VG-Wort Pixel

Patricia Kaas "Männer? Ein ewiges Auf und Ab"


Frankreichs Chanson-Star Patricia Kaas hat ein großartiges Buch geschrieben: über die Suche nach der wahren Liebe, ihre Kinderlosigkeit und ihren überwältigenden Erfolg

Zerbrechlich wirkt sie, fast wie eine Puppe.

"Très fragile" würden die Franzosen Patricia Kaas, 45, nennen. Zudem gibt sich die vielleicht größte Chansonsängerin seit Edith Piaf sehr ernst, ganz anders als auf der Bühne. Dort kokettiert sie mit ihrem Publikum, lacht, tobt - und berührt mit dieser außergewöhnlich rauchigen Stimme. Die Bühne sei ja auch ihr Zuhause, sagt Patricia Kaas im Gespräch mit "Gala", dort fühle sie sich am wohlsten. Mit ihrem neuen Projekt betritt sie Neuland: In einer höchst emotionalen Autobiografie breitet sie ihr Leben vor dem Leser aus. Selbst über Dinge, die viele andere verschweigen würden, wie ihren unerfüllten Kinderwunsch oder ihre Abtreibungen, spricht sie offen.

Berührend: Patricia Kaas ? Autobiografie "Mademoiselle singt den Blues. Mein Leben".  C. Bertelsmann,
Berührend: Patricia Kaas' Autobiografie "Mademoiselle singt den Blues. Mein Leben". C. Bertelsmann,
© PR

Sie sind mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Was ist das Beste an so einer großen Familie?

Die Liebe, die man zu Hause spürt. Dieses Gefühl von Wärme, das sich durch nichts ersetzen lässt. Nach dem Tod meiner Eltern ist es jedoch schwierig, alle Geschwister unter einen Hut zu bekommen. Ich wollte einmal alle an Weihnachten zusammenbringen, das hat nicht geklappt. Ich glaube, meine Familie fühlt sich mit mir manchmal wie ich früher in Paris, als ich wegen meines deutschen Akzents belächelt wurde. Sie haben Komplexe, weil sie denken, ich bin erfolgreich und habe deshalb keine Probleme. Aber so ist es natürlich nicht.

Sie sind derzeit Single. Gibt es jemanden in Ihrem Leben, der eine Familie ersetzen könnte?

Cyril Prieur. Er war früher mein Freund und Manager, ich kenne ihn seit fast 25 Jahren. Er war schon da, als meine Mutter starb. Sie hat ihm vor ihrem Tod gesagt, er soll gut auf mich aufpassen. Und das macht er bis heute. Er ist meine Familie, ihn rufe ich als Erstes an, wenn ich besonders traurig oder glücklich bin.

Sie hatten ein sehr enges Verhältnis zu Ihrer Mutter, tragen angeblich immer den Stoffbären bei sich, den Sie ihr einmal geschenkt haben. Ist er heute auch dabei?

Natürlich. Ich lege ihn neben mich ins Bett und ich halte ihn fest an mich gedrückt, wenn ich auf die Bühne gehe oder im Flugzeug sitze. Er beschützt mich.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Mutter so bei Ihnen ist?

Nein, das nicht. Aber ich weiß, dass sie ihn in den Armen hatte, und das tut mir gut. Meine Mutter war sehr wichtig für mich. Ich war sehr jung, als sie starb, und total unselbstständig. Sie war meine beste Freundin, und die Frau, die am meisten an mich geglaubt hat. ("Ça va, chérie?", fragt Patricia Kaas jetzt und streichelt ihrer Hündin Tequila zärtlich über den Rücken. Die schläft das ganze Interview über friedlich auf ihrem Schoß).

Weshalb heißt Ihre Hündin Tequila? Weil Sie so gerne Tequila trinken?

Nein. (lacht) Das hat sie sich selbst ausgesucht. Ich wollte ihr einen Namen mit T geben, also habe ich alle vorgesagt, die mir eingefallen sind. Tartin, Toblerone … Bei Tequila hat sie mit den Ohren gewackelt.

Wie wichtig ist Ihnen Tequila?

Sehr wichtig. Sie ist wie mein Kind, wie eine große Liebe. Sie ist immer bei mir und darf auch in meinem Bett schlafen.

Ihre andere große Liebe ist die Bühne.

O ja. Ich liebe es, Emotionen mit dem Publikum zu teilen. Lachen und Tränen, ich mag beides. Außerdem fühle ich mich auf der Bühne interessanter und hübscher. All die Fragen, die man sich im Leben immer stellt, sind dort oben aus meinem Kopf verschwunden.

Was bringt Ihnen noch mehr Freude als Singen?

Ein schöneres Gefühl als das Ende einer gelungenen Show? Das gibt es nicht. Ich erlebe aber auch sonst viel Schönes. Das kann ein gutes Essen sein, ein Treffen mit meinen Nichten und Neffen ...

Ihre zehnjährige Malteserhündin Tequila bedeutet Patricia Kaas sehr
                                            viel. Sie fliegt immer mit - im Handgepäck.
Ihre zehnjährige Malteserhündin Tequila bedeutet Patricia Kaas sehr viel. Sie fliegt immer mit - im Handgepäck.
© Picture Alliance

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie sich eigene Kinder wünschen.

Ja. Ich kann aber leider keine mehr bekommen. Als ich vor einiger Zeit ein Kind wollte, hat mein Arzt gesagt, dass ich zu lange gewartet habe und es nun zu spät ist. Das war wie ein Faustschlag ins Gesicht. Komischerweise habe ich sofort nach dem Grund gesucht. Warum ich? Ich habe diszipliniert gelebt, ich gehe kaum aus, rauche nicht, trinke nicht. Warum passiert das gerade mir? Momentan fehlen mir die Kinder, die ich nicht haben werde, noch nicht. Aber ich bin sicher, dass mich das irgendwann einholen wird.

Denken Sie über Adoption nach?

Nicht konkret. Allein adoptieren? Ich weiß nicht, ob ich dazu den Mut hätte. Auf jeden Fall nicht jetzt. Vielleicht lerne ich ja irgendwann einen Mann mit Kindern kennen.

Sie hatten früher einige Abtreibungen. Vermissen Sie diese Kinder, die Sie hätten haben können?

Ja und nein. Damals war ich einfach noch nicht bereit, Mutter zu werden. Außerdem war nie der richtige Mann an meiner Seite. Und ich hatte immer das Bild vor Augen, wie sehr meine Mutter für mich da war. Ich dachte immer, ich könne niemals erfüllen, was sie mir an Zeit geschenkt hat. Aber: Man soll Entscheidungen, die man getroffen hat, nicht bereuen. Als ich dieses Buch geschrieben habe, habe ich lange überlegt, ob ich über dieses Kapitel in meinem Leben schreiben soll. Ich habe mich dafür entschieden. Auf mich hat sich das sehr positiv ausgewirkt, wie eine Therapie.

Sie schreiben außerdem: "Ich habe kein Vertrauen mehr. Die Männer haben mich enttäuscht. Ich hasse die Liebe." Was ist passiert, dass Sie so denken?

Das war wohl etwas heftig ausgedrückt, und nur in einer bestimmten Phase meines Lebens so. Aber mit den Männern ist es ein ewiges Auf und Ab.

Haben die Männer vielleicht Probleme mit einer so starken, unabhängigen Partnerin?

Schon. Durch meine Selbstständigkeit und meinen Erfolg gab es immer Probleme. Alle meine Männer fühlten sich mit der Zeit in die Rolle des Lovers gedrängt, weil sie nicht das Wichtigste in meinem Leben sind. Diese Liebe habe ich längst gefunden: mein Publikum. Meine Selbstständigkeit ist geradezu gefährlich für eine Beziehung: Wenn es mir nicht mehr gefällt, gehe ich eben. Das ist eigentlich etwas Gutes, aber man muss aufpassen, weil man so viel eher alles hinwirft.

Was machen Sie, wenn Ihnen ein Mann gefällt?

Wenn er mir sehr gut gefällt, schaue ich ihn gar nicht an. Ansprechen würde ich ihn nur, wenn ich Lust auf eine kleine Geschichte habe. Eigentlich habe ich aber immer Männer getroffen, mit denen sich eine feste Beziehung entwickelt hat.

Sie sind gut mit Alain Delon befreundet. Wie schwierig war es, sich nicht in ihn zu verlieben?

Als ich ihn kennenlernte, hätte ich mich gar nicht getraut, mich in ihn zu verlieben. Wenn ich mit 25 aber das Selbstvertrauen gehabt hätte, das ich heute habe, dann hätten wir was zusammen erlebt! Aber nun ist es eine rein platonische Liebe. Das wird sich auch nie mehr ändern.

Macht Ihnen das Älterwerden Angst?

Angst nicht, aber ich spüre es. Auf Tour beispielsweise bin ich viel schneller erschöpft als früher. Aber es bringt auch Gutes. Man stellt sich viele Fragen nicht mehr, weil man sie für sich schon beantwortet hat. Dafür guckt man sich selbst kritisch an: Habe ich schon wieder ein graues Haar mehr? Also: Bis jetzt habe ich keine Angst. Aber die 50 wird sicher eine neue Herausforderung.

Sie haben auch Zeiten erlebt, in denen Sie nicht so erfolgreich waren. Wie sind Sie damit umgegangen?

Diese Momente gehören zum Leben. Natürlich ist man enttäuscht, wenn es nicht mehr so gut läuft. Man liebt es, wenn die Menschen zum Konzert kommen und fragt sich, warum sie auf einmal ausbleiben. Aber das gibt es in jeder Karriere. Ich finde, der größte Erfolg ist, eine so lange Zeit respektiert zu werden. Und das habe ich erreicht.

Martina Ochs

gala.de

Mehr zum Thema


Gala entdecken