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Mitch Winehouse "Ich bespreche eigentlich alles mit Amy"


Vor knapp einem Jahr verlor Mitch Winehouse seine Tochter. In "Gala" erzählt er über ihre letzten Tage und wie er mit ihr weiterlebt

Es sind die guten Zeiten, die Mitch Winehouse die Tränen in die Augen treiben.

Die Erinnerungen an eine glückliche Amy lassen den 61-jährigen Fels von einem Mann in sich zusammensacken und innehalten in seinem Redefluss. Die dunklen Zeiten im Leben seiner Tochter, der Soul-Legende, die am 23. Juli 2011 mit nur 27 Jahren an einer Alkoholvergiftung starb, sieht er hingegen ganz klar. Darüber zu sprechen fällt ihm sichtlich leichter, darin wirkt er sehr geübt. Kein Wunder, Mitch Winehouse ist auf Promotion-Tour: Der ehemalige Taxifahrer hat das Leben seiner Tochter aufgeschrieben. "Meine Tochter Amy" erscheint in Deutschland am 5. Juli. Der Erlös geht an die "Amy Winehouse Foundation", eine Stiftung, die kranke und süchtige Jugendliche unterstützt und zu deren Gunsten Mitch aktuell auch Amys Wohnhaus im Londoner Stadtteil Camden verkauft. Es ist seine Art, mit dem Tod der Tochter umzugehen. Wie sehr sie ihm fehlt, steht im Gespräch außer Frage.

Hören Sie sich Amys Lieder an?

Nein.

Und wenn zufällig einer ihrer Songs im Radio läuft?

Dann ertrage ich es natürlich. Aber ich würde niemals bewusst ihre CD einlegen oder einen Videoclip von ihr ansehen. Wissen Sie, ich hatte lange ein schlimmes und schmerzhaftes Bild von Amy im Kopf. Mittlerweile habe ich ein tröstliches, schönes gefunden. Das möchte ich behalten.

Tragen Sie trotzdem ein Foto Ihrer Tochter bei sich?

Natürlich, mein Lieblingsbild! (zückt sein iPhone, auf dem ein Bild seiner verstorbenen Tochter prangt. Sie guckt ernst - er lächelt, als er es rüberreicht)

Schauen Sie sich das Foto oft an?

(stockt) Sie bringen mich zum Weinen ... Oft. Ich liebe dieses Bild von ihr. (wischt sich die Augen)

Treten Sie mit ihr in Kontakt?

Natürlich. Ich bespreche eigentlich alles mit Amy. Das ist tröstlich.

Sicher hat es Ihnen auch gutgetan, ihre Lebensgeschichte niederzuschreiben.

Absolut. Ich fand es regelrecht heilsam. Erst als ich das fertige Buch gegenlesen musste, wurde es wirklich hart für mich.

Welcher Teil hat Sie dabei am meisten berührt?

Jeder. Die Zeit, als Amy ein kleines Mädchen war, wie sie aufwuchs, wie sie ihre Karriere begann. Als "Back To Black" rauskam … Ein gutes Album. Aber die schlimmste Zeit in Amys Leben ... Ach, das Buch zu lesen ist einfach schwer für mich. Dabei geht es darin eigentlich weniger um das Elend als auch um Freude und um Lachen.

Fühlen Sie sich an Amys Schicksal manchmal mitschuldig?

Nie. Ich war ein guter Vater. Sie hatte eine tolle Familie. Wir haben alles getan, was wir konnten - und mehr. Die Person, die für alles verantwortlich war, ist Amy selbst. Nicht mal ihr Ex-Mann Blake Fielder-Civil. Es ist Amy. Niemand hat sie gezwungen. Sie selbst ist für ihr Schicksal verantwortlich gewesen. Auch wenn ich in London gewesen wäre, als sie starb, wäre ich nicht bei ihr gewesen. Man kann einen Erwachsenen nicht ständig bewachen. Leider! Ich fühle mich furchtbar wegen allem, was passiert ist. Ich bin sehr traurig. Aber schuld bin ich nicht!

Wie haben Sie sich gefühlt, als sofort nach Amys Tod spekuliert wurde, dass Sie an einer Überdosis gestorben ist?

Schrecklich! Ich war sehr wütend, als ich die Leute sagen hörte, dass es doch ganz egal sei, ob sie an Drogen starb oder nicht. Denn ich wusste, dass sie seit drei Jahren clean war. Der Alkohol war es, der Amy umgebracht hat. Eine Überdosis Alkohol, von der sie nicht verstanden hatte, dass es eine Überdosis war. Alle haben gesagt, dass ihr Leben eine Katastrophe gewesen sei. Aber das stimmt nicht! Sie hatte einen liebevollen Freund, eine gute Beziehung mit Reg Traviss, ein verhältnis mäßig normales Leben. Sie liebte häusliche Dinge wie Wäschefalten.

London, Mitte der Achtziger: In seinem Buch "Meine Tochter Amy" beschreibt Winehouse die Sängerin als glückliches Kleinkind.
London, Mitte der Achtziger: In seinem Buch "Meine Tochter Amy" beschreibt Winehouse die Sängerin als glückliches Kleinkind.
© Mitch Winehouse

Wirklich?

Und wie! Manchmal hat sie mich besucht, um meinen Kleiderschrank aufzuräumen. Sie faltete alle T-Shirts neu und ordnete sie nach Farben. Und genau so sah es in ihrem Schrank aus. Als Amy noch auf Drogen war, gab es keinen Schrank. Da lag alles auf dem Boden.

Sie glauben, dass Amy auf einem guten Weg war?

Total. Als ich sie zum letzten Mal sah, ging es ihr fantastisch - also nicht überschwänglich, sondern einfach normal. Wir konnten dasitzen und reden wie wir beide jetzt. So war es eigentlich 90 Prozent der Zeit.

In den letzten Jahren wirkte sie aber oft sehr verzweifelt.

Ja, wenn jemand drogensüchtig ist, ändert sich alles. Amy wollte Kinder, es war ihr verzweifelter Wunsch, aber sie konnte keine bekommen, während sie abhängig war. Sie hatte ja nicht mal ihre Tage. Das hat sie sehr traurig gemacht. Und natürlich hat sie auch gesehen, dass ihre Mutter und ich unter ihrem Zustand litten. Beides hat sie letztendlich dazu bewogen, clean zu werden.

Wenn Amy noch leben würde, was würde sie tun?

Vielleicht wäre sie heute wirklich schon Mutter. Sie dachte schon ein paar Mal, dass sie schwanger sei. Und sie wollte Reg heiraten. Er ist der Mann, den sie vor zehn Jahren hätte treffen sollen. Aber so war es nicht. Es war Blake … That’s life (seufzt).

Sie selbst müssen mit der Kritik weiterleben, dass Sie von Amys Karriere und von ihrem Tod profitiert haben.

Mag sein, aber so was sollten die Leute auf keinen Fall glauben! Glücklicherweise wissen mittlerweile die meisten, dass alles Geld, das ich verdiene, in die Stiftung fließt. Ich mache mich nicht selber reich! Und ich habe auch nicht erst angefangen zu singen, als Amy berühmt wurde. Ich war immer Musiker.

Kommt Ihnen oft Ihre Tochter in den Sinn, wenn Sie auf der Bühne stehen?

Das versuche ich zu vermeiden! Denn das würde mir wahrscheinlich auf der Stelle die Tränen in die Augen treiben.

Insgesamt wirken Sie trotzdem recht stark.

Ich fühle mich auch stark. Ehrlich gesagt entwickle ich momentan eine Stärke, die ich vorher nicht hatte. Ich mache weiter. Das ist ein wichtiger Prozess. Ich fühle mich heute stärker als vor Amys Tod. Anna Schunck

gala.de


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