Karl Lagerfeld: "Ich bin stinkdeutsch" - Deutsche Promimente

Sehnsucht nach Deutschland hat Modezar Karl Lagerfeld trotz typischer Tugenden nicht. Warum das so ist? Mit "Gala" sprach er über seine Kindheit, Heimatgefühle - und deutsche Prominente von Boris Becker bis Ursula von der Leyen

Karl Lagerfeld sitzt an seinem Schreibtisch in seinem Atelier in Paris. Vor ihm liegt ein großer Stapel Papier, davor Dutzende Buntstifte. Als er für "Gala" seine Katze Choupette zeichnen möchte, funktioniert keiner richtig. Wir erwarten einen Wutausbruch des ewig Ungeduldigen gegenüber seinen Mitarbeitern. Doch er ruft nur freundlich nach neuem Malgerät.

Sein Butler reicht dazu ständig frische Cola auf einem silbernen Tablett. Lagerfeld ist in Fahrt. Leider dürfen wir von unserem Gespräch kein Video drehen, deshalb können Sie sich nicht über sein Gesicht amüsie¬ren, wenn er Papst Benedikt "alte Jungfer" nennt und seinen Kommentar mit einem langen "Pfffff" beendet. Lagerfeld nimmt kein Blatt vor den Mund. Vor niemandem.

Herr Lagerfeld, Sie sind schon so lange aus Deutschland weg. Haben Sie manchmal Sehnsucht?

Das ist eine sehr deutsche Frage. Wir suchen immer nach dem Gefühl von Heimat. Wissen Sie, ich bin Europäer. Meine Mutter hat mir gesagt: "Hamburg, Tor zur Welt - okay. Aber rausgehen musst du!"

Und Gut Bissenmoor, wo Sie nach Hamburg als Kind mit Ihrer Familie lebten - haben Sie das auch abgehakt?

Ich habe es in den Siebzigerjahren mal besucht. Da stand das Haus noch dort, aber es hatte keine Türen und Fenster mehr. Später bin ich noch einmal da gewesen, aber da war es längst abgerissen. Nur ein Brunnen stand an der Stelle, wo der Keller war. Es ist ein eigentümliches Gefühl, wenn ein Ort, an dem Sie acht Jahre Ihrer Kindheit verbracht haben, plötzlich nicht mehr existiert.

Fühlten Sie sich entwurzelt?

Ach, Wurzeln sind Gemüse. Solche Gefühle habe ich nicht. Ich bin als Europäer erzogen worden. Mit sechs Jahren sprach ich drei Sprachen, Englisch, Deutsch und Französisch - bevor ich überhaupt zur Schule ging. Bei uns lebte eine Flüchtlingsfrau, Frau Risse, die war vor dem Ersten Weltkrieg Deutschlehrerin an einer französischen Schule gewesen. Ich wollte unbedingt Französisch lernen, weil meine Eltern sich immer in dieser Sprache unterhielten, wenn ich etwas nicht verstehen sollte. Also nahm ich bei ihr Unterricht. Als ich dann in die Schule kam, korrigierte ich den Lehrer, weil ich einen besseren Accent hatte als er. Er hieß übrigens Herr Pommes Frites.

Doch nicht im Ernst!

Auf jeden Fall hatte er eine Glatze wie Schopenhauer, nicht etwa wegen Haarausfall, sondern weil seine Frau ihm eine Flasche mit Säure auf den Kopf geschlagen hatte. In einem Dorf erfährt man alles!

Lagerfeld ist bekannt für seine Disziplin. Das Foto zeigt ihn Anfang der Sechziger Jahre als künstlerischen Direktor in Paris.

Waren Sie gut in der Schule?

Ich hatte nie Probleme. Meine Mutter sagte immer zu mir: "Wenn du sitzen bleiben willst, ist mir das egal. Das ist peinlich für dich. Mir ist das wurst!"

Sie haben kein Abitur …

Ich bin total ungebildet!

Das ist Koketterie.

Genau. Das habe ich in Anführungsstrichen gesagt. Nein, ich habe mich immer nur für Sprachen, Literatur, Zeichnen und später für Philosophie interessiert. Der Rest war mir egal.

Sie besitzen heute mehr als 300 000 Bücher. Können Sie sich noch an Ihr erstes Buch erinnern?

Das erste Buch, das ich als Kind gelesen habe, das sind immerhin die "Buddenbrooks". Lübeck kannte ich gut, da hatte mein Vater seine Glücksklee-Fabrik. Das war mir sehr verständlich.

Hatte Ihr Vater auch was gemein mit dem Helden der "Buddenbrooks", mit dem strengen Vater?

Nein. Zu mir war kein Mensch streng. Ich hatte begriffen, wie man das macht. Meine Schwester, die kam ins Pensionat, weil sie den Leuten auf die Nerven ging, meiner Mutter vor allen Dingen. Aber ich konnte machen, was ich wollte.

Welches Buch würden Sie retten, wenn es bei Ihnen brennen würde?

Das wären einige. Zum Beispiel eine Rilke-Ausgabe aus der Cranach-Presse von Harry Kessler, die auf meinem Nachttisch liegt. Mein Bett ist umgeben von Büchern. Manchmal sind das richtige Säulen. Wenn meine Katze Choupette vom Bett springt, gibt die einen Stoß da rein und das ganze Zeug fliegt durch den Raum.

Karl Lagerfeld vor einer der Bücherwände, die sein Büro und sein Studio schmücken. Mehr als 300 000 Bücher besitzt der bibliophile Modeschöpfer nach eigenen Angaben. Der erste Roman, den er als Kind gelesen hat, war die "Buddenbrooks".

Das Lesen hat sich ja verändert. Heute holt man sich viele Informationen aus dem Internet.

Ich benutze kein Internet. Ich hasse es auch, auf Computer zu lesen. Ich liebe Papier. Papier ist der Anfang und das Ende für mich. Ich entwerfe eine Sache auf Papier und zum Schluss wird sie dann fotografiert und endet wieder auf Papier. Ich bin, wie man so schön sagt, ein " Paper Freak".

Was empfinden Sie, wenn Sie heute in Deutschland sind?

Ich kann halt nicht auf die Straße gehen. In Hamburg ist es ganz schlimm! Da kommen ältere Leute und sagen: "Da ist ja unser Kalli!"

Sie haben immer noch Ihren deutschen Pass, wählen aber nicht. Warum?

Ach wissen Sie, ich kenne die meisten deutschen Politiker ja nicht. Diese Kriegsministerin finde ich aber sehr niedlich.

Sie meinen Ursula von der Leyen?

Ja, die hat was. Wie viele Kinder hat sie? Sieben? "Er zählt die Häupter ihrer Lieben und sieh, statt sechse waren es sieben …" So ähnlich steht es in der " Glocke" von Schiller.

Genau, sie hat sieben Kinder.

Sieht aber aus wie ein junges Mädchen.

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Ich finde sie toll, habe sie aber nie kennengelernt. Ich gehe ja nirgendwohin. Das letzte Mal, als ich hier in Paris in der deutschen Botschaft war, haben mich alle Frauen der Attachés nach 30 Prozent Rabatt in der Chanel-Boutique gefragt. Seitdem sage ich den Botschaftern: Bitte schicken Sie mir keine Einladungen! In meinem Leben gehe ich nicht wieder in die deutsche Botschaft!

Zahlen Sie eigentlich gerne Steuern?

Ich sehe das selbst nicht. Das wird abgezogen von meinen Geschäftsleuten. Und ich kriege nur den Rest, der über bleibt.

Die Steueraffäre um Uli Hoeneß haben Sie mitbekommen?

Jaja. Warum sind denn solche Leute so unvorsichtig? Haben die keine guten Berater?

Offenbar nicht.

Wenn man die Bilder von ihm heute sieht - der war mal ganz niedlich, wie er jung war, aber heute sieht er aus wie ein Schlachter.

Sie hatten sich letztes Jahr ein wenig echauffiert über den französischen Präsidenten Hollande und seine Pläne einer Reichensteuer …

Es hat sie ja am Ende nicht gegeben. Da wäre jeder weggezogen! Und nun gehen die Leute bald weg wegen der Unsicherheit. Das wird wirklich unangenehm hier in Paris. 50 Prozent mehr Einbrüche! Meine Haustüren sehen aus wie bei Burgen aus dem Mittelalter.

Haben Sie Angst?

Nein. Ich gehe ja auch kaum auf die Straße. Aber die reichen Touristen, die werden bald nicht mehr herkommen. Bei Chanel müssen wir die Leute mit Bodyguards bis zu ihren Wagen begleiten, damit ihnen niemand auf dem kurzen Weg die Taschen entreißt.

Seit 1983 arbeitet Lagerfeld für das Modehaus Chanel. Ein Vertrag auf Lebenszeit.

Haben Sie mal mit dem Gedanken gespielt, woanders zu leben als in Paris?

Wissen Sie, ich habe ein Haus in Vermont gehabt und eine Wohnung in New York, bin aber immer ins Hotel gegangen, weil mich das Haushaltführen langweilt.

Das heißt, es ist Ihnen am Ende egal, wo Ihr Zuhause ist?

Total. Jedes Hotelzimmer wird nach zehn Minuten ein Zuhause, wenn ich ausgepackt habe. Man sollte sich überall selbst mit hinbringen.

Was an Ihnen ist typisch deutsch?

Ich bin stinkdeutsch, aber in einem altmodischen Sinne. Wie in der Weimarer Republik, alles vor 1933, den Kaiser Wilhelm ausgenommen. Und alles, was danach kommt, das können Sie behalten. Meine Disziplin ist bei mir Selbstverständlichkeit. Aber ich will da nicht drauf rumreiten und sagen: Sehen Sie, gucken Sie mal … Ich bin ein Tugendpinsel ohne Verdienst. Ich mag keinen Alkohol. Habe nie geraucht und nie Drogen genommen. In einer Welt, wo die Leute nichts anderes machen. Ich habe immer das Gefühl, irgendwie gehöre ich nicht dazu. Und dann habe ich einen Selbsterhaltungstrieb, der mein Motor ist.

Sie haben wahrscheinlich in Ihrer Branche viele gesehen, die an Drogen kaputtgegangen sind.

Ja. Aber da habe ich kein Mitleid. Nehmen Sie diese toll bezahlten Jobs nicht an und sagen Sie hinterher, das wäre zu anstren¬gend! Das weiß man im Voraus. Das ist, wie wenn ein Athlet bei den Olympischen Spielen sagt: "Nein, nein, heute laufe ich nicht. Das ist zu anstrengend!" Wenn man die Möglichkeit hat, Dinge zu machen, die normale Menschen nicht machen können, dann soll man auch davon profitieren. Wenn man meint, man ist selbst viel wichtiger wie der Job, und dass nur noch das Ego eine Rolle spielt, dann geht das schief. Da kann ich Ihnen viele Beispiele geben, die Sie genauso gut kennen wie ich.

Chanel-Show

Pariser Flair in Texas

Kristen Stewart ist das Gesicht der neuen "Métiers d'Art"-Kollektion von Chanel. Karl Lagerfeld hat fotografiert, und die Kampagne wird ab Mai 2014 zu sehen sein.
Chanel "Métiers d'Art"-Kollektion

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Gerade in künstlerischen, kreativen Berufen hat man das Gefühl, dass die Drogensucht weiter verbreitet ist als anderswo.

Ja, sicherlich, weil da viele Karrieren etwas Künstliches haben. Keine solide Basis. Und dann gehen die Leute natürlich gleich über Bord. In dieser Beziehung bin ich ziemlich hart mit mir selbst und weine nicht zu sehr über die anderen, die über ihre Schwächen nicht wegkönnen. Man muss ehrlich mit sich selbst sein und sich keine Illusionen machen. Ich habe nicht die geringste Illusion, was mich persönlich betrifft.

Mögen Sie Ihre schlechten Eigenschaften genauso gerne wie Ihre guten?

Ich habe keine Urteile über mich selbst. Was heißt schlecht? Was heißt gut? Man kann oft mehr aus schlechten Eigenschaften machen wie aus sogenannten guten.

Sie haben über sich gesagt, dass Sie kindisch und rachsüchtig sind …

Rachsucht, das ist für mich eine sportliche Betätigung. Wenn jemand etwas macht, was ich für nicht richtig halte, bin ich äußerst begabt! Darum ist meine Lieblingsheldin in der deutschen Literatur Kriemhild. Sie ist mein Vorbild.

Gala

Inhaltsverzeichnis

Gala: Inhaltsverzeichnis

Gar keine Skrupel?

Ich selbst fange nie einen Streit an, aber wenn die, die was anfangen, später das Opfer werden, da brauche ich doch nicht zu weinen, oder? Ich habe keine religiöse Erziehung. Die andere Backe hinhalten - das hat es bei uns nicht gegeben. Meine Eltern sind aus der Kirche ausgetreten, sie hatten beide eine Kindheit, die durch hysterisch katholische Eltern geprägt war. Mir wurde gesagt: "Du suchst das für dich später aus." Aber wenn man erwachsen ist, dann ist das zu spät. Der neue Papst, der ist lieb und gut, der hat ein Charisma. Der andere, den fand ich ganz furchtbar!

Den deutschen Benedikt?

Uh! Diese alte Jungfer! Furchtbar!

Nachdem er sein Amt niedergelegt hat, sind Sie wieder der berühmteste lebende Deutsche. Noch vor Boris Becker.

Boris Becker, den kannte ich früher, wie er in Monaco war. Da war der sehr nett. Aber seine intellektuelle Struktur ist, glaube ich, nicht sehr, sehr … solide. Nein, ein bisschen Größenwahn ist da. Aber es ist auch grauenhaft, einen Job zu haben, bei dem Sie vor dreißig im Ruhestand sind.

Sie dagegen sind noch lange nicht im Ruhestand. Sie entwerfen Mode, fotografieren, zeichnen Karikaturen, sind ein kreatives Multitalent. Welches ist Ihre liebste Beschäftigung?

Ich gebe keiner den Vorzug. Das ist, wie wenn Sie Eltern fragen: Welches Kind mögen Sie am liebsten? Ich habe eben eine zahlreiche Familie und versuche, das gleiche Gefühl für alle Mitglieder dieser Familie zu haben.

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