Plus ist. Ich glaube, viele der Mädchen haben einen falschen Eindruck davon, was Modeln bedeutet. Sie denken, es heißt, auf der letzten Seite von "Bild" mit irgendeinem schicken Fußballer in einem Bikini am Sandstrand zu stehen. Dann ist man wer und hat seinen Lebenszenit erreicht.

Was macht für dich ein gutes Model aus?

Schönheit ist eine Verabredung mit dem Moment. Das habe ich gestern auch Thomas Hayo gesagt, der gerne vor einem Mädchen steht und sagt: "Ja, wenn du längere Beine hättest, wenn du andere Haare hättest, wenn du andere Lippen hättest …" Ich habe echte Models erlebt, auch die Phase der Supermodels. Als damals Claudia Schiffer von Herrn Lagerfeld verdammt wurde, war ich derjenige, der eine Riesenkampagne mit ihr gemacht hat. Ich glaube, ich habe über all die Jahre eine andere Sensibilität entwickelt.

Wie gehst du mit deiner Popularität um?

Ich finde es unglaublich albern, wenn Leute, die eine Menge getan haben, um populär zu werden, sich dann darüber beklagen. Das höre ich oft von großen Schauspielern: "Ich kann nicht mehr ohne Tarnkappe in den Supermarkt gehen." Ja, mein Gott … Diese kleine Nebenwirkung nehme ich doch gerne in Kauf. Aber es ist schon sehr seltsam und sehr deutsch, dass all die Tätigkeiten, die ich bis jetzt, wie ich finde, sehr erfolgreich und diszipliniert und mit viel Applaus im Ausland gemacht habe, in diesem Land erst durch Heidi Klum publik werden.(lacht)

Woran liegt das?

Heute haben die Bilder keine Geschichte mehr. Schau dir doch das aktuelle Foto von Kim Kardashian mit dem Sektkelch auf dem Arsch an - das Motiv hat Jean-Paul Goude schon einmal in den Siebzigern geschossen, und keiner erwähnt, das es ein Déjà-vu ist. Ich habe das Glück, dass ich über "Germany’s next Topmodel" praktisch meine ganze Geschichte noch mal neu erzählen kann.

Du hast in deinem Leben viele Phasen durchlaufen, vom schüchternen Kind über den jungen Wilden, den Familienvater und den Stardesigner mit Ausrufungszeichen hin zum Gründer und Couturier des Labels Wunderkind. Braucht ein Künstler solche Häutungen?

Ich habe kürzlich ein Porträt über Picasso gesehen und begriffen, was ein Künstlerschicksal bedeutet: dass du ein Medium bist. Die Kunst befiehlt dir, was du zu tun hast. Besessen zu sein und nicht abgelenkt von den Verführungen, die andere Leute brauchen, um eine Leere zu füllen. Manch bitteren Kelch muss man dabei leeren, auch das habe ich gelernt.

Das bedeutet, dass Scheitern dazugehört?

Scheitern und Schmerz gehören dazu, um eine neue Dimension zu betreten. Ich gehe ja auch durch diese Sendung, um meine körperliche und seelische Kraft und meinen Witz noch einmal auszuprobieren.

Welchen beruflichen Weg hätte sich dein Vater für dich gewünscht?

Er hätte wohl gerne gesehen, dass ich Lehrer werde oder, besser, Professor. Dem haben meine Frau Karin und ich uns entzogen mit dem Ziel, unseren eigenen Weg zu gehen. Wir standen dann erst mal etwas ratlos mit einem kleinen Kind an der Hand in Hamburg und haben einfach jeden Job angenommen, der zu uns passte.

Klingt nach Lehr- und Wanderjahren ...

Das waren sie auch. Ich habe mich durch Learning by Doing durchgebissen. Drei Jahre als Redakteur beim Bauer-Verlag, parallel habe ich Kontakte geknüpft zur Modeindustrie - eine Industrie, die ich nicht wirklich kannte und auf die ich nicht vorbereitet war, weder wirtschaftlich noch handwerklich. Ich bin durch Italien und durch Frankreich gereist und habe Skizzen verkauft. Aber auf der Wanderschaft begegnet man Menschen, die dich auf einen anderen Weg bringen.

Wer waren wichtige Wegbegleiter?

Ich habe Anfang der Siebzigerjahre Jil Sander getroffen und gesehen, mit welchem Ehrgeiz und welcher Willensstärke sie nach einem anderen Frauenbild gesucht hat. Das war für mich schon ein kleines Lehrstück. Dann habe ich die Partner gefunden, die mit mir bei Joop! das große Rad gedreht haben. Das waren Menschen, die aufmerksam wurden auf meine Ausstrahlung, die mir gar nicht so bewusst war. Aber wir haben ein großes Imperium darauf aufbauen können. Das sind schon alles große Sprünge und große Geschichten.

Das schüchterne Kind Wolfgang gab es dann nicht mehr?

Ich glaube, dass es trotzdem geblieben ist. Das innere Kind wächst nicht parallel mit den äußeren Erfolgen. Ich brauche immer noch Beschützer, Menschen, von denen ich mir Kraft hole. Dazu zählen auch die Heerscharen junger Mädchen, die mir sagen: "Wir brauchen dich, wir mögen dich!" Das ist eine große Unterstützung, unabhängig von den Menschen, die einem über die Zeit privat geholfen haben.

Wie wichtig ist Liebe für dich?

Den Wunsch, geliebt zu werden, drücke ich in meiner Arbeit permanent aus. Ich hatte schon immer große Angst, allein zu sein, habe aber irgendwann begriffen, dass ein Teil der Seele immer allein bleibt. Es ist wichtig, dass du mit dir selbst Frieden schließt und dich als deinen eigenen Partner akzeptierst. Der Partner, der dir wirklich immer bleibt, das bist du!

Verliebst du dich denn hin und wieder?

Oh ja! Liebe und Verlieben sind ja zwei völlig unterschiedliche Dinge - in der Liebe suchen wir das Vertrauen, in der Erotik das Fremde, das uns erregt und zu Übermut verführt. Ich glaube, wir sehnen uns alle nach erotischen Abenteuern. Aber mittlerweile weiß ich ja auch, wie kopflos man dabei wird ...

Also lieber keine Erotik?

Doch! Aber ich setze mich nicht mehr jeder Gefahr aus.

Ist Eitelkeit notwendig für den Erfolg?

Ich denke schon. Aber ich finde die äußere Eitelkeit ganz harmlos gegenüber der Eitelkeit des Geldes, der Eitelkeit, die mit Macht kompensiert wird. Die ist wesentlich gefährlicher.

Renée Zellweger machte kürzlich Schlagzeilen, weil sie sich äußerlich völlig verändert hat. Ist es okay, sich komplett neu zu erfinden, inklusive seines Gesichts?

Natürlich! Welche Moral soll denn das sein, die einem dieses Recht abspricht? Wenn dir etwas zum Halse raushängt, schmeißt du es weg. Das kann auch dein eigenes Gesicht sein.

Was wäre denn eine Inkarnation deiner selbst, die du gerne noch erleben würdest?

Wenn ich ganz brav gewesen bin und alles geschafft habe, dann könnte ich noch mal eine lange Reise machen, mit ganz leichtem Gepäck. Und dann nie wiederkommen. Ich möchte am liebsten irgendwann einfach verschwinden. Und am besten wäre, wenn mich niemand finden würde!

Würdest du dich noch verabschieden wollen?

Nein. Warum? Ich finde das überflüssig. Und vor allen Dingen hätte ich Angst, dass mich jemand halten wollte.

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