Ricky Martin "Ein Heer von Nannys? Kommt nicht in Frage!"


Ricky Martin über die Erziehung seiner beiden Söhne und die weitere Familienplanung, die neue Leichtigkeit nach dem Coming-out - und was er heute über Alibi-Freundinnen denkt

Latino-Softie war gestern!

Heute sind seine Gesichtszüge markanter, die Haare kürzer - es steht Ricky Martin verdammt gut, älter zu werden. Beim Interview in Madrid wirkt der 39-Jährige sexy, selbstbewusst und entspannt: Er ist bei sich angekommen. 2010 verkündete der erfolgsverwöhnte Frauenschwarm (60 Millionen verkaufte Alben) per Twitter, dass er schwul ist. Zwei Jahrzehnte war er vor diesem Schritt zurückgeschreckt, jetzt wertet er ihn als "wunderbaren Befreiungsschlag". Der zweite Grund für seine innere Zufriedenheit: Seit August 2008 ist er Vater von Zwillingen, die von einer Leihmutter zur Welt gebracht wurden. Nun meldet sich Mr. Hüftschwung mit seiner neuen CD bei den Fans zurück ("Música + Alma + Sexo", ab 25. Februar im Handel).

Ihr letztes Albums haben Sie vor fast sechs Jahren veröffentlicht. Warum die lange Pause?

Ich wollte endlich mal zur Ruhe kommen. Und dann bin ich Vater geworden. Zumindest die ersten beiden Jahre wollte ich nur für meine Jungs da sein und mich als Hausmann versuchen. Wickeln und Fläschchen geben im Akkord lässt sich schwer mit einer Popkarriere vereinbaren. Und ein Heer von Nannys kam für mich erst einmal nicht in Frage. Ich wollte die Zwillinge selbst rund um die Uhr erleben. Egal, wie anstrengend es auch sein mag.

Na, Sie haben doch bestimmt massig Unterstützung ...

Natürlich habe ich die. Aber es bleibt alles in der Familie: Meine Mama Nereida reißt sich förmlich darum, Valentino und Matteo bespaßen zu dürfen. Außerdem ist da ja auch noch mein Lebenspartner, der sich rührend um die beiden kümmert.

Haben Sie Valentino und Matteo nach Madrid mitgebracht?

Nein, die amüsieren sich mit ihrer Oma in Miami. Ich bin ja nur für gut 30 Stunden in der Stadt. Das wäre viel zu anstrengend für sie geworden. Mehr als zwei Tage und Nächte möchte ich aber nicht von meinen Jungs getrennt sein. Und deshalb werde ich sie auf jeden Fall mitnehmen, wenn ich ab Sommer auf Welttournee gehe.

Welttournee? Ein straffes Programm für knapp dreijährige Kids.

Solange wir alle zusammen sind und auch meine Mom dabei ist, wird für sie alles ein großes Abenteuer. Ich bin sicher, dass es ihnen sehr gefallen wird.

Wie würden Sie Ihre Jungs charakterisieren?

Sie sind sehr verschieden. Matteo ist extrem neugierig und will alles erkunden. In seinen Augen steht immer ein großes Fragezeichen. Valentino lässt die Dinge auf sich zukommen. Er ist ein kleiner Hippie und lebt nach der Devise "Love, peace and happiness". Wenn ich ihm die Haare bürste, dann schaut er mich empört mit großen Augen an und wuschelt sie gleich wieder durcheinander.

Haben die beiden schon ein Leibgericht?

Reis in allen Varianten. Wahrscheinlich mutieren sie bald zu Mini-Chinesen, weil sie die ganze Zeit nur Reis mampfen. (lacht) Hühnchen finden sie auch super.

Kleinkinder bedeuten immer auch Stress. Gab es schon Tage, an denen Ihnen alles zu viel wurde?

Erst seitdem ich Vater bin, weiß ich, was es wirklich heißt, todmüde zu sein. Ein paar Wochen, bevor meine Kinder auf die Welt kamen, sagte mir meine Mama: "Schlaf jetzt, Ricky! Denn du wirst später nie mehr entspannt und sorglos schlafen. Erst, weil die Babys nachts regelmäßig krähen. Und später, weil die Jungs als Teenager mal wieder nicht nach Hause kommen." Aber zu viel Stress? (überlegt) Nein! Denn spätestens wenn Matteo und Valentino strahlend zu mir laufen, mir einen Kuss geben und "Papa, ich hab dich lieb!" rufen, dann ist alles andere vergessen.

Seit wann wollten Sie Vater werden?

Der Gedanke kam mir vor ungefähr zehn Jahren. Seitdem hat mich das Thema nie mehr losgelassen. Erst dachte ich über Adoption nach. Dann habe ich mich aber doch für eine Leihmutter entschieden.

... mit der Sie noch in Kontakt stehen?

Diese Frage darf ich aus juristischen Gründen leider nicht beantworten.

Möchten Sie noch mehr Kinder?

Ich hätte gerne noch ein Mädchen.

Wie haben die Zwillinge Sie verändert?

Ich rauche nicht mehr, und mein Fahrstil ist total defensiv. Ich bin in jeder Beziehung übervorsichtig geworden. Denn mein Leben gehört nicht mehr nur mir. Außerdem habe ich seit der Geburt von Matteo und Valentino immer stärker das Bedürfnis gespürt, mich endlich zu outen. Ich wollte nicht, dass die zwei mit einer Lüge aufwachsen. Ich wollte Aufrichtigkeit und Transparenz.

Das hätten Sie doch schon viel früher haben können - Sie sind ja nicht vor einem Jahr aus heiterem Himmel schwul geworden ...

Wohl wahr! Ich wusste schon als Fünfjähriger, dass ich anders bin. Das geht wohl den meisten schwulen Männern so. Ich habe mich bereits in der Grundschule von anderen Jungs angezogen gefühlt und spürte diese besondere Chemie. Damals natürlich auf eine unschuldige Art und Weise.

Und trotzdem haben Sie so lange nicht akzeptiert, wer Sie wirklich sind?

Sicher auch, weil ich in einer erzkatholischen Machowelt erzogen wurde. Mein Glaube sagte mir, dass Homosexualität des Teufels und eine schreckliche Sünde sei. Das hat mich zutiefst verunsichert. Trotz meiner Erfolge hatte ich nur ein geringes Selbstwertgefühl. Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich abends ins Bett ging und mich hasste.

GALA-Redakteur Alexander Nebe mit Ricky Martin in Madrid. Während des Interviews blieb das Fenster offen - trotz Bibberkälte tru
GALA-Redakteur Alexander Nebe mit Ricky Martin in Madrid. Während des Interviews blieb das Fenster offen - trotz Bibberkälte trug der Sänger ein kurzärmliges Shirt.
© Gala

Um am nächsten Tag strahlend und sexy vor Tausenden von Fans aufzutreten ...

Vor Fans, die hauptsächlich weiblich waren. Ich war in der Hochphase meiner Karriere ein Sexsymbol. Logisch, dass da auch mein Management latent Druck auf mich ausübte und mir zuweilen Alibi-Freundinnen aufdrängen wollte. Aber ich will mich gar nicht rausreden: Ich eusste einfach nicht, wie ich mit meinen Gefühlen umgehen sollte.

War es nicht hart, jahrelang mit diesem Druck zu leben?

Es war schrecklich! Aber ich war einfach noch nicht bereit, der Welt zu sagen, dass ich schwul bin. Für meine Situation gibt es eine schöne Metapher: Wenn die Schale des Eies von innen nach außen aufgepickt wird, dann ist da Leben. Wenn die Schale aber von außen nach innen zerbrochen wird, dann ist da Tod. Es muss von dir selbst kommen. Deshalb halte ich auch gar nichts davon, andere zu outen.

Ärgern Sie sich im Nachhinein darüber, sich erst so spät der Öffentlichkeit mitgeteilt zu haben?

Wenn ich gewusst hätte, wie gut es sich anfühlt und wie leicht es am Ende ist, dann hätte ich mich vielleicht schon viel eher geoutet. Aber alles, was ich erlebt und durchgemacht habe, hat mich auch zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Außerdem hatte ich ja trotz allem nicht das schlechteste Leben: Ich bin durch die Welt gereist, war erfolgreich. Und ich hatte viel heißen Sex. Ich habe mich immer wieder in tolle Männer verliebt und mit ihnen Beziehungen geführt. Es war halt nur nicht öffentlich.

Hatten Sie mal Angst vor einem Outing durch Ex-Lover?

Nein, denn die Männer, mit denen ich zusammen war, hatten alle einen guten Charakter und wollten mir nichts Böses - auch wenn die Beziehung zerbrach. Die meisten sind immer noch sehr gute Freunde von mir.

Wann waren Sie das erste Mal in einen Mann verliebt?

Mit Anfang 20. Damals wollte ich sogar meine Musikkarriere aufgeben, mein Glück in die Welt hinausschreien und mit meinem Freund durchbrennen - nach Europa oder Asien, ein ganz neues Leben anfangen. Das war auch die Zeit, in der ich mich meinen Eltern offenbarte.

Wie haben die beiden reagiert?

Meine Mutter gab mir einen Kuss und sagte: "Du bist mein Sohn, ich liebe dich und werde immer für dich da sein." Ich war so unglaublich erleichtert.

Und was sagte Ihr Vater?

Der hat auch super reagiert, nahm mich in den Arm und meinte nur: "Das Wichtigste ist, dass du glücklich bist." Danach haben wir allerdings auch nie mehr darüber gesprochen. Beziehungen und Sex sind bei meinen Eltern bis heute Tabuthemen.

Wie waren die Reaktionen auf Ihr Coming-out im März vergangenen Jahres?

Überwältigend. Ganz egal, ob nun von Fans, Medien oder Kollegen. Ich habe Tausende von wunderbaren Briefen bekommen. Meine Ängste waren also total unnötig. Und der Druck ist weg. Heute kann ich endlich sagen: Schwul zu sein ist super!

Gab es auch Anfeindungen?

Leider ja. Vor allem über Twitter wurde ich zuweilen wild beschimpft. Aber ich versuche, so gut es geht, negative Energien nicht an mich heranzulassen. Es wird immer homophobe Idioten geben.

Verstecken Sie deshalb Ihren Partner?

Ich verstecke ihn nicht. Ich kann Ihnen gerne sagen, dass wir jetzt drei Jahren zusammen sind. Wenn es nach mir ginge, wären wir auch längst zusammen über den roten Teppich gegangen oder hätten ein gemeinsames Interview gegeben. Er hat allerdings auf den Showbiz-Rummel keine Lust. Zumindest noch nicht. Aber Sie kennen ja jetzt meine Devise: Alles zu seiner Zeit.

Alexander Nebe

gala.de

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