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Rudi Assauer + Bettina Michel Bei Simone Thomalla schaltet er ab ...


Rudi Assauer hat Alzheimer. Diese Nachricht schockierte vor einem Jahr nicht nur Sportbegeisterte in ganz Deutschland. Wie geht es dem beliebten Fußball-Manager heute? "Gala" traf seine Tochter Bettina Michel exklusiv zu einem mutigen Gespräch

Als Bettina Michel, 47, zum Interviewtermin ins Restaurant "Vitali" in Gelsenkirchen kommt - es ist der Lieblingsitaliener ihres Vaters, der Fußball-Manager-Legende Rudolf "Rudi" Assauer - ist sie stark erkältet. Seit Tagen schon. "Papa hat gesagt, ich soll mich lieber schonen, im Bett bleiben", erklärt sie. "Aber da muss ich jetzt durch." Sie möchte mit "Gala" erstmals über die schwere Alzheimer-Erkrankung ihres 68-jährigen Vaters sprechen, die voriges Jahr bekannt wurde. Und obwohl dies für sie ein sichtbar schweres Thema ist, wird man das Gefühl nicht los, dass sie es kaum erwarten kann, endlich über die Dinge zu sprechen, die sie so sehr bewegen.

Jetzt ist es ein Jahr her, dass Sie mit der Krankheit Ihres Vaters an die Öffentlichkeit gegangen sind. Was hat sich verändert, seit Sie dieses Outing gemacht haben?

Wir und alle anderen gehen viel entspannter damit um. Bis vor einem Jahr war ja immer noch Beschützen, Aufpassen, Leiten angesagt. Wenn er heute irgendwo steht und ich sage "Papa, komm" und er beim dritten Mal noch nicht hört, dann ist klar, warum. Jeder weiß jetzt, dass er krank ist. Es ist schön, dass es keine Tuscheleien oder komischen Gerüchte mehr gibt, dass er mal wieder zu viel getrunken habe oder Ähnliches.

Rudis letzter öffentlicher Auftritt war bei der Unesco-Gala im Herbst. Gehen Sie noch zusammen aus?

Wir gehen oft zusammen essen, wir gehen zum Fußball, nehmen Einladungen wahr - wenn er es möchte. Ich frage ihn, und wenn er ja sagt, dann machen wir das.

Halten seine Freunde noch zu ihm?

Bettina Michel regelt alle familienrechtlichen Angelegenheiten für ihren Vater, wie auch die Scheidung von seiner letzten Frau Britta. Entgegen den Gerüchten wurde Rudi Assauer nicht entmündigt. Eine Vorsorgevollmacht haben seine Sekretärin Sabine Söldner und ein Medizinerfreund übernommen.
Bettina Michel regelt alle familienrechtlichen Angelegenheiten für ihren Vater, wie auch die Scheidung von seiner letzten Frau Britta. Entgegen den Gerüchten wurde Rudi Assauer nicht entmündigt. Eine Vorsorgevollmacht haben seine Sekretärin Sabine Söldner und ein Medizinerfreund übernommen.
© Christian Bruch / Gala

Der eine oder andere meldet sich immer noch, ja. Morgen kommt etwa Huub Stevens vorbei. Reiner Calmund und Werner Hansch kommen auch zu Besuch, sowie seine ehemaligen Spieler. Das klappt alles gut.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Erstmal schläft er ziemlich lange, wesentlich mehr als früher. Zwischendurch hat er auch mal solchen Nachholbedarf, dass er tagsüber schläft. Zwischen 8 und 9 Uhr kriegt er sein Frühstück ans Bett. Er liebt es, im Bett zu frühstücken. Dann schläft er noch eine Stunde oder zwei. Dann duschen, Zähne putzen, rasieren, anziehen ...

Macht er das allein?

Das ist unterschiedlich, je nach Tagesform. Meist geht es noch ganz gut, und er will es auch selber machen. Nur die Klamotten suche ich ihm aus. Manchmal sagt er dann zu mir: "Ist das meine Hose?" Und ich sage: "Da steht doch dein Name drin." Er hat Maßanzüge, in denen sein Name steht, wissen Sie. "Dann ist das wohl meine", sagt er dann.

Wie geht der Tag weiter?

Dann gucken wir erst mal, ob wir Termine haben, gehen essen, treffen Freunde. Meine Schwester kommt, meine Tante kommt, seine ehemalige Lebensgefährtin Frau Schneider kommt regelmäßig. Wir sind eigentlich fast jeden Tag ein Hotspot. Dann gehen wir vielleicht noch eine Stunde spazieren, wenn wir keine anderen Termine haben oder nicht noch mal ins Büro fahren müssen. Und ansonsten sitzt er vorm Fernseher.

Was schaut er sich an?

In der Regel Fußball, alle Wiederholungen. Und "Rote Rosen", denn die Frauen da findet er schön.

Für die Frauen hat er also immer noch ein Auge.

Absolut. Wenn auf Schalke die Hostessen kommen in ihren kurzen Röcken, dann ist er der Alte. Auch hier im Restaurant. Als wir neulich mit Freunden gegessen haben, hat er immer so in das Nebenzimmer geguckt, wo nur Damen saßen. Wenn schöne Frauen irgendwo sind, dann guckt er, das hat er noch nicht abgelegt.

Sie haben sehr viel Ähnlichkeit mit seiner Exfreundin Simone Thomalla ...

Ja, das stimmt. Frau T. sieht ein bisschen aus wie meine Mutter in jungen Jahren. Dazwischen hatte mein Vater immer nur blonde Frauen, das war also irgendwie back to the roots mit ihr. Ich wurde auch schon mal für ihre Tochter gehalten, obwohl ich nur drei Monate jünger bin ...

Wie ist Ihr Verhältnis?

Das ist okay. Wir haben nichts Böses miteinander. Sie hat sich gerade erst wieder mal telefonisch gemeldet.

Besucht sie Ihren Vater manchmal?

Bis jetzt war sie noch nicht da, sie hat aber gefragt, ob sie kommen darf. Wir wissen nicht, ob es ihm guttut oder nicht. Man muss vorsichtig sein mit bestimmten Dingen, es soll ihn nichts aufregen. Nicht dass sie ihn unbedingt aufregen würde, man kann das schwer einschätzen. Ich habe gesagt, wenn sie das nächste Mal in der Nähe ist, soll sie sich melden, und je nach Tagesform können wir dann entscheiden.

Wie reagiert Ihr Vater, wenn man ihn auf sie anspricht?

Wenn er sie im Fernsehen sieht, sagt er: "Mach das weg! Schalt um, die will ich nicht sehen!" Dafür habe ich Zeugen. Und er sagt auch: "Die sah mal schöner aus …"

Was ist vom alten Rudi sonst noch da?

Er ist immer noch wahnsinnig eitel. Sein Äußeres ist ihm sehr wichtig. Wenn er nachts raus muss, kämmt er sich jedes Mal, manchmal dreimal die Nacht. Die Haare müssen sitzen, die Klamotten müssen immer perfekt sein. Den Hund meiner Schwester mag er nicht so nah um sich haben, der könnte ja haaren ...Und es gibt Situationen, da gibt er dir einen Spruch, und du musst dreimal schlucken. Aber im nächsten Moment ist er wieder eine ganz andere Person - dann ist er zu 100 Prozent nicht mehr der, den wir alle präsent haben.

Früher galt er als Lebemann.

Er hat immer noch gerne Leute um sich. Er ist auch immer noch ein Entertainer. Witze kann er nicht mehr erzählen, aber er bringt sich ein und macht seinen Spaß, meist altbekannte Gesten, oder er verdreht die Augen und macht sich so über andere lustig.

Es dreht sich alles nur um ihn?

Ach, das war doch schon immer so. Erst kam er, dann lange nichts und dann die anderen. Früher hat er seine Äpfelchen immer geschält bekommen, das haben alle Lebensgefährtinnen so gemacht, seine Sekretärin auch. Heute lasse ich ihn reinbeißen, damit die Motorik erhalten bleibt.

Wann war Ihr letzter Urlaub?

Letztes Jahr im April, da waren wir mit der ganzen Bande auf Sylt.

Haben Sie Ihrem Vater schon mal gesagt, dass Sie gerne allein in den Urlaub fahren würden?

Ja, und dann hat er gesagt: "Ich komme mit." Und ich: "Und wenn ich alleine fahren will?" Er: "Das kannst du auch machen, aber warum denn?" Ehrlich gesagt weiß ich auch gar nicht, ob ich das könnte ...

Sie können schwer loslassen?

Ich bin zur Glucke mutiert. Ich glaube, ich wäre als Mutter genauso gewesen. Ich habe immer gedacht, ich wäre eine coole Mutter geworden, aber jetzt merke ich, dass das überhaupt nicht stimmt. Ich bin ja jetzt auch keine coole Tochter, sondern denke, ich mache das besser als alle anderen.

So, wie Sie sich aufopfern für Ihren Vater, gibt es kaum Platz für einen (anderen) Mann in Ihrem Leben ...

Assauer der Lebemann: 2001 mit dem DFB-Pokal seines Vereins Schalke 04 und ganz stilecht mit Zigarillo.
Assauer der Lebemann: 2001 mit dem DFB-Pokal seines Vereins Schalke 04 und ganz stilecht mit Zigarillo.
© dpa

Natürlich möchte niemand gern allein sein, ich auch nicht. Und ein Partner müsste die jetzige Situation mittragen, das ist nicht immer einfach, aber durchaus machbar. Mich gibt’s halt im Moment nur im Doppelpack.

Weiß Ihr Vater immer noch, dass Sie seine Tochter sind?

Das weiß ich selber nicht so genau. Wenn ich "Papa" sage, reagiert er. Und wenn ich ihm sage: "Ich bin dein Kind", dann sagt er: "Das weiß ich." Aber es gibt Situationen, in denen ich denke, was bin ich denn jetzt? Wahrscheinlich bin ich alles in einem, Lebensgefährtin, Tochter, Mutter, alles. Wir haben halt unsere Verrückten-WG.

Nennt er Sie noch beim Namen?

Nein, das ist ganz oft weg. Meist sagt er einfach: "Komm mal."

Wie geht es Ihnen damit?

So lange er noch visuell auf mich reagiert und weiß, meine Stimme gehört zu mir, die darf mit mir alles machen, die darf mich anfassen, finde ich nicht wichtig, ob er jetzt Bettina, Sabine oder Claudia zu mir sagt. Ich weiß, dass ich bei ihm bin, dass ich in seinem Kopf bin, dass ich in seinen Gefühlen bin. Ich bin mir sicher, er weiß, dass ich zu ihm gehöre. Ich fände andere Dinge schlimmer. Dass er mir nicht mitteilen kann, wenn er Schmerzen hat oder traurig ist, davor habe ich Angst. Damit könnte ich nicht leben.

Demenzkranke leiden ja oft unter Stimmungsschwankungen ...

Die hat er gar nicht. Er ist ein ganz friedliebender Geselle geworden. So sensibel und feinfühlig. Der, der früher immer so draufgehauen und einen dummen Spruch gemacht hat, sagt heute tausendmal Danke. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er demütig ist, obwohl er es gar nicht sein müsste, für nichts auf dieser Welt. Das sind Momente, in denen ich mich wegdrehen und weggehen muss, weil ich weine. Dann guckt er mich an und sagt: "Was hast du?" Er merkt sofort, wenn etwas mit mir ist, das hätte er früher nicht. Der hat eine Antenne gekriegt für Stimmungen und Emotionen.

Hat Sie die Krankheit näher zusammengebracht?

Ja.

Also hat die Diagnose, so schlimm sie auch ist, etwas Positives?

Eine Freundin hat zu mir gesagt: "Du wolltest immer viel mehr Zeit mit deinem Vater verbringen, jetzt hast du diese." Und jetzt nehme ich das so an.

Britta Assauer, von der er gerade geschieden wurde, unterstellt Ihnen, dass Sie sich nur aus finanziellen Gründen um Ihren Vater kümmern.

Dazu kann ich gar nichts sagen. Ich glaube, das Jahr hat gezeigt, dass dem nicht so ist und dass sich in Deutschland viele Leute ihr eigenes Bild von Frau Ba (so nennt sie Britta Assauer, Anm. der Redaktion) gemacht haben. Und ich glaube, dabei relativiert sich all das, was sie anderen vorwirft.

Im letzten Jahr haben Sie mit Ihrer Brauerei Insolvenz angemeldet. Bei der Rundum-Betreuung Ihres Vaters bleibt keine Zeit für einen Job. Wovon leben Sie heute?

Zur Insolvenz kann ich gar nichts sagen, das ist noch ein schwebendes Verfahren. Derzeit leben wir von Rücklagen, der Rente und den monatlichen Zahlungen aus der Krankenversicherung. Mein Vater bekommt Pflegestufe zwei. An einer dauerhaften Lösung arbeite ich noch. Leider konnte ich das nicht mehr im Vorfeld mit meinem Vater besprechen. Daran habe ich auch nicht gedacht.

Frau Assauer hat in Interviews gesagt, sie hätte sich gewundert, dass Sie ihn zu sich nähmen, weil Ihre Schwester Katy ein viel engeres Verhältnis zu ihm gehabt hätte ...

Aber warum ist er dann jetzt bei mir? Ich habe ihn nicht gefesselt und nicht geknebelt oder unter Druck gesetzt. Das war einfach schon immer klar. Und so wie ich meine Auseinandersetzungen und Auszeiten hatte mit ihm, hat Katy die genauso gehabt. Jeder hatte die mit ihm. Und auch wenn Katy seinen Namen trägt und mit ihm groß geworden ist, hat das keine Auswirkungen auf das enge oder eben auch nicht enge Zusammensein. Aber natürlich war Katy für ihn immer die Lieblingstochter …

Wieso?

Ist doch klar, er hat sie gewickelt und auf dem Arm gehabt. Ich habe ihn erst in meinem Leben, seit ich 16 Jahre alt bin. Wobei er immer gesagt hat, ich sei ihm viel ähnlicher.

Ist für Sie klar, dass Sie Ihren Vater bis zum Ende pflegen wollen?

Ja. Wenn’s nach mir geht, bleibt er bei mir. Es sei denn, ich werde morgen sterbenskrank oder kann aus anderen Gründen nicht mehr für ihn sorgen. Doch auch dann würde ich immer schauen, dass man es irgendwie anders hinkriegt, als ihn ins Heim zu geben. Natürlich werde ich es nicht bis zum Ende des Tages allein machen können, 365 Tage an 24 Stunden schafft kein Mensch. Das ist Utopie. Wir werden uns jemanden dazuholen, eine 24-Stunden- Pflege, die mit uns zusammenlebt.

Macht es Ihnen Angst, dass Sie Ihren Vater in naher Zukunft verlieren werden?

Wir sind jetzt im letzten Zeitfenster, in dem die Krankheit ihr ganzes Spektrum auslegt. Wie lange das dauert, weiß kein Mensch. Er kann theoretisch noch 20 Jahre leben. 2006 gab es die erste Diagnose. Es gibt einen Richtwert von acht Jahren zwischen Diagnose und Tod, drei bis fünf Jahre liegen zwischen Diagnose bis zum letzten Zeitfenster.

Am 30. April wird Ihr Vater 69. Was wünschen Sie sich für ihn?

Ich wünsche ihm noch viele Jahre in der jetzigen Verfassung, das ist auch mein größter Wunsch für mich.

Sehen Sie einen Sinn in seiner Krankheit?

Nein. Ich glaube, diese Krankheit ist so ziemlich das Schlimmste, was einem passieren kann im Leben. Damit will ich nichts schmälern - jede Krankheit ist auf ihre Weise schlimm. Aber wir müssen uns bewusst werden, dass sich hier ein Mensch völlig verliert.

Ist ihm noch bewusst, dass er Alzheimer hat?

Ja. Neulich habe ich ihn gefragt, "Geht’s dir gut?" Und er hat geantwortet: "Wenn das mit der Birne nicht wäre ..." Darüber sprechen kann er aber nicht wirklich. Ich glaube, er hat es akzeptiert. Er hat lange gehadert und gekämpft und ich denke, es war für ihn furchtbar schwer. Aber jetzt hat er sich ergeben. Er weiß, das Spiel kann er nicht gewinnen. Und in seiner Welt ist er glücklich und zufrieden. Vielleicht sogar glücklicher als so manch anderer auf dieser Welt.


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