Iris Berben: "Macht so viel Freude, das Leben!"

Drei Wochen lang fotografierte Iris Berben für "Gala" ihr Leben. Im Interview erzählt die Schauspielerin, was sie antreibt, was sie glücklich macht - und bei welchem Thema sie wie ein störrisches Kind sein kann

Auf einmal steht sie da,

im Innenhof des "Hotel Regent" in Berlin, und ist so voller Leben, dass man sich selbst vorkommt wie ein paar eingeschlafene Füße. Aus Portugal ist gerade eingeflogen, wo sie sich einige Wochen Auszeit bei ihrer Mutter nimmt. "Sie ist jetzt 86 Jahre alt und eine so wache Frau!", sagt die Schauspielerin. Abends wird Iris Berben die Eröffnungsgala des Jüdischen Filmfestivals besuchen; sie ist dort Patin. Danach geht es zurück nach Portugal. Dort sind auch die meisten Fotos entstanden, die sie für "Gala" geschossen hat - eine kunstvolle Mischung aus Sinnenfreuden und Symbolischem.

Preisverleihung

New Faces Award

New Faces Award: Die Achtjährige Emma Schweiger wird für ihre Rolle in "Kokowääh" mit einem der begehrten Preise ausgezeichnet.
New Faces Award: Til Schweigers große Rasselbande: Valentin, Noch-Ehefrau Dana, Luna, Lilly, Emma und und Freundin Svenja Holtma
New Faces Award: Sophia Thomalla und Xenia Seeberg
New Faces Award: Florian David Fitz und Anja Knauer

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Fotografieren Sie generell viel?

Ich fotografiere gerne, allerdings hauptsächlich Dinge, die mich umgeben - nicht die Menschen. So wie die Zitronen im Garten meiner Mutter in Portugal. Ich liebe Zitronen. Ich koche gerne mit ihnen und mag dieses sinnliche Gefühl, die duftenden Früchte einfach vom Baum zu pflücken.

Mein Antrieb: "Zweifel, vor allem Selbstzweifel, sind ein Antrieb für mich, ein guter Motor. Es hat etwas damit zu tun, sich nicht zu überschätzen."

Besuchen Sie Ihre Mutter häufig in Portugal?

So oft wie möglich. Meine Mutter und ich sind uns sehr nah. Sie ist ein fantastischer Gesprächspartner, mit dem ich diskutieren und an dem ich mich reiben kann. Zudem kann ich mich in Portugal ganz ungehindert bewegen, ohne aufzufallen. Ich nenne das immer das "Barfuß-Gefühl".

Wie fühlt es sich im Gegensatz dazu an, so oft im Licht der Öffentlichkeit zu stehen? Gewöhnt man sich daran?

Ich denke schon. Deshalb habe ich auch mit 50 ein ganzes Jahr aufgehört mit meinem Beruf. Ich kam ins Nachdenken, wie souverän ich eigentlich bin. Wie ich wohl reagiere, wenn ich nicht mehr so gefragt bin. Fängt es an wehzutun? Oder empfinde ich es als einen natürlichen Verlauf? Heute weiß ich: Die Aufmerksamkeit hat sich verschoben von meinem Äußeren, das früher sehr beachtet wurde, hin zum Wahrnehmen von Inhalten. Und das tut meiner Eitelkeit wieder ganz gut.

Ist das, was man von Ihnen wahrnimmt, und das, was sie privat ausmacht, nah beieinander?

Die Attribute, die man bekommt, sind ja nur Facetten einer Person. Ich würde mich zum Beispiel nie als eine kraftvolle, starke Frau bezeichnen, sondern als wache Frau. Natürlich habe ich Unsicherheiten, natürlich gibt es Situationen von Schwäche und Peinlichkeiten. Stark? Ja, aber mit der gleichen Kraft auch schwach.

Eine kleine Sehnsucht: "Leberkäs mit süßem Senf! Da war ich in München in der Flughafen-Lounge und dachte: 'Ach, das vermisse ich schon in Berlin.'"

Eines Ihrer Fotos zeigt den Schriftzug "Zweifel" ...

Das ist eines meiner Lieblingswörter. Zweifel, vor allem Selbstzweifel, sind ein Antrieb für mich, ein guter Motor. Es hat etwas damit zu tun, sich nicht zu überschätzen und immer in einer Art Analyse zu sein. Das bewahrt einen auch davor abzuheben.

Also sind Sie keine Diva?

Zur Diva eigne ich mich nicht. Ich weigere mich auch, mit Bodyguards herumzulaufen, wie es manche Kollegen machen. Aber die Aufmerksamkeit ist ja nur ein kleiner Teil unseres Lebens, das meiste ist harte Arbeit. Der rote Teppich, das ist die Belohnung. Aber wenn wir über Diven reden - , das war eine Diva. Die Barbie-Sammlerpuppe von ihr habe ich einmal auf einer Charity-Gala ersteigert.

Sie haben für die Simmel-Verfilmung "Niemand ist eine Insel" gerade die Filmdiva Sylvia Moran gespielt, die es nicht erträgt, allein zu sein. Fällt Ihnen das auch schwer?

Im Gegenteil, es ist erholsam. Und das liegt daran, dass ich in meinem Alleinsein nicht einsam bin. Ich lese dann viel, meine Bibliothek ist einer meiner Lieblingsplätze. Ich halte mich gut aus. Obwohl das Knochenarbeit ist ...

Wann nerven Sie sich selbst?

Ich bin ein totaler Ordnungsfanatiker und ertappe mich oft dabei, wie ich fast zwanghaft wieder irgendetwas zurechtrücke oder umräume. (lacht)

Johannes Mario Simmel hatte Sie von Anfang an als Wunschbesetzung für die Rolle der Sylvia Moran im Sinn. Sie aber haben lange gezögert. Warum?

Zum einen ging es um die Filmrechte, die damals nicht zu bekommen waren. Zum anderen kannte ich ja die Mechanismen, die greifen, wenn ich so eine Rolle spiele. Dann wird gleich gefragt: "Wo sind denn die Parallelen zu Ihrem Leben?" Das war mir nicht seriös genug. Aber dann war ich auf Marios Beerdigung. (Simmel starb Anfang 2009; Anm. d. Red.) Ach, und da kommen einem so viele Gedanken, da wird man sentimental.

Der Wichtigste: "Das ist Paul Berben. Er ist jetzt zehn und reist immer mit". Ärgerlich findet Iris Berben hingegen die vielen Hundeverbotsschilder in Restaurants, am Strand, in Parks.

Sehr schön an dem Film ist, dass die Beziehung zwischen der Hauptfigur und ihrem deutlich jüngeren Freund so selbstverständlich dargestellt wird.

Ja, oder? Ich habe auch gesagt: Lasst es uns nicht zum Thema machen, sondern die Normalität zeigen, die einfach da ist.

Aber ist das wirklich selbstverständlich? Auch Sie haben einen jüngeren Lebensgefährten, Sie können das beurteilen.

Es ist offenbar immer noch etwas Besonderes, da hört man oft dumme Kommentare. Überhaupt kann man beobachten, dass es gerade bei jungen Leuten eine Tendenz hin zur Spießbürgerlichkeit gibt. Das hat sicher mit der weltweiten Lage zu tun. Andererseits: Als ich jung war, haben wir auch auf wackeligem Boden gestanden. Aber wir haben gekämpft für eine andere Gesellschaftsordnung.

War auch die Entscheidung, Ihren Sohn Oliver allein großzuziehen, ein Versuch, sich aus diesem Korsett zu befreien?

Es war sicher unter anderem ein Rebellieren gegen diese verkrustete Moral, wie man zu leben hatte.

Waren Sie sich immer sicher, dass Sie es schaffen?

Ich dachte oft: Mache ich alles richtig? Bekommt mein Kind, was es braucht? Oder ist solch ein Lebensentwurf egoistisch? Ich wurde damals ja aus jeder Richtung gepikst. Und natürlich gab es viele Schlagzeilen, weil ich den Vater von Oliver nicht bekannt gegeben habe. Ich war oft unsicher, klar. Aber ich habe mich nicht kleinkriegen lassen. Da war ich wie ein störrisches Kind. Letztlich war die Frage aber nie "ob", sondern "wie" ich es machen soll.

In "Niemand ist eine Insel" spielt Iris Berben (hier mit Henning Baum) eine Filmdiva, die die Kontrolle über ihr Leben verliert (ZDF, 13. Juni, 20.15 Uhr).

Wie denken Sie heute darüber?

Zweifel sind gute Begleiter, um wach zu bleiben, aber mit Oliver ist doch viel richtig gelaufen. Er hat sich von mir emanzipiert, er geht sehr selbstbewusst seinen Weg. Mein Sohn wird dieses Jahr 40! Das ist so absurd wie die 60 vergangenes Jahr für mich.

Macht Ihnen das Altern etwas aus?

Es ist nicht so, dass ich mich dagegen sträube - man verbindet nur eine bestimmte Vorstellung mit diesen Zahlen. Frühere Generationen haben mit 40 den Rückzug angetreten, wurden immer unscheinbarer und weniger. Heute ist es umgekehrt. Ich kann nur sagen, zwischen 40 und 60 wurde es bei mir immer mehr, mehr, mehr!

Gerade wenig war es ja auch nicht, als Sie jung waren ...

(lacht) Okay, ich habe nichts ausgelassen, ich war ein Kind der 68er-Bewegung. In den letzten 20 Jahren wurde mein Lebensgefühl allerdings bewusster, kräftiger, sinnlicher. Aber auch zielgerichteter.

Was ist ihr Glücksrezept?

Ich glaube, das hat viel mit dem Wissen zu tun, dass es nicht selbstverständlich ist, wie ich leben kann, mit allem, was ich mir dabei erlauben und nehmen kann. Ich habe so einen innerlichen Knopf, ein Regulativ, das mir sagt: "Macht so viel Freude, das Leben, ist so spannend! Mach's mal nicht kaputt!"

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, es sich auszusuchen: Was würden Sie an ihrem letzten Lebenstag machen?

Noch einmal Rock'n'Roll!

Anne Meyer-Minnemann

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