Jenny Jürgens: Angst vor der Unberechenbarkeit des Schicksals

Das Leben von Jenny Jürgens, Tochter von dem verstorbenen Udo Jürgens, hat sie die letzten Jahre auf eine Zerreißprobe gestellt. Doch sie kämpfte sich ins Leben zurück. In ihren ganz eigenen, neuen Alltag

Das Leben war in den vergangenen Jahren wie eine emotionale Achterbahn für Jenny Jürgens. Scheidung von Thomas Druyen, Hochzeit mit David Carreras Solé, 52. Und mittendrin der unerwartete Tod ihres Vaters Udo Jürgens im Dezember 2014. Noch immer steckt die Familie in einem bösen Streit um das Erbe. Energie rauben lassen will Jenny sich davon nicht mehr. Während ihre Anwälte die Angelegenheit klären, konzentriert sie sich wieder auf das, was ihr auch wichtig ist: Das Leben auf Mallorca mit David, einem spanischem Regisseur, und zeitweise seinen beiden elf und 15 Jahre alten Söhnen, mit Eseln, Hunden und einem Hamster. Und ihr Engagement für Herzwerk, einer Charity des DRK gegen Altersarmut.
Um darauf aufmerksam zu machen, wagte Jenny sich nach längerer Abstinenz jetzt wieder auf den roten Teppich, eröffnete im Düsseldorfer Rathaus die Ausstellung „Auf den 2. Blick“. Michael Gueth hat Prominente alt schminken lassen und fotografiert. Auch Jenny Jürgens.

Was hat das Foto in Ihnen ausgelöst?

Es ist absolut faszinierend. Die Mama hat mir gestern eine Email geschrieben, dass es auch nicht viele Mütter erleben, ihre eigene Tochter plötzlich so alt sehen zu können. (lacht) Man fragt sich, wie viel davon optisch irgendwann die Wahrheit sein wird. Ich habe keine Angst vorm Altwerden. Wir alle wollen alt werden, aber wir wollen nicht alt sein. Das ist paradox. Was wäre denn die Alternative? Früh zu sterben, hübsch, straff und jung... Ich wünsche mir ein langes Leben.

Michael Patrick King - Sex and the City 2

Video zu Artikel - "Ich musste nur zuhören"

Michael Patrick King - Sex and the City 2: Video zu Artikel - "Ich musste nur zuhören"

Mit Fotograf Michael Güth hat Jenny Jürgens das Charity-Projekts "Auf den 2. Blick" ins Leben gerufen. Noch bis zum 9. September ist die Ausstellung im Düsseldorfer Rathaus zu sehen.

War das ein Prozess, so zu denken?

Je älter ich werde, desto weniger Angst habe ich vor dem Alter. Das hängt damit zusammen, dass ich mich jetzt so irrsinnig angekommen fühle und von meinem Ehemann zu 100 Prozent, angenommen. So, wie ich bin, optisch und menschlich, und auch in der Art und Weise, wie ich lebe. Ich habe mich aus vielen Dingen zurückgezogen, und ich spüre, dass mir das sehr gut tut. Die letzen eineinhalb Jahre waren so anstrengend. Für mich ist das Leben auf dem Dorf mit Tieren und Natur die reinste Medizin.

Ist das Altern also eher was Positives.

Ja, absolut. Alt werden zu dürfen in finanzieller Sicherheit und mit sozialen Kontakten, mit einer Familie, die dich liebt, das ist das größte Geschenk, das man bekommen kann.

Wie erklären sie sich das negative Image?

Man wird mit dem Alter immer zurückgeworfen auf die Frage der Endlichkeit, des Todes. Aber ich glaube, man muss ein bestimmtes Alter erreichen, um zu sagen, man lebt im Jetzt. Dieses nach vorne blicken, sich zu fragen, was wäre wenn, Pläne zu machen und sich an Daten und Strukturen festzuhalten - davon habe ich viel abgelegt. Es tut gut, mal fünf gerade sein zu lassen.

Warum haben sie gerade dieses Thema für Ihre Charity gewählt?

Für mich war Anfang 40 klar, dass ich mein Leben ändern möchte. Die Schauspielerei alleine hat mir nicht mehr gereicht. Ich wollte etwas Sinn stiftendes machen. Schauspielern ist mitunter so egoman, die ganze Zeit ist man nur mit sich selbst beschäftigt, ich brauchte einen Gegenpol. Und das schwächste Glied in der Hierarchie sind die Alten.

Aber es gibt doch die Best Ager, eine interessante Zielgruppe für die Werbung.

Bei Herzwerk reden wir aber von Menschen, die 320 Euro Grundsicherung im Monat haben. In Düsseldorf gibt es davon alleine 8000. Das ist schon brutal, was man da sieht.

Wie hat Sie diese Arbeit geprägt?

Ich habe zum Beispiel drei Jahre lang einen alten Herrn betreut, bis zum Tod. Er war sehr krank, immer wieder habe ich mit ihm gekocht, gegessen. Sein Tod war nur eine Frage der Zeit, und es war sein Wunsch, dass ich bei ihm bin, wenn er gehen muss. Er hatte niemanden mehr. Das geht an die Substanz. Ich habe mit ihm sogar die Patientenverfügung gemacht.

Haben sie selbst für Ihren Todesfall vorgesorgt?

Alles habe ich alles gemacht, das ist ein ganz wichtiges Thema. Ich denke oft darüber nach, wie sich von einem Moment auf den anderen alles ändern kann. Wenn mir etwas passiert, möchte ich, dass alle wissen, was zu tun ist.

Jenny Jürgens mit Mutter Panja

Bedeutet das auch, dass Sie mit den Menschen, die Ihnen nahe sind, Probleme schnell klären, damit nichts unausgesprochen bleibt? Mit Ihrer Mutter zum Beispiel?

Das kann bei Mama und mir nicht passieren, wir besprechen alles. Mit dem Papa kann ich mich ja leider nicht mehr unterhalten. Aber mit meiner Mutter weiß ich, dass ich dieses Problem nie haben werde. Mit ihr kann ich über das Sterben und den Tod sprechen, das war mit meinem Vater eher schwierig. Meine Mutter informiert uns bis ins Detail, wo was liegt, wo wichtige Adressen sind, wo der Schlüssel versteckt ist. Das ist super. Ich weiß, wenn der Moment kommt, was zu tun ist. Es geht nicht darum, herauszufinden, was man erbt. Man muss es den Kindern erzählen, damit sie nicht im Regen stehen. Eltern, die mit ihren Kindern nicht über testamentarische Dinge sprechen, begehen einen großen Verantwortungsbruch.

Sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, kann auch belasten.

Es lässt natürlich auch die Ängste größer werden um die Menschen, mit denen ich lebe. Wenn der David das Motorrad nimmt, geht mir manchmal die Phantasie durch. Aber ich sag es nicht... Damit muss ich kämpfen, muss aufpassen, dass ich nicht so eine "Sorgefrau" werde. Dieses Problem hat sich verstärkt, vielleicht auch in den letzten zwei Jahren. Diese Plötzlichkeit… Ich habe Angst vor der Unberechenbarkeit des Schicksals.

Die Ihnen der Tod des Vaters drastisch vor Augen geführt hat.

Ja, auch wenn es sich um einen Achtzigjährigen Mann gehandelt hat. Diese Radikalität, mit der die Bombe eingeschlagen hat, hatte was Schockartiges für die Familie. Ich habe Tausende Gespräche mit meinem Bruder geführt, sich dem Leben anders widmen, das Leben zu genießen. Jetzt erst recht!

Wie gehen Sie mit diesen Ängsten um?

Rationalität und Pragmatismus sind ab und an ein toller Schutz. Gerade wenn man sehr emotional ist - , da muss ich den Hebel umschalten. Bloß nicht allen auf den Geist gehen. Ich mach keine Yoga, keine Meditation, ich habe meine eigenen Wege. An schwierigen Tagen gehe ich in den Eselstall, nehme den Kärcher oder miste aus, schleppe Steine, bis ich fix und foxi bin. Handfeste Arbeit hilft mir. Da kriege ich einen Tunnelblick und habe ein Erfolgserlebnis.

Jenny Jürgens und Ehe-Mann David Carreras Sole

Bestätigung gibt Ihnen sicher auch die karitative Arbeit. Was beeindruckt Sie dabei am meisten?

Die unendliche Dankbarkeit. Ich habe mal bei einer Weihnachtsfeier neben einer 90-Jährigen Dame gesessen. Sie hat die ganze Zeit meine Hand gehalten und sie alle fünf Minuten geküsst. Oder als ich bei einer anderen Dame zu Besuch war. Sie hatte nur noch ein Brillenglas. In ihrer kargen Wohnung lag eine Scheibe Brot auf dem Tisch. Die wollte sie sich bis Montag einteilen. Tütensuppen hat sie jeden Tag mit Wasser weiter gestreckt. Es ist sehr berührend, das mitzuerleben.

Konnten Sie sich als Mensch, der in ganz anderen Verhältnissen aufgewachsen ist, solche Zustände vorstellen?

Ich war nie blind, war vor allem durch meine Mutter, die eine sehr gerechte Frau ist, sehr sensibilisiert. Es fehlte mir nie an etwas, aber das hat mich nicht stumpf gemacht. Bis heute spüre ich eine tiefe Dankbarkeit, dass ich in Europa und dann auch noch in eine wohlhabende Familie hineingeboren wurde. Und dadurch in absoluter Sicherheit bin. Auch jetzt in unserer Situation natürlich, wo unser Vater uns einiges hinterlassen wird. Ich denke, dass man dann jeden Tag in die Knie gehen und die Hände Falten und danke sagen sollte. Ich habe nichts dafür getan, nichts geleistet. Es ist ein Geschenk! Und so werde ich das immer sehen.

Ist Geld Ihnen wichtig?

Geld ist eine Energie im Austausch. Es hat null Energie, wenn es irgendwo rum liegt oder man sich Schwachsinn davon kauft. Ich kaufe nicht übertrieben teuer. Das finde ich dekadent. Ich habe sehr viele reiche Leute kennengelernt, die mitunter seltsam sind. Aber natürlich ist Geld haben etwas Schönes. Aber eben kein Garant für Glück, wenn du deine Seele nicht fütterst, gute Beziehungen zu anderen Menschen führst. Was mich glücklich macht, ist Sinn stiftendes zu tun. Das kommt alles wieder zurück. Du kannst so oder so nur bis zu einem gewissen Grad deine Familie versorgen, deine Tiere, einmal im Jahr eine Reise machen. Ich brauche nicht ein Auto nach dem anderen oder Häuser auf der ganzen Welt. Ich möchte Geld positiv einsetzen. Geld schenkt Dir eine gewisse Freiheit – diese muss man aber auch zu nutzen wissen.

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