Jenny Elvers-Elbertzhagen: "Ich wollte mich zu Tode trinken"

Perfekt sein für die Fans, den Sohn, den Ehemann: Jenny Elvers-Elbertzhagen setzte sich die höchsten Ziele - und fiel tief. Schlaflosigkeit, Alkohol, Tabletten, schließlich der Absturz vor laufenden Kameras. Jetzt will sie reden. "Gala" veröffentlicht exklusiv das Protokoll eines verletzlichen Lebens

Jenny Elvers-Elbertzhagen

Sie begleitet die Deutschen seit mehr als 20 Jahren. Jeder hat eine Meinung zu ihr. Doch kaum jemand kennt sie wirklich. Jenny Elvers war ein fröhliches Mädchen aus einem Dorf in Niedersachsen. Realschule, Mittlere Reife. Mit 17 wurde sie zur Heidekönigin gewählt. Es gefiel ihr, gesehen, beachtet, bewundert zu werden. Sie begann eine Schauspielausbildung in Berlin und Hamburg - und wurde schnell zur blonden Sirene, zur Freundin mehr oder weniger prominenter Männer. Farin Urlaub von der Band Die Ärzte und Schauspieler Heiner Lauterbach waren darunter, aber auch "Big Brother"-Kandidat Alexander Jolig. Fast jeden Morgen konnte Jenny jetzt etwas über sich in der Zeitung lesen. Oft war es Spott.

In ein, zwei guten Kinofilmen spielte sie mit, und sie hatte TV-Jobs. Doch Jenny wollte beweisen, dass sie auch großes Theater kann. Ihr erster Satz auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses lautete: "Ihr habt mir Angst zum Frühstück gegeben." Ein Satz wie ein Blick in ihre Seele: Angst und Schlaflosigkeit sind seit Jahren ihre engsten Begleiter. All die Menschen, die sie zu kennen glaubten, bekamen davon nichts mit.

Daniela Katzenberger

"Das fühlt sich an wie so ein Paukenschlag"

Daniela Katzenberger
Daniela Katzenberger geht es bei ihren Auftritten nicht immer so gut, wie sie es der Öffentlichkeit zeigt: Sie leidet an einem angeborenen Herzfehler.

Was sie aber sahen: Jennys alkoholbedingten Totalausfall auf dem roten Sofa der NDR-Sendung "DAS!" im vergangenen Herbst. Nach diesem Live-Auftritt hat sie sich mit Freundinnen weiter betrunken. Am Ende des Abends lag sie ohnmächtig in der Damentoilette eines Hamburger Szene-Restaurants. "Es war der Tiefpunkt - und meine Rettung", sagt sie heute. Ohne diesen "Knall" wäre sie nicht aufgewacht aus ihrem Delirium aus Tabletten, Alkohol und Depressionen.

Sechs Wochen war sie in der "My Way Betty Ford Klinik" im bayerischen Bad Brückenau. Auch darüber sprach sie jetzt ausführlich mit "Gala". Ihr Therapeut Herr Dryll, ein strenger polnischer Arzt, war bei einem Teil unseres Gesprächs anwesend. Er sagt: "Eigentlich wollte sie sich zu Tode trinken." Jenny stutzt zunächst bei dieser Einschätzung - und nickt dann. Nach einem harten Entzug und einer langen Phase der Gesprächstherapie ist sie jetzt in einer Intervalltherapie. Immer wenn ihr danach ist, kommt sie "zu Besuch" in die Klinik: "Sie ist mein Zufluchtsort geworden."

Heute ist ein Stoffschweinchen ihr ständiger Begleiter, ein Geschenk ihres elfjährigen Sohnes Paul. Er hat ihr das Kuscheltier gegeben, als er sie zu Beginn der Therapie in die Klinik begleitete, "damit du hier nicht so allein bist, Mama". Wenn die 40-Jährige heute in einer fremden Stadt schläft, schickt sie ihrem Therapeuten ein Foto vom Glücksschweinchen auf dem Hotelbett: "Dann weiß er, dass es mir gut geht."

"Das schnelle Handeln meines Mannes hat mir das Leben gerettet!"

Frau Elvers-Elbertzhagen, was haben Ihnen die Ärzte in der Betty Ford Klinik über Ihren Zustand gesagt?

Der Arzt hat bei der Einlieferung gesagt: Sie haben noch sechs bis acht Wochen zu leben. Das war ein Schock.

Was wäre die Todesursache gewesen?

Multiples Organversagen. Wenn ich in der Dosis weitergemacht hätte, wäre es dazu gekommen. Es gibt die Zeit des schleichenden Alkoholmissbrauchs und das absolute Betäuben-Wollen. Das Betäuben von Schmerz. Das habe ich in der Therapie gelernt. Und kann es jetzt benennen.

Wie kam es zu dem exzessiven Alkoholkonsum?

Seit drei oder vier Jahren kann ich nicht mehr schlafen. Ich nehme jeden Tag Schlaftabletten. Auch jetzt noch. Ich konnte immer weniger schlafen. Und es wurden immer mehr Tabletten. Und immer andere Sorten. Mal habe ich mit dem einen Präparat experimentiert, mal mit einem anderen. Wenn das nicht mehr gewirkt hat, dann hat es eben in der Kombination mit Alkohol gewirkt.

Wann hat das mit der Schlaflosigkeit angefangen?

Die Schlaflosigkeit ist ein Lebensbegleiter von mir. Die Nacht ist mein Feind schon immer gewesen. Ich habe meinen Mann damit wahnsinnig gemacht. (Seit 2004 ist sie mit dem Künstlermanager Goetz Elbertzhagen verheiratet; Anm. der Red.) Wir haben ein Haus mit vielen Treppen. Ständig laufe ich auf und ab in der Nacht. Licht an, Licht aus. Ich stelle Dinge um, rücke Gläser hierhin und dahin. Wie eine Zwangshandlung.

Bei Spaziergängen in dem idyllischen Kurort sortieren sich die Gedanken neu. Schon viele Prominente wussten diesen Ort zu schätzen - König Ludwig I. von Bayern machte Bad Brückenau im 19. Jahrhundert sogar zu seiner Sommerresidenz.

Sind Sie eine zwanghafte Perfektionistin?

Es muss immer alles in Ordnung sein. Wenn ich schlafen möchte, muss alles perfekt sein. Es darf auch keiner atmen neben mir. Das Bett muss gerade sein, es darf kein Weichspüler benutzt werden. Der Geruch macht mich verrückt.

Was passiert in Ihren Nächten?

Dieses Nicht-schlafen-Können hat mich dazu gebracht, nachts ein Glas Rotwein zu trinken. Dann ein zweites Glas, drittes Glas, eine Flasche. Auf die Schlaftablette. Manchmal hatte ich um vier Uhr morgens noch die letzte Schlaftablette genommen. Um dann fit in den Tag zu kommen, habe ich morgens ein Glas Prosecco getrunken, an guten Tagen Champagner. Um überhaupt wieder da zu sein. Um zu funktionieren. Das ist ein Kreislauf, der sich immer schneller dreht. Und der Feuer braucht. Und es brennt immer schneller.

Früher konnten Sie mit den Schlaftabletten Schlaf bekommen?

Es ist eine Art Betäubung. Es schaltet das Gedankenchaos für eine Nacht ab. Denn das ist ja der Grund, warum man nicht schlafen kann. Manchmal frage ich mich: Warum kann man die Augen zumachen und die Ohren nicht? Und vor allen Dingen: Warum kann man die Gedanken nicht abschalten?

Auslöser ihres Klinikaufenthalts war die Sendung "DAS!" Im NDR. Haben Sie auf dem roten Sofa geahnt, dass jetzt alles den Bach runtergehen würde?

Während der Sendung habe ich gemerkt, irgendwas läuft hier gar nicht gut. In meinem Zustand konnte ich aber nicht genau eruieren, was das war.

Fühlten Sie sich von Bettina Tietjen, der Moderatorin, vorgeführt?

Nein, das nicht. Ich will es mal so sagen: Sie hat ihren Job gemacht. Ich nicht. Ich habe meinen Job nicht professionell gemacht. Vielleicht hätte irgendwann die moralische Instanz in ihr sagen müssen: Stopp! Ich an ihrer Stelle hätte sicher auch erst mal die Sendung fortgeführt und geguckt, was passiert. Auch wenn ich eine jämmerliche und wirklich schlimme Figur abgegeben habe, braucht man darüber keine Schadenfreude zu empfinden. Ich möchte ihr unterstellen, dass ihr das Spaß gemacht hat. Das ist der Punkt, den ich nicht in Ordnung finde.

Verwirrt, verpeilt, verloren - Jenny im September als Gast der NDR-Sendung "DAS!". Über die Moderatorin Bettina Tietjen sagt sie: "Sie hat ihren Job gemacht." Aber auch: "Ich möchte ihr unterstellen, dass ihr das Spaß gemacht hat."

Sie hatten zu diesem Zeitpunkt offensichtlich schon etwas intus. Wie viel war das?

Wenn ich jetzt sage, dass ich an diesem Tag gar nicht so viel getrunken habe, dann lacht ganz Deutschland. Deshalb muss ich vorne beginnen und die Woche erzählen. Ich war jeden Tag zu Veranstaltungen eingeladen, hatte PR-Termine, hatte Fototermine. Ich war das ganze Jahr über sehr fleißig und in dieser Woche jeden Tag in einer anderen Stadt. Es ist ja nicht so, dass ich mir die Minibar vor der Sendung über den Kopf gestülpt habe. Ich habe ein akutes gesundheitliches Problem: Ich bin Alkoholikerin. Und immer wenn ich losgelassen wurde, sprich: keine Kontrolle um mich herum hatte, suchte sich diese Krankheit ihren Weg. Und in dieser Woche war das so.

Haben Sie die NDR-Sendung nicht richtig ernst genommen?

Ja, wahrscheinlich. Ich hatte für meine Verhältnisse wenig getrunken. Zwei Piccolo "Henkell Trocken" im Hotel. Davon werde ich im Leben nicht betrunken, aber ich habe den Abend vorher getrunken. Und war extrem angeschlagen. Meine Gammawerte der Leber waren bei 460. Normal liegen sie bei 30. Wenn man aufschüttet, wird das andere wieder aktiviert, was noch im Körper ist. (Derzeit liegen die Werte bei 27, so Jenny Elvers-Elbertzhagen vergangene Woche ganz aktuell zu "Gala".)

Und vorher war es Rotwein?

Nein, ich bin ja in der Wodka-Fraktion. Ich weiß es aber nicht mehr. Ich weiß aber, dass ich morgens noch eine Schlaftablette genommen habe. Und wenn man sich die Sendung aufmerksam anschaut, denkt man: Die Alte pennt gleich ein. Die beiden Sekt haben mich in gefühlte 3,0 Promille gebracht.

Mit Heiner Lauterbach kam Jenny 1996 zusammen. Kurz vorher hatte sie mit einem freizügigen Kurzauftritt im Film "Männerpension" für Aufmerksamkeit gesorgt. Diese Liebe hielt vier Jahre.

Es sind ja meistens Sorgen, die einen umtreiben. Welche Sorgen waren das bei Ihnen?

Das habe ich in der Therapie herausfinden müssen, Stück für Stück. Alkoholismus ist nur die Spitze des Eisbergs. Das darunter ist das, was der Grund ist für die Krankheit. Um das herauszufinden, musste es erst mal knallen. Dafür bin ich auch wieder dankbar, dass ich auf dem roten Sofa saß. Und das schnelle Handeln meines Mannes hat mir das Leben gerettet.

Schleichenden Alkoholismus kennen viele.

Ja, irgendwann ist man kein Genusstrinker mehr, dann betreten wir das Reich der Betäubung. Wenn ich so weitergemacht hätte, wäre ich jetzt nicht hier bei Ihnen. Ich habe so viel getrunken, dass ich immer ohnmächtig geworden bin.

Wo sind sie das letzte Mal ohnmächtig geworden?

Beim Abendessen nach der Sendung im Restaurant von Stefan Henssler. Der Arme - das Essen war nicht schuld. Auf der Damentoilette bin ich ohnmächtig geworden. Eine Freundin hat mich gefunden. Das war der Tiefpunkt. Aber das war nicht das einzige Mal in jenen Tagen, dass ich besinnungslos war.

Es kam also wirklich öfter vor?

Ja, aber nur, wenn ich allein war. Auch wenn sich das komisch anhört: Ich war beim Trinken sehr kontrolliert. Ich bin zum Beispiel nie betrunken Auto gefahren. Mein Mann kommt ja auch abends nach Hause, und er hat nie eine betrunkene Ehefrau auf dem Sofa erlebt. Ich konnte das sehr gut vertuschen. Aber mein Mann ist nicht blöd. Er hat sich immer viele Sorgen gemacht.

Wo lagen Sie beim Aufwachen?

Meist auf dem Fußboden.

Waren Sie da nicht erschrocken?

Natürlich.

Wozu führte dann dieser Schreck?

Der führte zu Aufstehen, Zähneputzen und Zu-Bett-Gehen. Also zu gar nichts. Wenn ich mir die Sendung ansehe, habe ich mit dieser Person gar nichts zu tun. Das tut weh, aber manchmal muss es wehtun. Eine Sucht macht nicht Halt vor einer Villa mit Personal und Pool. Sie hält nicht nur Einzug im Plattenbau. Verletzlichkeit und Schmerz kann jeder Mensch fühlen. Unglücklich sein kann man überall. Alle Menschen, die ich in der Klinik kennengelernt habe, brauchten den Moment des totalen Absturzes. Ich bin verdammt noch mal froh, dass mir im betrunkenen Zustand kein Unfall passiert ist. Auch wenn ich mich vor der ganzen Nation total lächerlich gemacht habe. Ich habe keinen verletzt. Nur meine Familie - emotional.

Sie leiden unter Depressionen. Was tun Sie dagegen?

Ich nehme Medikamente und habe professionelle Hilfe an meiner Seite.

Seit wann kennen Sie diesen Zustand? Seit wann empfinden Sie das so?

Das kann man bei Depressionen nicht so genau sagen. Das ist nicht wie bei Fieber. Das geht einher mit der Schlaflosigkeit. Eigentlich seit ich denken kann. Goetz kennt mich nur schlaflos. Ich sitze auch oft im Flugzeug mit Kopfhörern. Meist ohne dass da ein Gerät dran ist. Einfach nur Ruhe. Dieses Traurigsein und dieses Weinen, das kann man alles so schön mit Tablettchen ... (Sie stockt, es fällt ihr sichtlich schwer zu sprechen.) ... und Tropfen unterdrücken. Aber die Tränen müssen raus. Wenn man mit den Psychopharmaka nicht umgehen kann, dann geht das nach hinten los. Das sind blaue Flecken auf der Seele. Ein Schienbeinbruch wäre mir lieber.

Jenny mit Alex Jolig – Diplomatensohn, Kneipier, Ex-"Big Brother"-Bewohner. Die beiden waren nur wenige Monate liiert. Jolig ist der Vater von Jennys Sohn Paul, der 2001 geboren wurde.

Einige Menschen haben Depressionen, weil ihnen das Leben so komplex vorkommt, dass sie gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen.

Alles dreht sich immer schneller. Auch in den privaten Momenten will ich perfekt sein. Für meinen Sohn, für meinen Mann. Alles wird zu einem Problem. Wenn man sich in so einem Seelentief befindet, bricht plötzlich die ganze Struktur zusammen. Dann will man sich Mut antrinken. Flüssig Mut.

Ist es für Schauspieler ein besonderer Druck? Immer auf Kommando perfekt sein?

Der öffentliche Mensch Jenny ist auch ein Mensch, den ich mit Abstand sehe. Privat hätte ich es ganz schlimm gefunden, wenn mein Sohn Paul mich betrunken gesehen hätte. Aber ein so kleiner Mensch kriegt ja viel mehr mit, als man denkt. Dieses öffentliche Funktionieren kriegt man mal besser, mal schlechter hin. Bei meinem letzten Stück hatte ich 120 Seiten Text. Da kann man nicht betrunken sein. Aber danach war ich immer betrunken - und davor ein Häufchen Elend.

Depressive Menschen empfinden sehr selten Glücksmomente. Wie ist es bei Ihnen?

Es gibt so wenig dazwischen. Es gibt entweder glücklich oder nicht glücklich. Eigentlich bin ich ein lebensbejahender Mensch. Das Gefühl möchte ich wieder aktivieren. Das möchte ich wieder haben. Das klingt komisch, aber ich kann es nicht ändern. Ich versuche den inneren Druck wieder loszuwerden, ohne zum Alkohol zu greifen. Sport zu machen zum Ausgleich. Ich möchte nicht mehr das Gefühl haben, mir die Decke über den Kopf zu ziehen. Ich möchte rausgehen. Wenn ich früher nicht schlafen konnte, habe ich ein Buch nach dem anderen gelesen. Gelesen, gelesen, gelesen, bis ich eingeschlafen bin.

Und was haben Sie da gelesen?

Tragische Schicksalsschläge

Auch Stars werden vom Leben hart getroffen

Jenny Elvers-Elbertzhagen: Die Trauer ist groß: Schlager-Musiker und "Goodbye Deutschland"-Liebling Jens Büchner stirbt am 17. November 2018 im Alter von 49 Jahren in einem Krankenhaus auf Mallorca an den Folgen von Lungenkrebs. Er hinterlässt eine Großfamilie, bestehend aus Ehefrau Daniela ...
Jenny Elvers-Elbertzhagen: ... fünf leiblichen Kindern, drei Stiefkindern und einer Enkelin. Die Kleinen vermissen ihren Papa natürlich sehr, doch es gibt auch Momente des Glücks, in denen Jenna Soraya und Co. auch wieder lachen können. "Papa wäre so stolz auf dich", schreibt sie dazu ...
Jenny Elvers-Elbertzhagen: In einem Posting auf Instagram Stories erinnert sich Witwe Daniela an ihre Hochzeit mit Jens im Juni 2017. Dazu spielt sie das Lied "Einmal" von Mark Forster. "Einmal, einmal, das kommt nie zurück. Es bleibt bei einmal, doch ich war da zum Glück. Nicht alles kann ich wieder haben Freude, Trauer, Liebe, Wahnsinn. Einmal, und ich war da zum Glück", heiß es im Refrain.
Schock in der Sportwelt: Radsportlerin Kristina Vogel ist nach einem Trainingsunfall im Juni querschnittsgelähmt und sitzt von nun am im Rollstuhl. Im "Spiegel"-Interview spricht die Olympiasiegerin erstmals über den folgenschweren Unfall bei dem ihr Rückenmark am Brustwirbel durchtrennt wurde: "Egal, wie man es verpackt, ich kann nicht mehr laufen. Und das lässt sich nicht mehr ändern. Aber was soll ich machen? Ich bin der Meinung, je schneller man eine neue Situation akzeptiert, desto besser kommt man damit klar." Hut ab für diesen Kämpfergeist. 

78

Alles! Kafka. Ein Yoga-Buch, Arabisch für Anfänger und "Shades of Grey". Bis Seite 32 fand ich es ganz stimulierend.

Andere Schauspielerinnen haben ähnliche Probleme, ein ganz tragisches Beispiel ist Marilyn Monroe. Das, was Sie von sich erzählen, war bei ihr auch so: Schlaftabletten, Beruhigungsmittel, Depressionen, Alkohol. Viele glauben, dass Marilyn sich umbringen wollte. Wollten auch Sie sterben?

Ja. Mein Therapeut Herr Dryll hat mir in einer Therapiesitzung gesagt: Eigentlich wollten Sie sich doch zu Tode trinken. Ich habe zwei, drei Sekunden nachgedacht und gesagt: Ja, Sie haben recht. Ich wollte mich zu Tode trinken. Das ist ganz erschütternd. Ich fragte mich: Warum? Woher kommt das?

Haben Sie mit Ihrem Mann über Ihre Todessehnsucht gesprochen?

Er wusste darum. Er wusste von meiner Traurigkeit. Er konnte damit überhaupt nichts anfangen. Wie so viele Menschen, die schwer mit Depressionen umgehen können. Aber die Traurigkeit bleibt. Kontrolliert damit umzugehen, das ist nun die Herausforderung. Früher habe ich versucht, sie mit Alkohol zu ertränken.

Haben Sie eigentlich den Wodka in der Tasche mit sich getragen? Als Jenny Elvers kann man den ja nicht literweise im Supermarkt kaufen.

Alkohol bekommt man doch überall. In der Öffentlichkeit ist es sowieso kein Problem: Am Ende des roten Teppichs steht immer jemand mit dem Tablett und reicht Alkohol. Da fällt man auf, wenn man nicht trinkt. Privat kann ich mein Hackfleisch kaufen und noch eine Flasche Wodka dazu. Und wenn ich mehr brauche, gehe ich eben noch in einen anderen Supermarkt. Da hat man seine Methoden.

Das haben Sie ganz bewusst gemacht?

Ich beschreibe das gerne als Beschaffungsmaßnahme. Da checkt man: Habe ich für den nächsten Tag noch genug Stoff? Wo kriege ich noch was? Man legt sich einen Plan zurecht. Der Alkohol hat einen in der Hand. Das ist ganz jämmerlich, was man da für Geschichten drum herum erfindet. Was ich nie wollte, ist diese Unehrlichkeit. Ich fing an zu lügen, zu vertuschen. Und ich fing an, den Alkohol zu verstecken. Spätestens dann sollte man einsehen, dass man ein Alkoholproblem hat.

Ihr Mann hat mir erzählt, Sie hätten den Alkohol geradezu gehortet. Er hätte 34 Flaschen gefunden.

Das kann gut sein. Aber das ist rückblickend auch ein Hilferuf. Ich glaube, ich wollte entdeckt werden.

Erst war Goetz Elbertzhagen nur ihr Manager, seit 2004 ist er auch ihr Ehemann. Mit Jennys Sohn Paul wohnen sie in der Nähe von Köln. Elbertzhagen ging nach Jennys NDR-Auftritt in die Offensive: "Meine Frau hat ohne Frage ein Alkoholproblem".

Wo haben Sie die Flaschen versteckt?

Na ja, im Schlafzimmer, Ankleidezimmer, Kellerschrank. Wer wegwerfen kann, wirft weg. Ich wollte entdeckt werden.

Wie hat Ihr Mann reagiert?

Er hat sich Sorgen gemacht, hat meine Eltern angerufen, hat meine Freunde angerufen. Was ich ihm sehr übel genommen habe zu dem Zeitpunkt. Und dieses Wütendsein ist sofort umgeschlagen in eine Trotzreaktion. Das war sehr kontraproduktiv von mir. Heute weiß ich, man muss mit dem Gesicht nach unten aufwachen. Es muss den kompletten Tiefpunkt geben.

Ihr Mann hat mir auch gesagt, die Aufenthalte in Berlin haben den Zustand wie ein Turbo beschleunigt.

Berlin als Stadt ist es nicht. Es hätte jede andere Stadt sein können. Aber in Berlin war Paul nicht häufig dabei. Da musste ich nicht als Mutter funktionieren. Das hatte ich immer im Hinterkopf. Mein Kind war die moralische Instanz. So viel hatte ich mich immer im Griff. Ich wollte nie eine betrunkene Mama sein.

Was wahrscheinlich nicht immer geglückt ist?

Wahrscheinlich nicht. Aber niemals in diesem Ausmaß wie in Berlin. In Berlin gab es keine Kontrollinstanz. Hier konnte ich tun und lassen was ich wollte, und das war in diesem Fall: mich betrinken.

Da waren sicher auch noch andere Drogen mit im Spiel.

Nein! Ich habe bestimmt alle Drogen dieser Welt probiert, aber in den Jahren, über die wir jetzt reden, waren es Tabletten und Alkohol.

Nun kommt es darauf an, dem Alkohol die Macht über Sie zu nehmen. Die Versuchung ist doch enorm.

Ich habe immer gerne getrunken, ich war aber ein Genusstrinker. Wir haben einen großen Weinkeller zu Hause. Vor dem hängt jetzt ein riesengroßes Schloss - was aber egal ist. Ich muss selber Nein sagen. Der Alkohol hat mich in die Knie gezwungen. Noch mal schafft er das nicht.

Wie hoch ist die Sorge, rückfällig zu werden?

An Alkohol denke ich jeden Tag. Das soll angeblich weniger werden. Ich sitze jetzt nicht hier mit Ihnen und denke: Ich brauche jetzt unbedingt was zu trinken. Aber es tauchen Situationen im Alltag auf, in denen ich denke: Jetzt würde ich gerne was trinken. Ob als Genussmittel oder um einen Druck zu kompensieren. Ich träume oft von Alkohol. Ich träume mit einem schlechten Gewissen davon, dass ich etwas getrunken habe. Dass ich bewusst rückfällig werde, davor habe ich Angst. Dass ich bewusst sage: Ihr könnt mich alle mal! Ich ergebe mich dem! Denn das wäre eine Bankrotterklärung an mich selbst. Ich möchte auch mir etwas beweisen und kann es mit mir nicht vereinbaren, dass ich mich dem wieder hingebe. Eigentlich kann ich es doch kontrollieren. Um es auf den Punkt zu bringen: Vor einem Rückfall habe ich Angst

Wie haben Sie die Situation Ihrem Sohn erklärt?

Der hat es gespürt. Das einzige Mal, dass ich getrunken habe, als er dabei war, war auf Fuerteventura. Da saßen wir mit Freunden mittags an einer Strandbar. Er hat gesagt: Mama, du trinkst schon wieder! Was ich nicht wusste, war, dass Goetz mit ihm gesprochen hatte. Erst jetzt habe ich zugegeben: Deine Mutter ist eine Alkoholikerin. Ich hatte auch Angst davor, was passiert, wenn er in die Schule geht. Wie reagieren die anderen Kinder?

Und wie hat Ihr Sohn auf das Geständnis reagiert?

Paul hat sich Sorgen gemacht. Er hat sich auch emotional distanziert, aber wir haben uns wieder gefunden. Ich kann nur sagen: Es tut mir leid, ich wäre gerne anders. Aber immer wenn ich dachte, ich müsste trinken, habe ich mich zurückgezogen. Er hat mich nie betrunken gesehen, außer im Fernsehen.

Was hat er dazu gesagt?

Er hat etwas Lustiges gesagt. "Mama, das Gute daran ist: Wenn sie wieder die schrägsten TV-Momente zeigen, dann kann ich das nicht sehen. Du bist doch auf Platz eins! Das kommt erst, wenn ich im Bett liege."

Das klingt fröhlich. Gab es keine Tränen?

Natürlich flossen auch Tränen. Auf allen Seiten. Mein Sohn hat mich mit Goetz in die Klinik gebracht. Er wollte Abschied nehmen. Er hat mir sein Glücksschwein geschenkt, damit ich jemanden habe, der sich um mich kümmert. Da habe ich natürlich geweint. Gleichzeitig war ich dankbar. Endlich loslassen, endlich Hilfe!

Tragische Schicksalsschläge

Auch Stars werden vom Leben hart getroffen

Jenny Elvers-Elbertzhagen: Die Trauer ist groß: Schlager-Musiker und "Goodbye Deutschland"-Liebling Jens Büchner stirbt am 17. November 2018 im Alter von 49 Jahren in einem Krankenhaus auf Mallorca an den Folgen von Lungenkrebs. Er hinterlässt eine Großfamilie, bestehend aus Ehefrau Daniela ...
Jenny Elvers-Elbertzhagen: ... fünf leiblichen Kindern, drei Stiefkindern und einer Enkelin. Die Kleinen vermissen ihren Papa natürlich sehr, doch es gibt auch Momente des Glücks, in denen Jenna Soraya und Co. auch wieder lachen können. "Papa wäre so stolz auf dich", schreibt sie dazu ...
Jenny Elvers-Elbertzhagen: In einem Posting auf Instagram Stories erinnert sich Witwe Daniela an ihre Hochzeit mit Jens im Juni 2017. Dazu spielt sie das Lied "Einmal" von Mark Forster. "Einmal, einmal, das kommt nie zurück. Es bleibt bei einmal, doch ich war da zum Glück. Nicht alles kann ich wieder haben Freude, Trauer, Liebe, Wahnsinn. Einmal, und ich war da zum Glück", heiß es im Refrain.
Schock in der Sportwelt: Radsportlerin Kristina Vogel ist nach einem Trainingsunfall im Juni querschnittsgelähmt und sitzt von nun am im Rollstuhl. Im "Spiegel"-Interview spricht die Olympiasiegerin erstmals über den folgenschweren Unfall bei dem ihr Rückenmark am Brustwirbel durchtrennt wurde: "Egal, wie man es verpackt, ich kann nicht mehr laufen. Und das lässt sich nicht mehr ändern. Aber was soll ich machen? Ich bin der Meinung, je schneller man eine neue Situation akzeptiert, desto besser kommt man damit klar." Hut ab für diesen Kämpfergeist. 

78

Waren Sie denn nüchtern auf der Fahrt?

Nein. Vor der Abfahrt habe ich mir ja noch eine Flasche reingeschüttet. Furchtbar.

Wie fühlt sich die Entgiftung an?

Scheiße.

Wie ist der Ablauf?

Die körperliche Entgiftung ist in den ersten zwei Tagen wie ein Nebel. Schmerzen, unglaubliche Schmerzen sind das. Eine gute Woche fühlt es sich an, als wenn man ganz hohes Fieber hat. Ein starkes Zittern. Ich bin mehrmals umgekippt, mir war ständig schlecht. Meine Beine fühlten sich an, als ob man die absägen würde bei lebendigem Leib.

Haben Sie geschrien vor Schmerzen?

Man kann sich die Schmerzen als Nichtsüchtiger nicht vorstellen. Wenn man richtiger Alkoholiker ist, und das bin ich, ist der Entzug unfassbar anstrengend. Meine Tagesdosis vorher war vormittags eine Flasche Sekt, nachmittags eine Flasche Wein und abends eine Flasche Wodka. Oder eine Flasche Whisky oder eine Flasche Gin. Noch mal: Wenn ich auf dem Pegel weitergemacht hätte, würden wir hier nicht zusammensitzen. Dann wäre ich tot.

Was haben die Ärzte konkret gesagt?

Die hatten wahnsinnig Angst, dass ich epileptische Anfälle bekomme. Was schnell passieren kann bei dieser Dosis.

Hatten Sie in der Zeit Kontakt zur Außenwelt?

Wenig. Normalerweise telefoniere ich viel mit meinem Mann. Aber in der Zeit kaum. Ich musste die Außenwelt ausblenden. Sonst hätte ich es nicht geschafft. Trotzdem habe ich morgens angerufen und gefragt, wie es Paul geht und ob er gefrühstückt hat. Ich kann da nicht loslassen.

Wie war der erste Kontakt mit anderen Suchtkranken?

Wenn man nach den Anfangstagen das erste Mal auf die anderen Patienten trifft, ist das die erste große Hürde, die man überwinden muss. Was mich erschrocken hat: dass so viele das vierte oder fünfte Mal da waren. Das zeigt die hohe Rückfallquote. Das ist kein Wellnessaufenthalt dort.

Wie haben Sie auf die Gruppe reagiert?

Ich wollte nicht sagen: Hallo, mein Name ist Jenny, ich bin 40 Jahre und Alkoholikerin. So war es zum Glück aber auch nicht.

Wie fühlt sich eine Einzeltherapiesitzung an?

Befremdlich.

Was haben Sie gelernt?

Viele Dinge über mich. Aber auch, dass ich mich von meinem Kontrollwahn lösen muss. Der mich ja vor allem am Einschlafen gehindert hat, weil alles perfekt sein muss. Andere machen einfach die Augen zu. Ich plane das Einschlafen wie einen Feldzug gegen die Nacht.

Und die Gespräche selbst?

Es war so angenehm, mal nicht auf der Hut sein zu müssen. Ich brauchte mal nicht aufzupassen, was ich sage. Das wirkte auf mich wie eine Befreiung. Mein Therapeut hat mich in einem völlig desolaten Zustand vorgefunden. Ich war davon überzeugt, dass ich irgendwo in einem Hotelzimmer bin und nicht wieder aufwache. Endlich mal schlafen. Endlich mal gar nichts.

Themen

Erfahren Sie mehr:

Star-News der Woche