Sam Riley "Ich bin ein Berliner"


Der britische Schauspieler Sam Riley über sein Leben in der deutschen Hauptstadt, Familienplanung und seine Frau Alexandra Maria Lara

Gemein, hinterhältig, hassenswert:

Als Kleinganove Pinkie in der Graham-Greene-Verfilmung "Brighton Rock" spielt Sam Riley ("Control") gegen sein Naturell an. Denn eigentlich ist der 31-jährige Schauspieler aus Leeds ein überaus freundlicher Gentleman: Mit offenem Lächeln bittet er in seine Suite des Londoner "Soho Hotels" und freut sich über den deutschen Besuch. Schließlich lebt er seit zwei Jahren in Berlin - seiner Ehefrau Alexandra Maria Lara, 32, zuliebe. Mit kratziger Stimme gibt er gleich seine beiden Lieblingsworte zum Besten: "Quatsch" und "unbedingt".

Ihre Frau Alexandra Maria Lara ist offenbar eine gute Lehrerin ...

Absolut! Zwar verstehe ich die Sprache immer noch besser, als ich sie sprechen kann, aber es kommt langsam. Anfangs klang die Deutsch noch ziemlich hart für mich, doch inzwischen habe ich viele Ähnlichkeiten zum Englischen festgestellt. Trotzdem tue ich mich vor allem mit der Grammatik schwer und setze die Wörter oft in die falsche Reihenfolge.

Sie leben seit ein paar Jahren in Berlin, sind bekennender Fan der Stadt. Warum?

Es ist eine offene Stadt und nicht so überfüllt wie London. Hinzu kommt, dass ich hier gar nicht wahrgenommen werde, wenn ich mit meiner Frau unterwegs bin.

Also ein Ort, um sich zurückzuziehen?

Die Deutschen haben ein gesünderes Verhältnis zu ihren Stars als die Engländer. Es liegen nicht ständig Paparazzi auf der Lauer, um Moritz Bleibtreu, Benno Fürmann oder meine Frau heimlich zu fotografieren. Kürzlich war ich in einem Londoner Club, und draußen warteten bereits die Fotografen auf Kate Moss. In dieser Hinsicht fühle ich mich in Berlin wesentlich wohler.

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In Ihrem neuen Film "Brighton Rock" spielen Sie ein absolutes Ekel. Das muss Ihnen doch wahnsinnig schwer gefallen sein, oder?

Nein, es war sogar ein besonderes Vergnügen! Dieser Pinkie stammt aus einer unterprivilegierten Schicht und hatte damit bestimmt die schlechtesten Lebensvoraussetzungen. Er hat als Kind gewiss nicht viele Streicheleinheiten bekommen und nahm sich die falschen Leute zum Vorbild.

Wie verlief Ihre eigene Jugend?

Ich war auf einem Internat mit sehr strikten Regeln: Ich musste meine Schuluniform bis zum 18. Lebensjahr tragen, außerdem durften wir weder abends noch an den Wochenenden ausgehen. Bis ich 16 war, habe ich das noch alles mitgemacht, doch danach lehnte ich mich gegen solche Regeln auf.

In Ihnen steckt also ein Rebell ...

Ja, später habe ich an Protestmärschen gegen den Irakkrieg und gegen Tony Blair teilgenommen. Inzwischen weiß ich aber, dass es nicht wirklich mein Ding ist, gegen Tierversuche oder für Greenpeace auf die Straße zu gehen. Ich bin heute älter und glücklicher und genieße mein Leben. Vielleicht bin ich dadurch nicht mehr so rebellisch wie früher.

Würden Sie Ihre Kinder ins Internat stecken?

Ich glaube, das könnten wir uns gar nicht leisten. Und ich bin mir fast sicher, dass meine Frau das nicht zulassen würde. Als ich noch auf dem Internat war, schwor ich mir, meine Kinder nie auf ein Internat zu schicken, aber je länger das zurückliegt, desto freundlicher blickt man ja auf alte Zeiten zurück. Meine Internatszeit wirkt heute gar nicht mehr so schlimm wie damals.

Wären Sie bereit, demnächst Vater zu werden?

Als mein Vater so alt war wie ich jetzt, hatte er bereits vier Kinder und eine Karriere, die sehr viel mehr von seiner Zeit verlangte, als es bei mir der Fall ist. Er hatte einen Vollzeitjob und musste oft sogar an Wochenenden ran. Ich arbeite im Durchschnitt zwei Monate an einem Film und nehme mir danach eine Pause.

Dann wird es jetzt ja höchste Zeit für ein Kind. Wären Sie damit einverstanden, dass es in Deutschland aufwächst?

Momentan kann ich mir keinen besseren Platz zum Leben vorstellen als Berlin. Aber wenn wir Kinder bekämen, wäre es mir natürlich schon wichtig, dass sie ihre englischen Wurzeln kennenlernen. Sie sollten Zeit in England verbringen, müssen aber nicht zwingend dort zur Schule gehen. Manchmal amüsiert mich die Vorstellung, mal Kinder zu haben, die dann eine Sprache fließend sprechen, die ich wahrscheinlich nie so ganz beherrschen werde.

Und irgendwann werden Sie mit Ihrer Frau doch nach England umziehen?

Daran denke ich momentan gar nicht, aber am liebsten wäre mir natürlich, so viel zu verdienen, dass wir uns einen Zweitwohnsitz irgendwo in Yorkshire leisten könnten. Bis dahin aber heißt es: "Ich bin ein Berliner!"

Markus Tschiedert

gala.de


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