Thomas Kretschmann "Meine Kinder finden mich gar nicht cool"


Wenn er mit seinen Kids unterwegs ist, will Hollywood-Star Thomas Kretschmann nicht den Helden spielen

Heute Berlin, morgen irgendwo,

übermorgen Los Angeles. Spannend ist das, aber manchmal wird es Thomas Kretschmann zu viel. Seit er Vater ist, reist er nicht mehr so gern wie früher.„Die Seele muss mitkommen“, sagt er. Und die ist inzwischen vor allem bei Nikola, 12, Stella, 11, und Sascha, 8. Mit deren Mutter Lena war er viele Jahre liiert, 2009 haben sich die beiden getrennt. Das Bedürfnis, seinen Kindern in Los Angeles nah zu sein, ist dadurch noch größer geworden. Beim GALA-Interview im "Hotel Adlon" wirkt er zunächst etwas müde. Aber das verfliegt mit jeder Minute, in der "unser Mann in Hollywood" von seinem jüngsten Auslandsabenteuer "Dschungelkind" erzählt.

Sabine Kuegler, die Autorin der Buchvorlage, sagt: "Im Herzen bleibe ich immer ein Dschungelkind." Können Sie so etwas auch von sich sagen? "Im Herzen bleibe ich …"

... immer Ostler. ( lacht) Ich lebe nun schon seit 14 Jahren in Los Angeles. Das beeinflusst einen, man verändert sich. Ich frage mich zwar, ob man das selbst überhaupt wahrnimmt, denn es ist ein schleichender Prozess, wie das Älterwerden: Man blickt ja nicht eines Morgens in den Spiegel und sieht plötzlich anders aus. Aber im Herzen werde ich immer ich selbst bleiben. Meine alten Freunde sagen, dass ich noch derselbe bin.

Die packendsten Filmmomente drehen sich um Gewissenskonflikte: Als Sprachforscher leben Sie beim Stamm der Fayu, deren Sitten uns teils schockieren. Im Film greifen Sie ein – würden Sie das auch privat tun?

Ich habe einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und mische mich sicher durchaus in Sachen ein, die mich eigentlich nichtsangehen. Auf Reisen und im Ausland aber empfinde ich mich grundsätzlich als Gast, der sich den Gepflogenheiten vor Ort anzupassen hat. Kulturen werden über Jahrhunderte geprägt. Da finde ich es anmaßend, anderen mein Werteverständnis aufzudrängen. Jeder soll seinem Glauben folgen, auch wenn es nicht meiner ist.

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Sind Sie als Vater auch so lässig?

Meine Kinder finden mich gar nicht cool. In Los Angeles ist es nichts Besonderes, einen Schauspieler zum Vater zu haben. Im Gegenteil. Mein Ältester, Nikola, hat neulich glatt zu mir gesagt: "Du hast ja nicht mal ’nen Oscar!" Mein Nachbar ist zum Beispiel Zac Efron. Meine Tochter Stella ist ganz aus dem Häuschen und will jetzt viel mehr Zeit bei mir verbringen – aber nicht wegen mir, sondern wegen Zac.

Haben Sie sich schon mal alt gefühlt, weil Sie nicht wussten, wovon Ihre Kids reden?

Ich spüre den Fortschritt, wie rasend schnell sich alles entwickelt. Mein Kleiner, Sascha, spielt im Auto manchmal Games auf meinem iPhone, da bin ich überfordert. Da fragt er mich: "Hast du als Kind nicht mit deinem iPhone gespielt?" Und ich sage: "Du, damals gab es keine Handys." Da war er ganz verwirrt und wollte wissen, wie wir uns denn unterhalten haben. Also sagte ich: "Sascha, wir haben uns getroffen!" ( lacht)

Sie sind mit 19 Jahren aus der DDR geflohen. Konnten Sie sich etwas aus Ihrer Kindheit bewahren?

Ich habe mir die Erinnerung bewahrt. Es war auch schön, in der DDR aufzuwachsen: Unsere Welt mag nach außen begrenzt gewesen sein, aber als Kind hatte man das Gefühl, dass einem das ganze Land gehört. Ich hatte ein Fahrrad, einen Schlüssel um den Hals, und wenn es dunkel war, musste ich zu Hause sein. Heutzutage wachsen Kinder ganz anders auf, vor allem in Großstädten. Ständig muss man sie überall hinfahren. Deshalb versuche ich viel mit meinen Kids zu unternehmen, weil sie die Welt gar nicht so eigenständig entdecken können wie wir früher. Ich habe den ganzen Tag selbstständig funktioniert, schon bevor ich zehn war. Dann war ich auch noch auf einer Sportschule. Das hat mir zwar ein Stück Kindheit genommen, aber andererseits hat es mich geformt. Ich profitiere heute noch davon.

Auf West-Papua geraten Klaus (Kretschmann, mit Stella Kunkat und Nadja Uhl, r.) und seine Familie zwischen die Stammesfronten. S
Auf West-Papua geraten Klaus (Kretschmann, mit Stella Kunkat und Nadja Uhl, r.) und seine Familie zwischen die Stammesfronten. Sabine Kueglers autobiografischer Bestseller "Dschungelkind" wurde in Malaysia verfilmt (jetzt im Kino).
© PR/Universal

Ist diese harte Schule Ihr Erfolgsgeheimnis?

Ich war Langstreckenschwimmer und habe früh gelernt, dass man sich Ziele setzen und dafür hart arbeiten muss. Und dass man im Bereich seiner Möglichkeiten alles erreichen kann. Man muss nur lernen, sie richtig einzuschätzen.

Geben Sie diese Prinzipien an Ihre Kinder weiter?

Einerseits möchte man, dass sie alles haben, was man als Kind selber nicht hatte. Sie sollen ihre Kindheit unbeschwert genießen. Andererseits weiß ich, dass man sich anstrengen muss, um etwas zu erreichen und das auch wertzuschätzen. Ich will meine Kinder nicht triezen, muss sie aber doch überlebensfähig machen. Es ist eine Gratwanderung. Übrigens hatte kein großer Künstler eine glückliche Kindheit. Das gilt auch für Schauspieler.

Viele Hollywood-Stars behaupten das Gegenteil: Alles eine Frage der Professionalität...

Das kaufe ich denen nicht ab. Tiefe muss man erfahren haben, sonst kann man sie nicht zeigen. Ich glaube nicht, dass nur Technik allein einen weiterbringt. Man schöpft aus dem, was man erfahren hat. Und je reichhaltiger die Erfahrung ist – an schönen Erlebnissen wie an Krisen –, desto mehr kann man daraus schöpfen.

Wo fühlen Sie sich zu Hause?

In Berlin fühle ich mich daheim, aber mein Zentrum ist Los Angeles. Die Kinder sind in Amerika geboren und aufgewachsen, die Mutter meiner Kinder ist Russin – ein interessantes Durcheinander. Mein Zuhause ist dort, wo meine Kinder sind.

Was machen Sie zu Hause am Liebsten?

Prinzipiell kann man sagen: Wo ich einziehe, wird erst mal alles umgebaut... Das dauert meistens Jahre. Abgesehen davon bin ich selbst ernannter BarbecueMeister. Wir surfen, die Kinder spielen Fußball – keinen American Football! –, wir gehen ins Kino. Ich verstehe Eltern nicht, die ihre Freizeitgestaltung in "für Kinder" und "für Erwachsene" unterteilen. Alles, was wir zusammen unternehmen, macht mir Spaß. Denn in meinen Kindern sehe ich ja auch mich selbst.

Ulrike Schröder

gala.de


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