Detlev Buck: "Filmen ist wie Nilpferde schieben"

... und "Die Vermessung der Welt" war ein besonders dickes Hippo. Regisseur Detlev Buck zeigt seine privaten Set-Fotos und spricht über den Druck, einen Weltbestseller zu verfilmen

Als Regisseur Detlev Buck vor sechs Jahren Daniel Kehlmanns Bestseller "Die Vermessung der Welt" zuklappte, war ihm klar:

Ich muss diesen Stoff verfilmen! Allerdings ahnte er, dass es nicht einfach werden würde. Die so kunstvoll wie witzig geschriebene Story um die Wissenschaftler Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt galt vielen als unverfilmbar. Doch Buck blieb hartnäckig - nun kommt die historische Komödie endlich ins Kino. Mit Starbesetzung und, eine Premiere für Detlev Buck, in 3-D. In "Gala" zeigt der 49-Jährige seine privaten iPhone-Fotos aus der Drehzeit. Und er erzählt, wie viel Persönliches in diesen Film eingeflossen ist, und warum ihn ein Ruf nach Hollywood höchstwahrscheinlich kaltlassen würde.

Herr Buck, erst mal müssen wir uns bei Ihnen bedanken.

Wofür?

Coole Mama

Reese Witherspoon ist ein "TikTok"-Naturtalent

Reese Witherspoon
Reese Witherspoon zeigt, dass sie nicht nur eine erfolgreiche Schauspielerin ist, sondern auch eine coole Mama.
©Gala / Stern

Dafür, dass Sie während der aufwendigen Verfilmung von "Die Vermessung der Welt" Zeit gefunden haben, Fotos für uns zu schießen.

Das war für mich keine Belastung. Über Fotografie nimmt man wahr. Ich mache das jetzt weiter für euch!

Detlev Buck am Set im Regenwald mit den Naturforschern Alexander von Humboldt (gespielt von Albrecht Abraham Schuch, mit Lupe) und Aimé Bonpland (Jérémy Kapone).

Die Fotos führen uns von der norddeutschen Tiefebene über Kasachstan bis in den südamerikanischen Regenwald. Schreiben Sie eigentlich auch ein Reisetagebuch?

Alles hier drin. (tippt sich an den Kopf ) Erinnerungen sind ja erst dann etwas Besonderes, wenn du sie gemeinsam machst. Viele, die einen Job zusammen machen, sind ja auch Freunde. Wenn man dreht, bleibt man an den freien Tagen zusammen und erlebt etwas gemeinsam.

Bei der "Vermessung der Welt" haben Sie zum ersten Mal in 3-D gedreht, und dann gleich im unwegsamen Regenwald. Hatten Sie davor keinen Bammel?

Ich finde die 3-D-Technik toll, weil sie neue Möglichkeiten eröffnet. Aber Angst hatte ich nicht davor. Am Ende steht doch immer die Frage: Berührt mich das Thema oder nicht? Das ist bei 3-D genauso wie beim Geschichtenerzähler im Mittelalter. Die Basics bleiben.

Also ein Dreh wie jeder andere?

Na ja, es war schon das dickste Projekt, das ich jemals gemacht habe: eine extrem erfolgreiche Vorlage, sechs Jahre Vorbereitung, ein Millionenbudget. Alle haben einen immensen Druck. Diese Energien zu kanalisieren, ohne dass sich alle erdrücken - das ist das eigentlich Schwierige.

Wo erholen Sie sich von diesem Druck?

Auf dem Land. Bei meinem Acker. Das beruhigt mich. Oder ich laufe im Berliner Tiergarten und spiele dann mit ein paar Jungs spontan Fußball. Ich mag auch Auto fahren. Einfach irgendwohin, Motor abstellen und gucken. Und dann sagen, jetzt fahre ich wieder weg. Sich einfach treiben lassen ist ein guter Kontrast zum Arbeiten.

Ein Wissenschaftskongress - plus Daunenanzug. Buck: "Männermode gestern und heute."

Kontraste mögen Sie offenbar. Dass Sie nach dem Travestie-Klamauk "Rubbeldiekatz" einen historischen Roman verfilmt haben, kommt für viele überraschend.

Ich mache ja eigentlich nie, was erwartet wird. Das war bei "Männerpension" so - Knackis, um Gottes willen! - und bei "Knallhart" auch. Immer hieß es: Warum willst du jetzt einen Film über Neukölln machen? Oder einen Kinderfilm? Oder einen über Kambodscha? Es ist doch so: Wenn du irgendetwas machst, was in den Augen der Rezipienten nicht passt, musst du beharrlich bleiben. Die "Vermessung" galt als unverfilmbar. Dreimal hat die Filmförderung abgelehnt, obwohl der Roman in 40 Sprachen übersetzt wurde. Da wusste ich, es wird ein langer Weg.

Sechs Jahre hat es von der Idee zum Film gedauert. Ist Beharrlichkeit eine Ihrer hervorstechenden Eigenschaften?

Man kann es auch Sturheit nennen. Aber alle Regiefuzzis sind stur. Das brauchst du in diesem Job. Filme machen ist wie Nilpferde schieben: Zu Land sind sie schwer, aber wenn du sie erst einmal ins Wasser geschubst hast, gehen sie ab wie eine Rakete. Deshalb habe ich auch immer mehrere Projekte gleichzeitig laufen. Man weiß nie, welches Nilpferd als Erstes ins Wasser geht. Da braucht man am besten eine ganze Herde.

Warum machen Sie nicht einfach, was erwartet wird?

Weil es einfach nicht geht. Weil das Leben zu kurz ist, um sich zu wiederholen. Ich habe bislang noch keinen Teil zwei von irgendetwas gefilmt. Obwohl die Fortsetzungen meist erfolgreicher sind als die Originale. Zuschauer sind wie Kinder - Gewöhnungstierchen. Die mögen es, wenn sie wissen, was sie im Kino erwartet.

"Das bin ich in Kasachstan. Da habe ich in einem Film über die Austrocknung des Aralsees mitgespielt: Waiting For The Sea."

Wenn Hollywood jetzt anrufen würde, um Ihnen einen Millionendeal für "Männerpension 2" anzubieten, würden Sie annehmen?

Die Amerikaner können zwar Filme in 3-D drehen, aber falsche Brüste nicht von richtigen unterscheiden. Und kaum ist ein Mädchen ein Star, suchen sie schon die nächste Megan Fox. Wenn man da rein gerät, hat man schnell so ein Hollywood-Babylon-Gefühl. Mein Negativbeispiel ist "Harry Potter"-Regisseur Alfonso Cuarón, der irgendwann total gelangweilt war, weil er nicht mehr kreativ sein konnte. Also, falls ich dort arbeiten würde, dann nur ohne solch ein Machtgefüge. Geld spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Sie verweigern sich also dem Traum von der Traumfabrik, der so viele europäische Filmschaffende umtreibt?

Wenn alle Juchhe! schreien, dann tue ich das jedenfalls definitiv nicht. Nicht, dass ich eine eingebaute Bremse hätte, aber mich langweilt das dann.

Was sind denn Ihre Juchhe!-Momente?

Gauß sagt, man muss die Dinge mit Abstand betrachten. Wenn man also ein paar Schritte zurücktritt und sagt, man kann eigentlich glücklich sein mit dem, was man da sieht - das ist so ein Juchhe!-Moment. Ich bin jemand, der am liebsten alles aufhalten würde. Alles soll so bleiben, wie es ist. Das denke ich immer so lange, bis der Tod kommt. Das habe ich bei Freunden erlebt und auch bei meiner Mutter. Wenn das passiert, realisiert man, dass man das Karussell nicht anhalten kann. Auch bei einem selber nicht. Das sind Fakten.

"Florian David Fitz spielt Carl Friedrich Gauß, Vicky Krieps seine große Liebe und Muse Johanna. Die Chemie stimmte."

Machen Sie sich Gedanken über die eigene Sterblichkeit?

Es spielt schon in meine Filme rein. Bei der "Vermessung" sehr stark. Der Film stellt die Frage: Wozu bin ich überhaupt da, was mache ich mit meinem Leben? Da kommt man um eine persönliche Sichtweise nicht herum. Wenn Johanna Gauß stirbt, spricht sie die letzten Worte meiner Mutter. Das ist kein Ausverkauf, sondern etwas von mir selbst, das ich in den Film hineingebe.

Was ist noch Persönliches in den Film eingeflossen?

Setbilder

Stars bei den Dreharbeiten 2012

20. Dezember 2012: Zac Efron und Imogen Poots stehen gemeinsam für den Film "Are We Officially Dating" in New York vor der Kamer
12. Dezember 2012: Erschreckend authentisch verkörpert Matthew McConaughey in dem Film "The Dallas Buyers Club" den Aids-Kranken
11. Dezember 2012: Emmy Rossum steht für "You're Not You" vor der Kamera.
6. Dezember 2012: Während wir in Deutschland vor Kälte bibbern, drehen Courtney Cox und Josh Hopkins am Strand von Malibu eine F

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Es geht um zwei Charaktere, die sich nicht mit ihrem vorherbestimmten Weg zufriedengeben, sondern den Dingen auf den Grund gehen wollen. Das liegt auch ein bisschen in meinem eigenen Charakter. Alexander von Humboldt ist ein Abenteurer, den es immer wieder in die Ferne treibt. Gauß erklärt die Welt lieber von seinem Schreibtisch aus.

Abenteurer oder Grübler: Welcher Typ ist Ihnen persönlich näher?

Ich finde beide faszinierend. Da ich kein Genie bin wie Gauß, muss ich wie Humboldt raus und Filme sammeln. Was ich mit beiden gemeinsam habe, ist die Erkenntnis, dass Bildung der Schlüssel zu allem ist. Viel wichtiger als sozialer Status. Da bin ich dann doch wie Gauß, der seinen Eltern sagte: "Ich studiere!"

Sie sind auf einem Bauernhof aufgewachsen. Das war ja eher bildungsfern, räumlich betrachtet ...

Ich wollte unbedingt aufs Gymnasium, und meine Eltern haben das zum Glück unterstützt. Das ist doch das Wichtigste im Leben, dass man wach bleibt, neugierig bleibt. So wie Humboldt, der sein ganzes Geld für seine Expeditionen verballert hat. Heute scheint Bildung allerdings vielen Leuten Angst zu machen. Da gibt es ein Ungleichgewicht zugunsten von Geld und Status. Neulich war ich mal schwimmen im Heiligen See in Potsdam, wo all diese Leute in ihren riesigen Häusern wohnen. Lauter kleine Könige, aber sichtbar einsam. Die haben es auch nicht einfach. Anne Meyer-Minnemann

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