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Robbie Williams "Ich fühle immer noch Scham und tiefe Schuld"

Robbie Williams
© Reuters
Nachdenklich, aber auch selbstbewusst zeigt sich Robbie Williams beim Interview mit "Gala". Der Neu-Vater spricht über die Herausforderungen, die er meistern muss - privat und beruflich

Eins ist mal sicher:

Die nächste Zeit wird turbulent für Robbie Williams. Mitte September brachte seine Ehefrau Ayda Töchterchen Theodora Rose zur Welt - und darüber hinaus schiebt der Sänger nach der Reunion mit Take That in diesen Tagen mit aller Energie seine Solo-Karriere wieder an. Gerade sorgt die erste, quirlige Single "Candy" für Furore. Am 2. November erscheint dann Robbies Album "Take The Crown", mit dem er an seine großen Hits von vor einer Dekade anknüpfen will, wie er beim Interview in London erzählt.

Sie sind gerade Vater geworden. Wie fühlt sich das an?

Nun, einerseits ist es das Beste, was mir jemals passiert ist, und ein echtes Wunder. Andererseits bin ich in größter Sorge.

Wieso das?

Ich habe Angst, ein mieser Vater zu werden. Das würde mich wirklich umbringen. Ich habe nie in meinem Leben eine funktionierende Familie kennengelernt. Mein Vater verließ unser Elternhaus, als ich drei Jahre alt war. Hinzu kommt, dass ich Popstar bin, seit ich 16 war. Ich musste mich nie um mich selbst kümmern. Das macht mir große Angst. Ich weiß wirklich nicht, ob ich fähig sein werde, selbstlos zu sein, weil ich lange Zeit ein so egoistisches Leben geführt habe.

Gab es in der jüngsten Zeit einen Moment, in dem Sie sich Ihr egoistisches Leben zurückgewünscht haben?

Nein, nein, es gab keine Probleme, und es ist auch niemand verletzt worden. Alles gut. Aber da ist nun zusätzlich dieses kleine Wesen, das selbst Ansprüche stellt.

Aber sind Sie durch Ihre gute Beziehung zu Ihrer Ehefrau Ayda heute nicht stabiler als früher?

Das bin ich. Aber ich fühle immer noch Scham und tiefe Schuld wegen vieler Dinge aus der Vergangenheit. Und ich wäre immer noch in der Lage, von einem Tag auf den anderen alles zu zerstören.

Robbie Williams spielt auf die Zeit zwischen 2006 und 2007 an. Damals hatte er zwar gerade Ayda Field kennengelernt, befand sich allerdings nach einer anstrengenden Welttour in einem zutiefst erschöpften Zustand. In seiner Wahlheimat L. A. verlor er dann zunehmend den Halt, versank in Depressionen, Drogen und Medikamenten, ernährte sich nur noch von Fast Food, Energy-Drinks, Zigaretten und Espresso. Labil war er schon immer, doch diese Phase beschrieb er in Interviews als eine seiner schlimmsten. "Ich war kurz davor abzutreten", sagte er 2009 der "Sun". Im Februar 2007 ging er schließlich in die Entzugsklinik. Ein Schatten, der nach wie vor auf ihm liegt, auch wenn er beim Gespräch fit wirkt.

Was wünschen Sie sich für Ihre Tochter?

Dass sie gut erzogen ist, artig danke und bitte sagt und weniger flucht als ihr Vater.

Haben Sie Bücher gelesen, um sich auf Ihre Vaterrolle vorzubereiten?

Ich habe einige Bücher gekauft, ja. Weil ich dachte, ich würde sie lesen - aber ich habe das immer vor mir hergeschoben. Irgendwann beschloss ich, dass Ayda die verdammten Sachen lesen soll. Stattdessen warf sie mir ein Buch in den Schoß und sagte im Befehlston: Lies das! Wir haben uns also beide darum gedrückt. Aber eigentlich ist es doch ganz simpel - zumindest in der Theorie: Sei einfach da und unterstütze Mutter und Kind. Und lass die Nanny alles andere machen. (lacht)

Und die Sache mit dem Windelnwechseln?

Go with the flow - man wächst mit den Aufgaben. Ich habe schließlich neun Hunde, und da habe ich auch schon das eine oder andere Mal die Scheißhaufen entfernt.

Das klingt nach einem turbulenten Haushalt.

Ja, aber auch das ist so eine Sorge von mir. Neulich kam mein bester Kumpel Jonny (Musical-Darsteller Jonathan Wilkes, Anm. d. Red.) mit seinem Sohn vorbei. Und zwei der kleineren Hunde schnappten nach dem Kerlchen. Für meine Tochter müssen wir Vorkehrungen treffen, damit sie nicht verletzt wird.

Ihr Take-That-Kollege Gary Barlow hatte kürzlich eine Totgeburt zu verkraften. Ihre Frau Ayda war zur gleichen Zeit hoch schwanger. Was löste das in Ihnen aus?

Ich fühlte tiefe Traurigkeit für Gary und seine Frau. Und gleichzeitig wollte ich nicht, dass Ayda etwas davon erfährt, denn ich wusste, es würde ihr verdammt noch mal eine Heidenangst einjagen. Aber ich musste sie davon in Kenntnis setzen. Es ist vermutlich das Schlimmste, was jemandem passieren kann. Und natürlich kam bei mir sofort die Frage auf: Was kann man jetzt für die betroffene Person tun? Gary ist sowieso jemand, der seine Gefühle sehr zurückhält.

Haben Sie ihn angerufen?

Ich habe ihm jeden Tag E-Mails geschickt. Das ist die Art, wie ich mit Leuten kommuniziere. Ich bin tagsüber viel am Computer. Ich habe mein Telefon schon 2006 abgeschafft, nachdem ich erfuhr, dass die Zeitungen in England Gespräche abhören. Aber der Hauptgrund ist, dass ich nicht gern am Telefon rede.

In "Be A Boy", dem Eröffnungssong Ihrer neuen Platte, kommunizieren Sie mit sich selbst und wünschen sich den Jungen in sich zurück. Sie singen davon, dass Leute versuchen Ihnen einzureden, Sie hätten Ihre Magie verloren. Was erwidern Sie diesen Kritikern?

Ich nenne Sie die "Neinsager". Denn in England gibt es seit einigen Jahren diese merkwürdige Wahrnehmung, dass meine Karriere am Boden liegt. Aber die Menschen, die so etwas sagen, sind genau die, die das Feuer in mir entfachen und mich zum Schmunzeln bringen. Ich bin froh, sie zu haben, denn sie spornen mich an.

Braucht man als Popstar nicht sogar das Konkurrenzdenken als Ansporn?

Vermutlich. Wenn du dir Leute wie Elton John oder Paul McCartney anguckst. Die wollen immer noch im Radio gespielt werden, wollen immer noch unverzichtbar sein. Es liegt nun mal in der menschlichen Natur, erfolgreich sein zu wollen. Sonst wären wir alle tot, und keiner wäre mehr hier. Aber wer weiß? Vielleicht liegt meine Zukunft ja im Swing? Dann gibt es den freundlichen, sanftmütigen Robbie Williams für alle.

In einem Ihrer Blogs haben Sie sich mal als nachdenklichen, unbeholfenen Mann beschrieben. Ist das die Seite an Ihnen, die die Öffentlichkeit nicht zu sehen bekommt?

Ach, ich habe doch so viel von mir preisgegeben. Aber gleichzeitig denke ich, dass die Bühnenperson Robbie solche Überzeugungskraft hat, dass die Leute annehmen, ich sei auch privat so - aber dem ist nicht so.

Was macht Sie dieser Tage verletzlich?

Das verdammte Haus zu verlassen. (lacht) Ich habe eine ausgeprägte Agoraphobie. Es ist nicht so irre schlimm, aber ich bin nun mal lieber im Haus und gucke Fernsehen.

Wie fühlen Sie sich jetzt hier im Hotel beim Interview?

Danke der Nachfrage. Alles ist cool. Ich weiß wirklich nicht, ob das so ein Ruhm- Ding ist oder einfach in meiner DNA liegt. Ich mag es nicht, Konzerte zu besuchen, ins Kino zu gehen oder sonst irgendwo hin zu gehen, wo zu viele Leute sind. Meine Karriere ist es, die mich zwingt, mich unter die Menschen zu begeben.

Wie gut, dass man Mode auch von zu Hause machen kann. Jüngst haben Sie mit Farrell Ihr eigenes Fashion-Label für Männer gelauncht. Was ist die Idee dahinter?

Mein Großvater hieß Jack Farrell - und diese Männerlinie ist eine Hommage an ihn. Er legte ungeheuren Wert auf gute Kleidung, und es bereitete ihm immer Kopfschmerzen, dass ich von zwei Frauen aufgezogen wurde (Mutter Jeanette und Schwester Sally, Anm. d. Red.). Er dachte, dass mich das verweichlichen würde. Er zeigte mir deshalb, wie man richtig boxt. Dies ist also die Mode, die auch ihm gefallen würde.

Sie haben sich als "Karl Lagerfeld von Stoke-on-Trent", ihrer Heimatstadt, bezeichnet. Das war aber ein Witz, oder?

Ja natürlich, denn ehrlich gesagt finde ich Karl Lagerfeld ungeheuer furchteinflößend. Als er einmal in eine Hotellobby kam, in der ich mich gerade aufhielt, musste ich mich hinter einem Stuhl verstecken - solche Angst jagte er mir ein! Und es gibt wirklich nicht viele Leute, die das tun. Aber Karl Lagerfeld ist für mich wie der Bösewicht in einem Disney-Film. Katja Schwemmers

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